50. Jahrestag am Sonntag

Zugunglück bei Schweinsburg-Culten

Neukirchen an der Pleiße (SN) – Am Sonntag vor 50 Jahren stießen bei Schweinsburg-Culten (Gemeinde Neukirchen an der Pleiße) zwei vollbesetzte Personenzüge frontal zusammen. Bei einem der schwersten Zugunglück in der Geschichte der DDR starben 25 Menschen. Erst nach der Wende und Offenlegung zuvor geheimer Ermittlungsakten kam die Unglücksursache heraus. Wir erinnern uns.

In Leipzig startet am frühen Morgen des 30. Oktober der Schnellzug “Karlex”, auch Karola-Express oder nur Karola genannt, in Richtung Karlsbad (Tschechien). Die Baureihe VT 18.16 der Deutschen Reichsbahn (VT stand für Verbrennungstriebwagen, die 18 für 1.800 PS, die 16 für 160 km/h) ist in erster Linie für den internationalen Einsatz vorgesehen. Die dieselhydraulischen Schnellverkehrstriebzüge gelten damals als die Superzüge der DDR und sind mit allem erdenklichen Luxus ausgestattet. Die beiden Lokführer heißen intern Piloten, die Zugbegleiterinnen Stewardessen. Außerplanmäßige Halte gibt es für diese Züge im Prinzip nicht. Sie werden auf allen Strecken von den Fahrdienstleitungen bevorzugt behandelt. Am 30. Oktober vor 50 Jahren führt dies zum schwersten Zugunglück in der DDR bis dahin.

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Meterhoch ragen die Trümmer der beiden Züge in den Himmel. Feuerwehrleute versuchen auf verschiedenen Wegen, zu den Eingeklemmten vorzudringen. Foto: Feuerwehr

In Gegenrichtung ist an diesem nebligen Morgen ein vollbesetzter D-Zug D273 von Aue nach Leipzig unterwegs. Wie immer werden sich die Züge begegnen. Sie passieren nacheinander eine eingleisige Strecke bei Zwickau. Normalerweise wartet der D-Zug in Werdau auf einem Ausweichgleis bis der Schnellzug durch ist. Doch der VT 18.16 hat an diesem Tag 10 Minuten Verspätung. Und so legt die Fahrdienstleitung fest: An diesem Morgen muss der Karola-Express im Bahnhof Schweinsburg-Culten in Neukirchen ausnahmsweise anhalten und den D-Zug vorbeilassen.

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Doch der Pilot übersieht das Haltesignal. Kurz hinter dem Bahnhof stoßen die beiden Züge frontal zusammen. Vermutlich sind beide Züge jeweils mit einer Geschwindigkeit von 100 Kilometer pro Stunde unterwegs gewesen. Der Anblick der sich den Helfern der Feuerwehr Neukirchen und der Schnellen Medizinischen Hilfe wenig später bietet, ist nahezu unvorstellbar. Meterhoch ragen die Trümmer in den Himmel. Eine Lokomotive hat sich unter die andere geschoben. Mehrere Meter über dem Boden sitzt ein Lokomotivführer eingeklemmt am Fahrstand. Er stirbt nach einer Stunde vor den Augen der Retter, weil er nicht rechtzeitig befreit werden kann. 

Die dieselhydraulischen Schnellverkehrstriebzüge VT 18.16 wurden auch als “Superzüge” der Deutschen Reichsbahn bezeichnet. Foto: Andreas Steinhoff

Von 1,4 Millionen Mark Schaden und 25 Toten ist die Rede. Drei weitere Personen sollen später noch an den Folgen des Unglücks gestorben sein.  

In den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR finden sich zahlreiche Berichte zu dem Unglück. Demnach befand sich der zweite Triebfahrzeugführer zum Unglückszeitpunkt nicht im Fahrstand, wo er angesichts der Wetterverhältnisse hätte sein müssen. Gerichtsmediziner stellten bei der Untersuchung der Leichen Restalkohol fest. Die Männer sollen am Vorabend etliche Flaschen Bier getrunken und zu wenig geschlafen haben. In dem als streng geheim gekennzeichneten Abschlussbericht steht, dass der Triebfahrzeugführer den Unfall schuldhaft verursacht habe, unter anderem, weil er nicht voll dienstfähig gewesen sei. Offizielle Äußerungen zur Unglücksursache gibt es nicht. Auch auf eine offizielle Trauerfeier wird damals verzichtet. 

Zugunglück-Fürsorge für die Verletzten-Robert Menzel (2.v.l.), Stellvertreter des Ministers für Verkehrswesen der DDR, und Heinz Arnold, Vorsitzender des Rates des Bezirkes Karl-Marx-Stadt (2.v.r.), besuchten am 31. Oktober 1972 im Werdauer Krankenhaus Günter Pfeil und weitere Verletzte des Zugunglücks bei Schweinsburg-Culten. Foto: Bundesarchiv

Erst 2002 gedenken die Hinterbliebenen, Helfer von damals und Gäste erstmals offiziell der Opfer. Und auch ein Denkmal an der Unglücksstelle wird am 30. Jahrestag enthüllt.    

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