„Hänge fest“ – der Fall, der Atemschutz veränderte

Andreas Stampe: 30 Jahre nach dem Unglück

Köln (NW) – Als Brandmeister Andreas Stampe am 9. März 1996 an den Folgen eines Einsatzunfalls starb, verlor die Feuerwehr einen 28-jährigen Kameraden. Der Atemschutznotfall bei einem Kellerbrand in Köln-Zollstock wurde weit über Köln hinaus zu einem Fall, der Ausbildung, Kommunikation und Kameradenrettung nachhaltig prägte.

Brandmeister Andreas Stampe starb am 9. März 1996 an den Folgen eines Einsatzunfalls nach einem Kellerbrand in Köln-Zollstock. Am 6. März 2026 jährt sich der Unfall zum 30. Mal. (Bild: Feuerwehr Köln)

13:42 Uhr, 6. März 1996, Kierberger Straße 15 in Köln-Zollstock: Die Feuerwehr wird zu einem gemeldeten Kellerbrand in einem 24-geschossigen Wohnhaus alarmiert. Beim Eintreffen wirkt die Lage zunächst überschaubar. Die Vorhalle ist rauchfrei, die Kellertreppe leicht verqualmt, gefährdete Personen sind nicht erkennbar, der Brandort ist noch unklar. Wenig später zeigt sich, wie trügerisch dieser erste Eindruck war. Das Kellergeschoss ist stark verraucht, die Lage spitzt sich zu, weitere Kräfte rücken an.

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Der Angriffstrupp des LF 2 geht unter Atemschutz in den Keller vor. Als der Restdruckwarner eines Geräts anspricht, zieht sich der Trupp zurück. Auf dem Rückweg löste sich Stampes Fangleine unbemerkt aus dem Beutel und verhakte sich in der Schlauchleitung. Seine Meldung „Hänge fest“ wird ebenso wenig bestätigt wie der Funkspruch „Eine Person hängt fest, Geräte fast leer“. Befreiungsversuche scheitern zunächst. Stampe wird bewusstlos. Erst ein weiterer Trupp kann ihn mit einem mitgebrachten Messer befreien, nach draußen bringen und die Reanimation einleiten. Drei Tage später stirbt der Brandmeister im Krankenhaus, ohne je das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Andreas Stampe kam aus Iserlohn. Seit 1992 war er bei der Berufsfeuerwehr Köln. Gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger sagte seine Mutter Monika Stampe 2023, ihr Sohn habe irgendwann Chef der Feuerwehr werden wollen. Zur Beerdigung in seiner Heimatstadt kamen 1.300 Feuerwehrfrauen und -männer, 480 davon aus Köln.

Dass der Fall bis heute nachwirkt, liegt nicht nur an seinem tragischen Verlauf. Nach dem Unfall wurde neben den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen eine unabhängige Unfallkommission eingerichtet. Ihre Erkenntnisse wurden der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Als Schwachstellen benannte die Aufarbeitung unter anderem eine zu knapp bemessene Rückzugszeit, die fehlende beziehungsweise mangelhafte Verbindung des Angriffstrupps zur Außenwelt, mangelnde Stressresistenz, die Verrauchung der Vorhalle, die Verwendung des Schnellangriffs und die auslaufende Feuerwehrleine.

Zur Beerdigung von Andreas Stampe in Iserlohn kamen 1.300 Feuerwehrfrauen und -männer, 480 davon aus Köln. (Bild: Feuerwehr Köln)

Aus der Analyse ergaben sich konkrete Lösungsansätze: eine konsequente Atemschutzüberwachung von Beginn an, Änderungen beim Rettungstrupp und im Notfallmanagement, eine erweiterte Atemschutzausbildung, Kommunikationskonzepte sowie angepasste Ausrüstung. Dazu kamen Konzepte zur Kameradenrettung mit Sicherheitstrupp, erweiterte Ausrüstung für den SiTr sowie der Hinweis, dass ein einzelner Sicherheitstrupp im Unglücksfall unter Umständen nicht ausreicht.

Dipl.-Ing. (FH) Ingo Horns Präsentation „Brandmeister Stampe – Ein Unfall und seine Konsequenzen“ ordnet diese Folgen später in einen größeren Zusammenhang ein. Sie verweist auf die Erneuerung der FwDV 7 im Jahr 2002 mit erweiterten Festlegungen für die Ausbildung von Atemschutzgeräteträgern, festgeschriebenen praktischen Übungen und jährlicher Unterweisung. Hinzu kamen Festlegungen zu Ausrüstungsgegenständen wie mindestens einem Funkgerät pro Trupp, die Empfehlung von Bewegungsmeldern sowie die Atemschutzüberwachung. Der dort aufgeführte Ausbildungskatalog nennt außerdem ausdrücklich Orientierung, Eigensicherung, Notfalltraining sowie das Abgeben von Meldungen über Funk.

Zugleich verweist Horn darauf, dass ausführliche Unfallberichte im Feuerwehrwesen häufiger veröffentlicht wurden, das Bewusstsein für Gefahren wuchs und Unfallgeschehen öfter freiwillig dokumentiert wurden. Auch das gehört zum Vermächtnis dieses Falls: nicht nur technische und taktische Änderungen, sondern eine offenere Auseinandersetzung mit Fehlern, Risiken und Beinahe-Unfällen.

Wie tief sich der Fall in Köln eingebrannt hat, beschrieb Feuerwehrchef Dr. Christian Miller der Kölnischen Rundschau mit einem Satz, der geblieben ist: „Das Schicksal von Andreas Stampe hat sich wirklich ganz, ganz tief in die DNA der Feuerwehr Köln eingebrannt.“ Der Atemschutznotfall von 1996 steht damit bis heute nicht nur für ein schweres Unglück, sondern auch für die Verpflichtung, Ausbildung, Kommunikation und Kameradenrettung immer wieder neu zu überprüfen.

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Sein Vermächtnis reicht inzwischen über Köln hinaus bis in die Ausbildung anderer Feuerwehren. So ist in der „Mayday Arena“ der TFA-Sparte der Feuerwehr Hamburg eines der Module Brandmeister Stampe gewidmet. Die mobile Atemschutz-Übungsstrecke bildet reale Notfallszenarien nach – darunter auch herabhängende Seile und Kabel, die das Verhängen in einer Leine simulieren. Die Anlage wurde nach Angaben der Feuerwehr Hamburg in rund 1.500 ehrenamtlichen Stunden gebaut, 2025 fertiggestellt und an die Feuerwehrakademie übergeben.

Am heutigen 6. März 2026, genau 30 Jahre nach dem Einsatz, ist in der Alten Feuerwache in der Vondelstraße eine Gedenkveranstaltung für geladene Gäste geplant. Im Mittelpunkt stehen die Erinnerung an Andreas Stampe als Mensch, Freund und Feuerwehrmann sowie die Veränderungen im Feuerwehrwesen nach dem Unfall. Premiere feiern soll an diesem Tag auch ein Dokumentarfilm, den die Feuerwehr Köln in Auftrag gegeben hat. Er beleuchtet die Ereignisse von 1996, ihre Folgen und die daraus entstandenen Entwicklungen und soll später bundesweit als Lehrfilm zur Verfügung stehen.

Andreas Stampe ist damit in der Feuerwehr nicht nur Teil der Erinnerung geblieben. Sein Name steht bis heute auch für die Lehre aus einem tödlichen Atemschutznotfall und für den Anspruch, dass andere nach einem solchen Funkspruch noch rechtzeitig nach Hause kommen.

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