Essen (NW) – 76 Prozent der Befragten würden einer behördlichen Aufforderung folgen und ihr Zuhause verlassen. Einen vorbereiteten Notfallrucksack haben dagegen nur 15 Prozent. Eine aktuelle Forsa-Befragung im Auftrag der FOM Hochschule zeigt damit eine deutliche Lücke zwischen Handlungsbereitschaft und konkreter Vorsorge. Ein Thema, das Feuerwehren und Kommunen bereits praktisch beschäftigt.
(Bild: FOM Hochschule)
Für die Untersuchung befragte Forsa Sozialforschung im Juli 2026 telefonisch 1.005 Personen. Die Fragen bezogen sich auf ein militärisches Angriffsszenario. Neben der Bereitschaft zur Evakuierung wurde untersucht, wie die Bevölkerung auf die Aufforderung reagieren würde, im eigenen Zuhause Schutz zu suchen.
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82 Prozent gaben an, einer behördlichen Anordnung zum Verbleib zu Hause folgen zu wollen. Bei einer Aufforderung zur Evakuierung waren es 76 Prozent. Allerdings unterscheiden sich die Antworten deutlich nach Alter und Wohnort. Neun von zehn Befragten zwischen 18 und 29 Jahren würden ihr Zuhause auf Anordnung verlassen. Unter Menschen ab 60 Jahren sind es rund zwei Drittel.
Auch zwischen unterschiedlich großen Wohnorten zeigt die Befragung Unterschiede. In Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern wären knapp zwei Drittel zur Evakuierung bereit. In Großstädten ab 500.000 Einwohnern trifft dies auf fast neun von zehn Befragten zu. Für Prof. Dr. Henning G. Goersch, Professor für Gefahrenabwehr und Bevölkerungsschutz an der FOM Hochschule, folgt daraus, dass Einsatz- und Evakuierungsplanung die Bevölkerung nicht als einheitliche Gruppe betrachten sollte.
Prof. Dr. Henning G. Goersch, Professor für Gefahrenabwehr und Bevölkerungsschutz an der FOM Hochschule (Bild: Timo Kleinerüschkamp)
Wenn aus Planung eine reale Evakuierung wird
Wie eine solche Maßnahme praktisch aussehen kann, zeigte im Juni ein Gefahrguteinsatz auf der A8 bei Wiesensteig (BW). Nachdem bei einem mit organischen Peroxiden beladenen Sattelzug das Kühlaggregat ausgefallen war, konnten die Einsatzkräfte eine Explosion zunächst nicht ausschließen. Die Feuerwehr und weitere beteiligte Stellen richteten deshalb einen Sperrradius ein.
Rund 300 Menschen in Wiesensteig wurden per Lautsprecherdurchsage und Sirenensignal aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Als Notunterkunft stand eine Turnhalle in Mühlhausen zur Verfügung. Nachdem die Gefahr beseitigt worden war, konnten die Evakuierten noch am selben Abend zurückkehren. Der Einsatz zeigt, dass Evakuierungen nicht nur Bestandteil von Verteidigungs- oder Katastrophenschutzplanungen sind, sondern auch bei örtlich begrenzten Einsatzlagen notwendig werden können.
Woran die Vorsorge hakt
Bei der persönlichen Vorbereitung fällt das Ergebnis der Forsa-Befragung wesentlich niedriger aus: Lediglich 15 Prozent der Befragten haben einen Notfallrucksack vorbereitet, den sie bei einer Evakuierung kurzfristig mitnehmen könnten. Goersch sieht deshalb vor allem bei der Kommunikation zur persönlichen Notfallvorsorge Handlungsbedarf.
PDF-Download: Download: Zappenduster- Vorbereiten auf den Blackout
Zappenduster: Dieses E-Dossier zeigt, wie sich Feuerwehren auf einen länger andauernden Stromausfall vorbereiten können – von Notstrom über Kommunikation bis zur Notrufannahme.
Ziel der Branddirektion ist es, die Eigenvorsorge zu stärken. Gut vorbereitete Bürger sollen sich in einer Notlage zunächst selbst helfen können, sodass Feuerwehr und Rettungsdienst ihre Ressourcen auf besonders kritische Einsätze konzentrieren können.
Diese Verbindung zwischen Eigenvorsorge und Gefahrenabwehr war bereits im März Thema bei der Fachpressekonferenz zur Interschutz 2026. Christoph Bahlmann, Direktor der Feuerwehr Hannover, verwies darauf, dass Bevölkerungsschutz die Menschen insbesondere zu Hause betreffe, etwa bei Strom- und Trinkwasserausfällen oder Cyberangriffen. Als Aufgaben nannte er unter anderem Warnung und Kriseninformation sowie die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser. Auch beim Interschutz-Auftritt des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV) spielte die persönliche Vorsorge eine Rolle. Dort sollte die Bevölkerung über Vorsorge und richtiges Verhalten im Notfall informiert werden, um die Belastung der Feuerwehren auf ein bewältigbares Maß zu reduzieren.
Bevölkerungsschutz wird auf mehreren Ebenen ausgebaut
Parallel zur persönlichen Vorsorge werden derzeit auch staatliche und kommunale Strukturen weiterentwickelt. Mit dem „Pakt für den Bevölkerungsschutz“ will die Bundesregierung Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung modernisieren. Vorgesehen sind unter anderem Selbsthilfe-Ausbildung an Schulen, der Ausbau des Warnmittelmixes und der Alarmplanung sowie ein gemeinsames digitales Lagebild. Der DFV fordert, die Feuerwehren bei der Umsetzung umfassend einzubeziehen.
Wie dies auf kommunaler Ebene aussehen kann, zeigt Rommerskirchen (NW). Die Gemeinde hat zum 1. August 2026 eine eigene Stabsstelle für zivile Alarmplanung eingerichtet. Sie soll unter anderem Alarm- und Einsatzplanungen koordinieren, Übungen vorbereiten und Alarmierungs- sowie Meldewege überprüfen.
Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat mit seinem „Wegweiser zur Zivilen Verteidigung in Kommunen“ Arbeitshilfen für entsprechende Planungen vorgelegt. In Nordrhein-Westfalen sollen Kreise und kreisfreie Städte ihre Alarmkalender bis zum 31. Dezember 2026 erstellen, kreisangehörige Kommunen bis zum 31. Dezember 2027.
Die Forsa-Ergebnisse treffen damit auf eine Phase, in der persönliche Vorsorge, Warnung und kommunale Alarmplanung zugleich stärker in den Mittelpunkt rücken. Während eine große Mehrheit nach eigenen Angaben bereit wäre, behördlichen Anweisungen zu folgen, bleibt die konkrete Vorbereitung auf eine kurzfristige Evakuierung bislang deutlich geringer.