London Fire Brigade

Die fünftgrößte Feuerwehr der Welt

London – Eine ganze Woche lang war Redakteur Olaf Preuschoff in der britischen Hauptstadt, um für seine Reportage über die London Fire Brigade (LFB) zu recherchieren. Neben der Abteilung Technik, dem Feuerlöschboot und verschiedenen Feuerwachen besuchte er auch die Abteilung Fire Investigation auf der Feuerwache Dowgate. Hier ermitteln Experten nach allen größeren Feuern die Brandursache. So auch nach dem Brand im Grenfell Tower mit 71 Toten.

Einsatz für die Wache Dowgate der London Fire Brigade. Auf dieser Feuerwache sind auch die Brandursachenermittler stationiert. Foto: Preuschoff

Ein Job für Sherlock

Als eine von acht Feuerwehren in ganz Großbritannien hat die London Fire Brigade einen Brandmittel-Spürhund. Sherlock ist auf flüssige Kohlenwasserstoffe trainiert. Doch eigentlich sucht er immer nur seinen Ball.

Mit aufmerksamem Blick verfolgt der kleine schwarze Cockerspaniel sein Herrchen. Hundeführer – oder wie es auf Englisch heißt: dog handler – Paul Osborne geht mit einem Tennisball über den Hinterhof der Feuerwache Dowgate. „Ich zeige ihm jetzt das Gebiet, von dem ich möchte, dass er es für mich absucht“, erklärt er. Dann ist der Ball plötzlich in Osbornes Hosentasche verschwunden. Sherlock, derzeit der einzige Brandmittelspürhund der LFB, wird sichtlich aufgeregt.

Und kaum ist er von der Leine befreit, saust er über den Hof. Und es dauert keine fünf Minuten, als er schon schwanzwedelnd vor einem alten ausrangierten Kühlschrank steht. Osborne öffnet die Tür und Sherlock freut sich. Als Belohnung bekommt er seinen Tennisball zurück und darf spielen. Außerdem lobt der Hundeführer ihn ausgiebig.

„Hab ich das nicht schnell gefunden?“, scheint Sherlock zu fragen. In der Tat: Für die Flasche Spiritus in dem ehemaligen Kühlschrank hat der clevere Vierbeiner keine 5 Minuten gebraucht. Foto: Preuschoff

Kurz vor dem Training haben wir ein dem Kühlschrank eine Flasche Spiritus versteckt. Und trotz der fast 10 Zentimeter dicken geschlossenen Tür hat der Hund sie sofort gefunden. „Für einen Hof wie diesen würden wir mit unserem elektronischen Nachweisgerät einen ganzen Tag benötigen“, sagt Brandursachenermittler John Barwis. „Der Hund schafft es innerhalb von 10 Minuten.“ Außerdem lässt sich seine feine Nase nicht durch andere, ähnliche Substanzen täuschen.

Große Reportage: London Fire Brigade

Wir stellen die Besonderheiten der fünftgrößten Feuerwehr der Welt in einer dreiteiligen Reportage ausführlich vor.

Teil 1: In Großbritanniens Hauptstadt versehen ausschließlich hauptberufliche Kräfte ihren Dienst – über 5.000 Frauen und Männer sind auf 103 Feuerwachen der London Fire Brigade verteilt. Von den Einwohnern werden sie spätestens seit dem Feuer im Grenfell Tower-Hochhaus als Helden gesehen.

Teil 2: Im zweiten Teil unserer London-Reportage berichten wir unter anderem über die Brandermittler der Feuerwehr und ihre Spürnase Sherlock. Außerdem: die Ausbildung zum Firefighter, die Löschboote sowie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Das Feuerlöschboot Fire Flash auf der Themse. Dieses von Alnmaritec gebaute 14 m lange Boot ist eines von zwei baugleichen Einheiten der LFB. Angetrieben wird es von zwei Volvo TAMD-Motoren, die auf zwei Jet-Antriebe von Hamilton wirken. Es wiegt rund 12.000 kg. Foto: Preuschoff

Teil 3: Die Fire Cadets der LFB sind keine Jugendfeuerwehr – trotzdem üben sie Löschangriff, Leitersteigen und Retten. Und sie tragen sogar Einsatzkleidung. Wir stellen das Projekt vor, bei dem junge Leute im Alter zwischen 14 und 17 Jahren durch Feuerwehrarbeit ihre praktischen Fähigkeiten und positives Sozialverhalten entwickeln sollen.

Ihr könnt die gesamte Reportage als kompaktes eDossier bei uns im Shop herunterladen.

Und nicht nur dass. „Wenn der Hund einen Brandbeschleuniger angezeigt hat, akzeptieren dass die Richter in einem späteren Prozess deutlich eher als Beweis zum Beispiel für eine Brandstiftung als den Nachweis des Spürgeräts.“ Natürlich wird das Beweisstück noch in einem Kriminallabor der Polizei untersucht und der Brandbeschleuniger chemisch bestimmt. „Aber die Anzeige des Hundes hat bereits eine sehr hohe Beweiskraft. Zum Glück musste er noch nicht in den Zeugenstand und aussagen“, sagt Barwis und lacht.

„Leider kann Sherlock noch nicht bestimmen, welche Sorte Brandbeschleuniger verwendet worden ist. Also einmal Bellen für Benzin, zweimal für Diesel“, fährt der Brandermittler fort. „Aber er kann zirka zehn verschiedene Gruppen von flüssigen oder festen Substanzen anzeigen, die auf der Basis von Kohlenwasserstoffen hergestellt werden“, ergänzt Osborne. „Zum Beispiel Benzin, Azeton, Spiritus, Diesel, Flugzeugkraftstoff, außerdem Gemische dieser Stoffe sowie Gemische, die einen oder mehrere dieser Stoffe zusammen mit anderen Substanzen enthalten.“

Auch das kleine, vor Wochen mit Benzin getränkte Stück Schaumstoff in der Schachtabdeckung wird von Sherlock sicher angezeigt. Foto: Preuschoff

Die Brandursachenermittler haben, wenn Sherlock eine brandfördernde Chemikalie angezeigt hat, die Aufgabe, diese Spur weiter zu verfolgen. „Wir müssen herausfinden, wer für die eventuelle Brandlegung verantwortlich war und welches Motiv er hatte“, sagt der Hundeführer. „Wurde das Feuer für einen Versicherungsbetrug oder sogar zur Vertuschung eines Einbruchs oder gar eines Mordes gelegt?“

Sherlock findet nicht nur die Brandausbruchsstelle, wo der Brandbeschleuniger ausgeschüttet worden ist. Osborne: „Er findet auch alle Gegenstände, die mit der Substanz in Berührung gekommen sind: Bekleidung, Feuerzeuge, Behälter, Holzstücke.“ Und das nicht nur am Tatort selbst, sondern auch auf dem Weg des Täters zum oder von der Brandstelle weg. Diese Gegenstände enthalten dann oft Fingerabdrücke oder DNA-Spuren, mit deren Hilfe ein Brandstifter überführt werden kann. „Da nützt es dem Täter auch nichts, seine Bekleidung zu waschen“, sagt Osborne. „Selbst gewaschene Wäschestücke enthalten noch genügend Spuren des Brandbeschleunigers, dass der Hund sie wittern und sie dann mittels Laboruntersuchung bestimmt werden können.“

Auf den Hund gekommen

An einem Freitag im Juli 2013 zieht Sherlock bei Paul Osborne ein. Paul ist Brandursachenermittler der London Fire Brigade. Und Sherlock ist ein Hydrocarbon Detection Dog – also ein speziell trainierter Hund, um Kohlenwasserstoffe aufzuspüren und anzuzeigen (Kohlenwasserstoffe sind Bestandteil vieler Brandbeschleuniger).
Seit dem Jahr 2000 gibt es Brandmittelspürhunde bei der Londoner Feuerwehr. Aber Sherlock ist nach Meinung vieler ein absolutes Ausnahmetalent. Gut also, das Paul neben seiner anspruchsvollen Arbeit als Hundeführer noch Zeit hatte, seine Erlebnisse mit diesem energiegeladenen Fellball voller Chaos aufzuschreiben. Sein Buch „Sherlock – The Fire Brigade Dog“ ist bei Century Penguin Random House erschienen. Derzeit leider nur auf Englisch – eine deutsche Ausgabe ist nicht vor 2019 geplant. In 22 Kapiteln beschreibt Paul sein Leben und seine Arbeit mit diesem liebenswerten, quirligen und immer schwanzwedelnden Vierbeiner. Vom bemerkenswerten Tag seines Einzugs mit einigen unvermeidlichen Kollateralschäden an diversen vorher hübsch gepflegten Blumenbeeten bis hin zur Preisverleihung der Mirror and RSCPA Animal Hero Awards 2017.

Paul Osborne mit seinem Hund Sherlock. Fire Investigation Officer and Search Dog Handler lautet seine offizielle Bezeichnung. Übersetzt heißt das Brandursachenermittler und Hundeführer. Foto: Preuschoff

Ich würde aber denjenigen, die Englisch verstehen, unbedingt empfehlen, das Buch im Original zu lesen – schon alleine wegen der schönen Wortspiele, die Paul verwendet und die vermutlich einer deutschen Übersetzung zum Opfer fallen werden. In zwei Bildteilen gibt es Einblicke in das Leben der beiden Brandermittler – sowohl privat als auch dienstlich. Sogar ein Foto mit seiner Königlichen Hoheit Prinz Charles ist dabei.
Das Buch: Sherlock: The Fire Brigade Dog, Paul Osborne, 272 Seiten, 40 Abbildungen, Format 14,4 x 22,2 cm, Hardcover, Century Penguin Randomhouse, ISBN 978-1780898933. Preis: 12,63 Euro.

Text: Olaf Preuschoff

Hohe Erfolgsquote für die Spürnase

Der Brandermittler: „Sherlock zeigt selbst jeden einzelnen Fußabdruck an, falls der Täter in den Brandbeschleuniger getreten sein sollte.“ Somit kann dann der Fluchtweg des Täters nachvollzogen werden. Wie gut der Hund das kann, zeigt ein Beispiel aus der Vergangenheit. „Wir hatten eine Brandstiftung, bei der der Täter am Tatort keine brauchbaren Spuren hinterlassen hatte. Sherlock und ich konnten aber seiner Fußspur 400 Meter weit folgen. Auf dem Rückweg zog er mich dann zu einem Busch in einem Park und zeigte an. Darin lagen Einmalhandschuhe, die Spuren von Brandbeschleuniger enthielten“, erzählt Osborne. „In den Handschuhen befand sich DNA, die einem Verdächtigen zugeordnet werden konnte, der so überführt wurde.“

Doch Sherlock hat gegenüber anderen Nachweismethoden noch weitere Vorteile. „Es gibt in Großbritannien immer mehr Fälle, in denen Brandstiftung als Waffe gegen Personen eingesetzt wird“, berichtet Osborne. „Ein Täter kauft Benzin an einer Tankstelle, geht zu einem Haus und spritzt es durch den Briefkastenschlitz ins Innere. Dann zündet er es an und flüchtet.“ Bei den Ermittlungen müsste nun die Polizei alle Gegenstände rund um den Tatort ins Labor senden, um Brandbeschleuniger nachweisen zu können. „Aber wenn sie dabei nicht sorgfältig vorgehen, kann es sein, dass sie keinen positiven Nachweis bekommen. Sie würden eventuell die Ermittlungen in eine falsche Richtung führen und hätten zudem noch jede Menge Zeit und Geld verloren.“

Anders mit Sherlock: Wo der Hund anzeigt, ist auch etwas zu finden. „Somit schützt seine Arbeit nicht nur die Bürger Londons, indem die Täter schnell gefunden und verurteilt werden können. Er spart auch enorme finanzielle Mittel, die sonst für aufwändige Untersuchungen ausgegeben werden müssten“, sagt Osborne.

VW T5 der Abteilung Fire Investigation (Brandursachenermittlung), Dog Team. Mit diesem Hundetransporter rücken Paul und Sherlock zu Einsätzen aus. Foto: Preuschoff

Sein mittlerweile in Rente gegangener Kollege Mich Boyle hat mit Hilfe seiner Hunde schon einen Brandstifter noch am Tatort überführt. Wenn auch eher indirekt. Aus der Runde der Schaulustigen bei einem Feuer zeigte ein Mann großes Interesse an den Brandmittelspürhunden und wollte wissen, wofür sie an der Einsatzstelle gut seien. „Boyle erzählte ihm, dass der Hund den Brandstifter überführen könne. Daraufhin wurde der Mann immer nervöser, wollte plötzlich nicht mehr mit meinem Kollegen sprechen und versuchte, unauffällig zu verschwinden.“ Eine eingehendere Befragung durch die Polizei und die weiteren Ermittlungen brachten schließlich das Ergebnis, dass der neugierige Mann der Brandstifter gewesen war.

Wie wichtig die Arbeit der Spürhunde der LFB von öffentlicher Seite eingeschätzt wird, zeigt sich daran, dass Boyles Hunde Murphy und Roscoe sowie Sherlock 2017 geehrt wurden. Sie erhielten die Auszeichnung „Public Service Animal of the Year“ auf den Animal Hero Awards 2017 für ihre Mithilfe bei den Ermittlungen zum Feuer im Grenfell Tower im Juni 2017. Ihre Titel als „Bestes Tier des Jahres im öffentlichen Dienst“ wurden ihnen und ihren Hundeführern auf einer großen Gala verliehen. Dabei wurde auch erwähnt, dass die drei Hunde zwischen 180 und 230 Mal im Jahr zum Einsatz gekommen waren. In ganz Großbritannien gibt es derzeit lediglich 14 Hunde, die als Brandmittelspürhunde ausgebildet sind.

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