Berlin (BE) – Verbale Anfeindungen, Behinderungen im Einsatz und Sachbeschädigungen gehören zu den häufigsten Gewalterfahrungen nichtpolizeilicher Einsatzkräfte. Das ist eines der zentralen Ergebnisse des Forschungsprojekts SAGRE, an dem die Berliner Feuerwehr, die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und das Bayerische Rote Kreuz beteiligt waren. Die Forschenden stellten zudem fest, dass viele Einsatzkräfte Gewalterfahrungen nicht melden, weil sie keine Konsequenzen erwarten. Aus den Untersuchungen sind Handlungsempfehlungen für Feuerwehren, Rettungsdienste und weitere Organisationen hervorgegangen.
Zwei Jahre lang untersuchten die Projektpartner die Hintergründe, Erscheinungsformen und Folgen von Aggression und Gewalt gegen Einsatzkräfte der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr. Beim Abschlusssymposium präsentierten sie ihre Ergebnisse Fachleuten aus Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) sowie Forschungseinrichtungen.
Anzeige
Den Auftakt der Veranstaltung übernahm Per Kleist, ständiger Vertreter des Landesbranddirektors der Berliner Feuerwehr.
Gewalt wird unterschiedlich wahrgenommen
Eine wesentliche Erkenntnis des Forschungsprojekts betrifft die Definition von Gewalt. Nach den Untersuchungen haben Einsatzkräfte teilweise sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Handlungen als Gewalt einzustufen sind. Diese Einschätzungen stimmen nicht immer mit der juristischen Bewertung überein.
Besonders häufig berichten Betroffene von verbalen Anfeindungen, Sachbeschädigungen und Behinderungen ihrer Arbeit. Dazu zählen beispielsweise Situationen, in denen andere Verkehrsteilnehmer die Einsatzkräfte behindern.
Gezielte und gemeinschaftlich ausgeübte Angriffe, wie sie zum Jahreswechsel 2022/2023 in Berlin auftraten, sind nach den Forschungsergebnissen dagegen Ausnahmeereignisse. Die Wissenschaftler sehen darin einen Unterschied zur wiederkehrenden medialen Darstellung solcher Gewalttaten.
Viele Einsatzkräfte melden Vorfälle nicht
Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf dem Umgang mit Gewalterfahrungen innerhalb der Organisationen.
Demnach nutzen Beschäftigte vorhandene Meldesysteme häufig nicht. Ein wesentlicher Grund ist die Wahrnehmung, dass eine Meldung keine Folgen habe.
Hinzu kommen administrative Hürden und fehlende Kenntnisse über rechtliche Möglichkeiten. Dadurch entstehen nach Angaben der Forschenden erhebliche Lücken bei der Erfassung entsprechender Vorfälle.
Für Feuerwehren und Rettungsdienste bedeutet dies, dass bislang kaum belastbare und organisationsübergreifend vergleichbare Zahlen zur Verfügung stehen.
Die Untersuchung zeigt außerdem, dass Aggression und Gewalt nicht auf einzelne Ursachen zurückgeführt werden können. Vielmehr spielen gesellschaftliche, organisatorische und situationsabhängige Bedingungen zusammen.
Handlungsempfehlungen für Feuerwehren und Rettungsdienste
Die Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Betroffenen stellte Dr. Rebecca Prell, Leiterin des Forschungsbereichs der Berliner Feuerwehr, vor.
Prof. Dr. Daniela Hunold von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin erläuterte anhand qualitativer Untersuchungen, welche strukturellen Bedingungen und situativen Entwicklungen zu Gewaltereignissen beitragen können.
Michaela Selzer, Projektleiterin in der Forschungsabteilung des Bayerischen Roten Kreuzes, stellte die aus dem Projekt hervorgegangenen Handlungsempfehlungen vor. Sie richten sich an Organisationen, Einsatz- und Führungskräfte sowie Behörden und politische Institutionen.
Die Empfehlungen basieren auf den Forschungsergebnissen und stehen zur freien Nutzung zur Verfügung. Sie sollen dazu beitragen, Einsatzkräfte besser vor Aggression und Gewalt zu schützen und die Handlungsfähigkeit der beteiligten Organisationen zu stärken.
Berliner Feuerwehr setzt auf Austausch im Kiez
Neben den wissenschaftlichen Ergebnissen wurden auch Ansätze aus der Praxis vorgestellt.
Christian-Marc Hans, Kiezbeauftragter der Berliner Feuerwehr, berichtete über gewaltpräventive Projekte in Berliner Nachbarschaften. Dabei suchen Feuerwehrangehörige gezielt den Kontakt zu Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.
Einen weiteren Blickwinkel lieferte Prof. Dr. Oberwittler mit Erkenntnissen aus der sozialräumlichen Kriminalitäts- und Jugendforschung. Er beschäftigte sich insbesondere mit den gegenwärtigen Bedingungen für die gesellschaftliche Integration junger Menschen.
Im Rahmen des Projekts identifizierten die Forschenden außerdem weitere offene Forschungsfragen, die künftig untersucht werden können.
Weitere Veröffentlichung für Januar 2027 geplant
SAGRE steht für „Schutz vor Aggression und Gewalt für Rettungs- und Einsatzkräfte der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr“.
Das Vorhaben wurde im Rahmen des Programms „Forschung für die zivile Sicherheit 2018 bis 2023“ der Bundesregierung gefördert.
Die bisherigen Veröffentlichungen und Handlungsempfehlungen sind über die Projektwebsite SAGRE zugänglich. Für Januar 2027 ist außerdem ein abschließendes Kompendium angekündigt, das die zentralen Handlungsempfehlungen zusammenfassen soll.