Mittwoch, 25. Mai 2016

Schiebleiter: nach wie vor unverzichtbar bei der Feuerwehr

13. Januar 2016 von  

Müssen Erstangriffsfahrzeuge der Feuerwehr überhaupt noch eine dreiteilige Schiebleiter nach DIN 14715 mitführen? Diese Frage sorgt immer wieder für kontroverse Diskussionen. Christian Meyer von der Feuerwehr Lippstadt liefert einige wichtige Argumente.

Vornahme der dreiteiligen Schiebleiter zur Sicherstellung des zweiten Rettungsweges bei einem Gebäude mit vier Vollgeschossen.

Vornahme der dreiteiligen Schiebleiter zur Sicherstellung des zweiten Rettungsweges bei einem Gebäude mit vier Vollgeschossen.

Die Kritiker der dreiteilige Schiebleiter weisen oft auf die geringe Verwendung im Einsatzfall hin. Auch die personalintensive Vornahme wird gerne als Contra-Argument angeführt. Dabei ist immer wieder zu hören: „Wir haben doch eine Drehleiter bei uns im Fuhrpark.“ Doch Vorsicht, das Baurecht legt in erster Linie die Maßstäbe fest, welche „Rettungsgeräte“ von einer Feuerwehr vorzuhalten sind.

So sah beispielsweise die Bauordnung des Landes Nordrhein-Westfalen bis zum Jahr 1984 die Sicherstellung des zweiten Rettungsweges aus Gebäuden unter anderem mit der dreiteiligen Schiebleiter vor. Damals war es möglich, Gebäude mit bis zu fünf Vollgeschossen (Erdgeschoss plus 4) zu errichten, deren zweiter Rettungsweg über tragbare Leitern der Feuerwehr sichergestellt wurde. Aufgrund dieser Tatsache waren bei diesen Objekten auch keine Aufstellflächen für Kraftfahrdrehleitern im Baugenehmigungsverfahren gefordert, auf denen ein Hubrettungsfahrzeug in Stellung gebracht werden könnte. Diese Gebäude sind heute nach wie vor in vielen Ausrückebereichen zu finden. Ein Verzicht einer Feuerwehr auf die Vorhaltung der dreiteilige Schiebleiter könnte also gravierende Folgen haben.

Die Landesbauordnungen orientieren sich in der Regel jeweils an der Musterbauordnung, welche in der Vergangenheit ebenfalls die Sicherstellung des zweiten Rettungsweges mit der dreiteiligen Schiebleiter ermöglichte. So wurde zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen erst 1984 in der Definition der Gebäude geringer Höhe die Höhenbeschränkung von sieben Metern des Fußbodens des höchsten Aufenthaltsraumes eingeführt. Erst ab diesem Zeitpunkt konnte die dreiteilige Schiebleiter bei Gebäuden nicht mehr als zweiter Rettungsweg baurechtlich in den Ansatz gebracht werden. Die vorhergehenden Bauordnungen in dem Bundesland kannten keine Höhenangaben im heutigen Sinne. Somit erfolgte eine Beurteilung lediglich über die Geschosszahl der Gebäude.

Nachforderung nach zweitem Rettungsweg

Bei rechtmäßig genehmigten bestehenden Gebäuden kann gefordert werden, dass nachträglich ein zweiter baulicher Rettungsweg nachgerüstet wird. Das geht aber nur im Einzelfall, wenn Leben und Gesundheit der Nutzer gefährdet sind. Hierbei muss die jeweilige Behörde allerdings prüfen, durch wen diese Gefahr ausgelöst wurde und wer sie somit zu beseitigen hat.

Lag zum Zeitpunkt der Baugenehmigung zugrunde, dass das erforderliche Rettungsgerät der Feuerwehr den zweiten Rettungsweg sicherstellt, so kann diese Situation im Nachhinein – etwa durch eine Umstrukturierung oder Neuorganisation der zuständigen öffentlichen Feuerwehr – nicht zu Lasten des Bauherrn verändert werden. Das würde dem allgemeinen Versorgungsgrundsatz der Brandschutzgesetze der einzelnen Bundesländer widersprechen. In diesen Fällen wäre somit eine Ordnungsverfügung der jeweiligen Behörde ermessensfehlerhaft.

Ein Verlangen zur Anpassung kann somit auf der Grundlage des Bestandsschutzes in der Regel rechtlich nicht durchgesetzt werden. Dadurch ist trotz der vielfachen Bemühungen der zuständigen Brandschutzdienststellen beziehungsweise Bauordnungsämter eine flächendeckende Veränderung dieser Situation nicht in Sicht.

Abladen der dreiteiligen Schiebleiter.

Abladen der dreiteiligen Schiebleiter.

Abhängig von der jeweiligen Bebauung im eigenen Einsatzgebiet ist davon auszugehen, dass ein Teil des Gebäudebestandes schon aus formellen Gründen die Bereitstellung der dreiteiligen Schiebleiter durch die Feuerwehr erfordert. Die Feuerwehr als eine Einrichtung der Kommune muss daher die gesetzlichen Vorschriften erfüllen. Es liegt nicht im Ermessensspielraum der Feuerwehr, gesetzliche Bestimmungen zu beachten oder deren Umsetzung abzulehnen.

Hieraus resultiert, dass die Feuerwehr jeweils für den Gebäudebestand die hierfür baurechtlich geforderten Rettungsgeräte (Steckleiter, Schiebleiter, Drehleiter) auch weiterhin vorhalten muss. Diese Tatsache schließt die Vorhaltung der dreiteiligen Schiebleiter auf Feuerwehrfahrzeugen in ausreichender Anzahl mit ein.

Die Vorteile der Schiebleiter

Das Mitführen auf den Erstangriffsfahrzeugen der Feuerwehr macht auch aus einem anderen Grund Sinn: In Gebieten mit einer dichten Bebauung kann über die dreiteilige Schiebleiter oftmals ein optionaler Rettungs- beziehungsweise Angriffsweg sichergestellt werden. Die Vorteile der dreiteiligen Schiebleiter mit einer Rettungshöhe von immerhin zwölf Metern kommen gerade da zum Tragen, wo beispielsweise die Zufahrt oder Aufstellfläche für eine Drehleiter nicht gegeben ist.

Auch wenn die Aufgabenvielfalt der Feuerwehren immer umfangreicher wird, muss die Verknüpfung zwischen dem Vorbeugenden und Abwehrenden Brandschutz weiterhin sichergestellt und vorangetrieben werden. Nur wenn beide Seiten voneinander ausreichendes Fachwissen haben, kann ein effektiver Brandschutz sichergestellt werden. „Insbesondere bei den Kollegen im Abwehrenden Brandschutz findet das Thema VB oftmals nur unzureichende Beachtung, da dieses Aufgabenfeld der Feuerwehr als weit weniger spektakulär angesehen wird“, schrieb Essens Branddirektor Jörg Wackerhahn sinngemäß vor Jahren in einer Kolumne.

„Die regelmäßige Vornahme von tragbaren Leitern ist eine grundlegende Aufgabe aller öffentlichen Feuerwehren, die immer wieder im Rahmen von Wachunterrichten oder sonstigen Übungsdiensten trainiert werden muss“, so der Kreisbrandmeister (KBM) des Kreises Soest, Thomas Wienecke. Die Mindestbesatzungsstärke von Löschgruppen- oder Hilfeleistungs-Löschgruppenfahrzeugen muss mindestens eine Staffel sein, um im Einsatz regelkonform nach den gültigen Feuerwehrdienstvorschriften – wie der FwDV 3 (Einheiten im Lösch- und Hilfeleistungseinsatz) sowie 10 (Die tragbaren Leitern) – tätig werden zu können.

Nur durch regelmäßige Übungen im Umgang mit tragbaren Leitern können die Einsatzkräfte für den Einsatz damit fit gemacht werden – dazu gehört auch das Entnehmen der Leitern.

Nur durch regelmäßige Übungen im Umgang mit tragbaren Leitern können die Einsatzkräfte für den Einsatz damit fit gemacht werden – dazu gehört auch das Entnehmen der Leitern.

Die Basiseinheit nach der FwDV 3 ist zwar die Gruppe 1/8, sie ist aber gerade auch auf den Einsatz einer Staffel ausgerichtet und optimiert worden. Insbesondere mit immer weiter sinkender Tagesverfügbarkeit im Bereich der FF und Personaleinsparung im Bereich der Berufsfeuerwehren ist die Staffel eher die Regel.

Grundsätzlich sieht die FwDV 3 vor, dass über den ersten Rettungsweg vorgegangen wird. In der Realität gibt es aber auch immer wieder Szenarien, bei denen zum Beispiel eine Menschenrettung nicht über den ersten Rettungsweg zeitnah erfolgen kann (Person am Fenster im rückwärtigem Bereich, Flucht- und Rettungsweg stark verraucht oder sogar vom Feuer beaufschlagt). Genau für solche Situationen ist eine ausreichende Mindeststärke auf den Löschgruppenfahrzeugen erforderlich.

Weiterhin legt der jeweilige Einsatzleiter mit Hilfe des Führungsvorganges gemäß der FwDV 100 (Führung und Leitung im Einsatz) fest, wo der Gefahrenschwerpunkt ist. Dabei entscheidet er im weiteren Verlauf in der Einsatzplanung, welche technische Umsetzung zur Gefahrenabwehr die Sinnvollste ist (Abwägen der Vor- und Nachteile der einzelnen technischen Möglichkeiten). Weiter führt der KBM zur notwendigen Vorhaltung der dreiteilige Schiebeleiter aus: „Im Brandfall kommt es regelmäßig vor, dass über zwei verschiedene Angriffswege vorgegangen werden muss, sprich über eine tragbare Leiter und den Treppenraum. Es kann aber auch vorkommen, dass anstatt des nicht mehr benutzbaren Treppenraums (alte Holztreppenräume) nur der Angriff über die tragbaren Leitern möglich bleibt. Tragbare Leitern, auch die dreiteilige Schiebeleiter für Gebäude im Bestand, sind deshalb unverzichtbar.“

Nachteile der Schiebleiter

So berechtigt die Schiebleiter auch ist, so hat sich doch eine Reihe gravierender Nachteile für Feuerwehr-Einsätze:

  • Es wird relativ viel Personal für den Einsatz der Schiebleiter benötigt (fünf Kräfte beim Entnehmen vom Fahrzeug und Aufstellen, vier Leute beim Betrieb). Deshalb ist die Mindestbesatzung einer Staffel erforderlich.
  • Hoher Ausbildungsaufwand. Da tragbare Leitern bei der Menschenrettung oftmals unter hohem Zeitdruck vorgenommen werden, müssen die nötigen Handgriffe im Ernstfall sitzen. Also sollte die Vornahme regelmäßig geübt werden.
  • Aufgrund der Tatsache, dass die dreiteilige Schiebleiter nur selten zum Einsatz kommt, liegen beim Umgang damit auch nur unzureichende Einsatzerfahrungen vor. Dies gilt es daher, im Rahmen der Aus- und Fortbildung zu kompensieren.
  • Keine Verletztenrettung möglich. Grundsätzlich können tragbare Leitern zur Menschenrettung nur dann effektiv eingesetzt werden, wenn die zu rettende Person selber bei der Rettung unterstützt. Dieser Umstand stellt bei allen tragbaren Leitern einen der größten Nachteile dar.
  • Schiebleitern sind schwierig bis gar nicht einsetzbar bei Kindern, alten oder kranken Menschen. Das Problem ist im Bereich des Vorbeugenden Brandschutzes schon länger bekannt, weshalb bei Sonderbauten, die zum Aufenthalt dieser Personen dienen, die Errichtung eines zweiten baulichen Rettungsweges gefordert wird.

(Text und Fotos: Christian Meyer, Abteilung Vorbeugender Brand- und Gefahrenschutz Feuerwehr Lippstadt)

Kommentare

4 Kommentare zu “Schiebleiter: nach wie vor unverzichtbar bei der Feuerwehr”
  1. Huber37 sagt:

    Schiebleitern sind Not- und auch Sparlösungen. Bis zum 5. Stock! reicht eine Schiebleiter, wieso da ein teure DL anschaffen? Ich möchte den Protagonisten einmal empfehlen realitätsnah zu üben. Das heisst 5. Stock, nachts, Regen, Famile möglichst mit Oma. Die Darsteller am besten au den Kreisen der Gemeinderäte wählen und diese im Schlafanzug bzw mit Nachthemd barfuss über die Leiter retten. Und dabei den Personaleinsatz festhalten und die Zeiten. Ich bin auf die Ergebnisse gespannt. Mit einer Schiebleiter kann ich eine maximal zwei Personen unter hohem Personalaufwand und mit guter Mitarbeit des zu Rettenden in Sicherheit bringen. Von Vorteil ist hier noch ein Balkon. Muss ich als Angriffstrupp in eine – teilweise – verrauchte Wohnung einsteigen, dort die Personen sichern und zum Ausstieg über ein Fenster bewegen wird es schon krtisch. An kleine Kinder, Babys, alte Leute, nicht schwindelreie mag ich hier gar nicht denken. Auch die Vornahme eines Löschangriffs über das Fenster (um die Tür zum Treppenraum geschlossen und diesen rauchfrei zu halten) ist heikel. Vielleicht ahbe ich aber auch nur nciht die roasrote Sparbrille auf.

  2. Matthias sagt:

    Welche Schiebleiter reicht bis zum 5. Stock? Max. 3. OG, das wars dann aber auch. Es sei denn hier hat jemand den Keller und das EG mitgezählt.

  3. Horst sagt:

    Es hat niemand behauptet, dass eine Schiebleiter bis zum 5. Stock reicht, sondern dass in NRW bis 1984 eine spezifisches Rettungsgerät erst bei mehr als fünf Vollgeschossen gefordert war. Darunter wird man sich implizit auf Steck- und Schiebleiter verlassen haben. Das mag uns nicht gefallen, aber es ist eben so. Die Nachrüstung eines zweiten baulichen Rettungsweges kann für diese Objekte in der Regel nicht verlangt werden und eine Drehleiter ist entweder nicht vorhanden oder kann nicht in Stellung gebracht werden.

    Ansonsten ist festzuhalten, dass eine Schiebleiter eine Rettungshöhe von 12,2m hat. Das kann unter günstigen Umständen knapp bis ins 4. OG (5. Vollgeschoss) reichen, unter ungünstigen aber auch nur bis zum 2. OG – abhängig von der Höhe des EG-Fußbodens über dem Gelände, der Geschosshöhe, der Geschossdeckendicke usw.

    Dies sieht man übrigens schon auf dem ersten Bild des Beitrags, die Schiebleiter ist hier nicht vollständig ausgezogen und bereit im 3. OG, das Erreichen eines (auf dem Foto nicht vorhandenen) Balkons darüber erscheint durchaus möglich.

  4. Sven sagt:

    Taktische Betrachtung
    Die Rettungshöhen der tragbaren Leitern und die Anforderungen in der MBO weichen voneinander ab. Mit vier Steckleiterteilen ergibt sich eine Höhe von 8,40m, die nutzbare Rettungshöhe wird mit 7,20m angegeben. Die MBO geht von 8m Oberkante der Brüstung aus.
    Bei Neubauprojekten nehmen die Planer grundsätzlich die Anforderungen der MBO als Grundlage.
    Auch im Altbestand gibt es immer wieder Probleme mit den Rettungshöhen,bei Geschäftshäusern im Innenstadtbereich lässt sich das 2 OG selten mit der Steckleiter sicher erreichen, insbesondere wenn das 2 OG als Dachgeschoss mit Satteldach ausgeführt ist.

    § 33 Absatz 3 der MBO
    Gebäude, deren zweiter Rettungsweg über Rettungsgeräte der Feuerwehr führt und bei denen die Oberkante der Brüstung von zum Anleitern bestimmten Fenstern oder Stellen mehr als 8 m über der Geländeoberfläche liegt, dürfen nur errichtet werden, wenn die Feuerwehr über die erforderlichen Rettungsgeräte wie Hubrettungsfahrzeuge verfügt.

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