Produkt: Sonderheft: Fahrzeuge Spezial 2017
Sonderheft: Fahrzeuge Spezial 2017
Alles, was Sie über Feuerwehr-Fahrzeuge wissen müssen – dieses 132 Seiten starke Sonderheft liefert Antworten!
Die Spezialfahrzeuge der FF Seiser Alm (Südtirol)

Lösch-Raupe

Seiser Alm (Italien) – Bis zu 300 Höhenmeter oberhalb des Feuerwehrhauses erstreckt sich das Einsatzgebiet der FF Seiser Alm (Südtirol). Es umfasst ein riesiges Wintersportgebiet. Die Skihütten und Liftstationen werden in der Saison von tausenden Touristen genutzt. Mit herkömmlichen Fahrzeugen sind sie dann nicht zu erreichen. Deshalb rückt die Feuerwehr bei Schnee und Eis mit einem Hägglunds-Raupenlöschfahrzeug an.

Text und Fotos: Christopher Benkert

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Mit einem Hägglunds Bv 206 D rückt die FF Seiser Alm zu Einsätzen im Winter sowie in schwierigem Gelände aus. Sechs Mann Besatzung finden im Vorderwagen Platz. Im Hinterwagen steht ein Gerätemodul zur Verfügung. Der feuerwehrtechnische Auf- und Ausbau stammt von BAI. Bv steht übrigens für Bandvagn (schwedisch für Fahrzeug mit Laufbändern). Foto: Benkert (Bild: Christopher Benkert)

Die Seiser Alm in Südtirol ist Europas größte Hochalm und ein beliebtes Urlaubsziel. In den schneefreien Jahreszeiten lösen Wanderer, Radfahrer und Bergsteiger die Wintersportler ab. Für die Sicherheit auf der Alm wird im Hauptort Compatsch (1.825 Meter hoch gelegen) eine Feuerwehr vorgehalten. Die Freiwillige Feuerwehr Seiser Alm – auf Italienisch Corpo Vigili del Fuoco Volontari Alpe di Siusi – betreut die 57 Quadratkilometer große, von Bergen eingerahmte Hochfläche mit rund 200 Einwohnern – und über 1.700 Hotelbetten.

Eine ganz besondere Herausforderung stellen die vielen auch als Restaurant genutzten Berghütten und Liftstationen dar. Die Puflatschhütte beispielsweise liegt auf 2.100 Meter Höhe und damit 275 Höhenmeter über Compatsch. Während sie in den schneefreien Monaten ohne weiteres mit dem Auto erreicht werden kann, gelangen Besucher bei Schnee und Eis nur noch zu Fuß, mithilfe eines Skilifts oder eines Schneemobils nach oben. Im Falle eines Brandes können selbst allradgetriebene Löschfahrzeuge mit Schneeketten die Hütte nicht anfahren. Ein Umladen der Feuerwehrausrüstung in die Seilbahn auf den Puflatsch oder in ein Schneemobil des Pisten- und Liftbetreibers wäre zwar möglich, würde aber viel Zeit kosten.

Um bei Bränden in diesen schwer zugänglichen Hütten dennoch schnell eingreifen zu können, besitzt die Feuerwehr Seiser Alm ein umgangssprachlich als Hägglunds-Raupe bezeichnetes Kettenfahrzeug. Einer konkreten Kategorie ist es nicht zuzuordnen, geschweige denn einer deutschen oder österreichischen Norm. Letztere werden üblicherweise bei Beschaffungen von Feuerwehrfahrzeugen auch im teilautonomen Südtirol angewendet. „Unser Raupenfahrzeug bewegt sich irgendwo zwischen einem Mannschaftstransport- und einem Kleinlöschfahrzeug“, erläutert Hannes Tröbinger Scherlin, Feuerwehrkommandant auf der Seiser Alm.

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62 Zentimeter breite Ketten

Korrekt handelt es sich beim Fahrgestell um einen Bv 206 D vom schwedischen Hersteller AB Hägglund & Söner, gebaut 1996. Auf seinen jeweils 62 Zentimeter breiten Gummiketten kann die Raupe fast überall fahren. „Skipiste, Tiefschnee, Asphalt, Geröll, alles kein Problem!“, schwärmt Tröbinger Scherlin. Sogar schwimmen kann die Raupe. „Zwar erreicht sie dann nur noch eine Geschwindigkeit von 3 km/h, aber für das Durchqueren eines kleinen Flusses reicht das aus“, so der Kommandant. Auf der Straße beschleunigt der Hägglunds auf bis zu 50 km/h. Um am Straßenverkehr teilnehmen zu dürfen, verfügt sie als einzige Hägglunds-Raupe in Südtirol extra über eine Straßenzulassung. Im Gelände können Steigungen bei festem Untergrund bis zu 60 Prozent erklommen werden, mit Schnee unter den Ketten sind es immerhin noch 30 Prozent.

Gesteuert wird der Hägglunds mittels eines Steuerrads. In der Bildmitte ist der Wählhebel des Automatikgetriebes zu erkennen. Foto: Benkert (Bild: Christopher Benkert)

Der aus Norditalien stammende Feuerwehrausrüster BAI übernahm den feuerwehrtechnischen Umbau des Vorderwagens. Dessen Dach erhielt einen Aufsatz und wurde so an die Höhe des Aufbaus des so genannten Hinterwagens angepasst. Dieser Dachaufsatz ist in den vorderen Ecken mit Blaulichtmodulen versehen. In die Seiten und die Front sind mehrere gelbe und blaue Blitzer von Federal Signal sowie zwei nach vorne gerichtete Zusatzscheinwerfer eingebaut. Mit der an der Stoßstange angebrachten Vorbauseilwinde können Lasten bis zu fünf Tonnen gezogen werden.

Für den Einsatz als Feuerwehrfahrzeug wurde ein Kofferaufbau für den Hinterwagen benötigt. Bei dem durch Hägglund & Söner angebotene Aufbau ging viel Platz durch zahlreiche Rundungen verloren. „Ein sinnvoller feuerwehrtechnischer Ausbau war mit diesem Koffer nur schwer zu realisieren“, so Tröbinger Scherlin. Daher entschied sich die Wehr für einen Hinterwagen mit Pritsche.

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Beladungsmodul im Heck

BAI versah diese mit einem geeigneten Kofferaufbau. Er ist auf beiden Seiten mit jeweils zwei nach oben öffnenden Klappen und am Heck mit einer zweiflügeligen Tür versehen. In alle Klappen und Türen sind Fenster eingelassen. Auf dem Aufbaudach sind zwei Rundumkennleuchten von Britax montiert. Als einziger Ausrüstungsgegenstand befindet sich eine kleine Leiter auf dem Dach.

Das Herzstück des Aufbaus ist ein durch die hintere Tür eingeschobenes Beladungsmodul. Über die beiden hinteren Seitenklappen und die Hecktür können große Teile der Ausrüstung erreicht werden. Eine weitere Zugangsmöglichkeit besteht über den vorderen Aufbauteil. Dieser ist begehbar und ermöglicht es, den innenliegenden Teil des Moduls zu erreichen. „Ursprünglich war diese Hälfte des Aufbaus als Mannschaftsraum für sechs weitere Einsatzkräfte ausgebaut“, erklärt Tröbinger Scherlin. „Aus Zulassungsgründen darf der hintere Wagen aber nicht mehr zum Personentransport genutzt werden.“

Drei Pressluftatmer lagern im vorderen Teil des Aufbaus, der über eine Klappe begehbar ist. Ursprünglich konnten hier nochmal sechs Mann sitzen. Das Ausrüstungsmodul nimmt die komplette hintere Hälfte des Aufbaus ein. Die Geräte werden üblicherweise einzeln entnommen. Allerdings kann das gesamte Modul auch aus dem Hinterwagen geschoben werden. Die Schläuche in der Mitte werden auf einem Einzelauszug gelagert. Foto: Benkert (Bild: Christopher Benkert)

Bei der Indienststellung des Bv 206 D war der Raum dazu mit zwei Bänken ausgestattet. Mit einer Gegensprechanlage konnten die Insassen beider Wagen miteinander kommunizieren. Beide Sitzbänke hat die Feuerwehr entfernt. Geblieben sind drei an der Wand aufgehängte Pressluftatmer, ein darunter gelegener offener Staukasten für Atemanschlüsse und andere kleine Ausrüstungsgegenstände sowie die Gegensprechanlage.

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Tragkraftspritze und Impulslöschgerät

Auf dem aus einem Metallrahmen bestehenden Modul wird fast die komplette Fahrzeugbeladung transportiert. In drei Mulden werden gerollte Druckschläuche mitgeführt. Zwei der Mulden liegen teilweise verdeckt in der Mitte des Moduls und können extra herausgezogen werden. Sollten die mitgeführten Druckschläuche mal nicht ausreichen, kann an das Raupenfahrzeug noch ein zusätzlicher Schlauchanhänger mit 800 Meter B-Schlauch, verteilt auf zwei Haspeln, angekuppelt werden.
Die verschiedenen wasserführenden Armaturen finden in zwei mit Gittern verschlossenen Fächern sowie auf einer abkippbaren Schublade Platz. Neben verschiedenen Strahlrohren werden ein Zumischer und ein Schaummittelkanister mitgeführt. Zum Heck hin befindet sich im oberen Teil eine der ausziehbaren Schlauchmulden.

Darunter gibt es zwei Auszüge für große Ausrüstungsgegenstände. Auf einem werden ein Stromerzeuger und eine kleine Tragkraftspritze transportiert, auf dem anderen lagert eine Hochdruck-Impuls-Löschanlage. Sie stammt aus dem Portfolio von AMAS, einem italienischen Hersteller für landwirtschaftliches Gerät. „Die Hochdrucklöschanlage ist optimal für den Einsatz auf unseren Hochalmen geeignet, sie hat eine hohe Löschwirkung bei geringem Wasserbedarf und ist nicht frostempfindlich“, erklärt der Feuerwehrkommandant.

Ein Hochdruck-Impuls-Löschgerät ist auf dem zweiten Auszug gelagert. Es arbeitet mit einem Druck von 80 bar, die Pressluft stammt aus zwei 6-l-Stahlflaschen. Hersteller der Anlage ist eine italienische Firma für Agrargeräte. Foto: Benkert (Bild: Christopher Benkert)

Der Clou des Beladungsmoduls ist seine hohe Flexibilität. Kommt selbst das Raupenfahrzeug mal nicht mehr weiter, kann das etwa 600 Kilogramm schwere Modul einfach entnommen und auf Stützen abgestellt werden. Dank mehrerer Ösen auf der Oberseite kann es dann durch einen Hubschrauber als Außenlast transportiert werden. Die Einsatztaktik der Wehr sieht vor, dass die Raupe so nah wie möglich an den Einsatzort heranfährt. Erst dann wird das Modul per Hubschrauber an die Einsatzstelle geflogen. Die Mannschaft wird entweder auch mit dem Hubschrauber transportiert, geht zu Fuß oder nutzt kompakte Motorschlitten. „Einige Hütten auf den Bergspitzen können durch die Feuerwehr sogar nur durch die Luft erreicht werden“, weiß der hauptberufliche Hotelier Tröbinger Scherlin zu berichten.

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Hägglund Bv 206 D

Der Bv 206 D wurde Ende der 1970er Jahre als All-Terrain-Vehicle für das schwedische Militär entwickelt und zunächst von Hägglund & Söner gebaut. Seit 2004 werden die Fahrzeuge der Hägglunds-Familie, es gibt unter anderem noch eine gepanzerte Variante des Bv 206 D, durch ein Tochterunternehmen des britischen Rüstungsriesen BAE Systems gefertigt. Neben dem schwedischen Militär nutzen auch zahlreiche andere Streitkräften auf der ganzen Welt die Hägglunds-Raupe. Auch bei der Bundeswehr sind gepanzerte und ungepanzerte Hägglunds im Einsatz.

Dank des Knickgelenks zwischen Vorder- und Hinterwagen hat das Gespann eine erstaunliche Geländegängigkeit. Typisch für Südtirol ist die zweisprachige Beschriftung des Raupenfahrzeuges: Während auf einer Seite der deutsche Schriftzug „Freiwillige Feuerwehr Seiser Alm“ angeordnet ist, steht derselbe Schriftzug auf der anderen Tür in Italienisch. Foto: Benkert (Bild: Christopher Benkert)

Es gibt aber auch zahlreiche zivile Nutzer des Bv 206 D. In Deutschland waren und sind zivile Hägglunds-Raupen beispielsweise bei der Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main, dem THW oder dem Rettungsdienst Goslar im Einsatz. Der Bv 206 D besteht aus zwei räumlich getrennten Wagen, die durch ein hydraulisches Knickgelenk fest miteinander verbunden sind. Daher zählt die 6,5 Tonnen schwere Raupe als ein einziges Fahrzeug und kann mit einem Führerschein der Klasse C, Kraftfahrzeuge über 3,5 Tonnen ohne Anhänger, gefahren werden. Über das Knickgelenk wird die Stellung der beiden Wagen zueinander geändert und damit das Gespann gelenkt.

Für den hinteren Wagen der Raupe werden verschiedene Aufbaukonfigurationen angeboten, zum Beispiel eine Variante mit einem Wechsellader, ein Kofferaufbau zum Personal- und Materialtransport oder eine Pritsche. Angetrieben wird das Raupenfahrzeug über einen 125 PS starken Dieselmotor von Mercedes-Benz. Die Kraftübertragung erfolgt über ein ebenfalls von Mercedes-Benz zugeliefertes 4-Gang-Automatikgetriebe auf zwei baugleiche Kettenlaufwerke unter den Wagen. Um den Straßenbelag zu schonen, sind die Laufwerke mit Gummiketten versehen. Ein Hinweis auf die Antriebsart versteckt sich schon in der Typbezeichnung der Raupe. Das Kürzel Bv steht für das schwedische Wort Bandvagn, zu Deutsch: Kettenfahrzeug.

Begehbare Unterflurhydranten

Auf dem Raupenfahrzeug wird kein Standrohr mitgeführt. „Weil es auf der Seiser Alm keine Unterflurhydranten gibt, wäre ein Standrohr vollkommen nutzlos“, sagt der Kommandant. Das Hydrantennetz der Alm ist nicht sehr groß und besteht vor allem aus Überflurhydranten in den Dörfern. Zusätzlich kann die Feuerwehr spezielle begehbare „Unterflurhydranten“ anzapfen. Sie werden normalerweise für das künstliche Beschneien der Skipisten genutzt.

Bei allen Einsätzen der Feuerwehr Seiser Alm ist das Raupenfahrzeug mit von der Partie. Aber auch unter anderen Gesichtspunkten ist das „Raupenfahrzeug Seiser Alm“ eine Besonderheit. Es ist der einzige Hägglunds in Italien, der als Löschfahrzeug genutzt wird. Zwar beschaffte der italienische Staat einige Bv 206 D für seine zentral organisierten Feuerwehren, diese werden aber ausschließlich für Logistikaufgaben eingesetzt.

Die letzte Besonderheit ist vor allem auf lokaler Ebene von Bedeutung. Als einziges Fahrzeug der Feuerwehr Seiser Alm hat das Raupenfahrzeug neben einem 4-m-Band-Funkgerät für den Feuerwehrfunk auch ein im 2-m-Band arbeitendes Funkgerät für den Zivilschutz an Bord. Wichtig ist dieses vor allem bei Personensuchen, bei denen Feuerwehr und Bergrettung zusammenarbeiten.

TLF-A 2000 der FF Seiser Alm

In der Februar-Ausgabe stellen wir ein weiteres Sonderfahrzeug der FF Seiser Alm vor: das Tanklöschfahrzeug Allrad TLF-A 2000 auf MAN TGM 13.290 4×4 mit Kofler-Aufbau.

Der Schlern gehört zu den bekanntesten Wahrzeichen Südtirols und überragt weithin sichtbar die Seiser Alm und das Umland. Die markante Silhouette des 2.564 m hohen Berges mit der vorgeschobenen Santnerspitze findet sich auch als stilisierte rote Linie auf dem Kofler-Aufbau des TLF-A 2000 wieder. Foto: Benkert

Mehr Fotos von der Löschraupe auf BOS-fahrzeuge.info

Auf unserem Partnerportal findet Ihr noch mehr Fotos der Löschraupe Seiser Alm sowie eine Beladeliste. Hier geht’s zur Seite.

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