911-Anschläge sind Feuerwehrgeschichte

New York: Reise in die Vergangenheit

Der 11. September 2001 – ein Trauma für die Bürger von New York City, ganz besonders für die Feuerwehr. 3.000 Menschen kamen bei den Anschlägen ums Leben, 2.759 Opfer alleine in New York. Darunter 343 Feuerwehrleute des Fire Departement New York. Inzwischen haben die Einwohner jedoch gelernt, mit den Anschlags-Folgen umzugehen und sie aufzuarbeiten. Wer die Stadt besucht, hat viele Möglichkeiten, die Ereignisse Revue passieren zu lassen und der Opfer zu gedenken.

Text: Michael Klöpper, Autor Feuerwehr-Magazin

“Seht her”, sagt die Lehrerin, als sie mit ihrer Grundschulklasse durch das Museum der New Yorker Polizei geht. “In diesem Raum sind die Sachen vom 11. September ausgestellt.” Forsch fragt ein Mädchen: “Welcher 11. September? Letztes Jahr?” “Nein”, erwidert die Lehrerin sichtlich irritiert, “der 11. September 2001.” Unbeeindruckt fragt das Mädchen zurück: “Was war denn da?”

Foto: Andrea Booher/ FEMA News Photo

Die kleine Begebenheit belegt eindrucksvoll, dass sich die New Yorker für ihr einst abgelegtes Versprechen „We´ll never forget“ – „Wir werden nie vergessen“ – inzwischen anstrengen müssen. Zumindest für die nachwachsenden Generationen.

Noch ist Nine-Eleven (das amerikanische Datum des Anschlags) aber in den meisten Köpfen präsent. Vor allem in Down-town Manhattan erinnern an fast an jeder Straßenecke Gedenktafeln oder Schaubilder an den Anschlag und dessen Opfer. Selbst in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett unweit des Times Square ist das Thema aufgearbeitet. Die berühmte Szene, bei der drei Feuerwehrleute auf den Trümmern die amerikanische Flagge hissen, ist hier in Wachs nachgestellt.

Am sogenannten Ground Zero, dem ehemaligen Standort der zerstörten Zwillingstürme des World Trade Centers erinnert heute das Mahnmal National September 11 Memorial and Museum an die Tragödie vom 11. September 2001. Hier befindet sich zwei große Becken mit Kupferumrandungen an den Stellen, wo die beiden eingestürzten Tüme standen. In die Umrandung sind die Namen der Todesopfer gefräst.

Interview der Südwest Presse mit Feuerwehrmann Tony Tricarico

In unmittelbarer Sichtweite des Mahnmals, an der Liberty Street, befindet sich das Tribute WTC Visitor Center. Es ist mit 540 Quadratmetern die derzeit wohl größte Ausstellung zum 11. September. Eine Hinterbliebenen-Organisation hatte das Museum gegründet. Nach eigenen Angaben kommen jährlich rund 300.000 Besucher. Der touristische Ansturm verleiht der Ausstellung – obwohl gut gestaltet – allerdings mitunter ein makabres Flair. Es scheint, als wäre das Visitor Center eine Top-Attraktion, die Tatsache dass der Anschlag fast 3.000 Menschenleben forderte, gerät ins Hintertreffen. Das die Ausstellung zehn Dollar Eintritt kostet und ein eigener Shop Postkarten, T-Shirts und Bücher verkauft, verstärkt dieses Gefühl. Allerdings sollen sämtliche Gewinne den Hinterbliebenen zu Gute kommen, verspricht die Betreiber-Organisation.

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Gedenktafel am Feuerwehrhaus 10/10

Wer dem Trubel entgehen möchte, findet in der näheren Umgebung weitere Mahnmale. Am direkt ans Visitor Center angrenzende Firehouse 10/10 (Ecke Liberty/Greenwich Street) erinnert zum Beispiel eine große bronzene Gedenktafel an die 343 Opfer des Fire Department New York (FDNY). Die Wand zeigt die Ausrüstung und die Taktik, mit der die Feuerwehr am 11. September vorging, und die Namen aller Opfer. Die Wache – die nächst gelegene zum World Trade Center – hatte sechs Opfer zu beklagen.

Im unweit gelegenen Battery Park steht das Kunstwerk „The Sphere“ – eine Art Weltkugel. Das Monument des deut-schen Künstlers Fritz König war am Boden zwischen den Zwillingstürmen angesiedelt und durch die herabstürzenden Trümmer schwer beschädigt worden. Es ist eines der größten Teile, die vom World Trade Center geblieben sind.

Fachbesucher sollten unbedingt das Museum der New Yorker Polizei besuchen. Dem 11. September ist hier ein eigener Raum gewidmet. Neben diversen Artefakten, die aus den Trümmern geborgen worden waren (Funkgeräte, Waffen, Teile von Streifenwagen), beeindrucken vor allem Videos, die den Anschlag aus Sicht der Polizei darstellen. Und auch sonst lohnt die Ausstellung: In der ehemaligen Polizeiwache wird nicht nur die Geschichte der Polizei ansprechend aufbereitet, sondern auch die aktuellen, vielschichtigen Aufgaben des New Yorker Police Department (NYPD) dargestellt. Besonders beeindruckend: Der Raum, in dem die Dienstmarken aller seit Gründung der Polizei im Dienst getöteten Beamten ausgestellt sind –mehrere hundert Stück.

Beklemmende Ausstellung im Feuerwehr-Museum

Das offizielle Museum der New Yorker Feuerwehr befindet sich in einer ehemaligen Feuerwache – und auch hier sind dem Anschlag und dessen Folgen zwei eigene Räume gewidmet. Herzstück ist ein von Blumen und Kerzen umsäumtes Denkmal in der Mitte eines Raumes. Rund um zwei stilisierte, „fehlende“ Zwillingstürme sind die Fotos sämtlicher getöteter Feuerwehrleute zu sehen. Darauf liegt ein eigens angefertigter Helm, der die Opferzahl 343 trägt. Ein Stück der zerstörten Ladder (Drehleiter) 4 hängt an einer Wand, darunter zahlreiche großformatige Bilder aller Phasen des 11. September – immer mit Feuerwehrbezug.

Auf Bildschirmen lassen sich Fotos und Videos – inklusive Nachrichten und Live-Reportagen ansehen. Wer sich intensiv mit der Ausstellung beschäftigt, meint, den 11. September ein zweites Mal zu erleben. So erhält der Besucher ein Gespür für das, was die New Yorker Kameraden auch heute berührt.

Ganz besondere Beklemmung erzeugen aus Sicht eines Feuerwehrmannes die gezeigten Ausstellungsstücke – Gegenstände, die auf der Bauschuttdeponie Fresh Kills aus den Trümmern gesiebt wurden: zum Beispiel Helme, ein Funkgerät, ein Hohlstrahlrohr, eine Knickkopflampe – allesamt in den Türmen im Einsatz. Zum Teil konnten die Ausrüstungsgegenstände den Kameraden zugeordnet werden. Und sogar ein Stück von einem der beiden eingeschlagenen Flugzeuge liegt in einer Vitrine.

Es verwundert kaum, dass neben dem ausgelegten Kondolenzbuch den Besuchern eine Taschentuch-Box angeboten wird – für manchen ist die geballte Erinnerung einfach zu viel. Wie für die beiden Männer – offensichtlich Feuerwehrleute – die an einem Sonntag im Januar das Museum besuchten. Beim Anblick der Gedenkstätte drehte einer der beiden sofort wieder um und sagte mit trauriger Stimme: „Es tut mir leid, ich kann da einfach nicht rein!“

 

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