10. Leitstellensymposium in Bremerhaven

Die Zukunft der Leitstelle

Bremerhaven (HB) – Wer Feuerwehr oder Rettungsdienst benötigt, greift zum Telefon und wählt die 112. Doch die Technologieentwicklung macht auch vor dem Notruf nicht Halt: eCall im Fahrrad oder Auto, Sturzerkennung in der Smartwatch, Notruf über Satellitentechnologie und die nora-App stellen neue Anforderungen. Bloß eine von vielen Herausforderung für die Leitstellen. Über 400 Teilnehmer haben sich daher in Bremerhaven dem Thema Zukunft der Leitstelle angenommen. Einige inhaltliche Eindrücke.

Leitstellen Symposium
Immer wieder fragen die Referenten das Stimmungsbild im Publikum ab. Über farbige Karten kann Zustimmung (grün), teilweise Zustimmung (gelb) oder Ablehnung (rot) ausgedrückt werden. Bei der Frage nach einer Leitstelle ohne Personal ist die Tendenz deutlich. Foto: Kevin Mönkemeier

„Wer kann sich vorstellen, dass Leitstellen im Jahr 2030 ohne Personal auskommen?“, lautet eine der ersten Fragen an das Publikum. Über Abstimmungskarten in Grün, Gelb und Rot können die Anwesenden ihre Meinung ausdrücken. Rot und gelb dominieren im Veranstaltungsraum. Die Anwesenden scheinen sich einig zu sein, dass Personal auch in naher Zukunft unabdingbar ist. Dass die Leitstellen dabei dennoch mit der Zeit gehen müssen, scheint allen ebenso klar. Und genau diese Weiterentwicklung versucht das Symposium Leitstelle aktuell mit einem Workshop-, Vortrags- und Ausstellungsprogramm zu beflügeln. Und das bereits zum 10. Mal.

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„Die Zukunft der Leitstelle gemeinsam gestalten“

Seit dem ersten Symposium besteht dieser Untertitel unverändert. „Unser Banner im Hotel ist sogar derselbe wie schon im Jahr 2013“, berichtet Klaus von Frieling aus dem Veranstaltungsteam. „Ein großes Thema ist aktuell der Umgang mit dem Personalmangel beziehungsweise die Nachwuchsgewinnung“ fährt von Frieling fort. Ein zentraler Aspekt ist die Frage nach den Qualifikationen, die das zukünftige Leitstellenpersonal wirklich benötigt.

Michael Rogge, Ausbilder am Niedersächsisches Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz (NLBK), fragt in seinem Vortrag beispielweise, ob die vielerorts geforderte G 26.3-Untersuchung noch zeitgemäß ist. Was spricht beispielsweise dagegen, eine Person mit Rollstuhl in der Leitstelle einzusetzen? Doch das Thema ist weit umfassender. Wie sollte die Qualifikation zum Disponenten überhaupt erfolgen? Zugangsvoraussetzungen und Ausbildung sind zurzeit so vielfältig wie die Leitstellenlandschaft selbst. Jahrelang haben Experten für eine (deutschlandweit) einheitliche Berufsausbildung geworben, zumindest in Schleswig Holstein ist diese ab 2024 nun vorgesehen.

Leitstellen Symposium
In maritimer Kulisse, direkt an der Weser, befindet sich das Hotel mit angeschlossenem Konferenz-Center. An mehreren Tagen fand hier ein produktiver Austausch zur Zukunft der Leitstelle statt. Foto: Kevin Mönkemeier

Veränderung des Kernprozesses

Die Anforderungen an das Personal müssen unbedingt mit der sich rasant verändernden Arbeitswelt mithalten können. Die Notwendigkeit von IT-Expertise ist hoch und wird noch steigen, geht aus einem anderen Vortrag hervor. Lange Zeit konnte die Arbeit der Leitstelle zutreffend durch die Schritte Meldungseingang, Disposition sowie Alarmierung & Einsatzbegleitung beschrieben werden. Zukünftig geht es vielmehr um die Gewinnung von Informationen und Daten aus verschiedenen Eingangsquellen sowie die anschließende Verarbeitung und Weitergabe. Die Leitstelle ist im Wandel hin zur Informationsmanagement-Zentrale – inklusive damit einhergehendem hohen Maß an Digitalisierung.

Kopplung der Sektoren im Gesundheitssystem

Eine weitere Herausforderung sind die bundesweit steigenden Einsatzzahlen und „Nicht-Notfälle“. Dieser kritische Zustand des Rettungsdienstes wird mittlerweile jedoch wahrgenommen – sowohl von der Öffentlichkeit als auch von der Politik. Vielleicht einer der Gründe, weshalb die niedersächsische Ministerin für Inneres und Sport, Daniela Behrens, am diesjährigen Symposium teilnahm. „Das System ist unter Druck, es gibt eine Menge, dass die Kollegen im Rettungsdienst und in den Leitstellen ertragen müssen“.

Als letzte Instanz fängt der Rettungsdienst aktuell vieles auf. Weniger Personal, mehr Patienten und ein Rückgang der ambulanten Behandlungskapazitäten belasten das System. Als Teil der Lösung wird die Vernetzung der Sektoren im Gesundheitssystem angesehen. Und die Ministerin ist optimistisch, dass es zeitnah zu Veränderungen kommen wird: „Die Not drängt zum Handeln“, sagt sie.

Leitstellen Symposium
Hendrik Sudowe und Achim Hackstein begrüßen die Teilnehmenden im Saal. Das Interesse am Symposium ist groß: Alle Präsenz-Tickets waren bereits am ersten Verkaufstag ausverkauft. Weitere Interessierte verfolgen die Veranstaltung im Online-Stream. Foto: Kevin Mönkemeier

Mehr Handlungsmöglichkeiten als Gesundheitsleitstelle

Jeder Anrufer hat auf seine eigene Art ein berechtigtes Hilfeersuchen. Nur ist die Rettungsleitstelle nicht immer der richtige Ansprechpartner. Mit der Entwicklung hin zur Gesundheitsleitstelle bekommen die Disponenten unter anderem Zugriff auf ambulante Versorgungsstrukturen. Als deutschlandweit einzigartigen Ansatz präsentierte Dr. Eckhard Starke von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) das SaN-Projekt. Ziel desselben ist es, vermeidbare Einsätze des Rettungsdienstes zu reduzieren und Notaufnahmen zu entlasten. Drei Landkreise sind aktuell beteiligt. Im Rahmen des Projektes kann die Leitstelle Notfallpatienten auch an vertragsärztliche Praxen zuweisen. Dazu schaffte der Gesetzgeber entsprechende Rahmenbedingungen, denn in der Regel darf der Rettungsdienst Personen nur ins Krankenhaus transportieren. Im Falle einer solchen Verknüpfung der Versorgungsebene nimmt die Leitstelle eine noch zentralere Koordinierungsrolle ein.

Das System Finnland

Eine Hürde zur bundesweiten Umsetzung eines solchen Systems ist die Heterogenität unter den zahlreichen deutschen Leitstellen. Der auch in Deutschland bestehende Trend, Leitstellenbereiche zusammenzulegen, wurde in Finnland auf die Spitze getrieben. Für ganz Finnland gibt es nur noch sechs Leitstellen, welche die Notrufnummer 112 entgegennehmen. Aus Finnland angereist ist Marko Nieminen, Director of Operations Department bei der finnischen Emergency Response Centre Agency.

Die Institution ist für den Betrieb der sechs EMCs verantwortlich. Alle Leitstellen arbeiten nach einheitlichem Prozess und werden als virtueller Verbund mit gemeinsamer Datenbasis betrieben. Bereits nach wenigen Sekunden in der Warteschleife werden Notrufe innerhalb des Verbundes an andere Leitstellen weitergeleitet, damit keine langen Wartezeiten entstehen. Die durchschnittliche Annahmezeit beträgt aktuell nur 3 Sekunden. 

Zusammenrücken für mehr Erfolg

Ob es zu einer ähnlichen Entwicklung in Deutschland kommt, bleibt abzuwarten. Fest steht aber: Hier müssen die Leitstellen und Akteure im Gesundheitswesen weiter zusammenrücken und der Digitalisierung folgen. Nur so lassen sich die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich bewältigen.

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