Dienstag, 6. Dezember 2016

Hilft die Flash-over-Reaktion wirklich?

1. November 2016 von  

Bremen – Die so genannte Flash-over-Reaktion gehört als fester Bestandteil der Ausbildung für den Innenangriff in Deutschland. Doch viele Aktive fragen sich: Funktioniert sie überhaupt? Wird diese Reaktion angewandt und schützt sie im Einsatz? Drei Berufsfeuerwehrleute haben jetzt eine Umfrage dazu gestartet.

Die Flash-over-Reaktion: Aus dem Seitkriechgang (in der Regel) lässt sich der Trupp zurückfallen. Dabei die Durchflussmenge und den Sprühwinkel maximieren und schützend vor/über dem Trupp platzieren. Foto: Hegemann

Die Flash-over-Reaktion: Aus dem Seitkriechgang (in der Regel) lässt sich der Trupp zurückfallen. Dabei die Durchflussmenge und den Sprühwinkel maximieren und schützend vor/über dem Trupp platzieren. Foto: Hegemann

Habt Ihr Euch auch schon einmal die Frage gestellt: Ist das alles so richtig, was ich hier mache? Mit diesen Zeilen begann die Zuschrift von Chris Wallenstein an das Feuerwehr-Magazin. Der 36-Jährige arbeitet als Oberbrandmeister bei einer Berufsfeuerwehr in Niedersachsen. Seit gut 10 Jahren ist er in der Ausbildung tätig, vor allem bei der Innenbrandbekämpfung und Heißausbildung. Doch seit knapp zwei Jahren steckt Wallenstein in einer Art Glaubenskrise. „Ich glaube nicht mehr an gewisse Ausbildungsinhalte, ich glaube nicht mehr an gewisse Ausbildungsmethoden“, so der Berufsfeuerwehrmann.

Die folgenden Fragen treiben den erfahrenen Ausbilder um:

  • Ist das eigentlich so richtig, was ich hier mache und ausbilde?
  • Ist das alles noch zeitgemäß?
  • Wer sagt mir, dass das so richtig ist?
  • Wo kommt mein Wissen her?
  • Wo kommt das Wissen derer her, die mich ausgebildet haben?

Befriedigende Antworten hat Wallenstein bisher nicht gefunden. Durch Gespräche mit Freunden und Kollegen stellte er fest, dass er nicht als Einziger über die Problematik nachdenkt. „Mittlerweile hat sich mit zwei weiteren BF-Kollegen aus all diesen Fragestellungen ein richtiges Projekt entwickelt. Wir wollen der Sache genauer auf den Grund gehen“, so der 36-Jährige.

Die Projektgruppe: Chris Wallenstein, André Grese und Sebastian Neuwirth (von links). Foto: privat

Die Projektgruppe: Chris Wallenstein, André Grese und Sebastian Neuwirth (von links). Foto: privat

Er bemängelt, dass bei Feuerwehren zu wenig belastbare Daten erfasst beziehungsweise erhoben werden. Im Rettungsdienst gibt es zum Beispiel das Reanimationsregister. Hier wird eine Fülle von Daten erhoben, worauf später Richt-linien für den Rettungsdienst basieren (European Resuscitation Council – ERC), die Leitlinien zur Reanimation für Europa. Es werden Daten zum Patienten erhoben, Vorerkrankungen und Medikation des Patienten, Zeiten der Rettungsmittel, ob Ersthelfermaßnahmen ergriffen wurden, Zeiten und Verlauf von eventueller Defibrillation, Daten zu verabreichten Medikamenten, Übergabezeiten an die Klinik und so weiter.

Wir benötigen mehr fundierte Daten

„Uns ist klar, dass wir nicht vor der Brandbekämpfung die Brandwohnung mit dutzenden Sensoren versehen können, um Daten zur Löschwassermenge, Wasserdampfbildung und der damit zusammenhängenden Kühlwirkung und so weiter zu sammeln“, meint Wallenstein. „Aber vielleicht gibt es ja andere Möglichkeiten, die nicht genutzt werden? Brandversuche oder die Möglichkeiten von Computeranimationen?“

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Das Ausbildungs-Sonderheft „Verhalten im Innenangriff“ entstand in Kooperation mit der LFKS Rheinland-Pfalz. 124 Seiten Umfang. Preis: 9,80 Euro. Hier direkt bestellen.

Besonders beschäftigt den 36-Jährigen und seine Mitstreiter die Flash-over-Reaktion (FR). Wallenstein: „Glaubt ihr daran, dass die FR funktionieren kann? Wir nicht!“ Es gäbe einfach zu viele Gründe, die dagegensprechen. „Grundsätzlich finden wir gut, dass die FR ausgebildet wird. In unseren Augen aber falsch priorisiert, an der falschen Stelle. Als Plan D vielleicht, aber nicht in der Intensität, ja fast Drill, wie es vielerorts noch gemacht wird“, sagt der Berufsfeuerwehrmann.

Bis zu welchem Durchmesser ist der Sprühkegel eigentlich wirklich effektiv/stabil!? Grafik: Feuerwehr-Magazin

Bis zu welchem Durchmesser ist der Sprühkegel eigentlich wirklich effektiv/stabil? Grafik: Feuerwehr-Magazin

Viele Atemschutzgeräteträger glauben, dass sie jeden Flash-over aufhalten können, wenn sie einmal im Jahr die FR auf einem grünen Teppich üben. „Wir finden das gefährlich“, meint Wallenstein. „Es können zum Beispiel nicht einmal zwei namenhafte Hohlstrahlrohrhersteller sagen, bis zu welchem Durchmesser der Sprühkegel effektiv beziehungsweise stabil ist. Wir haben alle angeschrieben und um Infos gebeten.“

Einen 40-Fuß-Container füllt ein Sprühkegel prima aus, aber wie schaut das in einem großen Wohnzimmer aus? Warum sitzen die meisten Trupps im Container auch in der Mitte des Containers? Heißt es nicht immer linke oder rechte Wand? Warum schlagen regelmäßig Flammen durch den Sprühkegel hindurch? Können die Trupps überhaupt die Anzeichen erkennen, um schnell zu reagieren und die FR ausführen? Sind die Raumverhältnisse, Geometrie, Größe und Höhe von Containern realistisch? Entspricht die Brandlast in einem feststoffbefeuerten Container der Realität? Kann die Technik überhaupt sicherstellen, dass bei einem Umstellen von Normalbetrieb auf FR schlagartig in der entsprechenden Zeit die eingestellte erhöhte Durchflussmenge zur Verfügung steht?

Online-Fragebogen soll Erkenntnisse bringen

Wallenstein weiter: „Wir drei haben noch kein Phänomen der schnellen Brandausweitung während der Innenbrandbekämpfung erlebt. Deswegen suchen wir Aktive, die solch ein Phänomen schon erlebt haben.“ Die drei Feuerwehrleute haben dazu einen Online-Fragebogen ausgearbeitet, der sich mit dieser Thematik auseinandersetzt. So sollen wichtige Erkenntnisse gewonnen werden.

„Eines möchten wir an dieser Stelle ganz deutlich sagen: Es geht uns einzig und alleine um die gemachten Erfahrungen, nicht darum, Fehler zuzuweisen! IHR seid uns genau diesen Schritt voraus und genau deswegen würden wir uns freuen, wenn Ihr uns dabei helft, Antworten auf unsere Fragen zu finden! Das Ausfüllen des Fragebogens dauert nur wenige Minuten“, so Wallenstein.

Die Daten werden absolut vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben! Sie dienen ausschließlich der Projektgruppe. Es kann auch anonym abgestimmt werden! Fast 500 Feuerwehrleute haben schon teilgenommen. Hier gehts zum Fragebogen.

Die Befragung soll noch bis zum 1. Dezember laufen. Selbstverständlich wird das Feuerwehr-Magazin über die Ergebnisse berichten.

Kommentare

3 Kommentare zu “Hilft die Flash-over-Reaktion wirklich?”
  1. Axel sagt:

    Hallo zusammen,
    ich finde das sehr interessant das sich Kollegen mit dem Thema befassen. Bei uns bei der BF und der FF wurde bereits so ein Flashovertraining angeboten und auch geschult. Allerdings gibt es einen Konflikt der mich auch beschäftigt hat. Wir tragen im Innenangriff alle Schutzkleidung die uns vor thermischer Gefahr schützen soll. Wie wir alle wissen funktioniert die Schutzkleidung nur, wenn ein ausreichendes Luftpolster zwischen der Haut und der heissen Umgebung besteht. Jeder der schonmal im Innenangriff war, oder die Erfahrung in der Heißausbildung gemacht hat, wird mir da wohl Recht geben. Was passiert jetzt bei der beschriebenen Flashoverreaktion. Wir werfen uns schlagartig auf den Rücken/Seite und der Kollege mit dem Strahlwohr liegt auf mir. Auf meiner vielleicht bereits thermisch aufgeheizten Schutzkleidung. wenn ich unten liegen würde, würde ich mich bedanken. Dazu reißt der Kollege noch das Strahlrohr mit maximaler Durchflussmänge auf und schießt so viel Wasser wie möglich an die Decke. Was passiert mit dem meissten Wasser? Genau. Es kommt auf mich zurück. Schön aufgeheizt, und durchträngt meine eh schon aufgeheizte Schutzkleidung. Nun ist die Funktion der Schutzkleidung völlig hinüber. Wenn ich jetzt noch einen Rückzugsweg von einigen Minuten habe werde ich in meiner teuren Schutzkleidung gebrüht wie in Ei im Eierkocher.

    Was ist die Alternative
    Meiner Meinung nach immer das vorgehen mit einer Wärmebildkamera. Das macht vieles einfacher. Ich weiß auch das die in einigen Kommunen noch fehlt, aber es wäre immer wünschenswert. Dazu immer wiederkehrende Kontrolle der Rauchschicht und kühlen der Umgebung durch kurze Stöße mit dem Strahlrohr. selbstverständlich das vorgehen mit Hohlstrahlrohr(das setze ich eigendlich vorraus)
    Weiteres kühlen kühlen kühlen, sodas keine Rauchgasdurchzündung erfolgen kann.
    Schnelles schaffen einer Abluftöffnung und Lüften der Räumlichkeiten.

    Aber was tun wenn es doch zur Durchzündung kommt? Ich finde, wenn es dazu kommt ist grundlegend etwas falsch gelaufen. Aber es passiert nun trotzdem. Also Hände in die Hand, Rückzug. Und nun kann man die so genannte Mannschutzbrause gut nutzen. Strahlrohr mit eingeschalteter Mannschutzbrause „aufreißen“ und am Schlauch hinter sich her ziehen und so schnell wie möglich die Räumlichkeiten verlassen.

    Ich weiß selber nicht ob ich alles zu Ende gedacht habe, aber ich würde mich über eine rege Disskussion freuen. Und ja, ich habe sicherlich reichlich Rechtschreibfehler in diesen teTx eingebaut. Es gilt alle zu finden und dem Institut für deutsche Rechtschreibung zu melden!

    Kollegiale Grüße
    Axel

  2. Hans Sauer sagt:

    Bravo – man müsste viel öfters solche Fragen stellen und Dinge hinterfragen. Leider habe ich, als Quereinsteiger bei der FW, die Erfahrung gemacht, dass die Frage „warum machen wir das so?“ meist mit Standardantwort a) Das haben wir schon immer so gemacht oder b) Das steht so in DV 4711 beantwortet wird. In meinem Beruf bin ich gewohnt Prozesse regelmäßig zu hinterfragen und auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen. In der FW habe ich das selten fest gestellt. Sicherlich brauchen wir Standards und Regeln. Aber diese sollten regelmäßig überprüft werden und – ganz wichtig – sie sollten nicht „Geld getreiben“ sein. Heute sollte m.E. für jeden Trupp im Innenangriff eine WBK Standard sein. Viele politische Etnscheider haben das noch nicht verstanden und sind hier bereit Geld in die Hand zu nehmen. Deswegen schalgen wir uns da auch mit veralteten Vorgehensweisen rum. Genauso bei der Ausbildung. Hier muss nicht „Theoretisch“ geübt werden, sondern praktisch. Und in meinen Augen auch nicht in gasbetriebenen Anlagen oder 40 Fuss Containernen sonder wirklichkeistsnah in Brandhäusern mit „richtigem“ Feuer udn Rauch und Hitze. Aber – siehe oben, das liebe Geld. Auch Änderungen unserern Vorgehensweisen oder Ausbildungsinhalte dauern, dank überbordender Bürokratie, Kosten, Gremien und und und und viel zu lange. Und es fehlt oft auch der Wille und die Einsicht Dinge zu ändern.

  3. Steffen sagt:

    Ich finde die Aktion einen sehr guten Ansatz um dieses „Das haben wir schon immer so gemacht“ zu durchbrechen.

    Für meinen Teil kann ich sagen das ich erst kürzlich eine Durchzündung genauer gesagt einen Rollover erlebt habe. Die mitgeführte Wärmebildkamera nutzte uns als Trupp nichts da diese auf Ihrem Bildschirm lediglich ein gleißend weißes Bild anzeigte. Auch das Anwenden der „Flashover Stellung“ war so nicht möglich, da im Brandraum (Flur) bereits eine Menge Brandschutt (Glut und Asche) auf dem Boden lagen. Wie haben wir uns also geholfen?! – Das Strahlrohr wurde vom Durchfluss erhöht das Sprühbild verbreitert und dann wurde versucht die Flammen abzulöschen was zum Glück auch gelang. Ähnlich diesem Video https://www.youtube.com/watch?v=L7DPTprKN7s. Das Ganze funktionierte sehr gut, zu beachten war lediglich den Kopf weit einzuziehen. Nachdem die Durchzündung abgewehrt war blieb uns allerdings beim Versuch das Wohnzimmer zu betreten lediglich der geordnete Rückzüg, da die Schutzkleidung, genauer gesagt die Handschuhe Ihre Schutzwirkungen verloren hatten und die Hitze durchschlug.

Kommentare

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