Vier Jahre her: Orkan Kyrill fegt über Europa

Offenbach – Es ist auf den Tag genau vier Jahre her: Orkan “Kyrill” fegt am 18. Januar 2007 über Europa hinweg. Beim schwersten Sturm seit acht Jahren sterben allein in Deutschland mindestens zwölf Menschen, darunter auch zwei Feuerwehrleute. Ein weiterer Kamerad erliegt Monate später seinen Verletzungen, die er bei einem sturmbedingten Einsatz erlitten hatte. Die Höhe der Schäden wird auf rund eine Milliarde Euro geschätzt.

Die Feuerwehr Bruchsal beseitigt einen Baum, den der Orkan "Kyrill" gefällt hatte. Foto: Heinold/FeuerwehrDie Warnungen kamen frühzeitig – schon zwei Tage vor dem Unwetter gab der Deutsche Wetterdienst eine Vorwarnung für ganz Deutschland heraus. So etwas hatte es seit Jahren nicht mehr gegeben. Auch die prognostizierten Orkanböen bis ins Flachland ließen nichts Gutes erahnen. Und die Meteorologen sollten Recht behalten. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 202 km/h fegte der Orkan über Deutschland und die europäischen Nachbarländer hinweg.

Vom Sturm besonders betroffen: Nordrhein-Westfalen. Hier entstand der größte Waldschaden. Der Landesbetrieb Forst und Holz schätzt die Zahl der gefällten Bäume auf rund 25 Millionen – europaweit sollen rund 62 Millionen Bäume umgestürzt sein. Stellenweise fielen “Kyrill” ganze Waldgebiete zum Opfer. In den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe musste der Katastrophenfall erklärt werden.

Fast überall in Deutschland ähnelten sich die Einsatzstichworte für Feuerwehren und THW: umgestürzte Bäume, abgerissene Äste, gefährdete Schilder, herumfliegende Dachziegel und umgekippte Bauzäune. Mitunter waren auch schwere Schäden wie eingestürzte Dachstühle und Gebäude oder Stromausfälle zu verzeichnen. Die Mehrzahl der Wehren beschränkte sich darauf, die Summen der Einsätze zu zählen. Zum Beispiel Frankfurt/Main: 220 Einsätze, Hamburg: 458, Köln: 758, München: 800, Stadt und Region Hannover: 1.200, Essen: 1.209, Dortmund 1.482.

Bundesweit rund 70.000 Einsätze für die Feuerwehren

Bundesweit schätzt der Deutsche Feuerwehrverband die Zahl der Feuerwehr-Einsätze auf rund 70.000, das THW rückte rund 5.500-mal aus. Mancherorts war sogar die Bundeswehr mit Bergepanzern im Einsatz – so zum Beispiel in Marburg (HE), um die Zufahrt zur Universitäts-Klinik zu räumen.

Stark beeinträchtigt war bundesweit der Verkehr. Sowohl Autobahnen wie auch Bundesstraßen mussten gesperrt werden, zahlreiche Fluggesellschaften strichen ihre Flüge. Die Deutsche Bahn AG stellte am Abend bundesweit ihren gesamten Verkehr ein. Etwas ähnliches gab es in der deutschen Eisenbahngeschichte zuletzt im Zweiten Weltkrieg. Zu hoch war das Risiko, dass Züge in herabgestürzte Bäume fahren oder durch herabgerissene Oberleitungen gefährdet werden, urteilten die Verantwortlichen. Die Folge: Überall saßen tausende Reisende fest. Verschiedene Versorgungs-Schnelleinsatzgruppen mussten ausrücken, um Getränke, Speisen und Übernachtungsmöglichkeiten zu organisieren. So entwickelten sich Turnhallen und Atombunker zu Massenschlafplätzen. Erst nach zwei Tagen normalisierte sich die Verkehrssituation.

Ausgerechnet während der Orkan "Kyrill" tobt, bricht in der Eisberger Mühle in Porta Westfalica ein Großfeuer aus. Der Sturm facht das Feuer an, die Feuerwehrleute müssen in einem Funkenregen vorgehen. Foto: Horst/Feuerwehr
Ausgerechnet während der Orkan "Kyrill" tobt, bricht in der Eisberger Mühle in Porta Westfalica ein Großfeuer aus. Der Sturm facht das Feuer an, die Feuerwehrleute müssen in einem Funkenregen vorgehen. Foto: Horst/Feuerwehr

Europaweit tötete „Kyrill“ rund 45 Menschen, in Deutschland allein zwölf Personen. Auch zahlreiche Feuerwehrleute gehören zu den Opfern – zwei Feuerwehrleute starben in Nordrhein-Westfalen: Ein 39-Jähriger wurde bei St. Tönis von einem umstürzenden Baum erschlagen, ein 50-Jähriger starb auf dem Heimweg von einem Einsatz in seinem Auto. Mindestens 20 Feuerwehrleute erlitten Verletzungen – zum Teil sehr schwere. Ein Feuerwehrmann erlag seinen Verletzungen später. In mindestens zwei Fällen trafen umstürzende Bäume Feuerwehrfahrzeuge, in zwei weiteren einen Rettungs- und einen Streifenwagen.

Schlauchturm eines Feuerwehrhauses stürzt ein

In Rabenau-Londorf bei Gießen (HE) stürzte der Schlauchturm einesFeuerwehrhauses ein. Glück hatten bei dem Sturm die Küstenbewohner – die angekündigte schwere Sturmfl ut blieb aus, weil sich das Sturmfeld schneller als erwartet verlagerte. Auch in Sachen Windschäden kam Norddeutschland – mit Ausnahme des Harzes – vergleichsweise glimpflich davon.

In den Tagen nach dem Unwetter entwickelte sich in vielen Wäldern ein Katastrophentourismus. Obwohl Forstämter vor dem Betreten der gesperrten Gebiete warnten, trauten sich zahlreiche Neugierige, darunter ganze Familien, in die betroffenen Regionen. Dort herrschte durch nachgebende Bäume und absturzgefährdete Äste Lebensgefahr. Manche Gaffer waren sich des Risikos durchaus bewusst. In Winterberg (NW) entdeckten Förster sogar Neugierige, die sich mit Sturzhelmen gegen die Gefahr wappnen wollten. (Auszüge aus “Der große Sturm”, Feuerwehr-Magazin 3/2007)

Für Feuerwehr-Magazin-Abonnenten:

In unserem digitalen Online-Archiv finden Sie in Ausgabe 4/2007 einen ausführlichen Einsatzbericht (“Orkan über Deutschland”) zum Orkan “Kyrill”. Fünf Feuerwehren schildern, wie sie den Sturm erlebten. Dazu ein Interview mit Dr. Gerhard Steinhorst, Mitglied im Vorstand des Deutschen Wetterdienstes, über das Unwetter-Warnsystem.

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