Kollegen im Rettungsdienst gehen auf dem Zahnfleisch

Essen (NW) – Die Fallzahlen im Rettungsdienst steigen von Jahr zu Jahr. Die Belastungsgrenze ist überschritten, sagen die Beteiligten. Im Interview geht Leitender Branddirektor Jörg Wackerhahn, Sprecher der AG FReDi, auf mögliche Gründe für den Anstieg ein. Und er nennt Beispiele, was mancherorts dagegen schon getan wird.

Bundesweit ist die Anzahl der Einsätze für den Rettungsdienst in den letzten Jahren rasant gestiegen. “Die Kollegen im Rettungsdienst gehen auf dem Zahnfleisch”, sagt Jörg Wackerhahn, der Sprecher der WG FReDi. Foto: Feuerwehr Essen (Bild: BARTOSZAK)

FM: Wofür steht AG FReDi eigentlich?
Wackerhahn: Es ist die Abkürzung für Arbeitsgemeinschaft der Feuerwehren im Rettungsdienst. Wir sind eine ständige Arbeitsgruppe des Arbeitskreises Rettungsdienst der AGBF (Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren) Bund.

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FM: Seit wann gibt es FReDi?
Wackerhahn: Gegründet wurde die Arbeitsgemeinschaft im Jahr 2000. Zu den Gründungsvätern gehörten damals unter anderem Albrecht Broemme aus Berlin, Prof. Reinhard Ries aus Frankfurt, Stefan Neuhoff aus Köln, Claus Lange aus Hannover und Dieter Farrenkopf aus Hamburg.

FM: Und was sind die Aufgaben?
Wackerhahn:  Die AG FReDi präsentiert den Rettungsdienst der deutschen Feuerwehren auf Messen und Kongressen. Sie stellt Referenten für Fachvorträge und Diskussionen und ist Ansprechpartner in Sachen Rettungsdienstausbildung bei den Feuerwehren.

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FM: Kommen wir mal zur aktuelle Lage im Rettungsdienst. Ist es wirklich so schlimm, wie immer behauptet wird?
Wackerhahn: Schlimmer. Die Kollegen im Rettungsdienst gehen auf dem Zahnfleisch. Die Fallzahlen explodieren vielerorts regelrecht.

FM: Lässt sich der Anstieg prozentual ausdrücken?
Wackerhahn: Die letzten Jahre stieg das Einsatzaufkommen jährlich zwischen 3 und 4 Prozent. Von 2020 auf 2021 waren es vielerorts über 10 Prozent mehr Einsätze.

FM: Wie kommt es dazu?
Wackerhahn: Dafür gibt es gleich eine ganze Reihe von Gründen. Da wäre zum Beispiel der demographische Wandel. Der Bedarf an medizinischer Versorgung steigt mit dem Alter. Und das spüren wir. Ein zweiter entscheidender Grund ist die Vollkasko-Mentalität vieler Bürger. Viele haben den Anspruch, dass die Hilfe zu ihnen kommt, obwohl es zumutbar wäre, dass Sie den Arzt aufsuchen

FM: Können Sie das an einem Beispiel erklären?
Wackerhahn: Jemand ruft den Notruf, weil sein Fußnagel eingerissen ist. Er sagt dem Disponenten, es blutet wie Teufel. Er habe wahnsinnige Schmerzen. Vielfach wird dann ein Rettungswagen (RTW) hingeschickt. Womöglich auch noch der Notarzt.

Immer mehr Menschen können sich nicht selbst helfen

FM: Gibt es noch weitere Gründe?
Wackerhahn: Die abnehmende Selbsthilfefähigkeit vieler Menschen.

FM: Was ist damit gemeint?
Wackerhahn: Eine Mutter ruft den Notruf, weil ihr Kind 38.9 Grad Fieber hat. Fieberzäpfchen sind nicht zur Hand, Wadenwickel sind ihr unbekannt.

FM: Wäre das nicht ein Fall für den kassenärztlichen Notdienst?
Wackerhahn: Im Prinzip schon. Aber da hängen die Anrufer teilweise mal eine halbe Stunde in der Warteschlange. Und die Zuständigkeitsbereiche der diensthabenden Ärzte sind in den letzten Jahren enorm vergrößert worden. Gleichzeitig wurde vielerorts die Vorhaltezeit der KV-Ärzte reduziert. Und nicht jeder kann oder will zu den Ärzten fahren. Also wird der Notruf 112 gewählt.

Fungiert aktuell als Sorecher der AG FReDi: Jörg Wackerhahn, der stellvertretende Leiter der Feuerwehr Essen. Foto: Feuerwehr

FM: Das Problem ist also sehr vielschichtig.
Wackerhahn: Das kann man wohl sagen. Die Veränderung der Krankenhauslandschaft muss noch erwähnt werden. Durch Zusammenschlüsse und Schließungen fallen mehr und längere Fahrten für den Krankentransport und den Rettungsdienst an. Das heißt, die Fahrzeuge sind länger gebunden. Und dann sind da noch die Auswirkungen der Pandemie.

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FM: An was genau denken Sie dabei?
Wackerhahn: Durch die Isolation sind viele Menschen psychisch auf der Strecke geblieben. Die wählen den Notruf und klagen über Angstgefühle. Wörtlich sagen die: Mir geht es sehr schlecht und ich weiß nicht weiter. Der Leitstellendisponent schickt also vorsichtshalber einen RTW. Damit kann man nichts verkehrt machen.

Für zusätzliche Rettungsmittel fehlt das Personal

FM: Wie kann die Lösung aussehen? Mehr Rettungsmittel?
Wackerhahn: Dafür fehlt uns das qualifizierte Personal. Und es wäre auch der falsche Weg. Wir würden nur die Symptome bekämpfen. Wir müssen an die Ursachen ran.

FM: Was schlägt die AG FReDi vor?
Wackerhahn: Wir müssen den Rettungsdienst neu denken. Aktuell gibt es viele niederschwellige Hilfeersuchen, für die wir flächendeckend noch kein geeignetes Instrumentarium haben. Aber es gibt bereits vielversprechende Pilotprojekte.

FM: Wie sehen die aus?
Wackerhahn: Da wäre zum Beispiel der Gemeinde-Notfallsanitäter. Der fährt als erstes bei Fällen, bei denen der Notruf auf Einsamkeit oder Bagatelleinsätze hindeutet. Ich würde es „Gucken 1 im Rettungsdienst“ nennen. In Bremen wird damit auch experimentiert. Hanse-Sani nennt sich das Modell. Und in Bayern laufen Versuche mit dem REF, dem Rettungseinsatzfahrzeug. Bei einigen Einsätzen könnte auch en Notfall-Krankenwagen reichen, beispielsweise beim Transport von verletzten Sportlern.

Bild mit Seltenheitscharakter (zumindest in einer deutschen Großstadt): Ein Rettungswagen steht an einer Wache. Foto: Feuerwehr Essen

FM: Und was halten Sie vom Einsatz von Telemedizinern, die nicht selbst vor Ort dabei sind?
Wackerhahn: Das ist definitiv ein weiterer wichtiger Baustein. Ist der Gemeinde-Notfallsanitäter sich bei einem Fall beispielsweise nicht sicher, zieht er den Telemediziner hinzu.

FM: Was sollte noch getan werden?
Wackerhahn: Ich persönlich finde, wir müssen die Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung wieder stärken. Es könnte dazu ein Schulfach geben oder spezielle Aktionstage. Was bedeuten die Sirenensignale, wie sehen Sofortmaßnahmen am Unfallort aus oder wie verhalte ich mich beim Stromausfall? Um nur einige Aspekte zu nennen. Manche Kinder wissen nicht einmal mehr, ab wie viel Grad man Fieber hat oder wie die wichtigsten Erste Hilfe-Maßnahmen aussehen. 

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Finde ich aber am Ende auch nicht die durchdachte Lösung. Dann trauen sich wiederum einige nicht den RD zu holen, obwohl der nötig wäre. Die Entscheidung völlig dem Patienten / Angehörigen zu überlassen finde ich falsch.
    Vielmehr sollten Abfragalgorhythmen in der Leitstelle helfen einen Einsatz besser einzuschätzen.

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  2. Liebe Redaktion des FEUERWEHR-MAGAZINs, herzlichen Dank für die Veröffentlichung dieses wichtigen Interviews. Es erscheint zur rechten Zeit. Nicht nur in Berlin brennt es zurzeit an allen Ecken und Kanten, über die gesamte Bundesrepublik verteilt gehen die Mitwirkenden im Rettungsdienst auf dem sprichwörtlichen Zahnfleisch.
    Auch ich habe natürlich kein Patentrezept, aber nach dem Motto: “Es ist zwar bereits Alles gesagt worden, aber noch nicht von Jedem” möchte ich Folgendes ergänzen (und hierbei ist anzumerken, dass ich keine Vollständigkeit anstrebe):
    1. Ja, die Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung ist zu stärken. BAGEH, BBK, FReDi, GRC & Co. sollten sich zu einer konzertierten Aktion zusammenschließen, anstatt einzeln zu “wurschteln”. Wie kann es sein, dass das DRK den 8. Mai als Weltrotkreuztag nutzt, um auf die Wichtigkeit der Breitenausbildung hinzuweisen (oder den heutigen “Welttag der Prävention gegen den Ertrinkungstod”, um auf die Ausbildung von Rettungsschwimmern hinzuweisen), die BAGEH einen Samstag in der ersten Septemberhälfte und der GRC eine Woche Ende September!? Hier müssen alle relevanten Gruppen an EINEM Strang ziehen – und zwar in die gleiche Richtung und ohne verbandspolitische Interessen!
    2. Schulen müssen SCHULGESETZLICH verpflichtet werden, WICHTIGE Inhalte der Erste-Hilfe-Ausbildung regelmäßig zu unterrichten. Die Appelle von DRK & Co. verpuffen zunehmend.
    3. Der Rettungsdienst muss endlich aus dem falschen SGB (Rubrum: Fahrtkosten => “Transportleistung”) herausgenommen und als eigenständige medizinische Leistung im richtigen SGB eingestuft werden. Es gibt – auch kommunale – Rettungsdienste, bei denen das Rettungsfachpersonal geradezu genötigt wird, Patienten mitzunehmen, weil nur so die volle Leistung abgerechnet werden kann. Das darf nicht sein!
    4. Notfallsanitäter unnd Notärzte sind Mangelressourcen. Deshalb sind diese nur gezielt einzusetzen. D. h., der Notfallsanitäter/die Notfallsanitäterin ist bundesweit zu befugen, weitergehende Maßnahmen durchzuführen, der Notarzt/die Notärztin ist nur in wirklich notwendigen Fällen hinzuziehen. Dass ein erst später eintreffender Notarzt die Gesundheit des Notfallpatienten/der Notfallpatientin wirklich gefährdet, ist eine Mär, die von den entsprechenden Berufsverbänden gerne der Öffentlichkeit und den (Bundes- und Landes-)Poliikerinnen und -Politikern erzählt wird!
    5. Luftrettung muss wieder in ihre originäre Aufgabe als Joker zurückgeführt werden. Nur weil ein RTH-Notarzt schneller am Notfallort eintreffen könnte, sollte diese Mangelressource nicht eingesetzt werden! Hier sind die Aufsichtsbehörden gefordert, dem Treiben Einhalt zu gebieten. Der von der DRF Luftrettung aktuell propagierte Weg des sogenannten Voralarms mittels Rescue Track scheint mir nicht der geeignete Weg zu sein, diese kostenintensiven und zum Teil überflüssigen RTH-Einsätze als reiner Notarztzubringer zu begrenzen. Ja, TIME IS BRAIN, TIME IS LIVE,! Aber: Nicht alles, was technisch oder organisatorisch machbar ist, muss man auch machen! Gerade verabschieden sich wichtige Verbände von der GOLDEN-HOUR-Ideologie – und setzen wieder vermehrt darauf, das jeweils Richtige für den jeweiligen Patienten zu machen. Dies kann Vorbildcharakter haben!
    6. Es muss Schluss sein mit der Schlussfolgerung: Mehr Notfalleinsätze = mehr Rettungswagen/Rettungswachen!
    7. Leitstellenmitarbeiter müssen auf den Ärztlichen Bereitschaftsdienst (116117) verweisen dürfen. Bzw. noch besser wäre es, wenn 116 117- und 112-Notrufabfragestellen bundesweit zusammengelegt würden. Pilotprojekte wie in den Kreisen HX/LIP/PB oder in BaWü aus vermeintlichen Kostengründen (für wen? die KV, die Kostenträger, die Steuerzahler, die Allgemeinheit?) einzustellen, ist der FALSCHE Weg! Hier ist einmal mehr die Politik gefordert. Die Selbstverwaltung medizinischer Fachgesellschaften oder Korporationen ist auf das wirklich Notwendige zu beschränken.

    Ich könnte endlos weitermachen, lasse es aber hierbei bewenden.
    Abschließend der Hinweis an uns Retter und Retterinnen: Reflektieren wir unser Tun und machen wir uns stark für einen starken Rettungsdienst, der by the way als professionelle Dienstleistung am Notfallpatienten und an der Allgemeinheit durchzuführen ist und nicht weiter als verkappte Speerspitze des (ehrenamtlich getragenen) Bevölkerungsschutzes (Was für ein Modewort!) von Einigen missbraucht werden darf!

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  3. Das gibt es. 116117 KV Dienstärzte

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  4. Der größte Teil der Leute, die für unnütze Einsätze sorgen, bekommt sowieso Hartz 4 und sind dann von der Zuzahlung von 50 Euro bereit.
    Nächster Vorschlag, aber bitte etwas Praxis bezogener.

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  5. Krankenkassen werde nicht von Steuermitteln finanziert.
    RettASS einfach ohne weitere Ausbildung und Prüfung zum NotSan zu befördern. Nur so viel. Anfang der 90er Jahren gab es dieses schon mal, RS wurden über Nacht zum RA. Dann hatte wir ein Haufen von Handaufgelegten RA die nicht das Wissen hatten und nicht das konnten, was sie hätten wissen und können müssen.

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  6. Hallo Gunthard,

    ist nicht so einfach. Der KV Dienst ist auch überlastet, an wen sollen wir da durchstellen? Die 116117 ist vielen zu umständlich, da sier lange warten müssen, Außerdem meinen viele mit dem RD schneller behandelt zu werden. Es fehlt an allen Ecken und Kanten Personal. Solang die Patienten wegen jedem quersitzenden Furz den RD rufen, wird sich das nicht ändern. Außer es geht an den Geldbeutel. Da traut sich die Politik aber nicht ran.

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  7. Hallo Andreas,

    den Krankentransport gibt es hier auch. Der ist aber nicht für Notfälle gedacht. Um den KTW zu schicken bedarf es einer Verordnung vom Arzt. Das Problem, viele wissen genau was sie am Telefon sagen müssen, damit der RD ausrückt. Da hilft nur bei Bagatellen, die Zuzahlung für Patienten zu erhöhen.

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  8. Die Berliner Feuerwehr, die das Monopol für den Rettungsdienst hat und somit den Großteil der Einsätze fährt, ruft seit einigen Wochen so gut wie jeden Tag (!) den Ausnahmezustand aus. Der Hauptgrund dafür ist, dass einfach zu wenige RTW verfügbar sind für die Vielzahl an (angeblichen) Patienten.
    Diese Leute sind meiner Meinung nach einfach nur egoistisch bis zum Abwinken. Die Hauptsache ist doch, man kommt schnell und kostenlos ins Krankenhaus, aber dass die Feuerwehrleute auf dem Zahnfleisch kriechen, interessiert niemanden. Und obwohl man über dieses Problem bereits mehrfach in Zeitungen lesen konnte, ändert sich die Lage für die Berliner Feuerwehr nicht wirklich.

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  9. Das ist in den Niederlanden, wo ich arbeite, ganz genauso. Allerdings gibt es dort einen funktionierenden hausärztlichen Notdienst,der telefonisch gut erreichbar ist und der auch Hausbesuche macht, sollte ein Patient nicht kommen können. Diese Voraussetzung fehlt in Deutschland.
    Durch die schlechte Informationsübermittlung kommt in Deutschland noch einmal mehr Arbeit hinzu. Als ich noch ein Kind war, riefen meine Eltern nachts unseren Hausarzt an, wenn was war. Der hatte alle Informationen und konnte dementsprechend gut vorselektieren, was er selbst konnte und wann ein Rettungswagen gerufen werden musste. Technisch ist das heute umsetzbar, ohne dass die Hausärzte 24/7 im Dienst sind (siehe wieder Beispiel NL).
    Es bräuchte grundlegende Reformen der ambulanten Versorgung. Nur beim Rettungswesen anzusetzen behebt das Problem nicht.

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  10. Grundsätzlich stimme ich den Problemen auf Patienten-/Angehörigenseite zu. Mangelnde Fähigkeit zur Selbsteinschätzung der medizinischen Dringlichkeit sowie die Vollkaskomentalität sind tatsächlich ein Problem. Dabei sollten aber die Probleme auf der “anderen Seite” nicht ignoriert werden. Ich arbeite seit fast 20 Jahren (davon 11 Jahre als Rettungssanitäter, inzwischen (Klinik)Notarzt) in einer bayerischen Großstadt. Wie oft ich mit Blaulicht (und den dazu gehörenden Risiken für mich und andere Verkehrsteilnehmer) gerade am Wochenende zu chronisch erhöhtem Blutdruck, chronischen (Rücken-)Schmerzen oder Palliativpatienten ohne Versorgungskonzept gefahren werde, ist in manchen Schichten abartig. Und selten geht die Situation für beide Seiten zufriedenstellend aus, weil ich als (Klinik-)Notarzt weder einen rosa Rezeptblock haben darf, noch das NEF p.o.-Retardpräparate mitführt, wie sie bei solch chronischen Problemen häufig die einzig nachhaltige Lösung darstellen. Die Hotline 116117 der KVB schiebt solche Einsätze regelhaft einfach an den Notarzt weiter, obwohl hier bewusst eine für das chronische Problem des Patienten völlig ungeeignete und überdimensionierte Ressource verbraten wird, für ein medizinisches Problem, das seit Wochen und Monaten unverändert besteht.
    Hinzu kommt, dass aufgrund der Personalnot auch in den Leitstellen der Anrufer als erstes immer häufiger bei einem Telefonisten/Disponenten landet, mit dessen Entscheidungen und Fragen der Einsatz steht oder fällt, der aber häufig weder die Qualifikation noch die Erfahrung besitzt, um sichere Entscheidungen treffen zu können. Und es kann nicht die Lösung sein, bei Unsicherheit lieber einen Notfall oder Notarzteinsatz draus zu machen, nur um “auf Nummer sicher” zu gehen. Ist der Anruf erst beendet und der Einsatz disponiert, läuft die Maschinerie und lässt sich nicht mehr aufhalten. Dabei sind in Fällen wie chronischer Hypertonie oder Rückenschmerzen in 90% der Fälle völlig banale Laienfragen ausreichend, um Bagatellen auszusortieren (Beispiel: Wie lange haben sie die Beschwerden schon? –> 6 Monate –> Sind die Beschwerden jetzt anders als gewohnt? –> Nein –> Warum KONKRET also jetzt der Notruf? –> Hausarzt ist im Urlaub und Sohn sagt ich soll die 112 anrufen). Exakt diese Fragen stelle ich als Notarzt dem Patienten vor Ort auch als allererstes, um die Dringlichkeit der Lage korrekt einschätzen zu können. Es wäre (gerade in Zeiten des Notarztmangels) mit Sicherheit nachhaltiger, in der Leitstelle einen Notarzt einzusetzen, der in solchen Fällen eine kurze medizinische Erstberatung geben (Wegweiserfunktion) und unnötige Blaulichtfahrten verhindern kann. Und gleichzeitig das Leitstellenpersonal vor der Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen und Konsequenzen befürchtenzu müssen, entlasten kann.
    Ein ähnliches Phänomen stelle ich auch zunehmend bei den jüngeren Notfallsanitätern fest. Fenta spritzen und intubieren beim nicht nüchternen Traumapatienten ohne Ahnung von dessen Atemweg zu haben? Klar, kann ich im Schlaf! Oma Erna Sonntag nachts mit einem Blutdruck, der schon seit Wochen bei 180 liegt daheim lassen und auf den Hausarzt verweisen, der in 6 Stunden Sprechstunde hat? Ach ne, das ist mir zu unsicher, da lass ich dann lieber mal den Notarzt quer durch die Stadt rödeln, nur um die Transportverweigerung unterschreiben zu lassen.
    Sorry, aber so geht’s einfach nicht, da läuft in der Ausbildung und der Selbstwahrnehmung gehörig was falsch. Und solche “Nummer sicher”-Einsätze nehmen leider in meinem Bereich in den letzten Jahren massiv zu.
    Fazit: Fehler und Probleme nicht nur bei Patienten und Angehörigen suchen, sondern auch die Strukturen der kassenärztlichen Vereinigungen, der Leitstellen und des Rettungsdienstes überprüfen und reformieren. Damit könnte man die Einsatzfrequenz meiner bescheidenen Meinung nach vor allem in den Städten massiv reduzieren, und zur Zufriedenheit der Patienten Probleme zum für den konkreten Fall geigneten Adressaten lenken.

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  11. Genau diese Anerkennung sollte ausdrücklich nicht stattfinden.
    Nicht jeder Rettungsassistent, der damals vom Rettungssanitäter “hochernannt” wurde, hat das Zeug, einfach als NotSan weiterzuarbeiten.
    Die Ergänzungsprüfung war kein Hexenwerk und mit ein wenig Kopfarbeit gut zu schaffen.

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  12. In Berlin ist der Ausnahmezustand Rettungsdienst schon Tagesordnung. Es stehen Zuwenig Fahrzeuge und vor allem zu wenig Personal zur Verfügung.

    Ein weiterer Punkt dürfte sein, dass die Anzahl der Krankenhäuser und vor allem der Betten und Personal sukzessive gesunken ist und Rettungsmittel deshalb längere Strecken zurücklegen müssen und dadurch für längere Zeit nicht in ihrem Revier verfügbar sind.

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  13. Ich arbeite seit fast 30 Jahren im Rettungsdienst und sehe diese Probleme sehr, sehr oft. Leider wie in dem Bericht schon beschrieben wissen die Menschen sich nicht mehr zu helfen oder mal eine Entscheidung zu treffen ob die Oma oder Opa oder das eigene Kind bei leichten Fieber zuhause zu lassen. Wir fahren uns den Arsch ab und werden noch als nicht wichtig eingestuft! Beispiel, Coronapräme oder einfach nach 30-35 Jahren Aktiven Schichtdienst in den Ruhestand zu schicken.
    Burnout und Krankmeldung lassen grüßen.

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  14. Leider wussten das die Normalen Kollegen des Rettungsdienst schon lange. Die Führungskräfte haben Ihnen nie geglaubt.. Erst wenn es zu spät ist werden die mal wach… ( und dann findet man auch eine Passende Studienlage)

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  15. Ja der Rettungsdienst ist leider unterbesetzt.Der Beruf ist auch nicht grade attraktiv, miese Arbeitszeiten sowie schlechte Bezahlung.Wenn ich mir vorstelle ich muss den Job bis 67 Jahre machen dann muss ich sagen nein ,auf keinen Fall. Und des Weiteren ist die Regierung selbst schuld, 2013 wurde ein neues Berufsbild geschaffen der Notfallsanitäter der den Rettungsassistenten ablösen soll. Viele Rettungsassistenten haben die Ergäzungs Prüfungen zum Notfallsanitäter aus Altersgründen nicht gemacht.Zudem wurden die
    Prüfungen von den Krankenkassen finanziert und somit vom Steuerzahler .Ich finde das die Rettungsassistenten die schon langjährig im Beruf arbeiten entweder gleich zustellen sind oder zum Notfallsanitäter anerkannt werden .Damit könnte man das zur Zeit bestehende Personalproblem beheben denn die meisten Rettungsassistenten sind schon seit Jahrzehnten im Beruf tätig.

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  16. Da hat Herr Wackerhahn mit Allem Recht.
    In meinem Bundesland kommt es mir allerdings so vor, dass mit den RTW-Einsätzen intendiert nicht unerheblich Geld verdient wird und dass die Krankenkassen und damit jeder Bürger letztendlich mit den Beiträgen ausgleichen muss.

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  17. In der DDR gab’s den Krankentransport, unabhängig vom RD (SMH)
    Die Ltst hat entschieden welches Rettungsmittel ausrückt.
    Hat immer funktioniert…

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  18. Ich arbeite direkt an der Schweizer Grenze im RD bei unseren Kollegen über der Grenze müssen unberechtigte Einsätze selbst bezahlt werden. Das sorgt auch dafür dass wegen Bagatellen der RD weniger in Anspruch genommen wird !

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  19. Also das ist echt das Letzte, dass die Leute sich trauen, den RTW zu bestellen wegen einem “eingerissenen Fingernagel”, das denen sowas nicht peinlich ist??. Eine einfache Lösung, zum dem einen Riegel vorzuschieben, wäre eine von der Krankenkasse zu erhebende Pauschale, von 50€,pro Einsatz eines RTW. Zusätzlich könnte man eine Art “Telefonischer Bereitschaftsdienst” einrichten, auf diese dann der Disponent in der Leitstelle das Gespräch umleiten kann. Denn sollte sich bei dem “Arzt-zu-Patienten-Gespräch” herausstellen, das das eine oder andere proffessionell behandelt werden muß, dann kann immer noch entschieden werden, ob der Patient zum Hausarzt, oder zum ärztlichen Notdienst im Krankenhaus geht.

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  20. So wahr…ich bin auch für ein Schulfach, „Lernen zur Selbsthilfe“ (Pflaster kleben als Beispiel ) damit wird zwar erst in einigen Jahren was passieren, aber wäre ein Schritt für die Zukunft !!!

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