Produkt: Feuerwehr-Magazin 7/2019
Feuerwehr-Magazin 7/2019
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Experten-Interview

Posttraumatische Belastungsstörung: Symptome und Vorbeugung

Zürich (Schweiz) – Durchschnittlich jede 10. Feuerwehrkraft erkrankt im Laufe ihres Lebens an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). In einem Interview erklärt uns Prof. Dr. Ulrike Ehlert die Symptome von PTBS und wie Einsatzkräfte vorbeugen können. Frau Professor Ehlert ist Leiterin der AG “Klinische Psychologie und Psychotherapie” des Psychologischen Instituts der Universität Zürich und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit stressabhängigen Erkrankungen.

Nach dem Einsatz kommt die Reflexion. Emotional belastende Situationen können zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung führen. Symbolfoto: M. Schulze (Bild: Kay Herschelmann, KAY HERSCHELMANN)

FM: Frau Professor Ehlert, woran ist eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) überhaupt zu erkennen?

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Prof. Ehlert: Das ist schwierig zu sagen, denn es gibt eine Vielzahl von Merkmalen. Die wichtigsten Symptome sind unter anderem eine generelle schlechte emotionale Kontrolle, Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwäche, Gereiztheit und so genanntes „emotional numbing“ – also das Abstumpfen gegenüber emotionalen freudigen oder traurigen Ereignissen.

Außerdem können Flashbacks auftreten. Dabei empfinden Betroffene schlagartig bestimmte Bilder oder Gerüche, die mit dem traumatischen Ereignis in Verbindung stehen. Feuerwehrleute berichteten mir, dass der Geruch von Grillfleisch eine sehr lebhafte Erinnerung an einen belastenden Brandeinsatz auslösen kann.

Personen, die einer betroffenen Person nahe stehen, fällt zudem meistens auf, dass diese nicht richtig ansprechbar ist.

Dienst- und Berufsunfähigkeit: Spezialfall Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Bei etwa jedem zehnten Feuerwehrmann im Laufe seines Lebens eine PTBS festgestellt.

In unseren Servicebeiträgen “Wenn die Seele brennt” und “Berufsunfähig nach Einsatz” klärt unsere Rechtsexpertin auf, was es im Falle der Dienst- oder Berufsunfähigkeit bei PTBS zu beachten gilt.

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FM: Was können Einsatzkräfte sowie Wehrführer beziehungsweise Leiter einer Feuerwehr tun, um einer PTBS vorzubeugen?

Prof. Ehlert: Am wichtigsten ist es erstmal, dass das Thema überhaupt angesprochen wird. Jedem Feuerwehrmann und jeder Feuerwehrfrau sollte bewusst gemacht werden, dass PTBS ein nicht unwahrscheinliches Berufsrisiko ist. Es sollte in jeder Feuerwehr Lehrgänge über das Thema geben.

Während eines Einsatzes muss der Einsatzleiter emotional belastende Situationen erkennen und darauf achten, dass Kameraden ihnen nicht zu lange ausgesetzt sind. Ist die Kapazität vorhanden, sollten die Einsatzkräfte regelmäßig durchgetauscht werden.

Notfallseelsorger beziehungsweise Kräfte der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) unterstützen und begleiten Feuerwehrleute bei emotional aufwühlenden Einsätzen und darüber hinaus. Präventive Aufklärung gehört auch zu ihrer Arbeit. Symbolfoto: Hub (Bild: Dr. Dietrich Hub)

Gleichzeitig muss der Einsatzleiter Wertschätzung und Anteilnahme gegenüber den Kräften zeigen, die sich einer potentiell traumatisierenden Situation gegenüberstellen. Er sollte nach dem Einsatz fragen, wie die Situation für den Betroffenen war, stets Bereitschaft zeigen, den Einsatz zu besprechen und beim Verdacht eines psychischen Traumas professionelle Hilfe anbieten.

Mehr zum Thema:

Führungspersonen einer Feuerwehr sollten außerdem stets einen Ansprechpartner zur Hand haben, der im Notfall professionelle psychologische Hilfe leisten kann. Das häufige Durchspielen von Einsatzsituationen hingegen gibt den Einsatzkräften zwar auf technischer Ebene im Einsatzfall eine Sicherheit, die emotionale Ebene wird dabei aber kaum berührt.

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Reportage über Südtirols einzige Berufsfeuerwehr.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. “Hat mit PSNV-B, oder der im Bild dargestellten Notfallseelsorge fachlich und methodisch nichts gemeinsam. Ganz im Gegenteil, der normale Notfallseelsorger mit theologischem Hintergrund ist da fast immer der falsche.”
    Diese Darstellung möchte ich durch Erläuterungen korrigieren. Historisch bedingt haben PSNV-E und PSNV-B die selbe Wurzel. Es ging darum Menschen in Außnahmesituationen zu begleiten und zu unterstützen. Es stellte sich heraus, dass Einsatzkräfte einen speziellen Rahmen der Betreuung angeboten bekommen müssen. Daher trennte man die Angebote in
    B(Betroffene) und E (Einsatzkräfte). Es handelt sich um ein ehrenamtliches Angebot, dass häufig in Trägerschaft kirchlicher Institutionen arbeitet. Aber eine PSNV- B Fachkraft ist nicht in kirchlicher Mission (“als Laienpriester”) unterwegs. Es handelt sich um Notfallbegleitung. Völlig neutal und nur wenn ein Betroffener es wünscht, unterstützen wir – gegebenenfalls auch mit religiösen Handlungen. Genauso ist es für uns selbstverständlich, wenn es die Situation( Notfall) erfordert, eine Einsatzkraft zu betreuen bis andere Hilfsangebote verfügbar sind. Es gibt keine bessere oder schlechtere PSNV, sondern spezielle Angebote für verschiedene Situationen und die damit verbundenen Betroffenen. PSNV kann nie eine notwendige psychologische Versorgung ersetzten. Wir können nur stabilisierend wirken und gegebenenfalls Kontakte zu geeigneten weiteren Hilfsangeboten knüpfen bzw. anbieten.

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  2. Servus Philip, was ist ein “Kammeradresse” ?

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  3. Super Kommentar so ein Team sind wir bei uns im Landkreis auch gerade am aufbauen. Vorallem sind unsere Peers aus allen Hiorgs vertreten. Ich selbst bin Feuerwehrmann und ausgebildeter Peer in der Einsatzkräftenachsorge der Malteser. Ist wirklich eine super Sache und kann ich jedem empfehlen!

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  4. So etwas gibt es. Schon seit vielen Jahren. Nennt sich ‘Einsatznachsorge’, oder PSNV-E. Hat mit PSNV-B, oder der im Bild dargestellten Notfallseelsorge fachlich und methodisch nichts gemeinsam. Ganz im Gegenteil, der normale Notfallseelsorger mit theologischem Hintergrund ist da fast immer der falsche. Das System lebt vorzugsweise von ‘Peers’ die unter ‘Ihresgleichen’ sind.
    Die Johanniter und Malteser haben da spezielle Teams, beim THW heißt das ENT (Einsatznachsorgeteam) und immer mehr ist es verbreitet das auf Landkreis-/Stadtebene einzuführen um dem neuen KatS Gesetz genüge zu tun und vor Allem der Fürsorgepflicht als ‘Arbeitgeber’. Einige Landkreise/Städte haben bereits die PSNV-E in ihre Alarmierungen (bestätigt VU klemmt; Kinderrea etc) eingefügt, um bei Bedarf ein Team bereit zu haben.
    Es wäre doch sehr hilfreich, liebes Feuerwehrmagazin Team, wenn ihr gut recherchierte Artikel veröffentlich, um z.B. wie bei diesem, den hunderte lesen, wovon wahrscheinlich einige noch nichts von PSNV-E gehört haben, zu verhindern, dass sich wieder falsche Tatsachen in den Köpfen der Leser festsetzen.
    Die Möglichkeiten der CiSM (Critical incident Stressmanagement), oder SbE (Stressbearbeitung nach belastenden Einsätzen) Methode betreffen sicher nicht die Behandlung einer PTBS, die gehört definitiv in erfahrene therapeutische Hände, aber was diese Methode versucht zu leisten, ist die Prävention von stressbedingten Belastungen. Und das sehr vielschichtig.
    Wenn ihr ganz unabhängige Quellen braucht, fragt doch mal einfach im BBK nach. Die befassen sich seit längerem mit den Unterschieden und befürworten entsprechende Konzepte. Frau Dr. Helmerichs ist dort die Ansprechpartnerin. Sicherlich auch eine interessante Interviewpartnerin.

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  5. Ja das ist ein interessantes Thema. Innerhalb unserer Feuerwehr bringt sich zb der Pfarrer in der (Notfall)Seelsorge mit ein und stellt in dem Bereich zug natürlich ein Ansprechpartner dar aber ich habe noch nicht erlebt das ein Kammeradresse so ein Angebot in Anspruch genommen hätte.
    Wenn jeder 10. Feuerwehrlernen mit so einem Problem zu kämpfen hat und man das auf das Durchschnittsalter der Einsatzabteilung hoch rechnet müsste es 2 oder 3 Personen bei uns geben die unter PTBS leiden (rein Statistisch)
    Aber wie soll man das als Kammeradresse erkennen? Hier werden ja eher Situationen beschrieben die man als Betroffener selber erkennen könnte und ich denke die meisten werden sich sagen “Was soll’s damit komm ich schon klar”
    Es wär toll sowas als aussenstehender zu erkennen und die Person darauf anzusprechen aber das empfinde ich als beinahe unmöglich.

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