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1995: Großbrand in Marburg (HE) beschleunigt deutschlandweite Einführung neuer Schutzkleidung. Inklusive Bonus: Erster Einsatzbericht aus dem Feuerwehr-Magazin 11/1995

Hilft die Flash-over-Reaktion wirklich?

Bremen – Die so genannte Flash-over-Reaktion gehört als fester Bestandteil der Ausbildung für den Innenangriff in Deutschland. Doch viele Aktive fragen sich: Funktioniert sie überhaupt? Wird diese Reaktion angewandt und schützt sie im Einsatz? Drei Berufsfeuerwehrleute haben jetzt eine Umfrage dazu gestartet.

Die Flash-over-Reaktion: Aus dem Seitkriechgang (in der Regel) lässt sich der Trupp zurückfallen. Dabei die Durchflussmenge und den Sprühwinkel maximieren und schützend vor/über dem Trupp platzieren. Foto: Hegemann
Die Flash-over-Reaktion: Aus dem Seitkriechgang (in der Regel) lässt sich der Trupp zurückfallen. Dabei die Durchflussmenge und den Sprühwinkel maximieren und schützend vor/über dem Trupp platzieren. Foto: Hegemann

Habt Ihr Euch auch schon einmal die Frage gestellt: Ist das alles so richtig, was ich hier mache? Mit diesen Zeilen begann die Zuschrift von Chris Wallenstein an das Feuerwehr-Magazin. Der 36-Jährige arbeitet als Oberbrandmeister bei einer Berufsfeuerwehr in Niedersachsen. Seit gut 10 Jahren ist er in der Ausbildung tätig, vor allem bei der Innenbrandbekämpfung und Heißausbildung. Doch seit knapp zwei Jahren steckt Wallenstein in einer Art Glaubenskrise. „Ich glaube nicht mehr an gewisse Ausbildungsinhalte, ich glaube nicht mehr an gewisse Ausbildungsmethoden“, so der Berufsfeuerwehrmann.

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Die folgenden Fragen treiben den erfahrenen Ausbilder um:

  • Ist das eigentlich so richtig, was ich hier mache und ausbilde?
  • Ist das alles noch zeitgemäß?
  • Wer sagt mir, dass das so richtig ist?
  • Wo kommt mein Wissen her?
  • Wo kommt das Wissen derer her, die mich ausgebildet haben?

Befriedigende Antworten hat Wallenstein bisher nicht gefunden. Durch Gespräche mit Freunden und Kollegen stellte er fest, dass er nicht als Einziger über die Problematik nachdenkt. „Mittlerweile hat sich mit zwei weiteren BF-Kollegen aus all diesen Fragestellungen ein richtiges Projekt entwickelt. Wir wollen der Sache genauer auf den Grund gehen“, so der 36-Jährige.

Die Projektgruppe: Chris Wallenstein, André Grese und Sebastian Neuwirth (von links). Foto: privat
Die Projektgruppe: Chris Wallenstein, André Grese und Sebastian Neuwirth (von links). Foto: privat

Er bemängelt, dass bei Feuerwehren zu wenig belastbare Daten erfasst beziehungsweise erhoben werden. Im Rettungsdienst gibt es zum Beispiel das Reanimationsregister. Hier wird eine Fülle von Daten erhoben, worauf später Richt-linien für den Rettungsdienst basieren (European Resuscitation Council – ERC), die Leitlinien zur Reanimation für Europa. Es werden Daten zum Patienten erhoben, Vorerkrankungen und Medikation des Patienten, Zeiten der Rettungsmittel, ob Ersthelfermaßnahmen ergriffen wurden, Zeiten und Verlauf von eventueller Defibrillation, Daten zu verabreichten Medikamenten, Übergabezeiten an die Klinik und so weiter.

Wir benötigen mehr fundierte Daten

„Uns ist klar, dass wir nicht vor der Brandbekämpfung die Brandwohnung mit dutzenden Sensoren versehen können, um Daten zur Löschwassermenge, Wasserdampfbildung und der damit zusammenhängenden Kühlwirkung und so weiter zu sammeln“, meint Wallenstein. „Aber vielleicht gibt es ja andere Möglichkeiten, die nicht genutzt werden? Brandversuche oder die Möglichkeiten von Computeranimationen?“

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Besonders beschäftigt den 36-Jährigen und seine Mitstreiter die Flash-over-Reaktion (FR). Wallenstein: „Glaubt ihr daran, dass die FR funktionieren kann? Wir nicht!“ Es gäbe einfach zu viele Gründe, die dagegensprechen. „Grundsätzlich finden wir gut, dass die FR ausgebildet wird. In unseren Augen aber falsch priorisiert, an der falschen Stelle. Als Plan D vielleicht, aber nicht in der Intensität, ja fast Drill, wie es vielerorts noch gemacht wird“, sagt der Berufsfeuerwehrmann.

Bis zu welchem Durchmesser ist der Sprühkegel eigentlich wirklich effektiv/stabil!? Grafik: Feuerwehr-Magazin
Bis zu welchem Durchmesser ist der Sprühkegel eigentlich wirklich effektiv/stabil? Grafik: Feuerwehr-Magazin

Viele Atemschutzgeräteträger glauben, dass sie jeden Flash-over aufhalten können, wenn sie einmal im Jahr die FR auf einem grünen Teppich üben. „Wir finden das gefährlich“, meint Wallenstein. „Es können zum Beispiel nicht einmal zwei namenhafte Hohlstrahlrohrhersteller sagen, bis zu welchem Durchmesser der Sprühkegel effektiv beziehungsweise stabil ist. Wir haben alle angeschrieben und um Infos gebeten.“

Einen 40-Fuß-Container füllt ein Sprühkegel prima aus, aber wie schaut das in einem großen Wohnzimmer aus? Warum sitzen die meisten Trupps im Container auch in der Mitte des Containers? Heißt es nicht immer linke oder rechte Wand? Warum schlagen regelmäßig Flammen durch den Sprühkegel hindurch? Können die Trupps überhaupt die Anzeichen erkennen, um schnell zu reagieren und die FR ausführen? Sind die Raumverhältnisse, Geometrie, Größe und Höhe von Containern realistisch? Entspricht die Brandlast in einem feststoffbefeuerten Container der Realität? Kann die Technik überhaupt sicherstellen, dass bei einem Umstellen von Normalbetrieb auf FR schlagartig in der entsprechenden Zeit die eingestellte erhöhte Durchflussmenge zur Verfügung steht?

Online-Fragebogen soll Erkenntnisse bringen

Wallenstein weiter: „Wir drei haben noch kein Phänomen der schnellen Brandausweitung während der Innenbrandbekämpfung erlebt. Deswegen suchen wir Aktive, die solch ein Phänomen schon erlebt haben.“ Die drei Feuerwehrleute haben dazu einen Online-Fragebogen ausgearbeitet, der sich mit dieser Thematik auseinandersetzt. So sollen wichtige Erkenntnisse gewonnen werden.

„Eines möchten wir an dieser Stelle ganz deutlich sagen: Es geht uns einzig und alleine um die gemachten Erfahrungen, nicht darum, Fehler zuzuweisen! IHR seid uns genau diesen Schritt voraus und genau deswegen würden wir uns freuen, wenn Ihr uns dabei helft, Antworten auf unsere Fragen zu finden! Das Ausfüllen des Fragebogens dauert nur wenige Minuten“, so Wallenstein.

Die Daten werden absolut vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben! Sie dienen ausschließlich der Projektgruppe. Es kann auch anonym abgestimmt werden! Fast 500 Feuerwehrleute haben schon teilgenommen. Hier gehts zum Fragebogen.

Die Befragung soll noch bis zum 1. Dezember laufen. Selbstverständlich wird das Feuerwehr-Magazin über die Ergebnisse berichten.

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