Donnerstag, 8. Dezember 2016

Feuerwehr-Überhose: Mehr als nur Schutz im Innenangriff

22. Juni 2016 von  

Die Persönliche Schutzausrüstung kann für den Feuerwehrmann die Lebensversicherung im Einsatz sein. Unverzichtbar ist der Feuerwehr-Schutzanzug, bestehend aus Jacke und Hose. Jedoch kombinieren manche Feuerwehren die speziellen Einsatzjacken immer noch mit normalen Diensthosen. Wir klären auf, warum im Innenangriff keinesfalls auf die Überhose verzichtet werden darf.

Bei einem Anzug sollten Jacke und Hose zusammenpassen – farblich und vom Stoff. Noch wichtiger sollte der Feuerwehr die Schutzwirkung sein. Aber genau das ist bei vielen Wehren nicht der Fall. Während ihre Einsatzjacken in der Regel die DIN EN 469 Stufe 2 (Schutzkleidung für die Feuerwehren) erfüllen, tragen viele Kameraden noch Hosen zum Beispiel nach DIN EN 531 (Hitzeexponiertes Arbeiten).

Safety-Tour Real-Brandt Simulation.

Ein wichtiger Faktor bei der Brandbekämpfung im Innenangriff: die Wärmeisolation. Wie hier im Brandschutzübungscontainer können Feuerwehrleute ihre Einsatzkleidung Belastungsproben aussetzen. Foto: S-Gard

Der Unterschied: Jacken und Hosen nach EN 469 weisen im Gegensatz zu anderen eine deutlich höhere Hitze- und Flammenbeständigkeit, einen stärkeren Wärmewiderstand sowie belastbareres Obermaterial auf. Auch die Warnwirkung der Kleidung spielt in der Norm eine große Rolle. Bei der Kleidung, die die EN 469 erfüllt, spricht man von Überjacken und Überhosen.

Aber Überhosen gehören bei vielen Einsatzkräften nach wie vor nicht zur Standardausstattung. Bei manchen Wehren werden diese zumindest funktionsbezogen angeschafft, um für Atemschutzgeräteträger im Innenangriff mehr Schutz zu gewährleisten. Das immer noch zu hörende Argument, Überhosen wegzulassen, um ein Wärmefenster zu erhalten, sollte der Vergangenheit angehören.

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Überhosen sollten speziell im Bereich der Knie gepolstert sein, ohne die Bewegungsfreiheit einzuschränken. Foto: Texport

Richtig ist allerdings, dass der Komplettschutz durch Überbekleidung keinen optimalen Temperaturausgleich des Körpers zulässt. So sollten Einsatzkräfte das Tragen der Schutzbekleidung auf den unbedingt erforderlichen Zeitraum reduzieren (siehe auch Feuerwehr-Magazin-Sonderheft „Verhalten im Innenangriff“).

„Ein besserer Schutz darf nicht dazu führen, dass wir andere Risiken eingehen“, betont Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes. „So müssen wir unsere Feuerwehrleute aufklären, was ihre Schutzkleidung kann und wo ihre Grenze liegt.“

Feuerwehr-Überhose: Schutz im Innenangriff

„Überhosen können zwar aufgrund der Materialstärke bei konventionellen Tätigkeiten im Feuerwehrdienst unbequem und störend wirken“, sagt Dr. Dirk Hagebölling, Vorsitzender des Referates „Persönliche Schutzausrüstung“ der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) und Amts-leiter der Feuerwehr Bochum. „Aber Überhosen sind unverzichtbar für den erforderlichen Schutz vor den thermischen Gefährdungen im Innenangriff.“

Sollte eine Überhose nicht der DIN EN 469 Stufe 2 entsprechen, so kann sie beispielsweise mit einer Hose nach DIN EN 531 kombiniert werden. Die 469er Hosen müssen eine Reihe von Tests bestehen. Diese führen auch die Hohenstein Institute durch, als Forschungszentrum auf Prüfung, Zertifizierung und Entwicklung textiler Produkte spezialisiert. „Die Persönliche Schutzausrüstung muss eine definierte Warnwirkung aufweisen sowie vor äußeren Faktoren wie Hitze, Flammen, Kälte, elektrischer Aufladung und auch Regen schützen“, betont Mariana Schubert, Leiterin der Prüfstelle PSA der Hohenstein Institute.

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Bei Überhosen spielen Schutz und Beweglichkeit eine große Rolle. Das Material schützt unter anderem vor Hitze und Kälte, Nässe sowie Verbrennungen. Spezielle Polster, wie die Kniepads, schützen ebenso beim Vorgehen. Foto: Texport

Zudem spielt der Tragekomfort eine wichtige Rolle. Hierzu zählen auch Atmungsaktivität und Wärmeisolation. „Für die Tests wird das Material auf eine beheizte, poröse so genannte Sinterplatte aus Metall gelegt, durch die Wasserdampf austritt“, erklärt Schubert. „Die Messung findet unter definierten klimatischen Bedingungen statt. Wir ermitteln zur Atmungsaktivität, wie viel Feuchtigkeit von dem textilen Material aufgenommen und an die Umgebung abgegeben wird. Außerdem wird der Wärmeverlust der Metallplatte und damit die Wärmeisolation geprüft.“

Das Material der Einsatzbekleidung ist in der Regel in drei Lagen aufgebaut: Oberstoff für Flamm- und mechanischen Schutz, Membrane zur thermischen Isolation und als Nässesperre sowie das Innenfutter. Die Firma Texport verarbeitet zwischen Oberstoff und Membrane sogar noch eine Zwischenlage, um eintretende Hitzestrahlung noch effektiver abzublocken. Sogenannte Saugsperren verhindern das Eintreten von Feuchtigkeit in den Innenfutterbereich über die Saumnähte.

Feuerwehr-Überhose: Beweglich, praktisch und bequem

„Für die Fortbewegung im Kriechgang sollte eine Überhose ein geeignetes Kniepolster aufweisen“, meint Dr. Hagebölling. Als Knieschutz verfügen die Hosen über Pads, die den gesamten Bereich der Knie abpolstern. Bei manchen Modellen sind diese in Einlegetaschen verarbeitet und können herausgenommen werden, zum Beispiel zur Reinigung. Von außen sind die Kniebereiche meist mit einer abriebfesten Fläche aus Kevlar-Gewebe beschichtet.

Über weiteren Abriebschutz verfügen manche Hosen an den Knöcheln. Für den Tragekomfort von Vorteil sind die kurzen Latze, die knapp über die Gürtellinie hinweg reichen und den unteren Rücken schützen. Zudem sollten Hosenträger stabil und elastisch sein. Im Schulterbereich gepolsterte Hosenträger erhöhen den Tragekomfort.

Ein Tipp: Überhosen (genauso wie Überjacken) sollten nie passgenau beschafft werden, sondern immer etwas großzügiger. So werden eine bessere Isolation und Beweglichkeit gewährleistet.

Zum Mitführen der vielen, kleinteiligen Ausrüstungsgegenstände und Rettungsgeräte sind Oberschenkelseitentaschen eigentlich Standard. Mit Patte und Klett versehen, ist das Tascheninnere genauso gut geschützt wie das Bein selbst. Wie bei der Ziegler-Überhose sind auch bei anderen Modellen noch kleine Messertaschen in die Außentaschen integriert.

Durch die speziellen Materialen und diversen Details sind Überhosen nach EN 469 nicht ganz billig. Eine Hose kostet normalerweise über 200 Euro. Zum Vergleich: Feuerwehrhosen nach EN 531 sind schon für unter 100 Euro erhältlich. Die hohen Kosten schrecken die Entscheider noch immer ab, Überhosen zu beschaffen. Mindestausstattung könnte sein, wenigstens die Atemschutzgeräteträger mit diesen Überhosen auszurüsten. Dabei sollte allerdings jeder Träger seine persönliche Hose haben. So wird es zum Beispiel in der Stadt Syke (NI) gehandhabt.

Überhose_Feuerwehr_PSA_Persönliche Schutzausrüstung_Einsatzkleidung_IV„Unsere Atemschutzgeräteträger verfügen alle über die komplette Schutzausrüstung“, freut sich Jens Seifert, Ortsbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr in Syke-Barrien. Aus seiner Sicht wäre es unverantwortlich, Einsatzkräfte ohne die optimale Schutzkleidung einzusetzen. „Ich möchte nicht verantworten müssen, dass unsere Atemschutztrupps mit unvollständiger Schutzausrüstung zur Brandbekämpfung vorgehen.“ DFV-Präsident Ziebs betont: „Beim Einsatz im Gefahrenbereich darf kein Unterschied zwischen Berufsfeuerwehrleuten oder Kameraden der freiwilligen Feuerwehren gemacht werden.“

Kommentare

2 Kommentare zu “Feuerwehr-Überhose: Mehr als nur Schutz im Innenangriff”
  1. Micha sagt:

    Bleibt nur zu hoffen, dass diesen Artikel auch die verantwortlichen Personen und die ewig Gestrigen lesen. Eigentlich traurig, dass es für freiwillige Feuerwehren mitunter schlechtere Arbeitsvoraussetzungen gibt als für die Berufsfeuerwehr-Kollegen. Denn grade, weil es eben nicht ihr Beruf ist und sie i.d.R. weniger Einsatzerfahrungen für bestimmte Einsatzarten sammeln können müssen sie sich auf ihre Ausbildung und Ausrüstung verlassen können. Das Problem liegt hier eindeutig im fehlenden Verantwortungsbewusstsein und der Minderqualifikation und z.T. auch der Ignoranz der obersten Dienstherren der Freiwilligen Kameradinnen und Kameraden – in den Bürgermeisterämtern. Denn genau diese Personen sind schlussendlich für den Arbeitsschutz – und dieser gilt eben auch für die ehrenamtlich Tätigen – hier wird ja gern mal Gegenteiliges behauptet. Seitens der Aufsichtsorgane – staatliche Arbeitschutzaufsicht + Unfallversicherer – wären hier strenger Kontrollen und passende Qualifikationsangebote wünschenswert. Denn sonst wird es noch einige Zeit freiwillige Feuerwehren geben die mit unzureichender persönlicher Schutzausrüstung beim Versuch Menschenleben zu retten ihr eigenes riskieren. An all diejenigen Kameraden bei denen die Situation ähnlich ist, handelt – ihr habt ein Recht auf ordnungsgemäße Schutzkleidung. Allen Verantwortlichen kann ich nur empfehlen mal im Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) und in der Unfallverhütungsvorschrift DGUV Vorschrift 1 zu lesen!

  2. Steffen sagt:

    Micha, das Problem ist, das die jenigen die entscheiden, keinen Plan von dem haben, über was sie entscheiden… 🙁

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