Gewalt gegen Einsatzkräfte: Appelle an die Feuerwehr, die Politik und die Medien

Kommentar: Was tun, wenn jemand zuschlägt?

Innerhalb einer Woche sind in Deutschland drei bemerkenswerte Dinge passiert, die unmittelbar miteinander zusammenhängen. Drei Mal geht es um Gewalt gegen Einsatzkräfte. Drei Mal ist irgendwo etwas schiefgelaufen. Eine Analyse.

Gewalt gegen Einsatzkräfte
Symbolfoto: Nils Sander
  1. Anwohner pöbeln Feuerwehrleute während der Löscharbeiten an einem brennenden Wohnhaus an (wir berichteten). Bei Nachlöscharbeiten will ein Anwohner offenbar seine private Durchfahrt nicht für die Feuerwehr freigeben.
  2. Ein Passant schlägt einen Feuerwehrmann während des Abbindens von Öl auf einer Straße plötzlich mit einem Pflasterstein nieder (wir berichteten).
  3. Ein 23-Jähriger wird zur Zahlung von 1.800 Euro und einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, weil er im November vergangenen Jahres eine RTW-Besatzung der Berliner Feuerwehr bepöbelte und ihren Außenspiegel beschädigte. Die Einsatzkräfte waren gerade dabei, ein Kleinkind in einer Kita zu reanimieren und mussten mit dem RTW in zweiter Reihe parken. Deshalb habe der Verurteilte mit seinem Pkw nicht ausparken können. „Mir ist egal, wer hier reanimiert wird“, seien unter anderem seine Worte gewesen.

Wer glaubt, dies betreffe nur die Großstadt-BFs und dort auch nur ihren Rettungsdienst, täuscht sich. Auch viele kleine „TSF-Wehren“ erfahren Gewalt – siehe Fall 1. Nur in anderer Form. Da ist es nicht die „hilflose Person“, die am Samstagabend zugedröhnt am Hauptbahnhof liegt und die RTW-Besatzung schlägt und bespuckt, sobald sie sie anspricht. Dort sind es stattdessen Bürger, die nörgelnd durch Absperrungen fahren, weil sie es eilig haben. Nicht selten werden dabei sogar Einsatzkräfte angefahren. Und eben jene Pöbler, bei denen die Sicherungen durchbrennen, weil in ihrem Haushalt durch eine laufende Brandbekämpfung mit angezapftem Hydrantennetz plötzlich kein Wasser mehr aus der Leitung kommt.

Wirklich mehr Übergriffe?

Es wallt das Gefühl auf, dass es immer mehr Menschen gibt, die die Feuerwehr verbal oder körperlich angreifen. Aber stimmt das auch? Steigt die Zahl der Gewalttaten? Wir schauen genauer hin:

So sagt beispielsweise die polizeiliche Kriminalstatistik, dass sich Gewalttaten gegenüber Rettungskräften seit 2011 verdoppelt haben. Eine 2018 veröffentlichte Studie zu dem Thema kommt hingegen zu dem Ergebnis, dass es nicht wirklich mehr Gewalt gegen die Feuerwehr gibt. Beides ist kritisch zu betrachten.

In der polizeilichen Kriminalstatistik werden alle Fälle erfasst, in denen es zu einer Anzeige gekommen ist. Aber es liegt der Verdacht nahe, dass in den vergangenen Jahren die Dienstherren, Wehrleiter und die Leitungen der Berufsfeuerwehren verstärkt ihre Mitarbeiter und Kameraden bei der Stellung solcher Anzeigen gefördert haben. Gleichzeitig haben die Medien das Thema intensiver aufgegriffen. Dementsprechend wäre es denkbar, dass es früher genauso viele Fälle gab, die jedoch nicht zur Anzeige kamen.

Auf der anderen Seite muss die Studie der Ruhr-Universität Bochum einer genaueren Prüfung unterzogen werden. Dass die Zahl der angegriffenen Einsatzkräfte nicht gestiegen sei, begründen die Wissenschaftler damit, dass sie ihre Daten mit denen einer vorangegangenen Studie aus 2011 verglichen. Doch die Daten sind nicht exakt vergleichbar. Man hat nämlich schlicht andere Feuerwehrleute aus anderen Städten befragt als 2011. Die Frage, ob die Zahl der Übergriffe in derselben Gruppe von Einsatzkräften steigt, bleibt also offen.

Unser Themendossier “Gewalt gegen Einsatzkräfte”

behandelt folgende Punkte:

  • Warum Übergiffe zunehmen
  • Wie Deeskalation klappt
  • Erfahrungsberichte
  • Aktuelle Zahlen

Und kann hier heruntergeladen werden!

Dass wiederum eine Verdoppelung der Anzeigen nur auf das bessere Anzeigeverhalten der Feuerwehrleute zurückzuführen ist, halte ich ebenfalls für fraglich. Für realistisch halte ich einen moderaten Anstieg von Übergriffen. Wir müssen glaube ich nicht darüber diskutieren, dass jeder Angriff auf Feuerwehrleute ein Angriff zu viel ist. Demnach ist auch dieser „nur“ moderate Anstieg keinesfalls hinnehmbar.

Warum Menschen ausgerechnet Einsatzkräfte angreifen, erklärt uns Sozialpsychologin Dr. Kristin Platt. Ihrer Meinung nach habe sich nämlich unter anderem die Akzeptanz von und der Respekt für „Experten“ verändert. Experten sind in diesem Fall Feuerwehrleute – und zwar für die Brandbekämpfung oder die Technische Hilfeleistung.

Die Verminderung des Respekts liege daran, dass Expertenwissen überall und zu jeder Zeit im Internet verfügbar sei. Jeder glaube dadurch heute, ein Fachmann sein zu können. Einige Bürger respektierten daher nicht mehr die besondere Stellung der Feuerwehrleute und nähmen für sich die gleichen Rechte in Anspruch. Kristin Platt führt noch weitere Gründe an, die in dem kompletten Interview in unserem eDossier nachgelesen werden können.

Alle müssen gemeinsam anpacken

Doch wie lässt sich das Problem lösen? Es muss einen gesellschaftlichen Ansatz geben, der alle Beteiligte miteinbezieht. Die Beteiligten sind demnach:

  • Die Bevölkerung,
  • die Politik,
  • die Medien und
  • die Feuerwehrleute.

Ich bin der Meinung: Wenn jeder seinen Beitrag leistet, können die Übergriffe massiv eingedämmt werden.

An die Bevölkerung:

Bitte denkt dreimal nach, bevor Ihr Einsatzkräfte der Feuerwehr anpöbelt beziehungsweise Euch bei ihnen beschwert. Die Frauen und Männer retten Euch, wenn Euer Haus brennt oder Ihr in einen Verkehrsunfall verwickelt seid. Außerdem sind Feuerwehrleute zu über 95 Prozent ehrenamtlich tätig – machen das also aus ihrer Überzeugung und nicht gegen Geld. Sollte tatsächlich eine Einsatzkraft barsch oder unfreundlich sein, macht sie das nicht aus Jux, sondern um Euch beziehungsweise den Einsatzablauf zu schützen.

Für alles, was über Anpöbeln hinausgeht, trifft ein Appell hier wahrscheinlich auf taube Ohren. Da helfen nur Anzeigen.

An die Politik:

Die 2017 verschärften Gesetze gegen Leute, die Einsatzabläufe stören oder gar Kräfte angreifen sind ein guter Anfang. Aber sie müssen auch durchgesetzt werden. Dazu benötigt es mehr juristisches Personal und mehr Polizisten. 1.800 Euro + Haftstrafe auf Bewährung sind der falsche Ansatz. Sozialstunden und ein paar Tage “Haft zum Kennenlernen” braucht es meiner Meinung nach schon, um Wirkung zu zeigen und auch ein Signal zu setzen.

Es braucht zudem mehr Aufklärungsarbeit, Jugendprävention und soziale Arbeit, damit die Öffentlichkeit von der Wichtigkeit der Feuerwehr weiß. Gemessen an anderen Tätigkeitsfeldern ist der Ruf der Feuerwehr nach wie vor sehr hoch. Aber der Respekt gegenüber den Einsatzkräften sinkt trotzdem. Ihr seid gefordert, dem entgegenzuwirken und entsprechende Projekte zu fördern beziehungsweise Gesetze zu erlassen. Zum Beispiel das Pflichtfach “Brandschutzerziehung” an Schulen.

An die (überregionale) Presse:

“Only bad news are good news” ist ein journalistischer Leitsatz. Das stimmt jedoch nicht zwangsweise. Immer nur negative Nachrichten ohne Lösungsansätze oder Positivbeispiele bringen die Gesellschaft nicht weiter.

Wenn wir nur kritische Nachrichten über die Feuerwehr und Übergriffe auf die Feuerwehr erzählen, glaubt die Bevölkerung irgendwann, dass es nur noch dies gibt. Erzählt werden dagegen nur selten die überwiegend extrem schönen Geschichten. Menschen, die sich bei der Feuerwehr bedanken, weil sie von ihnen aus einem brennenden Gebäude gerettet wurde, zum Beispiel. Oder Feuerwehrleute, die mit hervorragenden und durchdachten Konzepten ihre Arbeit optimieren und sich auf die Einsatzlagen von Morgen vorbereiten.

Auch wir beim Feuerwehr-Magazin wollen ausgewogener berichten. Kritische Berichterstattung ist uns nach wie vor ebenfalls wichtig, aber wir wollen auch mehr Positivbeispiele zeigen. Ihr zeigt uns mit Euren Reaktionen online und auch im persönlichen Gespräch, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind.

An Euch Feuerwehrleute:

Als wir über den Mann berichteten, der eine Einsatzkraft mit einem Pflasterstein niederschlug, kamen auf Facebook schnell Kommentare, die ich hier nicht wörtlich wiedergeben möchte. Nur so viel: Ein C-Schlauch im Gesäß des Angreifers, der übrigens anscheinend relativ schnell von der Polizei überwältigt werden konnte, hat wahrscheinlich mehrere Folgen:

  1. Eine Anzeige wegen Körperverletzung für den Schlauchführer.
  2. Schöne Fotos für die Presse und ein massiver Imageschaden für die Feuerwehr.
  3. Damit einhergehend schlimmstenfalls ein Aufschrei der Bevölkerung, was für Zustände denn bei der Feuerwehr herrschen.
  4. Wahrscheinlich kein Lerneffekt für den Pflastersteinmann.

Warum kein Lerneffekt? Ein normaler und reflektierter Mensch tut sowas einfach nicht. Auch kein „erlebnisorientierter Jugendlicher“. Dementsprechend gehe ich davon aus, dass der Mann sich entweder in einer psychischen Ausnahmesituation befunden hat oder eine Drogenintoxikation vorlag. In beiden Fällen wird ihn eine Körperverletzung nicht zur Reflektion verhelfen, sondern vielmehr eine Therapie.

Bitte seid also gemäßigt in Eurem Ton. Wir schaden uns nur selbst, wenn wir nach Racheaktionen brüllen. Und dem betroffenen Feuerwehrmann geht’s danach auch nicht besser.

Bitte zeigt aber auch jeden Übergriff Euch gegenüber an. Macht Euch stark dafür, dass Eure Dienstherren und Wehrleiter das Problem nicht ignorieren. Nur, wenn die Politiker sehen, dass dies ein ernstes Problem ist, das mit realen Zahlen belegt werden kann, und wenn sie sehen, dass die Übergriffe häufig bestimmten Mustern folgen, können sie versuchen, diese Muster mit entsprechenden Maßnahmen zu durchbrechen. Ohne entsprechende Studien und belegbaren Zahlen durch die Anzeigen ist dies nur schwer möglich.

Wir wünschen Euch, dass Ihr nie Übergriffen ausgesetzt seid und immer unbeschadet von den Einsätzen zurückkommt.

Kommentar von Nils Sander,
Redaktion Feuerwehr-Magazin

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Eine Instution vergessen: Liebe Justiz verurteilt solche Straftäter schnell und hart.
    Und liebe Redakteure – das sind keine “erlebnisorientierten Jugendlichen” das sind auch keine gestessten Autofahrer – bezeichnet sie, vorallem nachdem ihr hoffentlich über eine Verurteilung berichtet habt als das was sie sind – Straftäter.

    Und btw. – die beste Therapie ist die sehr lange Entzeihung der Fahrerlaubnis, eine mehr als spürbare Geldstrafe und im Fall der Fälle Gefängniss knallhart ohne Bewährung.

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  2. Das Hauptproblem ist tatsächlich die Justiz. Sämtliche mir bekannten Fälle von Angriffen gegen Einsatzkräfte in meinem beruflichen Bekanntenkreis wurden durch die Staatsanwaltschaft eingestellt. So kann das Gesetzt noch so gut sein, nicht angewendet führt es zu keinem Erfolg.

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  3. Es muss aber erlaubt und möglich sein, derartige Angreifer (notfalls mit körperlicher Gewalt) abzuwehren, zu überwältigen und der Polizei zu übergeben.
    Dann konsequent Anzeige erstatten. Nicht nur wegen Körperverletzung, sondern auch wegen “Widerstand gegen oder tätlicher Angriff auf Personen, die Vollstreckungsbeamt,en gleichstehen” (§115 StGB, https://dejure.org/gesetze/StGB/115.html)

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  4. Ich war von 1972 bis 2008 Berufsfeuerwehrmann in Berlin Wedding und Kreuzberg. Auch schon in den 70er Jahren gravierende Problembezirke. Wir sind schon damals als RTW Besatzung nur mit Helm zu Rettungseinsätzen in die Kneipen gegangen, weil man uns dort des Öfteren angegriffen hat. Natürlich speziell Nachts, wenn viele Zecher stark unter Alkoholeinfluss standen. Anzeigen wurden von der Branddirektion damals nicht gewünscht.
    In den 80er Jahren, zu Haubesetzerzeiten in Kreuzberg, bewarf man uns mit Pflastersteinen und es flogen sogar schwere Wegeplatten von vierstöckigen Hausdächern auf uns und der Polizei runter. Da wurden viele Feuerwehrleute durch Steine, die durch die Fahrzeugscheiben flogen, verletzt. Das es damals keine Toten unter den Rettungskräften und der Polizei gegeben hat ist wohl eine reine Glückssache gewesen. Damals wurden diese Vorfälle, aus Sicht der Feuerwehrmänner, kaum in den Zeitungen erwähnt. Auch pöbelten uns in Kreuzberg jugendliche Banden an und bedrohten uns mit Messern. Ein einschlägiger Intensivstraftäter hielt meinen Kollegen neben mir sogar eine Schreckschusspistole direkt vor das Gesicht und drohte damit abzudrücken.
    Heutzutage wird jeder kleine Vorfall, gefilmt, im Internet sowie in der Zeitung veröffentlicht. Deshalb sicherlich auch die statistische Gewaltzunahme. Ich kann nur an die Gerichtsbarkeiten in Deutschland appellieren diese Leute angemessen hart zu bestrafen. Ob das allerdings zur Abschreckung reicht weiß ich nicht, denn die Hemmschwelle wird scheinbar immer niedriger.

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  5. @Jürgen Zimmermann – das war schon damals ein politisches bzw Justizproblem. Man wollte es damal unter der Decke halten. Genauso wie heute. Nur klappt das heute dank “sozialer”Medien nicht mehr. Damals wie heute sind solche Attacken ein Versagen. Ein Versagen der Institution Eltern und auch des Bildungswesens. Das ist natülich für die Politik peinlich. Leider werden hier von der Justiz keine eindeutigen Grenzen in Form von harten Strafen gezogen. Mao mit seinem Spruch – bestrafe Einen erziehe Tausend – ist selbst im RRG-Berlin leider nicht mehr in. OHne schnelle udn spürbare KOnsequenzen für die Täter wird sich aber leider nichts ändern.

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