Rauchentwicklung im Landesmuseum

Feuerwehr Hannover übt den Kulturgutschutz

Hannover – Mittwochmorgen im Landesmuseum Hannover. Gegen 10:10 Uhr löst die Brandmeldeanlage einen Alarm in der Regionsleitstelle Hannover aus. Außerdem geht telefonisch ein Notruf über die Nummer 112 zu einer Rauchentwicklung im ersten Obergeschoss sowie der Räumung des Museums in der Leitstelle ein – Auftakt für eine groß angelegte Übung.

Übung zum Kulturgutschutz: Ein Atemschutztrupp der Feuerwehr Hannover birgt ein Kunstwerk aus dem Landesmuseum Hannover.
Übung zum Kulturgutschutz: Ein Atemschutztrupp der Feuerwehr Hannover birgt ein Kunstwerk aus dem Landesmuseum Hannover. (Bild: Feuerwehr Hannover)

Wie die Feuerwehr in einer Pressemitteilung mitteilte, trainierte sie zusammen mit dem Regionalen Notfallverbund Hannover zum Kulturgutschutz die professionelle Bergung und Sicherstellung von unersetzbaren Kulturgütern im Einsatzfall. Als Basis dafür dienten die Notfallpläne des Landesmuseums Hannover

Vor Ort trafen die Feuerwehrleute auf eine von außen sichtbare Rauchentwicklung aus dem Gebäude. Der Einsatzleiter der Feuerwehr alarmierte – nach Rücksprache mit der Notfallbeauftragten des Landesmuseums – die Notfallgruppe Kulturgutschutz, um eine Bergung und Sicherung von gefährdeten Exponaten vorzunehmen.

Laut Feuerwehr sollte das Einsatzszenario dazu dienen, die internen Abläufe des Landesmuseums in einem Schadenfall zu überprüfen, die Kommunikation zwischen Notfallbeauftragten und Einsatzleiter der Feuerwehr zu üben sowie die Bergung von wertvollen Exponaten einzuleiten.

Nach der Bergung aus dem Schadenobjekt war die Notfallgruppe für die sofortige Sicherung der Kulturgüter an der Einsatzstelle verantwortlich. Dazu steht in Hannover eine spezielle Notfallausrüstung bereit, die – verlastet in Containern – durch Logistiker der Feuerwehr zur Einsatzstelle transportiert wurde. Sie umfasst Schutzausrüstung für die Helfer der Notfallgruppe sowie Ausstattung zur fachgerechten Verpackung und zum Schutz von Kulturgütern.

Die alarmierte Notfallgruppe Kulturgutschutz war nach der Bergung aus dem Schadenobjekt für die sofortige Sicherung der Kulturgüter an der Einsatzstelle verantwortlich.
Die alarmierte Notfallgruppe Kulturgutschutz war nach der Bergung aus dem Schadenobjekt für die sofortige Sicherung der Kulturgüter an der
Einsatzstelle verantwortlich.
(Bild: Feuerwehr Hannover)

„Mit der Konzentration von Notfallmaterial bei der Feuerwehr Hannover ist bei einem Einsatz des Notfallverbundes eine schnellere und umfassendere Erstversorgung von Kulturgütern möglich“ betonte Dipl.-Chem. Claus Lange, Direktor der Feuerwehr.

„Wir schätzen die Kompetenz und die Arbeit des Notfallverbundes Hannover sowie der Feuerwehr Hannover sehr,“ sagte Matthias Görn, Betriebswirtschaftlicher Leiter des Landesmuseums Hannover. „Die Übung hilft uns, noch besser auf Gefahrensituationen vorbereitet zu sein, die hoffentlich nie eintreten werden.“

Rund eine Stunde nach Alarmierung war die Einsatzübung beendet. Mit dem Ablauf und ganz besonders mit der Zusammenarbeit der beteiligten Einheiten war der Feuerwehrchef sehr zufrieden. „Erstmalig nach der Bereitstellung der Notfallausrüstung konnten in einer umfassenden Einsatzübung von der Alarmierung der Notfallgruppe bis zur Bergung und Sicherung der wertvollen Exponate des Museums alle Abläufe geübt werden“, war das Fazit von Lange.

Praxistipps: Kulturgutschutz für Feuerwehren

Wenn eine Bibliothek brennt, ein Archiv einstürzt oder ein Museum vom Hochwasser bedroht ist, kommt die Feuerwehr zum Einsatz. Dann gilt es, Kulturgut zu bergen und zu schützen. Wir sagen, wie Ihr Euch auf solche Schadensereignisse vorbereiten könnt.

2014 brach in der in der St.-Hubertus-Kirche in Essen - vermutlich nach Blitzeinschlag - ein Feuer aus. Einsatzkräfte halfen bei der Bergung des Kulturguts. Foto: Feuerwehr Essen
2014 brach in der in der St.-Hubertus-Kirche in Essen – vermutlich nach Blitzeinschlag – ein Feuer aus. Einsatzkräfte halfen bei der Bergung des Kulturguts. Foto: Feuerwehr Essen

Das Jahr 2018 hat die Europäische Kommision zum Europäischen Kulturerbejahr erklärt. Die Bewahrung von Kulturgut ist auch für die Feuerwehr ein wichtiges Thema, wie ein Blick zurück zeigt.

Im Jahr 2004 brach in der historischen Herzogin Anna Amalia Bibliothek (HAAB) in Weimar (TH) ein Brand aus, der sich zu einem Großfeuer entwickelte. Dachgeschoss und zweite Galerie des berühmten Rokokosaales der HAAB, 35 Ölgemälde sowie 50.000 Bücher und Handschriften wurden zerstört. Rund 62.000 Bände sind durch Feuer, Hitze oder Löschwasser beschädigt worden. 2007 konnte die Bibliothek mit dem Rokokosaal zwar wiedereröffnet werden. Die Buchrestaurierung ist allerdings bis heute noch nicht abgeschlossen.

Was ist Kulturgut?

Als Kulturgut lässt sich grundsätzlich alles bezeichnen, was für eine Gesellschaft einen beständigen kulturellen Wert hat. Dazu zählt auch immaterielles Kulturgut, zum Beispiel ein überlieferter Brauch.

Bei Kulturgütern im physischen Sinne kann zwischen beweglichen und unbeweglichen unterschieden werden. Sie haben in der Regel eine archäologische, geschichtliche, künstlerische, technische oder wissenschaftliche Bedeutung.

Bewegliche Kulturgüter finden sich beispielsweise in Bibliotheken, Archiven und Museen. Dort sind Archivalien, Bücher und Kunstwerke meist in großer Zahl vorhanden.

Als unbewegliche Kulturgüter gelten etwa Schlösser, Kirchen und Klöster, aber auch denkmalgeschützte Wohn- und Nutzgebäude sowie Industrieanlagen. In diesen Bauwerken befinden sich neben der ortsfesten Ausstattung oft auch bewegliche Kulturgüter.

Zu Kulturgut zählen beispielsweise Kunstwerke wie dieses Gemälde aus dem 19. Jahrhundert. Foto: Michael Rüffer
Zu Kulturgut zählen beispielsweise Kunstwerke wie dieses Gemälde aus dem 19. Jahrhundert. Foto: Michael Rüffer (Bild: Michael Rueffer)

Neben dem Brand der Weimarer Bibliothek haben zwei andere Großschadensereignisse das Bewusstsein für den Kulturgutschutz in Deutschland geschärft: Das Elbehochwasser 2002, das unter anderem in Dresden für Zerstörungen und Beschädigungen sorgte, und der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln im Jahr 2009.

Bei der Bergung von Kulturgut gehen Menschenleben vor Sachwerten. Foto: Feuerwehr Hannover

In keinem der Fälle waren die Institutionen und Feuerwehren unvorbereitet: Sie hatten jeweils Notfallpläne erarbeitet. Doch allein die Masse des zu bergenden Kulturguts brachte die Beteiligten an ihre Kapazitätsgrenzen. Als eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, bietet sich die Zusammenarbeit in einem Notfallverbund an. Einen solchen Verbund gibt es mittlerweile auch in Weimar.

Gegenseitige Hilfe im Notfallverbund

Nach Schätzungen von Experten haben sich in Deutschland in den letzten Jahren über 40 Notfallverbünde für den Kulturgutschutz gegründet. Mitglieder sind jeweils Archive, Bibliotheken und Museen einer Stadt, eines Kreises oder einer Region. So existieren Notfallverbünde in größeren Regionen und Städten wie Berlin-Brandenburg, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt (HE), Hannover, Koblenz (RP), Leipzig (SN), Magdeburg, Münster (NW) und Stuttgart. Aber auch in kleineren Orten wie Aurich (NI), Detmold (NW), Halle (ST) und Weimar (TH) gibt es solche Zusammenschlüsse.

Ziel der Verbünde ist, sich im Schadensfall bei der Bergung und Sicherung von Kulturgut gegenseitig Hilfe zu leisten – in materieller und personeller Hinsicht. Grundlage für die Zusammenarbeit sind Vereinbarungen oder Verträge, in denen die Aufgaben der einzelnen Mitglieder festgehalten sind.

Notfallplanung und einsatztaktische Maßnahmen werden mit den örtlichen Feuerwehren abgestimmt. Diese bringen oft zusätzlich zur Ausrüstung der einzelnen Institutionen weiteres Spezialequipment zur Einsatzstelle. In regelmäßigen Übungen -beispielsweise Brandschutzübungen – wird das gemeinsame Vorgehen der Verbundmitglieder und der Feuerwehr trainiert.

Übung des Regionalen Notfallverbunds Kulturgutschutz Hannover und der Feuerwehr Hannover: Evakuierung von Büchern per Bergungsrutsche. Foto: Feuerwehr Hannover
Übung des Regionalen Notfallverbunds Kulturgutschutz Hannover und der Feuerwehr Hannover: Evakuierung von Büchern per Bergungsrutsche. Foto: Feuerwehr Hannover

 

Ob im Notfallverbund oder bei Einzelobjekten: Die Großereignisse der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass für die Feuerwehr die Einsatzvorbereitung und das realitätsnahe Üben entscheidend beim Kulturgutschutz sind.

Hier haben wir zusammen mit Experten die wichtigsten Tipps für Euch zusammengestellt:

12 Praxistipps für die Feuerwehr

1) Kontakt mit den Kultureinrichtungen/Besitzern

Sucht als Feuerwehr in Eurem Einsatzgebiet den Kontakt mit den Kultureinrichtungen beziehungsweise Besitzern von wertvollem Kulturgut.

2) Ortsbegehung mit Gefährdungsanalyse

Führt gemeinsam bei einer Ortsbegehung eine Gefährdungsanalyse durch – unter Berücksichtigung der bereits getroffenen Maßnahmen des Vorbeugenden und Abwehrenden Brandschutzes.

Das Feuerwehr-Magazin testen

Noch mehr Praxistipps findet Ihr jeden Monat im Feuerwehr-Magazin. Ihr könnt einzelne Ausgaben online versandkostenfrei bestellen oder beispielsweise ein Mini-Abo mit drei Heften abschließen.

Hier geht’s zum Mini-Abo

3) Liste mit wertvollsten Objekten

Regt an, die wertvollsten Objekte in einer Liste aufzuführen und deren Standorte in Plänen beziehungsweise auf Laufkarten festzuhalten. Die Bedeutung des jeweiligen Kulturguts lässt sich anhand eines Kennzeichnungssystems (Symbole, Farben) darstellen.

4) Bewegliches Kulturgut richtig einschätzen

Wichtige Fragen bei beweglichem Kulturgut können sein: Wie groß und schwer ist das Objekt? Aus welchen Materialien besteht es? Welche Löschmittel kommen in Frage, welche scheiden aus (beispielsweise Löschschaum)? Wie kann das Objekt von seinem Aufbewahrungs-/Präsentationsort entfernt und an einen sicheren Platz transportiert werden?

5) Unbewegliches Kulturgut beurteilen

Bei unbeweglichem Kulturgut sollte unter anderem bedacht werden: Welche Gebäudeabschnitte, Teppen und Wege gibt es? Was für Materialien sind bei Bau und Ausstattung verwendet worden? Womit kann gelöscht werden?

6) Notfallkonzept erstellen

Erstellt gemeinsam ein Notfallkonzept. Darin gehören die Telefonnummern von Ansprechpartnern der Einrichtungen, von möglichen Helfern sowie von Experten (zum Beispiel Restauratoren) und Unternehmen (etwa Kühlhausbetreibern), die in die Notfallplanung einbezogen werden.

7) Telefonnummern von Ansprechpartnern hinterlegen

Bei bedeutenden Objekten sollten die Telefonnummern wichtiger Ansprechpartner bei der Leitstelle hinterlegt werden.

8) Hilfsmittel vorhalten

Sorgt für die Beschaffung von Hilfsmitteln, die Ihr im Einsatzfall benötigt. Dazu zählen beispielsweise Planen zum Abdecken, Folien zum Einwickeln von Objekten und Transportboxen. Legt fest, welche vor Ort vorgehalten und welche von der Feuerwehr zum Einsatz gebracht werden.

Für den Kulturgutschutz hält die Feuerwehr Hannover auf Wache 4 acht Gitterboxen mit Spezialausrüstung bereit. Foto: Michael Rüffer
Für den Kulturgutschutz hält die Feuerwehr Hannover auf Wache 4 acht Gitterboxen mit Spezialausrüstung bereit. Foto: Michael Rüffer (Bild: Michael Rueffer)

9) Regelmäßig Übungen abhalten

Haltet regelmäßig Übungen ab, um das Notfallkonzept zum Kulturgutschutz auf seine Praxistauglichkeit zu testen. Ein Tipp: Die Brandbekämpfung von Archivgut lässt sich beispielsweise mit entsprechend aufbereitetem Altpapier trainieren.

10) Notfallverbund gründen

Wenn sich vor Ort oder in der Region mehrere Institutionen oder Kulturgut-Objekte befinden, regt die Gründung eines Notfallverbundes an. So lassen sich Ressourcen bündeln und gegenseitige Unterstützung organisieren.

11) Fortbildung und Vernetzung

Als Führungskraft könnt Ihr bei der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) Fortbildungen zum Thema Kulturgutschutz besuchen und von deren Vernetzung mit Notfallverbünden profitieren.

12) Menschenleben gehen vor Sachwerten

Die wichtigste Einsatzregel lautet noch immer: Menschenleben gehen vor Sachwerten. Der Schutz von Leben und Gesundheit der möglicherweise in dem Gebäude befindlichen Besucher und Mitarbeiter sowie der Einsatzkräfte und Helfer hat im Notfall oberste Priorität!

Links zu Infomaterial

(Text: Dr. phil. Michael Rüffer M.A., Kunsthistoriker und Museumswissenschaftler, Fachjournalist für Feuerwehr- und Rettungswesen, Redakteur Feuerwehr-Magazin)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: