Sonntag, 24. Juli 2016

Private Kran-Unternehmen statt Feuerwehr-Kran

Der Feuerwehr-Kran wird aufgrund enormer Investitions- und Betriebskosten immer mehr zur Ausnahme. Zunehmend setzen die Feuerwehren auf eine Zusammenarbeit mit privaten Mobilkran-Firmen, um den Feuerwehr-Kran zu ersetzen. Wir sagen, wie die Zusammenarbeit funktioniert.

Feuerwehr_Kran_Hinweise

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„Wir arbeiten gerne mit den Feuerwehren zusammen“, betont Markus Helling aus Schwäbisch Gmünd (BW, Ostalbkreis). „Das ist auch wichtig. Denn es gibt Einsätze, bei denen Menschenleben und Millionenwerte auf dem Spiel stehen.“ Als Beispiele nennt Helling einen Kraneinsturz beim Bau der Stuttgarter Messe im Februar 2006 und ein Explosionsunglück in einer Raffinerie in Karlsruhe im Juli 2004.

Viel Zeit zum Erzählen bleibt dem Kranunternehmer nicht. Es gibt einen Alarm. Sylvia Helling, Personal- und Organisationschefin, übermittelt eine Anfrage von Polizei und Feuerwehr: Auf einer Bundesstraße hat es einen schweren Verkehrsunfall mit einem Lastzug und einem Pkw gegeben. Ein Vierzigtonner hängt schief in den Leitplanken, droht eine Böschung hinab zu kippen. Markus Helling schnappt sich seine Jacke und eilt zum „Kommandowagen“, einen Werkstatt-Caddy. Zügig rückt er zur Unfallstelle aus.

Vom Büro aus nimmt ein Mitarbeiter zeitgleich Kontakt zu der betroffenen Spedition auf, um eine Erklärung zwecks Kostenübernahme für die Bergungsaktion einzuholen. „In der Branche gibt es aber ein ungeschriebenes Gesetz: Bei einem Unglücks- oder Katastrophenfall wird sofort und schnellstmöglich geholfen, vor allem auch bei den Unternehmen untereinander“, erklärt der Kranunternehmer. „Die Frage nach Kostenerstattung wird erst zweitrangig geklärt.“

Noch hat Helling gar keinen Kran in Marsch gesetzt. Er erklärt diese Einsatztaktik: „Kein Unfall mit einem Lkw gleicht dem anderen. Zunächst gilt es, schnell zum Unfallort zu gelangen und zu erkunden.“ Vor Ort muss der Kranunternehmer folgende Fragen klären:

  • In welcher Position befindet sich der Lastzug?
  • Ist der Lkw beladen und mit welcher Fracht?
  • Muss der Sattelzug samt Zugmaschine oder nur ein Anhänger geborgen werden?
  • Wie stark ist das verunfallte Objekt beschädigt?
  • Wie sind die Straßen- oder Bodenverhältnisse beschaffen?

Die Antworten auf diese Fragen führen zu der Erkenntnis, wie und mit welchem Gerät die Bergung erfolgen kann. „Erste Informationen hierüber von Feuerwehr oder Polizei sind immer hilfreich“, erklärt Helling. „Doch vor allem vertraue ich auf meine Erkundung oder die meiner Mitarbeiter. Wir wissen einfach am besten, wie wir unsere Kräne einsetzen können.“

Feuerwehr und Kranführer arbeiten zusammen

Ein Kran ist in Bad Homburg auf einen Aldi-Markt gestürzt. Im ersten Angriff sind eine Drehleieter und der Feuerwehr-Kran der Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main im Einsatz. Foto: Storch

Ein Kran ist in Bad Homburg auf einen Aldi-Markt gestürzt. Im ersten Angriff sind eine Drehleiter und der Feuerwehr Kran der Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main im Einsatz. Foto: Storch

Damit möchte er die Arbeit der Feuerwehr nicht abwerten, ganz im Gegenteil. „Ich habe noch nie Grund gehabt, zu klagen“, betont Helling. „Bei den Einsatzkräften spüre ich immer gleich, dass sie in ihren Ausbildungen, Fachlehrgängen und Übungen wichtige Grundkenntnisse von Mechanik und Physik als Rüstzeug mitbekommen haben.“ Das betreffe vor allem auch das Thema Unfallverhütung. Die ist im „Kopfkino“ von Markus Helling und seinen insgesamt rund 40 Mitarbeitern auch immer präsent.

Wichtige Grundsätze: Unter schwebenden Lasten hat niemand was zu suchen. Außer, wenn es um dringende Maßnahmen zur Menschenrettung geht. Ebenso sind Bereiche, wo Stahlseile oder andere Materialien unter Zug und Spannung stehen, tabu!

Das Mobilkran-Team nehme an den Einsatzstellen, so Helling, die Hilfe der gleichermaßen praktisch wie umsichtig denkenden Feuerwehrleute gerne in Anspruch. Zum Beispiel, wenn es gilt, verunfallte Fahrzeuge oder andere Lasten an Stahlseilen, Ketten und Haken anzuschlagen. Dafür benötige ein einzelner Kranführer oder ein kleines Mobilkran-Team sonst zu viel Zeit. Helling: „Feuerwehrkräften brauchen wir nicht erklären, was ein Schäkel ist und wie der funktioniert.“

Außerdem setzt der Kranunternehmer auf diese Win-Win-Situation im eigenen Betrieb. Er stellt gerne Feuerwehrleute ein. Christian Eckart ist einer von ihnen. Der 30-Jährige ist seit zwölf Jahren Mitglied der FF Lorch. „Es ergeben sich sowohl für den Beruf als auch das Ehrenamt Vorteile“, erzählt Eckart. „Ich habe als Kranführer viel darüber gelernt, was ich schon alleine mit der kleinen Fünf-Tonnen-Seilwinde von unserem Rüstwagen machen kann.“

Markus Helling kommt mittlerweile am Unfallort auf der Bundesstraße an. Ihm bietet sich zunächst ein dramatisches Bild: Die Feuerwehr führt gerade die Bergung eines Todesopfers aus dem völlig zerstörten Pkw durch, als Helling am Unfallort eintrifft.

Der in den Leitplanken hängende Sattelzug ist bereits durch die Feuerwehr gesichert worden, kann nicht weiter rutschen oder gar kippen. Außerdem sind die ausgelaufenen Betriebsstoffe auf der Fahrbahn und an der Böschung mit einem Schaumteppich abgedeckt. Der dreifache Brandschutz steht: Wasser, Pulver, Schaumrohr. „Das ist ein wichtiger Punkt für die Bergungsmaßnahmen mit einem Mobilkran“, erklärt Helling, „denn es können dabei immer Funken reißen.“

Schäden durch Bergung vermeiden

Zur Lage: Die Zugmaschine ist kaputt. Doch der Sattelauflieger scheint intakt zu sein. Ziel muss sein, diesen nicht zu beschädigen. Helling fordert im Betrieb zwei Mobilkräne, spezielle Traversen und Anschlagteile an. Einige Materialien sind eine Eigenentwicklung des Kranunternehmens. „Aus Stahlteilen mit Gummibeschlägen haben wir Winkel selbst konstruiert und verschweißt“, erklärt der Chef.

Es gehe darum, dass moderne Kofferaufbauten und Containerkonstruktionen von Lastzügen bei Hebe- und Bergungsaktionen nicht einknicken und -quetschen. Stattdessen müssten die Kräfte nach unten hin zum Fahrgestell abgeleitet und das Gewicht am festen Rahmen angeschlagen werden. Dazu seien diese Winkel und Traversen entwickelt worden, die labile Lkw-Aufbauten gut greifen und auch mit dicken Bändern schonend umschließen können.

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Häufig erleben die Kranführer an den Ein-satzstellen dramatische Szenen. Die Feu-erwehr muss Tote bergen oder Schwerver-letzte retten. Dann kommen nicht selten auch Rettungshubschrauber zum Einsatz. Foto: Schütte

„Schwierig wird es aber, wenn der Koffer- oder Spriegelaufbau beladen ist“, erklärt Helling. Da komme wiederum beim Sichern und Entladen des Ladeguts die Manpower der Feuerwehr ins Spiel. Sonderfälle stellen Gefahrguttransporter dar. Hier haben das Ent- und Umladen oder Auspumpen der Feuerwehr Vorrang. Wenn es der Sicherheitsabstand zulässt, unterstützt der Kran in der Sicherung des Transporters.

Am Unfallort treffen nun zwei sogenannte Taxikräne ein. Sie können alleine und zum Beispiel ohne weitere Gegengewichte mit einer Ein-Mann-Besatzung eingesetzt werden. Helling lässt die Kräne so am Sattelauflieger positionieren, dass dieser angehoben und die total beschädigte Zugmaschine von einem Abschleppunternehmen unten rausgezogen werden kann. Währenddessen wird bereits eine Ersatzzugmaschine für den Abtransport des nur leicht beschädigten Sattelaufliegers organisiert. Nach drei Stunden ist die Bergungsaktion abgeschlossen. „Dies war eine relativ einfache Aufgabe“, sagt Helling. Doch er und sein Team wissen von ganz anderen Herausforderungen zu berichten. „Manchmal geht es wirklich um Millimeter“, betont Projektleiter Carsten Herbst.

Für Notfälle ist das Mobilkran-Unternehmen für Polizei, Feuerwehren und andere Behörden und Institutionen immer erreichbar. Es kommt je nach Verkehrsachse zirka 60 Kilometer um den Standort Schwäbisch Gmünd zum Einsatz – auch über Kreisgrenzen hinaus. Die Stundensätze für einen Mobilkran werden bei normalen Aufträgen je nach Größe der Fahrzeuge und Personalaufwand veranschlagt. Für Notfalleinsätze werden mit den Versicherungen allerdings je nach Aufwand und Schwierigkeitsgrad Sonderrechnungen aufgestellt.

Die Bergung eines Sattelzuges kostet zwischen 5.000 und 10.000 Euro. „Das klingt viel“, erklärt Helling. „Doch die Besitzer und Versicherungen wissen, dass wir durch aufwändige Bergungstechniken beispielsweise umgekippte Sattelzugmaschinen und Auflieger wieder so auf die Räder stellen können, dass nur leichte Schäden zu reparieren sind. Eine intakte Sattelzugmaschine kostet zum Beispiel rund 100.000 Euro.“

Einsatzanforderungen für die Helling- Kräne kommen überwiegend von der Polizei aus dem örtlichen Einsatz- und Lagezentrum des Präsidiums in Aalen. Es gibt keine vertraglich-schriftliche Festsetzung für die Bereitstellung.

Raffineriebrand und tödliche Katastrophe

Schwere Zugunglücke, Orkanschäden, Halleneinstürze – die Liste der Einsatzlagen ist lang. Eine genaue Zahl kann der Kranunternehmer nicht nennen. „Es ist wie bei der Feuerwehr: mal kommt wochenlang gar nichts, dann geht es wieder Schlag auf Schlag“, sagt Helling. Regelmäßig muss er für Notfalleinsätze auch einen Kran von der nächstgelegenen Baustelle abziehen. Manchmal holt sogar die Polizei mit Sondersignal den dringend benötigten Mobilkran ab, was dann bei den Kunden ohne langes Erklären den Notfall deutlich macht.

Einer der dramatischsten Einsätze des mittelständischen Kranunternehmens: Am 23. Juli 2004 um 11.15 Uhr kam es in einer Benzinentschwefelungsanlage in der Mineralölraffinerie MiRO in Karlsruhe zu einer Explosion mit einem nachfolgenden Großbrand. Ein 180 Meter hoher Kamin stürzte ein. Die Werkfeuerwehr hatte zusammen mit der Berufsfeuerwehr Karlsruhe das Feuer zwar schnell unter Kontrolle. Doch die riesigen Berge aus zerstörten und bis zu 100 Tonnen schweren Kaminteilen und Rauchgasschächten konnten nur mit Hilfe von leistungsfähigen Mobilkränen beseitigt werden.

Von zwei Seiten setzt das Kranunterneh-men seine Geräte bei der Bergung eines Sattelzuges ein. Foto: Schütte

Von zwei Seiten setzt das Kranunternehmen seine Geräte bei der Bergung eines Sattelzuges ein. Foto: Schütte

Zum Einsatz kam ein Raupenkran von Helling in Kooperation mit Teleskopkränen anderer Firmen. Markus Helling erinnert sich an die gute und intensive Zusammenarbeit mit der Feuerwehr. Denn niemand hatte ausschließen können, ob sich in den Rohren und Schächten noch zündfähige oder gar explosive Gemische befanden. „Mit Präzision und ganz extremer Sorgfalt mussten wir da vorgehen“, sagt der Unternehmer.

Ein anderer Großeinsatz: Bei der Stuttgarter Messe ereignete sich im Februar 2006 beim Bau der größten Halle mit einer freitragenden Dachkonstruktion (Fläche 25.000 Quadratmeter, Höhe 24 Meter) ein schwerer Unfall. Beim Einheben eines 175 Tonnen schweren Stahlträgers mithilfe von zwei Kränen stürzte ein Raupenkran in einer Drehbewegung um. Der Raupenkranführer kam ums Leben.

Die beschädigten Kräne und der riesige Stahlträger hatten sich verkeilt und aufeinandergelegt. Es drohten weitere Schäden an der zentralen Hallenkonstruktion. Millimeterweise sackten Kranausleger, Trümmer und Träger weiter in die Tiefe. Weder Feuerwehr noch das Technische Hilfswerk hatten Mittel, um diese Lage zu meistern.

Die für den Bau eingesetzte Mobilkran-Arbeitsgemeinschaft bat Hellings Unternehmen um Hilfe. Vor allem wurde ein 500-Tonnen-Raupenkran benötigt, der allerdings nicht in einem Stück zu einem Einsatz rollen kann. Er muss zerlegt werden, um die Hauptmaschine, die Kettenanbauten, Gewichte, Gittermasten sowie sonstiges Zubehör auf 30 bis 40 Tieflader zu verlasten. Diese benötigen zur Beförderung Sondergenehmigungen als Schwer- und teils überbreite Transporte.

Helling erinnert sich:  „Wir hatten einen unserer Raupenkräne gerade in Hamburg abgebaut und waren dabei, ihn für einen Auftrag bei Würzburg wieder aufzurüsten. Dann musste alles ganz schnell gehen. Polizei und andere Behörden halfen uns aufgrund der Notsituation unbürokratisch.“

„Normalerweise benötigen wir für das Einrichten und Aufrüsten eines solchen Raupenkran-Einsatzes zweieinhalb Tage“, erklärt der Unternehmer. „Wir schafften das in Stuttgart in nur 14 Stunden.“ Innerhalb von wenigen Tagen war die heikle Situation auf Deutschlands größter Baustelle entschärft.

Feuerwehr und Kranunternehmen rücken zusammen

Im August 2010 kam die Kranfirma direkt in Schwäbisch Gmünd zum Einsatz. In der engen Altstadt brannte ein historisches Schulgebäude. Die Hälfte des großen Dachstuhls war eingestürzt. Wie Mikadostäbe lagen zahlreiche riesige Dachbalken teilweise noch glühend und qualmend übereinander. Es herrschte Einsturzgefahr. Mit den Drehleitern war dem Chaos nicht beizukommen. Einige Bereiche des verwinkelten Daches blieben unerreichbar.

Markus Helling holte einen Mobilbaukran, der Mast und Ausleger in der engen Bebauung innerhalb von 15 Minuten ausfalten konnte. Aus einem Arbeitskorb konnten Einsatzkräfte die letzten Glutnester ablöschen. „Wir hatten sogar mit der Feuerwehr gewettet, ob wir unseren Kran an dem Standort überhaupt einsetzen können“, erzählt der Unternehmer. Wette gewonnen.

„Diese Aktion zeigt, dass wir sehr gut und kameradschaftlich miteinander kooperieren“, betont Helling. Er vermutet, dass Feuerwehren und Kranunternehmen künftig allerorts weiter zusammenrücken werden. „Wie viele Kommunen werden es sich tatsächlich noch leisten können, einen eigenen und leistungsfähigen Feuerwehr-Kran für zirka eine Million Euro zu kaufen und für relativ wenige Einsätze vorzuhalten, wenn solche Geräte doch von privaten Unternehmen greifbar sind?“, fragt er. Im Helling-Fuhrpark ist ein solches Gerät eher noch die günstige Variante. Für einen großen Raupenkran muss ein Kranunternehmen fast fünf Millionen Euro hinblättern.

Text: Heino Schütte

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