Dienstag, 31. Mai 2016

Tipps für den Seilwinden-Einsatz bei der Feuerwehr

22. Januar 2016 von  

Unfall, Fahrzeug am Hang, droht abzustürzen. Einsatz der Seilwinde. Jetzt muss alles schnell gehen. Doch wie ging es noch mal? Gerade der Einsatz der Seilwinde wird bei vielen Feuerwehren zu selten geübt. Schwere Unfälle können die Folge sein. Wir geben Tipps für Einsatz und Übungen.

Der richtige und schnelle Einsatz der Seilwinde kann Leben retten. Der über dem Brückengeländer hängende Lkw, der Pkw im Bach, die Holzmaschine am Berghang sind nur einige Beispiele. Doch unerfahrene Einsatzkräfte sind einem hohen Risiko ausgesetzt: Fehler beim Anschlagen, beim Sichern des Seilwinden-Fahrzeuges oder während des Ziehens können schwere oder gar tödliche Verletzungen sowie schwere materielle Schäden zur Folge haben. Wer mit der Seilwinde richtig arbeiten will, muss nach einer ausführlichen Einweisung üben, üben und nochmals üben. Und sollte folgende Tipps und Hinweise befolgen.

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Soll wie hier ein Lkw aufgerichtet werden, so ist ein zweites Windenfahrzeug (hinten) zum Sichern erforderlich. Wird nur mit einem Fahrzeug gezogen, besteht die Gefahr, dass die Last unkontrolliert überschlägt. Foto: Rotzler

Vorbereiten, bevor der erste Einsatz kommt

Für alle Betreiber einer Seilwinde ist neben der „Unfallverhütungsvorschrift Feuerwehren“ (GUV-V C 53) auch die Vorschrift GUV-V D 8 „Winden, Zug- und Hubgeräte“ verbindlich. Darin wird festgelegt, dass das Anschlagen und die Bedienung von Seilwinden nur Kräften übertragen werden darf, die verantwortungsbewusst, körperlich geeignet, in die Bedienung eingewiesen und über 18 Jahre alt sind. Die Einweisung der Kräfte auf eine neue Seilwinde muss bei der Übergabe durch den Hersteller erfolgen. Nur er ist mit allen Bedienelementen und Besonderheiten vertraut. Später kann die Einweisung dann durch erfahrene Einsatzkräfte erfolgen. Üben Sie regelmäßig den Umgang mit der Seilwinde.

Auch das Zubehör wie Radkeile, Schäkel, Rollen, Drahtseile, Ketten und Rundschlingen zum Anschlagen von Lasten müssen vorab mit Bedacht zusammengestellt werden. Sie müssen alle zu erwartenden Belastungen aushalten können (mehrsträngiger Zug). Lassen Sie sich von Ihrem Windenhersteller beraten.

Vorsicht vor dem Seil

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Der Einsatzleiter hat den Befehl zum Einsatz der Seilwinde gegeben. Das Einsatzfahrzeug wird in der zu erwartenden Zugrichtung aufgestellt, das Seil ausgezogen, das Anschlagmaterial bereitgelegt. Gleichzeitig muss unbedingt die Strecke zwischen dem Seilwinden-Fahrzeug und der Last gesperrt werden. Sorgen Sie für gute Beleuchtung. Ein gespanntes Windenseil ist schon im Hellen schwer zu erkennen, im Dunkeln gar nicht. Wer einmal mit dem Hals in eine gespannte Wäscheleine gelaufen ist, versteht das. Trennen Sie einen Helferweg ab, den nur die benutzen dürfen, die unmittelbar am Seilwinden-Einsatz beteiligt sind. Auf diesem Versorgungsweg, auf dem Dach des Winden-Fahrzeugs und selbstverständlich auch zwischen Seilwinde und Last darf sich während der Zugarbeit niemand aufhalten. Das gilt auch für Zuschauer, Fotografen und Führungskräfte!

Und noch ein Sicherheitshinweis, weil es immer wieder falsch gemacht wird: Das laufende Seil und laufende Rollen nicht berühren. Quetschungs- und Amputationsverletzungen sind sonst unvermeidbar. Beim Umgang mit Drahtseilen sind immer Handschuhe zu tragen.

Sichern Sie das Einsatzfahrzeug gegen Wegrutschen. Auf fester, trockener Straße, wenn nur geringe Seilkräfte auftreten, genügt in der Regel die Allrad- Feststellbremse, die nach DIN 14584 (Feuerwehrfahrzeuge – Zugeinrichtungen mit maschinellem Antrieb: Anforderungen, Prüfung) bei Windenfahrzeugen vorgeschrieben ist. Fahrzeuge mit zehn bis 14 Tonnen Eigengewicht halten erfahrungsgemäß auf Teerstraßen bis 50 kN Zugkraft.

„In der DIN 14584 wird grundsätzlich die Verwendung von Unterlegkeilen verlangt“, so Hans Jürgen Pomp von Pomp Winden-Technologie. „In der Praxis kann dies unnötigen Schaden an der Straße anrichten. Deshalb sollte der Einsatz von Keilen von der Situation am Einsatzort abhängig gemacht werden.“

Bei unberechenbarem Untergrund oder bei Glatteis sind Unterlegkeile immer zu verwenden. Bei Zug nach vorn legen Sie die Radkeile unter die Vorderräder, da diese die Hauptlast aufnehmen. Die Hinterräder könnten unter Umständen über die Keile wegrutschen. Achten Sie darauf, verzahnte Keile zu benutzen. Normale Lkw-Radkeile können sich lösen und wie Geschosse wegschleudern.

Unter Umständen muss das Seilwinden-Fahrzeug mit Seilen oder Ketten gesichert werden. Als Anschlagpunkt bietet sich ein zweites schweres Fahrzeug, ein Baum oder Erdanker an. An steilen Hangkanten sollte nach Möglichkeit eine Umlenkrolle mit Festpunkt als Absturzsicherung benutzt werden.

Einsatz der Seilwinde: Zeichen vereinbaren

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Pomp Frontseilwinde Spulmat C. Dabei handelt es sich um eine Trommelseilwinde mit Seilführung. Die drehbare Rolle erlaubt Zugkräfte bis 50 kN bei einem Winkel kleiner 25 Grad und 15 kN bei einem Winkel bis zu 90 Grad.

Der Anschläger – also die Person, die die Last mit der Seilwinde verbindet – muss sicher verbinden und den Gefahrenbereich kennen. Er entscheidet, wie sicher die Windenarbeit abläuft. Deshalb sollen hier nur erfahrene Kräfte eingesetzt werden. Erst wenn der Anschläger seine Arbeit beendet und sich davon überzeugt hat, dass alle den Gefahrenbereich verlassen haben, gibt er dem Windenführer ein Zeichen zum Anfahren. Und erst dann darf dieser mit dem Ziehen beginnen.

Die Zeichen zwischen Windenführer und Anschläger sind vorher zu vereinbaren und zu üben. Diese können durch Winken, Lichtsignale oder über Sprechfunk gegeben werden. Zurufe sind ungeeignet. Grundsätzlich darf nur eine Person Zeichen geben. Auch Vorgesetzte dürfen erst dann eingreifen, wenn Windenführer und Anschläger vom Wechsel der Verantwortung wissen.

Auf die Verbindung kommt es an

Das Zugseil der Seilwinde wird mit Schäkeln an Anschlagseilen oder Ketten befestigt. Hier empfiehlt Hans Jürgen Pomp hochfeste Schäkel in geschweifter Form mit Schraubbolzen: „Diese Schäkel bieten mehr Auflagefläche für die Verwendung von Rundschlingen und sind leichter als herkömmliche Schäkel nach DIN 82101.“ Von Schäkeln mit Sicherungsmutter und Splint rät der Fachmann ab. „Suchen Sie mal nachts im Gras nach Mutter und Splint, wenn Ihnen diese einmal runterfallen.“

Zudem empfiehlt er, alle verwendeten Anschlagmittel entsprechend ihrer Tragkraft farblich einheitlich zu kennzeichnen. „Das verhindert im Einsatz Fehlgriffe“, so Pomp.

Hier einige Grundregeln für das richtige Anschlagen:

  1. Zwischen Fahrzeugwinde und Last darf kein Wirbelhaken eingesetzt werden. Seile für den Bodenzug sind im Gegensatz zu Kranseilen nicht drehungsfrei.
  2. Alle Verbindungselemente müssen für die möglichen Kräfte zugelassen sein. Fehlt der Nachweis, sortieren Sie die Teile aus.
  3. Spreizwinkel reduzieren die zulässige Belastung für die Anschlagseile. Für die Praxis kann folgende Faustregel gelten: Unter 45 Grad – voller zulässiger Wert. Über 45 Grad – halbe Kraft. Herstellerangaben haben Vorrang.
  4. Lose Rollen erhöhen die Zugkraft und damit die Belastung von Anschlagmitteln.
  5. Die Verlängerung von Hebebändern und Rundschlingen durch Verknoten oder Ineinanderschlingen ist verboten.
  6. Schäkel zwischen zwei Rundschlingen sind erlaubt, wenn die Bänder voll aufliegen.
  7. Das Windenseil darf nicht als Anschlagseil missbraucht werden, also nicht direkt um Baumstämme oder Fahrzeugteile geschlungen werden. Verwenden Sie geeignete Anschlagseile, -ketten oder -schlingen.
  8. Muss das Seil über Kanten laufen, sind geeignete Kantenreiter oder Holzunterlagen zu verwenden.
  9. Anschlagmittel vor dem Einsatz kontrollieren und regelmäßig prüfen lassen.
  10. Erst nachdem alle Verbindungen gesichert sind und alle den Gefahrenbereich verlassen haben, gibt der Anschläger dem Windenführer den Zug frei.
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Grundprinzip des Ziehens mit einer Seilwinde: Die Last wird mittels Rundschlinge und dreier Schäkel am Zugseil angeschlagen. Das Windenfahrzeug wird mit fünf Tonnen beim Ziehen belastet.

Als Mindestausstattung für ein Fahrzeug mit Seilwinde empfehlen die Praktiker der Firma Pomp folgende Anschlagmittel: hochfeste Schäkel Working Load Limit (zulässige Tragfähigkeit, WLL) 6 500 kg: zwei Stück, WLL 9 500 kg: drei Stück, WLL 17 000 kg: ein Stück, je eine Polyester-Rundschlinge drei Meter und fünf Meter, WLL 10 000 kg, zwei Umlenkrollen sowie vier Unterlegkeile (je zwei für Seilwinden-Fahrzeug und Haltefahrzeug). Für schwere Einsätze, bei denen raue Oberflächen, scharfe Kanten oder hohe Temperaturen zu erwarten sind, empfiehlt sich zudem die Anschaffung einer zweisträngigen Anschlagkette mit Verkürzungsklauen und Sicherheits- Lasthaken, WLL 10 000 kg, Länge vier Meter.

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Stellt sich bei der Erkundung oder beim Ziehen heraus, dass eine Zugkraft von 50 kN nicht ausreicht, kann sie mittels einer losen Rolle verdoppelt werden. Wichtig: Die lose Rolle wird an der Last angeschlagen. Das Windenfahrzeug wird jetzt mit zehn Tonnen belastet. Spätestens jetzt Radkeile einsetzen.

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Für noch mehr Zugkraft kann auf dreisträngigen Zug erweitert werden. Um das Windenfahrzeug nicht zu überlasten, wird mit einem zweiten Haltefahrzeug (oder einem anderen Festpunkt) und zwei Rollen gearbeitet. Zugkraft: 150 kN. Belastung Windenfahrzeug: fünf Tonnen. Belastung Haltefahrzeug: zehn Tonnen. Radkeile an beiden Fahrzeugen.

Wichtig ist auch die Wahl der Anschlagpunkte. Für das Ziehen in Längsrichtung sollten immer Anhängerkupplung, Zugmaul oder die an jedem Einsatzfahrzeug vorhandenen Schäkel verwendet werden. Dabei immer an beiden Schäkeln anschlagen.

Muss ein Fahrzeug quer gezogen oder aufgerichtet werden, so kann an den Querträgern oder Federböcken angeschlagen werden. Wenn Querträger als U-Profi l ausgeführt sind, müssen sie mit passenden Kanthölzern ausgesteift werden. Nicht geeignet sind Fahrerhaus, Batteriekästen, Kotflügel, Tanks, Luftkessel, Leitungen, Auspuff, Spurstangen und Gelenkwellen.

Noch ein Praxistipp zur Verwendung von Schäkeln: Ziehen Sie den Bolzen zunächst handfest an und drehen Sie ihn dann eine Vierteldrehung zurück. So lässt er sich nach Belastung auch wieder von Hand lösen.

Nach dem Einsatz sind Windenseil und Schäkel, Seile, Ketten sowie Rundschlingen auf eventuelle Beschädigungen zu prüfen. Einmal jährlich müssen sie zudem durch einen Sachkundigen geprüft werden. Beschädigte Teile sind sofort auszusondern und zu ersetzen.

Zulässige Einsatzarten für die Seilwinde

Selbst zwischen normgerechten Seilwinden bestehen große Unterschiede. Achten Sie darauf, dass Ihre Seilwinde nur für Arbeiten verwendet wird, die der Hersteller freigegeben hat.

Ziehen

Die DIN 14584 verlangt Ziehen bis 45 Grad Hangschräge. Da Lasten auch kraftschlüssig abgelassen werden können, fällt auch diese Arbeit unter den Begriff Ziehen.

Selbstbergung

Hat sich das Einsatzfahrzeug festgefahren, so muss es sich selbst mittels seiner Seilwinde bergen können. Dies geht nur, wenn sich der Nebenantrieb nicht beim Lösen der Handbremse selbsttätig auskuppelt.

Heben

Wird mit einer Fahrzeugwinde an Steilhängen mit einem Winkel von mehr als 45 Grad gearbeitet, so spricht man vom Heben. Es ist verboten, wenn Seilwinden nicht mit den erforderlichen Sicherheitseinrichtungen ausgestattet sind.

Schleppen

Steht das Seilwinden-Fahrzeug direkt an einer Hangkante, so dass das Unfallfahrzeug nur durch Zurücksetzen auf ebenen Boden kommt, muss geschleppt werden. Schleppen ist verboten, wenn eine Überlastung der Seilwinde im Schleppbetrieb nicht erkannt werden kann, weil dies zu Beschädigungen der Winde, des Rahmens oder der Befestigungspunkte führen kann (Rotzler Treibmatic). Die Spulmatic C der Firma Pomp lässt Schleppen zu und warnt optisch und akustisch vor Überlast.

Sichern

Gegenzug beim Aufrichten von Fahrzeugen, Halten beim Trennen von Fahrerhäusern oder Lenksäulen, Sichern von Fahrzeugen oder Lasten gegen Absturz. Die letzte Tätigkeit ist übrigens die einzige Tätigkeit mit einer Seilwinde, bei der es zum Schutz von eventuell im Fahrzeug sitzenden Personen auf Schnelligkeit ankommt. Alle anderen Tätigkeiten mit einer Seilwinde sollten langsam und überlegt vorgenommen werden.

(Text: Olaf Preuschoff; Infos: Firma Pomp, Firma Rotzler)

Kommentare

2 Kommentare zu “Tipps für den Seilwinden-Einsatz bei der Feuerwehr”
  1. Endlich einmal ein Beitrag zum Thema Seilwinde. Obwohl man denken sollte daß bei den Deutschen Feuerwehren alles geregelt ist, wird die Seilwinde hier komplett ausgenommen. Zum Thema Arbeiten mit Seilwinde und Anschlagmittel werden die Feuerwehren oft alleine gelassen. Zugkräfte von 50kN,im doppelten Zug bis zu 100kN, Drahtseile, Anschlagmittel und Anschlagpunkte bieten ein großes Gefährdungspotential, das im schlimmsten Fall zu schwersten Verletzungen führen kann. Bei der Fahrzeugübergabe kann nur eine kurze Einweisung in die Bedienung der Windenanlage erfolgen. Alles andere obliegt dann der Feuerwehr, mit dem Ergebnis daß die Seilwinde auch im Übungsbetrieb nur sporadisch genutzt wird. Man will ja nichts kaputt machen. Ich selbst habe z.B an Feuerwehrschulen in Österreich als Ausbilder an Seilwindenschulungen teilgenommen. In einem 2-tägigen Seminar erhielten die Feuerwehrmänner, die mit dem eigenem Fahrzeug angereist waren, eine qualifizierte Ausbildung. Neben der Theorie wurde an 4 Stationen die Seilwinde unter Einsatzbedingungen eingesetzt.
    Was mir in dem Beitrag allerdings noch fehlt ist der Hinweis, daß die GUV-V D8 vorschreibt, daß die Seilwinde 1 mal jährlich durch einen Sachkundigen geprüft werden muß. Dadurch wird zumindest sichergestellt, daß die Seilwinde wenigstens 1 mal im jahr in Betrieb genommen wird.

  2. Michel sagt:

    Sehr detaillierter Beitrag zum Thema Seilwinden bei Feuerwehren!

    Danke und Gruß
    Michel

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