Mittwoch, 26. April 2017

Chemikalienschutzanzüge für die Feuerwehr

Alarm für die Feuerwehr: Auf einer Landstraße ist es zu einem Gefahrgutunfall gekommen. Ein Gefahrguttransporter verliert eine unbekannte Flüssigkeit. Welche Persönliche Schutzausrüstung ist jetzt die richtige? Wir erklären, welche CSA Ihr im ABC-Einsatz tragen müsst.

Grundsätzlich gilt: ABC-Gefahrstoffe (Atomar, Biologisch, Chemisch) stellen ein Risiko für Einsatzkräfte dar. Daher muss die Feuerwehr besondere Schutzmaßnahmen ergreifen. Hierbei spielen neben Atemschutzgeräten insbesondere Chemikalienschutzanzüge (CSA) eine wichtige Rolle. Diese Persönliche Schutzausrüstung soll die Aufnahme von Gefahrstoffen in den Körper (Inkorporation) ausschließen und die äußere Verunreinigung mit Gefahrstoffen (Kontamination) soweit wie möglich vermeiden.

Bei der Feuerwehr zählt der gasdichte Chemikalienschutzanzug mit innen getragener Atemluftversorgung zum Standard. Sie bieten die größtmögliche chemische und mechanische Beständigkeit. Symbolfoto: Dräger

Bei der Feuerwehr zählt der gasdichte Chemikalienschutzanzug mit innen getragener Atemluftversorgung zum Standard. Er bietet die größtmögliche chemische und mechanische Beständigkeit. Symbolfoto: Dräger

Um die geeignete Schutzkleidung auszuwählen, ist es sinnvoll, die hauptsächlich auftretenden Gefahren im Einsatz genauer anzuschauen. Im Bereich Chemie sind dies gefährliche Gase, Dämpfe und Flüssigkeiten, Explosionsgefahr und Stichflammenbildung sowie besonders hohe oder tiefe Temperaturen. Schutzbekleidung soll den Feuerwehrmann bestmöglich gegen diese Gefahren schützen. Gleichzeitig darf sie den Träger aber auch nicht zu stark einschränken. Nicht zuletzt sind die Kosten einer solchen Feuerwehrbekleidung ein wichtiges Auswahlkriterium.

Wahl des CSA je nach Tätigkeit der Feuerwehr

Die Tätigkeiten im ABC-Einsatz, die besondere Schutzkleidung erforderlich machen, lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:

  1. Arbeiten und Rettungsmaßnahmen im unmittelbaren Gefahrenbereich mit einem sehr hohen Gefährdungspotenzial
  2. Mess- und Überwachungsaufgaben an der Grenze zum Gefahrenbereich mit überschaubarem Gefährdungspotenzial
  3. Aufgaben mit geringem Gefährdungspotenzial, zum Beispiel Dekontamination.

Ein Dekontaminations-Trupp, der beim Auskleiden dekontaminierter CSA-Träger unterstützt, braucht eine andere Schutzkleidung als ein Trupp, der in austretenden Gefahrstoffdämpfen – noch dazu zwischen den scharfkantigen Teilen eines verunfallten Lkw – Rettungsarbeiten durchführt.

Persönliche Schutzausrüstung für den sicheren Einsatz bei der Feuerwehr und anderen Hilfsorganisationen

Dieses Buch ist ein umfassender Ratgeber für die Feuerwehr rund um das Thema Persönliche Schutzausrüstung (PSA). Im Kapitel „Spezial-PSA“ wird unter „ABC-Schutz“ ausführlich auf Chemikalienschutzanzüge (CSA) eingegangen.

>> Hier das Buch online bestellen <<

Von den in der Feuerwehr-Dienstvorschrift (FwDV) 500 „Einheiten im ABC-Einsatz“ benannten Arten von Schutzkleidung kommen bei ABC-Einsätzen vor allem der Körperschutz Form 2 (Schutzanzüge gegen Kontamination mit festen und zum Teil flüssigen Gefahrstoffen) und der Körperschutz Form 3 (Schutzanzüge gegen Kontamination mit flüssigen und gasförmigen Stoffen) zum Einsatz.

Der Körperschutz Form 1 soll die Kontamination mit festen Partikeln verhindern. Er besteht aus der Schutzkleidung für Brandbekämpfung und der Kontaminationsschutzhaube. Vorgesehen ist er beispielsweise im Strahlenschutzeinsatz oder bei Einsätzen, bei denen das thermische Risiko höher zu bewerten ist als eine mögliche Kontamination.

Überall dort, wo eine Gefahr durch bekannte feste oder flüssige Gefahrstoffe besteht, wird die Feuerwehr in der Regel auf Anzüge des Körperschutzes Form 2 zurückgreifen, wenn damit eine Gefährdung des Trägers praktisch ausgeschlossen werden kann. Das sind oft flüssigkeitsdichte Schutzanzüge gemäß DIN EN 14605:2009, Typ 3 (siehe Kasten „Normen und Vorschriften für CSA Feuerwehr“). Diese Anzüge sind deutlich dünner, flexibler und leichter als gasdichte CSA. Sie können in der Regel mit Filter oder Pressluftatmer und Vollmaske kombiniert werden. Die Einsatzkräfte werden weniger belastet und die Einsatzzeiten verlängern sich. Außerdem sind flüssigkeitsdichte Anzüge deutlich preiswerter als gasdichte CSA.

Stichwort Spritzschutzanzüge

Für geringere Gefahren, bei denen keine Chemikalienschutzanzüge getragen werden müssen, sind Spritzschutzanzüge ausreichend. Dabei sollten Feuerwehren gerade bei diesen Anzugvarianten darauf achten, dass sie für A-, B- und C-Gefahren zugelassen sind. So kann ein Anzug für alle Einsatzszenarien verwendet werden kann. Die entsprechenden Normen sind:

  • DIN EN 1073-2 „Schutzkleidung gegen radioaktive Kontamination – Teil 2: Anforderungen und Prüfverfahren für unbelüftete Schutzkleidung gegen radioaktive Kontamination durch feste Partikel“
  • DIN EN 14126 „Schutzkleidung – Leistungsanforderungen und Prüfverfahren für Schutzkleidung gegen Infektionserreger“
  • DIN EN 14605 (siehe Kasten „Normen und Vorschriften CSA“; gilt für Form-2-Anzüge; Form-3-Anzüge sind in EN 943 genormt).

Bei geringen Gefahren kann die Feuerwehr Spritzschutzanzüge tragen. Foto: Dräger

„Bei den meisten ABC-Einsätzen der Feuerwehr lässt sich die Gefahr, die von einem austretenden Stoff ausgeht, zunächst einmal gar nicht abschätzen“, sagt Branddirektor Dr. Volker Ruster, Chemiker und Leiter der Analytischen Task Force (ATF) bei der BF Köln. „In solchen Situationen ist die größtmögliche Gefahr anzunehmen und der maximale Schutz zu wählen. Deshalb müssen die Einsatzkräfte schon für die Erkundung durch einen gasdichten CSA gegen Flüssigkeiten und Gase geschützt sein.“

Gasdichter Chemikalienschutzanzug für Notfallteams

Die Schutzanzüge der Körperschutz Form 3 nach FwDV 500 werden in der DIN EN 943-2 mit ihren „Leistungsanforderungen für gasdichte (Typ 1) Chemikalienschutzanzüge für Notfallteams (ET)“ beschrieben und sind entsprechend dieser Norm zugelassen. Die DIN EN 943-2 – ebenso wie die BG-Regel 189 „Benutzung von Schutzkleidung“, auf die bei CSA häufig verwiesen wird – unterscheidet hierbei zwischen Typ 1a (innen mitgeführte Atemluftversorgung) und Typ 1b (außen liegende Atemluftversorgung). Für deutsche Feuerwehren gilt zusätzlich die Zulassung nach vfdb-Richtlinie 08-01.

Gasdichte Schutzanzüge nach DIN EN 943-2 und vfdb 08-01 sind in nahezu allen ABC-Einheiten der Feuerwehren vorhanden. Das Angebot der Hersteller ist vielfältig. Trotzdem – oder gerade deswegen – gibt es Besonderheiten zu beachten.

Selbst bei zugelassenen Anzügen nach DIN EN 943-2 und vfdb 08-01 gibt es erhebliche Leistungsunterschiede hinsichtlich Beständigkeit und Schutzwirkung. Gasdichte Schutzanzüge unterteilen sich in wiederverwendbare (reusable) CSA und CSA für den begrenzten Einsatz (limited use).

Wenn der Träger in explosionsfähigen Atmosphären arbeiten muss, sollten beim Chemikalienschutzanzug die elektrostatischen Eigenschaften beachtet werden. Symbolfoto: MSA

Wenn der Träger in explosionsfähigen Atmosphären arbeiten muss, sollten beim Chemikalienschutzanzug die elektrostatischen Eigenschaften beachtet werden. Symbolfoto: MSA

Der Unterschied liegt in dem Materialaufbau der Anzüge. Er besteht bei wiederverwendbaren CSA oft aus mehreren Lagen reißfester Textilien, speziellen chemisch beständigen Kunststofffolien sowie Hochleistungselastomeren. Anzüge für den begrenzten Einsatz sind manchmal nur aus einer einzigen Kunststofffolie gefertigt.

Die unterschiedliche chemische und mechanische Beständigkeit bestimmt zunächst, ob ein CSA nach dem Gebrauch entsorgt werden muss oder wiederverwendbar ist. Bei Anzügen für den begrenzten Einsatz sind zwei Umstände zu beachten: Die Anzüge sind, wie die Bezeichnung verrät, nur begrenzt oft wieder verwendbar, einige sogar nur einmalig. Außerdem sind sie nur für Einsatzaufgaben der Feuerwehr mit geringem Gefährdungspotenzial vorgesehen.

Feuerwehr-Magazin mit Mini-Abo testen

Ihr seid an regelmäßigen Tipps zu Ausrüstung, Technik und Taktik interessiert? Noch mehr Service-Beiträge von unseren Experten findet Ihr jeden Monat im Heft. Ihr könnt im Feuerwehr-Magazin-Shop ein Einzelheft bestellen – oder noch besser: Schnuppert mit einem Mini-Abo in drei Ausgaben rein.

>>Hier geht’s zum Mini-Abo!

Die vfdb-Richtlinie 08-01 beschreibt die Einsatzgebiete von begrenzt einsetzbaren Chemikalienschutzanzügen konkret mit dem „Absperren und Überwachen von Gefahrenbereichen beziehungsweise Aufspüren und Messen von ABC-Gefahrstoffen“. Diese Einsätze haben eine geringe Gefährdung durch mechanische Beanspruchung gemeinsam.

Begrenzt einsatzfähige gasdichte Schutzanzüge für den Messeinsatz ohne mechanische Beanspruchung sind nicht für Arbeiten im unmittelbaren Gefahrenbereich geeignet, etwa beim Retten, Abdichten oder Umpumpen. Die Gefahr einer Beschädigung beispielsweise durch scharfe Kanten oder extreme Temperaturen und damit eine Verletzung des CSA-Trägers ist zu hoch.

Die Vorteile von Chemikalienschutzanzügen für den begrenzten Einsatz liegen in den geringen Anschaffungskosten und einem kleinen Packmaß. Außerdem ist das dünnere Material leichter und der Anzugträger hat größere Bewegungsfreiheit. Deshalb können diese Anzüge eine sinnvolle Ergänzung zu wiederverwendbaren CSA sein.

CSA Typ 1a setzt die Feuerwehr am häufigsten ein

Die „Universalwaffe“ der Feuerwehren ist jedoch der wiederverwendbare (oder auch „schwere“) gasdichte Chemikalienschutzanzug. Er schützt die Einsatzkräfte gegen die gefährlichsten Stoffe. Neben größtmöglicher chemischer und mechanischer Beständigkeit widerstehen einige Modelle auch Stichflammen und tiefkalten Substanzen, wie zum Beispiel verflüssigtem Ammoniak. In der Regel verwenden Feuerwehren wiederverwendbare CSA Typ 1a mit innen getragener Atemluftversorgung.

Ähnliche Artikel zum Thema:

Für den Einsatz in explosionsfähigen Atmosphären sollten die elektrostatischen Eigenschaften der Anzüge beachtet werden. Maßgeblich ist die Erfüllung der europäischen ATEX-Produktrichtlinie 94/9/EG für den Explosionsschutz. In der Vorschrift sind zwar keine speziellen Anforderungen an CSA genannt, aber ein Hersteller kann seine Anzüge nach dieser Richtlinie prüfen lassen. Ein sinnvolles Detail sind außerdem äußere Befestigungsösen für Ausrüstung und zur Rettung verunfallter CSA-Träger.

Viele CSA bieten Anschlüsse für eine externe Atemluftversorgung. Foto: Michael Rüffer

Viele CSA bieten Anschlüsse für eine externe Atemluftversorgung. Foto: Michael Rüffer

Zunehmende Bedeutung gewinnen die externe Atemluftversorgung und Belüftung von Schutzanzügen. In Österreich schon lange Standard, waren sie in Deutschland aufgrund ihrer vermeintlichen Komplexität und der zusätzlichen Kosten lange Zeit nicht akzeptiert. „Spätestens seit der wachsenden Gefahr durch B-Einsätze (biologische Gefahren) und den damit verbundenen längeren Dekontaminations-Zeiten ist dieser Zugewinn an Sicherheit aber nicht mehr wegzudenken“, betont Tilo Funk, Leiter der Werkfeuerwehr Behring in Marburg (HE) und Kreisbrandmeister Allgemeine Hilfe/Gefahrgut des Kreises Marburg-Biedenkopf. „Die externe Luftversorgung dient – entsprechend der vfdb-Richtlinie – der Verlängerung der Einsatzzeit am Dekontaminationsplatz.“ Denn die Regeleinsatzzeit für CSA-Träger mit Pressluftatmern (PA) liegt bei nur 20 Minuten. Die Hersteller bieten für ihre Chemikalienschutzanzüge in der Regel eine Luftzuführungseinrichtung als Zusatzausstattung an.

Welchen Anzug eine Feuerwehr beschafft, muss sie letztlich nach einer Gefährdungsbeurteilung entscheiden. Die vfdb hat dazu mit der Richtlinie 08-05 eine Empfehlung veröffentlicht. Sie dient den deutschen Feuerwehren als Leitfaden für die Gefährdungsbeurteilung und die endgültige Auswahl.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es sich für Erstangriffsfahrzeuge sowie Gerätewagen-Gefahrgut empfiehlt, aufgrund der höheren mechanischen Anforderungen wiederverwendbare gasdichte CSA zu verladen. Für Messfahrzeuge sind – je nach Einsatzaufkommen – wiederverwendbare Chemikalienschutzanzüge oder CSA für den begrenzten Einsatz geeignet.

Normen und Vorschriften für CSA Feuerwehr

  • ATEX (siehe Richtlinie 94/9/EG)
  • BGR 189 „Benutzung von Schutzkleidung“ (Berufsgenossenschaftliche Regel)
  • BGI/GUV-I 8671 „Auswahl von Chemikalienschutzanzügen bei den Feuerwehren“ (Information der Berufsgenossenschaften/Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung)
  • BS 8467 „Protective clothing. Personal protective ensembles for use against chemical, biological, radiological and nuclear (CBRN) agents. Categorization, performance requirements and test methods“ (British Standards; deutsch: Schutzkleidung. Persönliche Schutzausrüstung gegen chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahrstoffe. Klassifizierung, Leistungsanforderungen und Testmethoden)
  • DIN EN 943-2 „Schutzkleidung gegen flüssige und gasförmige Chemikalien, einschließlich Flüssigkeitsaerosole und feste Partikel – Teil 2: Leistungsanforderungen für gasdichte (Typ 1) Chemikalienschutzanzüge für Notfallteams (ET)“ (Für die zurzeit gültige Norm DIN EN 943-2:2002 ist der Normentwurf E DIN EN 943-2:2012-10 als Ersatz vorgesehen. Die Einspruchsfrist endete am 1.12.2012)
  • DIN EN 14605 „Schutzkleidung gegen flüssige Chemikalien – Leistungsanforderungen an Chemikalienschutzanzüge mit flüssigkeitsdichten (Typ 3) oder spraydichten (Typ 4) Verbindungen zwischen den Teilen der Kleidung, einschließlich der Kleidungsstücke, die nur einen Schutz für Teile des Körpers gewähren (Typen PB [3] und PB [4])“
  • FwDV 500 „Einheiten im ABC-Einsatz“
  • GUV-I 8671 (siehe BGI/GUV-I 8671)
  • NFPA 1991 „Standard on vapor-protective ensembles for hazardous materials emergencies” (National Fire Protection Association, USA; deutsch: „Norm zu gasdichten Anzügen für Gefahrstoff-Notfälle”)
  • Richtlinie 94/9/EG „EG Richtlinie 94/9/EG des europäischen Parlaments und des Rates vom 23. März 1994 zur Angleichung der
  • Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten für Geräte und Schutzsysteme zur bestimmungsgemäßen Verwendung in explosionsgefährdeten Bereichen“ (ATEX-Produktrichtlinie)
  • SOLAS II-2 „International Convention for the Safety of Life at Sea, Chapter II-2 – Fire protection, fire detection and fire extinction“ (Internationales Übereinkommen zum Schutz des menschlichen Lebens auf See, Kapitel II-2 – Brandschutz, Branderkennung und Brandbekämpfung)
  • vfdb-Richtlinie 08-01 „Auswahl von Chemikalienschutzanzügen für Einsatzaufgaben bei den Feuerwehren“ (Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes)
  • vfdb-Richtlinie 08-05 „Richtlinie zur Auswahl von persönlicher Schutzausrüstung auf der Basis einer Gefährdungsbeurteilung für Einsätze bei deutschen Feuerwehren“

Bei den „DIN EN“ handelt es sich jeweils um die deutsche Fassung der entsprechenden„EN“ (Europäische Norm), herausgegeben vom Deutschen Instituts für Normung (DIN). Alle DIN- beziehungsweise EN-Normen, vfdb-Richtlinien sowie NFPA-und BS-Regelwerke können beim Beuth Verlag bezogen werden.

(Text: Nicolai Gäding und Michael Rüffer) [ID 255]

Kommentare

Teilen Sie uns Ihre Meinung mit...
Falls Sie ein Bild von sich beim Beitrag möchten: Gibts hier: Gravatar!