Donnerstag, 23. Februar 2017

Absturzsicherung: Schluss mit dem Dachballett

6. Februar 2017 von  

Einsatzkräfte vernachlässigen zu oft die Absturzsicherung bei Arbeiten in der Höhe – aus Unwissenheit, um Zeit zu sparen oder aus Übermut. Wir erklären, wo die Absturzsicherung beginnt und wann ohne diese gearbeitet werden kann.  

Der Dachstuhl eines dreigeschossigen Wohngebäudes brennt. Offenes Feuer ist nicht mehr sichtbar, aber es qualmt unter den Dachpfannen des Satteldaches heraus. Zwei Einsatzkräfte der Feuerwehr steigen aus dem Drehleiterkorb auf das Dach. Sie nehmen die Verkleidung auf, um Glutnester freizulegen. Die Feuerwehrleute arbeiten ohne Absturzsicherung. Solche Szenen kennt doch jeder Feuerwehrmann, oder? Im Volksmund ist dieses Vorgehen als Dachballett verpönt. Was vermeintlich gekonnt und mutig aussieht, kann tödlich enden.

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Kameraden aus dem Kreisverband Dachau (BY) trainieren den Umgang mit dem Gerätesatz Absturzsicherung auf einem Satteldach. Für sie steht fest: Schluss mit dem Dachballett. Foto: KFV Dachau

„Bei einigen Einsatzkräften ist dies vielleicht auf mangelndes Gefahrenbewusstsein zurückzuführen“, sagt Georg Reischl. Er ist Kreisbrandinspektor im Kreis Dachau (BY) und Ausbilder für Absturzsicherung. „Ich glaube aber, dass unsere Kameraden, obwohl sie die erforderlichen Knoten und Stiche grundsätzlich beherrschen, oft keine Erfahrung in der praktischen Anwendung unter Einsatzbedingungen haben.“

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>>Download: Praxistest von Einsatzjacken mit Gurtsystem

„Das Tückische an der Absturzgefahr ist, dass Feuerwehrleute sie im Einsatz nicht als Gefahr empfinden“, erklärt Nikolai Stolte, Ausbilder am Standort Loy der Niedersächsischen Akademie für Brand- und Katastrophenschutz (NABK). „Im Vergleich dazu ist zum Beispiel die Gefahr der Atemgifte spürbarer. Auf das Einatmen von Brandrauch reagiert der Körper häufig sofort – mit Husten oder tränenden Augen.“ Bei Arbeiten in Höhen wäre die erste spürbare Gefahr der Sturz. Doch dann ist es schon zu spät. So gilt es, alle Feuerwehrangehörigen bereits in ihrer Grundausbildung (Truppmannausbildung) für die Maßnahme Absturzsicherung zu sensibilisieren.

Wo sind die Grenzen der Absturzsicherung?

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Eine Sicherungsart ist das „Halten“ durch „lotrechtes Halten“ mit einer Feuerwehr-Leine. Grafik: NABK

„Schon ein antrainiertes Verhalten, wie das Umklammern der Leitersprossen oder das richtige Übersteigen beim Leitereinsatz, können wir als Absturzsicherung bezeichnen“, erklärt Stolte. Darüber hinaus schult die NABK die „TOP-Regel“ für technische, organisatorische sowie personelle Maßnahmen.

Zu den technischen Komponenten zählt der Ausbilder zuerst den Korb der Drehleiter. Durch das Geländer wird die Absturzgefahr gebannt. Eine organisatorische Tätigkeit ist das Absperren eines absturzgefährdeten Bereiches. Hier muss zusätzlich angezeigt werden, dass das abgesperrte Areal nicht betreten werden darf.

Die Schutzausrüstung muss an die Tätigkeit angepasst werden. „Wählt man die Sicherungsart ,Auffangen‘, muss zwingend der Gerätesatz Absturzsicherung genutzt werden“, stellt Stolte klar. „Bei der Sicherungsart ,Halten‘ kann unter Umständen der Feuerwehr- Sicherheitsgurt ausreichen.“

Als eine personelle Maßnahme bezeichnet Stolte den Einsatz von speziell geschulten Kräften. Die Mindestanforderung zur Ausbildung im Bereich Absturzsicherung ist nach Feuerwehr- Dienstvorschrift 2 schon in der Truppmannausbildung beschrieben. Im Rahmen der Grundtätigkeiten soll die Sicherungsart „Halten“ mit Feuerwehrleine und Sicherheitsgurt geschult werden.

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Hier wird die Sicherungsart „Halten“ durch „Zurückhalten“ mit einer Feuerwehr- Leine und einem Feuerwehr-Haltegurt dargestellt. Grafik: NABK

„Bevor mit dem Gerätesatz Absturzsicherung geübt wird, muss eine zusätzliche Unterweisung erfolgen“, sagt Stolte. „Diese Unterweisung kann zum Beispiel ein Gruppenführer durchführen, der die Fortbildung Absturzsicherung absolviert hat.“

Die Fortbildung umfasst nach Empfehlung der EUSR (European Union Special Rescue, einem Projekt der Europäischen Kommission für allgemeine und berufliche Bildung) 24 Unterrichtsstunden. „Dieser Abschnitt ist auch die erste Qualifikation auf dem Weg zum Multiplikator in der Absturzsicherung an der NABK“, erklärt Stolte. Im März 2012 führte die Akademie erstmals einen Multiplikatoren-Lehrgang durch. Umfang waren 37 Unterrichtsstunden.

Nikolai Stolte: „Voraussetzung für solch einen Lehrgang ist körperliche Fitness und Höhentauglichkeit, die Befähigung zum Ausbilder und die Teilnahme an der Fortbildung Absturzsicherung.“

Neben der Multiplikatoren- Schulung gäbe es noch einen zweiten Weg, um Ausbilder im Bereich Absturzsicherung zu werden: die Qualifikation zum Ausbilder „Spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen“. Die fachlichen Voraussetzungen dafür sind ein abgeschlossener Grundlehrgang „Spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen“ (80 Unterrichtsstunden), eine abgeschlossene Gruppenführerausbildung sowie mindestens ein Jahr praktische Erfahrung als spezieller Retter. Der Umfang der Ausbildung umfasst ebenfalls 80 Unterrichtsstunden.

Beide Ausbildungswege werden in der Empfehlung „Spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen“ der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in der Bundesrepublik Deutschland (AGBF Bund) beschrieben.

Dennoch gilt es, die Höhenrettung und die Absturzsicherung klar zu trennen. „Bei der Absturzsicherung geht es um die Sicherung von Einsatzkräften bei Tätigkeiten in Bereichen mit Absturzgefahr. Ein geplantes freies Hängen im Sicherungsseil ist nicht zulässig“, verdeutlicht Stolte. „Die Möglichkeiten zur Rettung beschränken sich auf die Erstsicherung des zu Rettenden, die Selbstrettung, das Ablassen einer Person nach dem Sturz und in Ausnahmefällen das gesicherte Zurückführen von absturzgefährdeten Personen.“ Bei Rettungsmaßnahmen, die darüber hinaus gehen, kommen die „Speziellen Retter aus Höhen und Tiefen“ zum Einsatz.

Absturzsicherung: Praktische Ausbildung mit Original-Ausrüstung

Für die Ausbildung der Einsatzkräfte im Bereich Absturzsicherung sollten die Multiplikatoren mit der im Einsatz zu verwendenden Ausrüstungen üben lassen. Diese ist in der Norm DIN 14800-17 „Feuerwehrtechnische Ausrüstung für Feuerwehrfahrzeuge – Teil 17: Gerätesatz Absturzsicherung“ beschrieben:

  • Auffang- und Sitzgurt nach EN 361 oder EN 813
  • Selbstsicherung nach EN 354 oder EN 355
  • Karabinerhaken für die Selbstsicherung nach EN 362
  • Kernmantel-Dynamikseil nach EN 892
  • zwei 1,50-Meter- und 15 80-Zentimeter- Bandschlingen nach EN 354 und EN 795
  • HMS-Karabinerhaken (Halbmastwurfsicherung) nach EN 362
  • 15 Karabinerhaken nach EN 362
  • zwei Paar Schutzhandschuhe nach EN 388
  • Transportrucksack

„Aber auch die Feuerwehrleine und der Feuerwehr-Haltegurt haben durchaus ihre Berechtigung. Denn je nach Sicherungsart muss geeignete persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz verwendet werden“, ergänzt Stolte. Dachaus Kreisbrandinspektor Reischl ergänzt: „Bei unserer Ausbildung legen wir großen Wert darauf, auch das Halten und Rückhalten mit einfachen Mitteln wie Feuerwehrleine und -Haltegurt zu schulen.“

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In der praktischen Ausbildung ist nicht nur die reine Handhabung der Ausrüstung gefragt. „Unser Ausbilderteam hat die Erfahrung gemacht, dass viele Feuerwehrmitglieder etwas Erlerntes nicht auf andere Situationen übertragen können“, erzählt Stolte. „In der praktischen Ausbildung müssen Teilnehmer vor anregungsreiche, jedoch überschaubare Situationen gestellt werden. Rein mechanische Wiederholungen sind zu vermeiden. Erst wenn alle Handgriffe am Boden sicher und fehlerfrei beherrscht werden, geht es in die Höhe.“

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Hier sollte zunächst eine Höhengewöhnung erfolgen. Stolte gibt den Rat, die Teilnehmerzahl auf vier Personen pro Ausbilder zu beschränken. Außerdem gilt für Absturzsicherungs-Übungen das Prinzip der Freiwilligkeit. „Niemand darf gezwungen werden, eine Maßnahme durchzuführen, die seine persönliche Befähigung übersteigt“, betont Stolte.

Absturzsicherung: In realer Höhe ausbilden

In der Ausbildung zählt die größtmögliche Selbstständigkeit des Teilnehmers. „Sie müssen das Gelernte in der Einsatzpraxis anwenden können“, sagt Stolte. Wichtig ist auf dem Weg dahin auch, dass die Übenden ihre Ausrüstung bewusst und allseitig für sich erfassen und sie einzusetzen wissen.

„Wir möchten, dass sich unsere Lehrgangsteilnehmer einfache Tricks aneignen und Praxiserfahrung zur Auswahl geeigneter Festpunkte für die Eigensicherung erwerben“, betont Reischl.

Eine große Rolle bei der praktischen Ausbildung der Absturzsicherung spielt die Auswahl von Übungsobjekten. Zur Anschauung genügt da nicht nur das Garagendach. Höhe und Absturzgefahr sollten für die Teilnehmer spürbar sein. Das stellt die Ausbilder vor die Herausforderung, einen Notfallplan in die Übungsvorbereitung mit einzubringen. Wichtig dabei: Das Ausbilderteam sollte jederzeit handlungsfähig sein und bleiben.

Kommentare

4 Kommentare zu “Absturzsicherung: Schluss mit dem Dachballett”
  1. Müller Andreas sagt:

    Hallo habe zur Ihrer Schulung mal eine Frag. Ist es vorgeschrieben das bei der Ausbildung Übungen in der Höhe egal ob Leider steigen oder Abseilen alles natürlich nicht Höher als 8m ein dem entsprechender Untergrund vorgeschrieben ist das wäre zum Beispiel Sand oder Gummi Belag laut UVV laut der Feuerwehr Unfall Kassen.Ich hatte letzten die Übungen Retten selbst retten durchgeführt und ein Kamerad aus Bayern der bei uns in die Feuerwehr in Weimar Thüringen eingetreten ist hatte mich darauf hingewiesen Mfg Andreas Müller

  2. Christian sagt:

    Cooles Video,

    im obigen Text noch beschrieben, dass „Ein geplantes freies Hängen im Sicherungsseil ist nicht zulässig ist“, im Video genau dieses demonstriert. Man hätte zumindest in einem Lehrvideo mit einer Redundanz arbeiten können…

  3. Alex G. sagt:

    Hallo zusammen

    Die Sache mit dem Dachballett sieht man viel zu oft, aus diesem Grund finde ich es sehr gut das die Einsatzkräfte sich die Mühe gemacht haben, diese Video zu drehen. Es zeigt anschaulich wie gut und nützlich die Absturzsicherung bei solchen Einsätzen ist. Ich hoffe das die Macher des Videos viele positive Rückmeldungen bekommen um sich an weitere Themen zu diesem Thema zu widmen.
    Weiter so!!!

  4. Hans Werner sagt:

    Hallo Andreas Müller,

    man kann schwer nachweisen, das etwas „nicht verboten“ ist. In der Feuerwehr gibt es so viele Mythen, die man irgendwo mal gehört hat.

    In deinem Fall §22 Abseilübungen aus der GUV-V C 53.
    Rettungs- und Selbstrettungsübungen sind so durchzuführen, dass die Übenden nicht gefährdet werden.

    Dazu gibt die GUV Handlungsempfehlungen beispielhaft an.Beschränkung auf 8m und Verwenung einer Sicherungsleine. Außerdem empfiehlt sie Gewöhnungsübungen aus niedrigeren Höhen.

    Von Sand oder Gummimatten steht dort nichts. Frage doch mal deinen Kameraden wo das steht und auch wie dick der Belag sein muss. Du kannst ein „Nichtexistenz“ nicht beweisen. Er behauptet etwas, er muss es belegen.

    Noch etwas:
    Bei dem Paragraphen geht es um Abseilübungen mit der normalen Feuerwehrleine und einer zusätzlichen Feuerwehrleine als Sicherung.
    Der Paragraph selbst sagt „Übende darf nicht gefährdet werden“. Die Handlungsempfehlung ist nur eine Empfehlung und die Aufzählung ist nur beispielhaft. Mit der richtigen Ausrüstung ist ein Sturz in 100m höhe deutlich angenehmer, wie ein Halten in einen Rettungsknoten in 8m Höhe.

    Grüße Hans Werner

    PS: Das Sand und Gummi Argument kann auch vorgeschoben sein, um eine Höhenangst zu verdecken. Also vorsichtig beim Nachfragen.

Kommentare

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