Die wichtigsten Erkenntnisse der Betroffenen

Lehren aus der Flut im Ahrtal

Bad Neuenahr-Ahrweiler (RP) – Auf Katastrophen bereiten sich Feuerwehren theoretisch und in Planübungen vor. Aber kaum jemand hat bisher eine Lage wie bei den verheerenden Überschwemmungen im Juli 2021 erlebt. Und da niemand von den Kameraden der FF Bad Neuenahr-Ahrweiler in die Expertenkommission „Starkregen“ der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) und des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV) berufen wurde, haben wir sie nach Ihren ganz persönlichen Erfahrungen und Erkenntnissen befragt.

Eine Erkenntnis: Wenn aus ganz Deutschland Hilfe anrollt, müssen keine Reserven in Bereitstellungsräumen gebildet werden. Foto: Feuerwehr
  • Bei der Dokumentation mussten wir auf einfachste Technik zurückgreifen: Papier, Heft, Zettel, Stift und Flipchart.
  • Wir hatten eine Chaosphase von etwa 10 Tagen, bevor wir wieder Struktur in die Lage gebracht haben. Das muss bei zukünftigen Ereignissen schneller gehen.
  • Mit Vierfach-Vordrucken lässt sich eine solche Katastrophe nicht bewältigen.
  • Reserven in Bereitstellungsräumen zu bilden oder vorzuhalten, machen bei Großschadenslagen nur dann Sinn, wenn keine weitere Verstärkung auf dem Anmarsch ist. Also: Kräfte, die da sind, sollten (besser müssen) auch eingesetzt werden!
Auf die auf offiziellem Weg bestellten Feldbetten wartet die Feuerwehr Bad Neuenahr-Ahrweiler bis heute. Zum Glück konnte auf dem kleinen Dienstweg in Frankfurt eigenständig eine Lieferung organisiert werden. Foto: Feuerwehr
  • Besondere Probleme ergaben sich durch die ständigen Ablösungen im Stab und unvollständige Übergaben. Am Anfang hatten wir die typischen Technischen Einsatzleitungen (TEL). Die kommen 12 Stunden hierhin und fahren wieder. Dann kommen neue. Die Übergabe dauert jeweils eine Stunde. Erst mit den THW-Führungseinheiten besserte sich dies. Deren Führungseinheiten sind auf eine Woche ausgelegt und der andauernde Wissensverlust durch die ständig wechselnden Einsatzleitungen verringerte sich. Aus unserer Sicht muss bei solchen Lagen eine TEL mindestens auf 72 Stunden ausgerichtet sein. Die typischen Feuerwehrlösungen funktionieren bei solchen Katastrophen nicht!
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  • Ab dem ersten Tag wurde nur noch im absoluten Notfall, also bei Menschenrettungen mit Blaulicht und Martinhorn gefahren – wir konnten es nicht mehr sehen und hören. Selbst zu Bränden wurde ohne Blaulicht gefahren.
Zu Einsätzen wurden schon sehr bald nicht mehr mit Blaulicht und Sondersignal ausgerückt. Foto: Feuerwehr
  • Wir haben keine Keller leergepumpt – es sei denn, wir wussten oder es war äußerst wahrscheinlich, dass dort jemand drin ist. Wobei es da dann weniger um die Menschenrettung ging. 
  • Die selbst betroffenen Kameraden mussten sich nach einer Woche auch mal um ihre eigenen Wohnungen kümmern. Danach hielten wir den Betrieb und Grundschutz fast ausschließlich mit Fremdkräften aufrecht.
  • Ich treffe zehn Entscheidungen, und das Ziel muss sein, dass sieben richtig sind. Das ist unsere Erfahrung. Ich treffe einfach zehn Entscheidungen, denn ich muss diesen einen Schritt weiterkommen. Und wenn drei Entscheidungen falsch sind, dann werden diese – wie man es in der Führungsausbildung lernt – analysiert und neu entschieden. Und bei den nächsten zehn dürfen wieder drei falsch sein. Ich muss zulassen, Fehler zu machen. Wir sind in der Katastrophe!
  • Es gibt Behörden, die haben das nicht gelernt beziehungsweise geübt und statt einer falschen lieber gar keine Entscheidung getroffen. Wenn alle so gedacht hätten, wären wir immer noch an Tag 1.
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  • Auf einem Flipchart wurde notiert, wer wann wohin geschickt wurde. Und wenn die Seite voll war, haben wir umgeblättert. So konnten wir nach Tagen noch zurückblättern und nachvollziehen, was gemacht wurde.
  • Die 300 Feldbetten, die wir in der Flutnacht und auch noch dreimal danach per Vordruck angefordert haben, sind bis heute nicht bei uns angekommen. Aber der Anruf eines Kameraden beim Flughafen Frankfurt führte dazu, dass wir innerhalb weniger Stunden 500 Feldbetten erhielten.
Ohne Erkundung durch Führungskräfte der Feuerwehr geht es nicht! Foto: Feuerwehr
  • Bis 1994 gab es Stabsübungen, doch dann wurde der Kalte Krieg mit 5 Jahren Verspätung beendet. Die Generationen danach kennen diese Abläufe im Zivilschutz nicht mehr. Bei den vermuteten Wetteränderungen durch den Klimawandel und die steigende Gefahr von Starkregenereignissen, Tornados und anderen Naturkatastrophen müsste das unbedingt wieder geübt werden.
  • Das wichtigste Hilfsmittel zur Bewältigung der Lage war die ständige Erkundung. Dafür war es elementar wichtig, dass Führungskräfte der Feuerwehr sich selbst ein Bild von der Lage vor Ort machten.  

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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Ich war früher beim THW Oldenburg. Wir haben mindestens 1 unangemeldete Übung pro Jahr mit der Berufsfeuerwehr gemacht. Das hat uns hier im Norden bei Hochwasser und Sturm viel gebracht. Noch diesen Monat haben beide wieder gut zusammen gearbeitet. Das sollte allgemein eingeführt werden und FFW sollte sich daran beteiligen. Nur so kann eine Katastrophe bewältigt werden. Auch freiwillige Helfer sollten dann mit ihrer Gerätschaft eingebunden werden. Ich denke so wäre es dann besser im Ahrtal gelaufen. L. G. von einem Helfer nach der Flut

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