Schnittstellen für den Ernstfall

Disaster Nursing: Wo Feuerwehr, Rettungsdienst und Pflege zusammenkommen

Bielefeld (NW) – Im Bevölkerungsschutz treffen Feuerwehr, Rettungsdienst, Krankenhäuser und Pflege an entscheidenden Schnittstellen aufeinander. Ein neues Wahlmodul der Hochschule Bielefeld (HSBI) beschäftigt sich damit, wie diese Zusammenarbeit in Krisen- und Katastrophenlagen funktionieren kann. Im Mittelpunkt stehen dabei MANV, die Patienten-Anhänge-Tasche, Krankenhauskapazitäten, strukturierte Übergaben und gemeinsame Evakuierungsübungen. Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Christina Anna Hajek fordert darüber hinaus, Pflegefachpersonen fest in Planungen, Krisenstäbe, Übungen und Auswertungen einzubeziehen.

Pflegestudierende der Hochschule Bielefeld erhielten bei der Feuerwehr Bielefeld Einblicke in Abläufe und Anforderungen des Rettungsdienstes und Bevölkerungsschutzes. (Bild: P. Pollmeier/HSBI)

Wie Abläufe bei einem Massenanfall von Verletzten funktionieren, erläuterte Dr. Carsten Obermann, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Feuerwehr Bielefeld, den Pflegestudierenden bei einem Besuch der Feuerwehr. Anhand der in NRW eingesetzten Patienten-Anhänge-Tasche (PAT) zeigte er, wie Betroffene mit Farbcodes gekennzeichnet werden. Diese geben unter anderem an, wer sofort behandelt werden muss und wer warten kann. Bei einem MANV verändert sich nach Obermanns Darstellung auch die medizinische Zielsetzung. Im Mittelpunkt stehe dann, möglichst viele Menschen zu retten.

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Für das Zusammenspiel zwischen Rettungsdienst und Krankenhäusern sieht Obermann mehrere organisatorische Voraussetzungen. Dazu gehören transparente Kapazitätsnachweise der Kliniken, damit der Rettungsdienst erkennen kann, wohin Patienten gebracht werden können. Ebenso wichtig seien vordefinierte Ansprechpartner, schnelle und strukturierte Übergaben sowie ein Rückmeldesystem.

Der Informationsfluss müsse dabei in beide Richtungen funktionieren. Krankenhäuser benötigen nach Angaben Obermanns Informationen über die Lage, ihre weitere Entwicklung und die zu erwartende Patientenzahl. Als grundsätzliche Voraussetzung nannte er zudem die Digitalisierung. Während der Covid-19-Pandemie hätten Krankenhäuser teilweise noch mit Faxgeräten gearbeitet – mit entsprechenden Schwierigkeiten bei der zeitnahen Bearbeitung eingehender Informationen.

Gemeinsame Übungen für den Ausfall gewohnter Strukturen

Auch Übungen sollen die Zusammenarbeit der beteiligten Organisationen und Einrichtungen verbessern. Feuerwehramtsleiter Gordon Majewski verwies auf Simulationsübungen der Feuerwehr Bielefeld. Dabei werde beispielsweise gemeinsam mit allen Beteiligten die Evakuierung einer Pflegeeinrichtung trainiert.

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Für Hajek gehört genau diese Vorbereitung zum Disaster Nursing. Der Begriff beschränkt sich nach ihrem Verständnis nicht auf die Versorgung unmittelbar von einer Katastrophe betroffener Verletzter. Er umfasst auch die Frage, wie die alltägliche pflegerische Versorgung weitergeführt werden kann, wenn gewohnte Strukturen etwa durch Naturkatastrophen, Pandemien, Anschläge, Unfälle mit vielen Verletzten oder länger andauernde Stromausfälle nicht mehr funktionieren.

Nach Hajeks Einschätzung existieren in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zwar Pläne für Krisen- und Katastrophenlagen. Vielen Mitarbeitenden seien diese jedoch nicht bekannt. Kurzfristige Lösungen und Improvisation könnten deshalb kein tragfähiger Ersatz für vorbereitete Strukturen sein. Aus ihrer Sicht braucht es klar definierte Kompetenzen für Vorbereitung, Ereignisfall und Nachsorge sowie Qualifikationswege und Rollenprofile.

Pflegeexpertise auch in Krisenstäben

Hajek will Pflege dabei nicht lediglich als Ressource betrachten, die im Ereignisfall auf bestehende Strukturen reagiert. Pflegefachpersonen kennen nach ihrer Einschätzung die Versorgungsrealität und können beurteilen, welche Abläufe unter Ausnahmebedingungen problematisch werden können.

Ihre Forderung lautet deshalb: „Pflegerische Expertise gehört deshalb in Planungen, Krisenstäbe, Übungen und Auswertungen!“

Hajek engagiert sich auch in der Fachkommission Katastrophenpflege des Deutschen Pflegerates. An der HSBI verfolgt sie mit dem neuen Wahlmodul das Ziel, Disaster Nursing stärker im Pflegestudium zu verankern. Der Austausch mit der Feuerwehr Bielefeld soll dabei insbesondere das Verständnis für die Anforderungen an den Schnittstellen zwischen Rettungsdienst, Katastrophenschutz und Pflege fördern.

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