Englands Gebäude sollen sicherer werden

Nach Grenfell: Großbritannien verbietet brennbare Materialien

London – Als Reaktion auf die Brandkatastrophe im Grenfell Tower (London) hat Großbritannien zum 1. Oktober 2018 brennbare Materialien an Fassaden von Hochhäusern sowie kritischen Gebäuden verboten. James Brokenshire, Staatssekretär für Wohnungswesen, Kommunen und Kommunalverwaltung, kündigte auf dem Parteitag der Konservativen Partei 2018 an, dass brennbare Materialien von den Fassaden “aller neuen Hochhäuser, Krankenhäuser, eingetragenen Pflegeheime und Studentenwohnheime” über 18 Meter nicht mehr verwendet werden dürfen.

Diese Entscheidung geht auf eine Konsultation der britischen Regierung zum Thema “Verbot der Verwendung brennbarer Materialien an den Außenwänden von Wohnhochhäusern” zurück. In seiner Antwort auf diese Konsultation erklärte Fire Safe Europe (FSEU), dass die Fassaden von Gebäuden, in denen Fluchtmöglichkeiten und Brandbekämpfung durch zusätzliche Brandgefahren gefährdet sein können, unabhängig von der Höhe, aus nicht brennbaren Baustoffen der Euroklasse A1/A2 bestehen sollten.

In vielen europäischen Ländern gibt es bereits Gesetze, die sicherstellen, dass nur nicht brennbare Produkte an den Fassaden von Hochhäusern verwendet werden dürfen. Juliette Albiac, Geschäftsführerin von Fire Safe Europe (FSEU), sagte: “Großbritannien ergreift zu Recht Maßnahmen, um die Sicherheit von Menschen in neuen Hochhäusern und Hochrisikogebäuden zu gewährleisten. Dies ist ein großer Moment für den Brandschutz in ganz Europa, da mehrere Länder im vergangenen Jahr ihre Bauvorschriften überarbeitet haben. Wir hoffen, dass die Länder, die diese Anforderungen noch nicht übernommen haben, bald folgen werden.”

Ermittlungen gegen die Feuerwehr London

Am Mittwoch, dem 14. Juni 2017, brach ein Feuer in einem 24-geschossigen Gebäude im Londoner Stadtteil North Kensington aus. Innerhalb kürzester Zeit stand Gebäude fast komplett in Flammen. 72 Menschen kamen bei dem Brand ums Leben. Für London Fire Brigade und alle anderen Helfer war es ein dramatischer Einsatz bis an die Grenzen.

Umso schlimmer, dass jetzt im Zuge der Untersuchung des Brandes auch gegen die London Fire Brigade ermittelt wird. So soll die Regel “stay – put” zu spät aufgehoben worden sein. Sie besagt, dass die Bewohner in ihren Appartements bleiben sollen, wenn nicht ihre Wohnung oder der Flur davor vom Feuer betroffen sind. Immer noch sind viele Fragen ungeklärt: Warum hat sich der Brand in so kurzer Zeit ausbreiten können? Warum wurde den Beschwerden der Bewohner zum mangelhaften vorbeugenden Brandschutz kein Gehör geschenkt? Ein Jahr nach der unvorstellbaren Brandkatastrophe erinnert auch das ZDF in einer Dokumentation an die Nacht und sucht nach Antworten auf viele Fragen. Die Reporter haben mit Feuerwehrleuten, Bewohnern, Brandschutzexperten und Augenzeugen gesprochen. Ihr könnt Euch diese sehr interessante Doku hier ansehen:

Einzelheiten zum Brand im Grenfell Tower

Im Londoner Stadtteil North Kensington im Royal Borough of Kensington and Chelsea im Westen Londons, unweit der U-Bahn-Station Latimer Road, steht seit 1974 das Wohnhochhaus Grenfell Tower. Darin befanden sich 120 Sozialwohnungen mit zwei oder drei Zimmern. Rund 600 Menschen wohnten darin. Bereits ab 2012 machten Mieter immer wieder auf bestehende Brandschutzmängel wie zugeparkte Feuerwehrzufahrten, Sperrmüll im einzigen Ein- und Ausgang oder mangelnde Wartung der Brandschutzausrüstung hin. Zudem bestand in dem Gebäude die Anweisung an die Mieter, im Falle eines Brandes in der Wohnung zu bleiben, solange das Feuer nicht in der eigenen Wohnung oder im Hausflur davor ausgebrochen sei.

Von 2015 bis 2016 wurde das Hochhaus saniert und erhielt im Rahmen dieser Arbeiten eine vorgehängte, hinterlüftete Fassade als Wärmedämmung. Diese Fassade war die Ursache dafür, dass am 14. Juni 2017 ein eigentlich zu beherrschender Brand in einer Wohnung im vierten Stock ein verheerendes Feuer auslöste. Ursache: ein Kühlschrank.

“Die Einsatzzentrale hat gegen 0.50 Uhr zahlreiche Notrufe erhalten, die erste Einheit war um 0.54 Uhr am Einsatzort”, erklärte Londons Feuerwehrchefin Dany Cotton. “Über 200 Feuerwehrkräfte sind mit 40 Fahrzeugen im Einsatz.” Solch einen Brand habe sie in in ihren 29 Jahren bei der Feuerwehr noch nie erlebt, betonte Cotton.

Nur 6 Minuten nach der Alarmierung sind die ersten Feuerwehrkräfte vor Ort. Das Feuer in der Wohnung können sie schnell löschen. Doch der Brand hat bereits auf die Fassade übergegriffen. Durch offene Fenster breiten sich die Flammen rasend schnell auch in die darüber liegenden Wohnungen aus. Nur ein Großaufgebot der LFB kann den Brand schließlich nach über 24 Stunden löschen. Die Kräfte arbeiten teilweise bis zur völligen physischen und psychischen Erschöpfung.

Am Morgen des 14. Juni 2017 um 4.43 Uhr macht Natalie Oxford diese Aufnahme vom brennenden Grenfell Tower. Sie wohnt in einem weiteren Hochhaus rund 160 m entfernt. Ein Gelenkmast und zwei Wasserwerfer löschen die Fassade, während im Innern heftiges Feuer wütet. Foto: Oxford

Aufgrund der hohen Brandintensität wird die Suche nach Opfern schwierig. So schwankt nicht nur die Zahl der Verletzten und Geretteten. Auch die Toten werden anhand der Funde zunächst auf 80 geschätzt. Erst im November kann Scotland Yard die Zahl nach unten korrigieren: Sie wird abschließend mit 71 angegeben. 233 Menschen konnten dem Feuer entkommen. Die Feuerwehr beendete die Ermittlungen zum Brand am 22. September und übergab das gesamte Material an Scotland Yard. Dort dauern die Ermittlungen immer noch an. Ermittelt wird wegen gemeinschaftlicher fahrlässiger Tötung gegen den Bezirksrat von Kensington als Eigentümer sowie die Hausverwaltung Kensington and Chelsea Tenant Management Organization (KCTMO).

Hochhausbrände: ZDF-Interview mit Prof. Reinhard Ries

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London gedenkt der Toten und ehrt die Helden

Am Montag nach der Brandkatastrophe in London gedachte Großbritannien um Punkt 11 Uhr der Opfer des Hochhausbrandes. Für eine Minute ruhte im gesamten Königreich das öffentliche Leben.

Die Ursache für den Brand ist noch immer unklar. Vermutet wird, dass das Unglück mit der Fassadenverkleidung zusammenhängen könnte, die im vergangenen Jahr im Zuge von Renovierungsarbeiten an dem 24-stöckigen Gebäude angebracht worden war. Hier war aus Kostengründen bewusst auf nichtbrennbares Material verzichtet worden.

Immer wieder war von Anwohnern auf Sicherheitsmängel im Greenfell Tower hingewiesen worden. Dies räumten die Behörden inzwischen ein. So sollen Notausgänge, Feuerlöscher und eine Brandmeldeanlage gefehlt haben.

Blick auf den Grenfell Tower. Die obere Hälfte des Gebäudes ist komplett ausgebrannt. Inzwischen gehen die Behörden von 79 Toten aus. Foto: Feuerwehr London

Sehr emotionale Momente spielten sich beim Abrücken der Feuerwehrleute von der Einsatzstelle ab. Passanten bildeten ein Spalier und klatschten Beifall. So dankte die Bevölkerung „ihren Helden“ der letzten Tage.

Von solch positiven Reaktionen kann Premierministerin Theresa May hingegen nur träumen. Dass sich die Regierungschefin bei ihrem ersten Besuch am Hochhaus nicht mit Anwohnern getroffen hat, nehmen die Britten ihr richtig übel. Erst am Freitag suchte sie Verletzte im Krankenhaus auf. Viele Londoner forderten deshalb lautstark den Rücktritt der Premierministerin. Die Queen beispielsweise hatte sich sofort mit Betroffenen getroffen.

Superstar Adele dankt den Londoner Feuerwehrleuten

London – Sängerin Adele (“Hello”) hat knapp eine Woche nach der Brandkatastrophe im Grenfell Tower überraschend Feuerwehrleute in London besucht.

“Sie tauchte plötzlich auf der Wache auf, klopfte am Fenster und sagte, dass sie Kuchen für uns hätte. Als wir die Tür öffneten, nahm sie ihre Sonnenbrille ab und sagte: ‚Hi, ich bin Adele.‘”, schilderte der Leiter der Wache, Ben King, den Überraschungsbesuch auf der Facebook-Seite der London Fire Brigade.

Die Londoner Feuerwehrleute haben sich über den Besuch der Sängerin gefreut. Foto: London Fire Brigade

Rund 50 Stars rund um den britischen Musikproduzenten Simon Cowell haben zudem unter dem Namen Artists For Grenfell (Künstler für Grenfell) eine Benefiz-Single des Simon & Garfunkel-Klassikers “Bridge over troubled water” aufgenommen. Dabei waren auch Robie Williams und Rita Ora. Ein Teil des Erlöses kommt der Hilfsorganisation “The London Community Foundation” zugute. Cowell selbst hatte nach eigenen Angaben 100.000 Pfund (etwa 113.400 Euro) an die Opfer der Brandkatastrophe gespendet.

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