Ludwigshafen: Reaktionen nach Brandkatastrophe

Berlin/Ludwigshafen (RP) – Vor dreieinhalb Jahren kamen bei einer Brandkatastrophe in Ludwigshafen neun türkisch stämmige Personen ums Leben. Noch während des Einsatzes erhoben türkische Medien schwere Vorwürfe gegenüber der Feuerwehr. Dieser dramatische Einsatz und die Konflikte danach waren Thema bei der Auftaktveranstaltung zum Integrationsprojekt des Deutschen Feuerwehrverbandes: „Deine Feuerwehr – Unsere Feuerwehr! Für ein offenes Miteinander“. Feuerwehrmagazin.de sprach exklusiv mit Peter Friedrich, Branddirektor und Leiter der Berufsfeuerwehr Ludwigshafen, und seinem Mitarbeiter Murat Isik über die Maßnahmen nach dem dramatischen Einsatz.

Feuerwehrmagazin.de: Herr Friedrich, die Emotionen kochten nach der Tragödie hoch. Die Feuerwehr erfuhr unerwartet aggressive Anfeindungen aus der türkisch-stämmigen Bevölkerung, obwohl sie jegliche Kritik an ihrem Vorgehen innerhalb kürzester Zeit widerlegen konnte. Wie konnte eine Eskalation letztlich verhindert werden?

Friedrich:  Die Anfeindungen hatten ihre Ursache in der türkischen Medien-Berichterstattung, die damals so schnell nicht ausgeräumt werden konnten, da wir als Feuerwehr keine türkischen Zeitungen lesen. Erst durch die Berichte unseres türkischen Kollegen und seiner Frau, die zu diesem Zeitpunkt in der Türkei weilte, wurde uns dies bewusst. Von diesem Zeitpunkt an haben wir die türkischen Medien täglich übersetzen lassen, um dann in den Pressekonferenzen darauf reagieren zu können. Dies zeigte Wirkung. Maßgeblich zur Deeskalation beigetragen haben die Staatsministerin Prof. Dr. Maria Böhmer, die ständig in Ludwigshafen präsent war, der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit einer beeindruckenden Rede am Einsatzort und vor allem unsere Oberbürgermeisterin Dr. Eva Lohse, die unermüdlich versucht hat, die Wogen zu glätten. Besonders beeindruckt hat mich ihre Rede vor den Imamen, die für unsere Brandschutzaufklärung grundlegend war.

Feuerwehrmagazin.de: Herr Isik, was konnten Sie als türkischstämmiger Feuerwehrbeamter zur Konfliktlösung beitragen?

Isik: Ich habe mit meinen Landsleuten gesprochen, sie über die Lage aufgeklärt. Schließlich kam uns der entscheidende Einfall, die Imame anzusprechen. Sie riefen in den Gebeten in den Moscheen ihre Mitmenschen zur Besonnenheit und Ruhe auf.

Feuerwehrmagazin.de: Auch im Nachhinein ließ die Feuerwehr nicht locker und suchte den Kontakt zu der türkisch stämmigen Bevölkerung. Welche Wege haben Sie da beschritten?

Friedrich: Uns war klar, dass wir es ohne Unterstützung nicht schaffen werden. So haben wir den Kontakt zu einer türkischen Feuerwehr gesucht, um das türkische Feuerwehrwesen besser zu verstehen. Wir waren in Moscheen und haben dort Vorträge über Brandschutz gehalten. Gemeinsam mit unserer Schwesterstadt Mannheim legten wir eine zehnsprachige Broschüre auf, die in alle Haushalte verteilt wurde. Wir haben aber auch Werbung in eigener Sache gemacht. Inzwischen konnten wir vier junge Türkinnen in der Freiwilligen Feuerwehr begrüßen.

Isik: Wir haben den Kontakt zur Berufsfeuerwehr Istanbul aufgebaut und von den Kollegen zunächst Informationsmaterial in türkischer Sprache erhalten. So konnten wir aktiv in die Aufklärungsarbeit in der türkischen Gemeinde einsteigen. Zum türkischen Rheinland-Pfalz-Tag besuchte uns eine Delegation der Istanbuler Feuerwehr und unterstütze uns an unserem Informationsstand. Richtig Spaß macht die Zusammenarbeit mit dem Radiosender Metropol FM in Berlin. Der sendet ausschließlich in türkischer Sprache und wir bringen dort unter anderem die Brandschutzerziehung mit ins Programm ein.

Feuerwehrmagazin.de: Für Sie sind diese Maßnahmen zunächst eine Reaktion auf die Ereignisse rund um die Brandkatastrophe gewesen? Was würden Sie Feuerwehren raten, die das Motto „Für ein offenes Miteinander“ bei sich vor Ort umsetzen möchten?

Friedrich: Uns war schon vor dem Einsatz bewusst, dass wir mehr informieren müssen. Was fehlte, waren geeignete Ansprechpartner. Die haben wir leider erst durch dieses Ereignis bekommen. Wichtig ist, offen aufeinander zuzugehen, sich gegenseitig zu respektieren und so langsam ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Das gelingt uns nur, wenn wir die Feuerwehr bei türkischen Veranstaltungen präsentieren.

Isik: Ganz klar, am wichtigsten sind Aufklärung und Kommunikation. Die Feuerwehren sollten einen Schritt auf die türkische Gemeinde zu machen, sie über die Wichtigkeit der Feuerwehr aufklären und einen steten Kontakt pflegen. Es gibt da so viele Wege – über die deutsch-türkischen Vereine oder über soziale, örtliche Einrichtungen. Für Feuerwehren wäre es auch wertvoll, den einen oder anderen türkisch stämmigen Mitbürger für ihre eigenen Reihen zu gewinnen. Nicht wegen der Mitgliederzahlen. Sie können einfach besser auf ihre Landsleute einwirken, sowohl in Einsatzsituation als auch im Alltag.

Feuerwehrmagazin.de: Können Sie konkret Institutionen benennen, an die sich die Feuerwehren bundesweit wenden können?

Friedrich: Aus unserer Sicht sind Moscheen und Vorsitzende deutsch-türkischer Vereine die besten Ansprechpartner. (Fotos: Feuerwehr Ludwigshafen, Deutscher Feuerwehrverband & Christian Patzelt)

Zum Auftakt des DFV-Projektes "Deine Feuerwehr - unsere Feuerwehr! Für ein offenes Miteinander" besuchten Feuerwehrangehörige eine Berliner Moschee. Foto: Deutscher Feuerwehrverband
DFV / Silvia DARMSTÄDTER
Zum Auftakt des DFV-Projektes "Deine Feuerwehr - unsere Feuerwehr! Für ein offenes Miteinander" besuchten Feuerwehrangehörige eine Berliner Moschee. Foto: Deutscher Feuerwehrverband

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