Produkt: Feuerwehr-Magazin 9/2019
Feuerwehr-Magazin 9/2019
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Dranbleiben beim Übertritt!

Von der Jugendfeuerwehr zur Einsatzabteilung

Quoten, Konzepte, Ideen – zum Übertritt von Jugendfeuerwehr Mitgliedern in die Einsatzabteilung wird viel diskutiert. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Diese Mitgliederbindung hängt von Euch Führungskräften ab, liebe Kameraden. Was Ihr beachten solltet erfahrt Ihr hier.

Ein Beitrag von Bundesjugendleiter Christian Patzelt.

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Als Jugendfeuerwehrwart vor 10 Jahren, als Jugendverbandsmensch und Gruppenführer meiner Freiwilligen Feuerwehr heute werde ich ständig mit dem Übertritt von Mädchen und Jungen aus der Jugendfeuerwehr in die Einsatzabteilung konfrontiert. Gott sei Dank. Schließlich ist dieser Knackpunkt in der Mitgliederbindung extrem wichtig und häufig wird die Jugendarbeit an dieser Quote gemessen.

Doch ich bin kein Fan davon, nur auf die Statistik zu blicken. Denn sie stellt nicht konkret dar, wann und woran denn nun der Übertritt in dem einzelnen Fall gescheitert ist.

Es gibt Bedingungen, die wir als Feuerwehr kaum beeinflussen können: familiärer Umzug, stärkere andere Interessen und Bildungswege fernab des Heimatortes oder mangelnde Zeit.

Halt, stopp! Wir können zwar diese Aspekte nicht beeinflussen, aber sie in unsere Feuerwehr mit einbringen.

Engagement als Achterbahnfahrt

Warum reagieren Jugendliche bei veränderten Interessen häufig mit einem Austritt? Ich denke, weil sie von uns nicht den Freiraum bekommen, auch mal eine Auszeit zu nehmen. Engagement von jungen Menschen verläuft häufig wie eine Achterbahn. Wenn sie bei einer Talfahrt gleich ausscheiden, erleben wir ihren nächsten Anstieg gar nicht mehr.

Ein junger Kamerad macht seine Berufsausbildung oder wählt sein Studium nicht in seiner Heimatstadt. Das sollte auf keinen Fall automatisch zum Austritt oder zur Überstellung in eine andere Feuerwehr führen. Wenn der Feuerwehrmann dann beispielsweise während der Studienzeit in einer Wehr vor Ort Einsatzerfahrung sammelt, ist das super. Aber die Bindung zur Heimatfeuerwehr sollte bestehen bleiben. Häufig ist das kameradschaftliche Umfeld ein Grund, irgendwann zurückzukehren.

In fast allen Bundesländern gibt es gesetzliche Regelungen, welche Doppelmitgliedschaften und den Verbleib in der Heimatwehr ermöglichen. Letztendlich hängt es von den Verantwortlichen in den Feuerwehren und ihrer Jugendabteilung ab, was sie daraus machen. Das setzt sich nun übrigens bei allen weiteren Punkten so fort:

Es sind die Menschen und ihr richtiges Handeln, auf die es ankommt.

Die Führungskräfte der Feuerwehr…

… dürfen Nachwuchsarbeit nicht nur auf die Jugendabteilung und deren Betreuer abwälzen. Mitgliederentwicklung beginnt bereits in der Jugendfeuerwehr Zeit. Damit sollten sich Wehr- und
Gruppenführer auseinandersetzen und die Jugendwarte in der „Übergabe“ der JF-Mitglieder unterstützen.

Warum gehen Führungskräfte häufig davon aus, dass Nachwuchsarbeit mit dem Übertritt aufhört? Das ist ein riesiger Fehler. 16- beziehungsweise 18-Jährige sind keine Menschen mit enormer Lebenserfahrung. Sie stecken oder geraten gerade erst in die heiße Phase ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung. Diese jungen Menschen müssen weiterhin genauso gefördert und  unterstützt werden wie in der Jugendfeuerwehrzeit.

No Go: Der Spruch „Du kommst doch aus der Jugendfeuerwehr, Du musst das doch können!“

Ebenso liegt es in der Verantwortung der Wehrführung, als Betreuer für die Jugendfeuerwehr nicht die Kameraden auszuwählen, die es einfach gerne machen würden. Es gilt, für die Jugendarbeit Menschen mit Sozialkompetenz, Vorbildcharakter und starker Kommunikationsfähigkeit auszuwählen. Sonst wird die Mitgliederentwicklung schon in der Jugendfeuerwehr problematisch.

Die Jugendfeuerwehrwarte…

… müssen mehr als gute Feuerwehrausbilder sein. Sie sollten nicht nur Wegbegleiter, sondern bestenfalls Wegbereiter für die JF-Mitglieder sein. Das können je nach Gruppengröße ein bis zwei starke Jugendleiter kaum leisten. Hier kommt es auf das Team an, auf die Menschen, die Jugendfeuerwehrarbeit gestalten.

„Die besten Köpfe für die Jugendabteilung und Betreuer mit  menschlicher Kompetenz gewinnen“ – so lautet eine Empfehlung aus dem Projekt 17 ½ der Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg. Weiter heißt es ganz richtig: „Denn der Übertritt in die  Einsatzabteilung beginnt mit dem Eintritt in die Jugendfeuerwehr.“ Es gelte, von Beginn an Perspektiven aufzuzeigen und Ausbildung in der Jugendfeuerwehr mit verlässlicher und konkreter Dienstplanung zu strukturieren.

Was bedeutet es, Perspektiven aufzuzeigen?

Gebt den jungen Jugendfeuerwehrmitgliedern Vorbilder. Das kann der aktuelle Jugendsprecher sein, der wie ein Mannschaftskapitän im Sport schon Verantwortung übernimmt, vielleicht verlängerter Arm des Jugendwartes ist. Oder weist auf den 16-Jährigen hin, der schon viel über seine JF-Zeit zu erzählen hat und bald in die Einsatzabteilung übertritt.

Zeigt den Jugendlichen die nächsten Schritte auf der Treppe. Hierzu dient die verlässliche und konkrete Dienstplanung mit Lernerfolgen. Denn anders als in der Schule fehlt in der Jugendfeuerwehr häufig der richtige  Umgang mit dem breiten Altersspektrum der Mitglieder von 10 bis 16 beziehungsweise 18 Jahre.

Nutzt die drei Stufen der Jugendflamme, damit die JF-Mitglieder ihr Können beweisen müssen. Gebt diesen Nachweisen eine besondere Bedeutung, lasst die Jugendlichen auf ihre Leistungsspange regelrecht hinfiebern. Das setzt Ziele und schafft anschließend die wichtige Wertschätzung.

So kann es Euch gelingen, in der Jugendfeuerwehr die Basis für die Ausbildung in der Einsatzabteilung zu legen. Ein gutes Feuerwehrgrundwissen macht es jedem Neuling deutlich leichter, sich in die aktive Mannschaft zu integrieren.

Es kommt auf die Übergabe an

Ein starkes Engagement der Jugendleitung ist trotzdem keine Garantie für eine erfolgreiche Mitgliederbindung in der Übertrittsphase. Hier müssen Jugendfeuerwehrwarte und FF-Führungskräfte an einem Strang ziehen, quasi eine richtige Übergabe durchführen. Das heißt: Turnusmäßige Gespräche über die Jugendlichen, die vermutlich binnen der nächsten 2 Jahre  übertreten werden.

Stellt Euch dabei diese beiden Fragen: Was spricht vielleicht gegen einen Übertritt? Und warum könnte eine Integration in die Einsatzabteilung schwerfallen? Daraus könnten
beispielsweise folgende Antworten und konkrete Maßnahmen entstehen.

Problem:
Der Jugendliche verliert auf den letzten Metern die Lust an der Jugendfeuerwehr.

Lösungen:

  • Ihr gewährt ihm früher Schnupperdienste bei den Aktiven als gewohnt.
  • Der Wehrführer unterstützt die Kommunikation des Jugendwartes und zeigt dem Anwärter die Perspektiven auf, die mit dem nahenden Übertritt verbunden sind.

Problem:
Mangelnde körperliche Fitness gefährdet beispielsweise die Atemschutztauglichkeit oder in einigen Kommunen aufgrund von Eignungsuntersuchungen sogar den Übertritt.

Lösungen:

  • Dem Jugendlichen diese Hürde rechtzeitig aufzeigen
  • Konkrete Maßnahmen zur körperlichen Ertüchtigung vorschlagen und motivieren.
  • Mit den älteren Jugendlichen Laufgruppen bilden, mehr Dienstsport treiben.

Problem:
Schule, Ausbildung oder Studium schränken die Zeit in der Übergangsphase ein.

Lösungen:

  • Klar unter den Führungskräften kommunizieren, damit dem jungen Menschen anfänglich keine zu hohe Erwartungshaltung entgegengebracht wird.
  • Gemeinsam mit dem Anwärter einen Zeitplan für die wichtigen ersten Lehrgänge (Truppmann, Atemschutz) entwerfen, angepasst an Prüfungsphasen, Urlaubszeiten und Semesterferien.

Es ist seitens der Feuerwehr sehr wichtig, die privaten Pläne der Jugendlichen zu berücksichtigen. Zwischen 15 und 23 Jahren befinden sie sich in einer Zeit, in der beispielsweise die ersten  Liebesbeziehungen und die Berufsausbildung in Konkurrenz mit dem Ehrenamt stehen könnten.

Jeder Mensch ist anders!

In diesen Übergabegesprächen sollte es auch den Raum für einen vertraulichen Austausch zu den privaten Problemen sowie körperlichen und geistigen Einschränkungen der Jugendlichen geben. Denn die körperliche, geistige und seelische Belastbarkeit von Menschen ist generell unterschiedlich zu bewerten – bei Heranwachsenden umso mehr.

Wenn es aus Eurer Sicht zu Einschränkungen im Feuerwehrdienst kommen könnte, dann kommuniziert es vertraulich – aber ehrlich – mit dem Jugendlichen und eventuell seinen Eltern. Und rechtzeitig. So könnt Ihr erstens seine zu hohen Erwartungen einfangen und zweitens gemeinsam weitere  Handlungsschritte für den Verbleib in der Feuerwehr überlegen.

Wichtig: Immer fragen „Wie geht es weiter?“ Nicht, ob es weiter geht.

Die Unterscheidung der Charaktere spielt auch nach dem Übertritt eine große Rolle. Es gibt die ganz Aktiven, die lange auf die ersten Einsätze hin gefiebert haben und jeden Sonderdienst mitnehmen. Für sie gilt es die richtige Mischung zu finden: Engagement fördern und Feuerwehrbegeisterung honorieren, direkt (leichte) Aufgaben geben und sie mit einbinden. Aber achtet genauso darauf, dass die super Aktiven leicht gebremst werden. Zu viel Aktionismus kommt bei den älteren Kameraden auch nicht immer gut an.

Ihr werdet auch auf Anwärter stoßen, die Zeit zur Eingewöhnung in einer neuen Gemeinschaft brauchen. Es kann durchaus sein, dass sie Respekt vor den ersten Einsätzen haben und nicht einschätzen können, wie sie mit Notfällen umgehen. Kontaktperson und Gemeinschaft Häufig wirken sich in dieser Integrationszeit auch ein rauherer Umgangston in der Einsatzabteilung (gegenüber der Zeit in der JF) und ein gewisser Generationenkonflikt negativ auf die Jugendlichen aus.

Um diese zwischenmenschlichen Hürden zu überwinden, bieten sich vier einfache Maßnahmen an:

  1. Austausch zwischen Führungskräften der FF und den Jugendlichen in der unmittelbaren Übertrittsphase. Hier sollten beide Seiten ihre Erwartungen formulieren. Am besten sind Treffen in kleinen Gruppen, denn in Einzelgesprächen äußern junge Menschen häufig nicht ihre Bedenken.
  2. Paten oder unterschiedliche Kontaktpersonen in der Einsatzabteilung benennen. Sie stehen den jungen Mitgliedern zur Verfügung und begleiten sie bei den ersten Diensten. Aber Achtung:
    Auch hier spielt Sozialkompetenz eine wichtige Rolle. Und es sollte lediglich ein Angebot für die Jugendlichen sein, sonst könnten sie sich bevormundet fühlen.
  3. Übergangsphasen einräumen, in denen die Anwärter bereits bei der Abteilung an den Diensten teilnehmen.
  4. Die Feuerwehr generell zu einer großen Gemeinschaft formen, in der Übertritte dann nur einen „Klamottenwechsel“ und das Bewältigen neuer Aufgaben darstellen. Das gelingt mit  gemeinsamen Diensten – konsequenter Einbezug der älteren Jugendlichen in Übungen – und mehr als einmal jährlich eine Veranstaltung, ein Wettbewerb oder ein Ausflug mit der gesamten Truppe.

Abschließend bleibt bei allen Empfehlungen festzuhalten, dass Kommunikation das A und O ist. Viel Erfolg!

Erfolgreiche Projekte für den Übertritt

Zum Thema Übertritt von der Jugendfeuerwehr in die aktive Mannschaft beziehungsweise Einsatzabteilung einer Freiwilligen Feuerwehren gab es in den letzten Jahren zwei sehr gute Projekte: “17 1/2” der Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg und “Ehrensache – Ich mache weiter” der Jugendfeuerwehr Bremen.

JF Baden-Württemberg – Projekt 17 1/2

 

Backnanger Thesen

Wir fassen kurz ein paar wesentliche Punkte des Thesenpapiers zum Projekt „17 ½ – Übertritt statt Austritt“ zusammen:

  • Der Jugendliche muss bereit sein, sich in die Feuerwehr zu integrieren, sich auch anzupassen oder unterzuordnen;
  • Neue müssen sich der verantwortungsvollen Aufgabe und der Außendarstellung bewusst sein;
  • Der Übergang in die Einsatzabteilung beginnt bereits mit dem Eintritt in die Jugendfeuerwehr, so müssen von Beginn an Perspektiven aufgezeigt werden;
  • In der Jugendfeuerwehr sollte Vertrauen aufgebaut werden;
  • Jugend- und Einsatzabteilung sollten Ausbildung miteinander abstimmen – in der JF sollte die Ausbildung kreativ und jugendgerecht gestaltet sein, mit der Truppmannausbildung beginnt die eigentliche feuerwehrtechnische Ausbildung;
  • Jugendliche sollten vor den ersten FF-Diensten über Abläufe und Gepflogenheiten informiert werden;
  • Junge Erwachsene brauchen kompetente Ansprechpartner mit sozialer und emotionaler Kompetenz;
  • Es gilt, die persönliche Leistungsfähigkeit und –wille zu berücksichtigen, keine „Grenzen“ oder „Schwächen“ aufzuzeigen;
  • Es gilt, die Gesamtheit der Feuerwehr zu vermitteln, wie die Zusammenarbeit der Generation, eine fundierte Ausbildung, Kameradschaft und Verständnis sowie einen respektvollen Umgang;
  • Integration der Jugendarbeit muss als gesamtverantwortliches Handeln der Wehr verstanden werden – auch die Führungskräfte der Einsatzabteilung müssen hier mitwirken;
  • Jugendfeuerwehrwarte und –gruppenleiter müssen in Personalplanungen und wehrinterne Prozesse mit eingebunden werden.

Jugendfeuerwehr Bremen – Ehrensache

 

Produkt: Feuerwehr-Magazin 7/2019
Feuerwehr-Magazin 7/2019
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