175 Jahre Berliner Feuerwehr – Teil 1

Berliner Feuerwehr: Zwischen Alarmflut und neuen Einsatzkonzepten

Berlin (BE) – Mehr als 2.000 Einsätze an Spitzentagen, rund 9.000 Feuerwehrangehörige und ein Rettungsdienst unter hoher Belastung: Die Berliner Feuerwehr muss ihre Einsatzkräfte gezielt einsetzen. Mit spezialisierten Einheiten, unterschiedlichen Rettungswagen-Besatzungen und neuen Versorgungskonzepten reagiert sie auf die Anforderungen der Millionenstadt. Einblicke in den Dienstalltag zeigen, wie das funktioniert – und wo die Grenzen liegen.

Rund 9.000 Personen gehören zur Berliner Feuerwehr. Vor der Alten Nationalgalerie haben sich Einsatzkräfte der BF-Wache Tiergarten (1700) und der FF Suarez (3301) mit folgenden Fahrzeugen aufgestellt (v. l.): eRTW, DLK 42, eKdoW, eLHF, MTF. (Bild: Rüffer)

7:29 Uhr, Feuerwache Neukölln. Nur knapp eine Minute nach der Alarmierung rückt die Staffel um Wachabteilungsleiter Daniel Hielscher aus. Gemeldet ist ein Gebäudebrand mit Rauchentwicklung. Während der Fahrt legen zwei Feuerwehrmänner ihre Pressluftatmer an. Doch an der Einsatzstelle stellt sich heraus: Ein Dieselaggregat auf einer Baustelle hat die Rauchwolke verursacht. Eine Gefahr besteht nicht.

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Der Einsatz zeigt, wie schnell sich die Lage vor Ort anders darstellen kann als bei der Alarmierung. Für die Besatzungen der Feuerwache Neukölln gehören solche Fahrten zum Alltag. Rund 2.500 Alarmierungen laufen hier monatlich auf. Insgesamt 107 Einsatzkräfte verteilen sich auf vier Wachabteilungen.

Anders als viele Berufsfeuerwehren arbeitet Berlin überwiegend mit 12-Stunden-Schichten. Grund dafür sind die hohe Einsatzfrequenz und die damit verbundene Arbeitsbelastung.

Spezialisierung und Ehrenamt als wichtige Bausteine

Auch besondere Einsatzlagen erfordern organisatorische Lösungen. Auf der Feuerwache Neukölln gehört dazu die Atemschutz-Notfall-Trainierte-Staffel (ANTS). Sie ergänzt den regulären Sicherheitstrupp, wenn Feuerwehrangehörige bei einem Atemschutzeinsatz selbst in Not geraten.

Vier speziell ausgebildete Kräfte übernehmen dann die strukturierte Suche und Rettung. Die Ausbildung umfasst mindestens 64 Unterrichtseinheiten, hinzu kommt eine jährliche Rezertifizierung. Neben Neukölln hält auch die Feuerwache Prenzlauer Berg diese Sonderfunktion vor.

Eine wichtige Rolle spielt zudem das Ehrenamt. Bei der Freiwilligen Feuerwehr Hellersdorf führt Wehrleiter Patrick Müller eine Typ-A-Wehr mit integrierter Typ-B-Einheit. Während die Typ-A-Kräfte einen eigenen Ausrückebereich haben und zahlreiche Einsätze selbstständig bewältigen, unterstützt die Typ-B-Einheit hauptsächlich die Berufsfeuerwehr. Beide Bereiche sind unterschiedlich in den Einsatzdienst eingebunden. Die Angehörigen der Typ-A-Wehr müssen nach einer Alarmierung innerhalb von vier Minuten auf der Wache sein. Für die Typ-B-Kräfte gilt eine Frist von 30 Minuten.

Die ANTS Neukölln kommt bei einem Brand in einem Parkhaus am 9. September 2024 zum Einsatz. (Bild: Berliner Feuerwehr)

Nicht jeder Notruf braucht denselben RTW

Besonders hoch ist die Belastung im Rettungsdienst. Während einer Hitzeperiode vom 27. bis 29. Juni 2026 verzeichnete die Berliner Feuerwehr an jedem der drei Tage mehr als 2.000 Einsätze.

Eine Antwort darauf ist das RTW-B-Konzept: Während reguläre Rettungswagen mit einem Notfallsanitäter und einem Rettungssanitäter besetzt sind, fahren auf den RTW-B zwei Rettungssanitäter. Sie übernehmen weniger dringliche Einsätze. Grundlage der Neuausrichtung war die Analyse von über zwei Millionen Rettungsdiensteinsätzen. Dabei zeigte sich, dass sich 28 Prozent der Einsätze einem weniger dringlichen Segment zuordnen ließen, ohne die Versorgung kritischer Notfälle zu beeinträchtigen.

Von den täglich etwa 140 Rettungswagen im Tagdienst fahren 28 als RTW-B. Laut Dr. André Baumann, Leiter Einsatzvorbereitung Rettungsdienst, hat sich die durchschnittliche Eintreffzeit bei lebensbedrohlichen Notfällen der höchsten Kategorie um rund 30 Sekunden verkürzt.

Wie anspruchsvoll auch diese Einsätze sein können, zeigt ein Dienst auf der Feuerwache Mitte. Die Rettungssanitäter Brian Wziontek und Jan-Hendrik Bergfeld absolvieren mit ihrem RTW-B neun Einsätze innerhalb von zwölf Stunden. Nicht immer reicht dabei die eigene Besatzung aus. Bei Bedarf werden weitere Rettungsmittel hinzugezogen.

Noch einen Schritt früher setzt das Sozialmedizinische Akutteam (SMAT) an. Ein Rettungssanitäter und eine Sozialarbeiterin kümmern sich gemeinsam um Menschen in psychosozialen Krisen oder mit chronischem Hilfebedarf, die nicht zwingend in eine Notaufnahme müssen. Das Pilotprojekt soll den regulären Rettungsdienst entlasten und Betroffene an geeignete Hilfsangebote vermitteln.

Trotz der neuen Konzepte bleibt der Druck hoch. Feuerwehrsprecher Vinzenz Kasch beschreibt die Situation so: „Wir sind weiterhin in Mangelverwaltung und brauchen mehr Rettungswagen auf der Straße.“

Mehr im Heft: Matthias Hendrich stellt in der 16-seitigen Reportage vor, wie die ANTS-Sonderfunktion taktisch im Detail funktioniert, wie ein kompletter 12-Stunden-Dienst auf dem RTW-B abläuft, was die Freiwillige Feuerwehr Hellersdorf besonders macht und wie die Berliner Feuerwehr mit einem gezielten Umgang mit häufigen Notrufnutzern und dem neuen Sozialmedizinischen Akutteam die Zahl der Rettungsdiensteinsätze langfristig reduzieren will. Teil 2 zur Berliner Feuerwehr erscheint im Feuerwehr-Magazin 12/2026.

Feuerwehr-Magazin 2026-11

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