Tödliche Karambolage auf A 2: Viele Fragen

Peine (NI) – Ein schwerer Verkehrsunfall mit einem liegengebliebenen Schwertransporter im Sommer letzten Jahres auf der A 2 bei Peine hat viele Fragen aufgeworfen: Wie konnte es nur passieren, dass ein 66-jähriger Lkw-Fahrer das ordnungsgemäß abgesicherte Hindernis einfach übersehen und dadurch den Tod von zwei Menschen ausgelöst hat? Und wie haben es die Einsatzkräfte der Feuerwehren Peine und Braunschweig überhaupt geschafft, aus dem Trümmerfeld mit mehreren Kleintransportern und zwei Lkw die eingeklemmte Menschen zu befreien?

In der Präventionsreihe “Die Unfallakte” analysiert das VOX-Magazin “auto mobil” am Sonntag (23. Mai 2010, 17.00 Uhr) die Umstände dieses grausamen Verkehrsunfalls.

“Das Ausmaß der Zerstörungen war unbeschreiblich. Wir sahen VW Busse, die aber nicht mehr als solche zu erkennen waren. Ein Mensch war aufrecht stehend zerquetscht worden, ein anderer hing kopfüber aus dem Absicherungsfahrzeug”, beschreibt Sven Bössel von der Feuerwehr Peine die Bilder am Unfallort. “Es war ein Trümmerberg mit mehreren Metern Höhe”. Sofort wurde klar, dass der Bergekran der Berufsfeuerwehr Braunschweig erforderlich war, um die ineinander verkeilten Fahrzeuge zu trennen und Verletzte zu retten. Einer der Eingeklemmten war Monteur Janusz Barton (56), der sich in letzter Sekunde in den Radkasten des Schwertransporters retten konnte.

Tödlicher Unfall auf der A 2 bei Peine: Zwei Kleintransporter sind zwischen Lkw zerquetscht worden. Foto: VOX
Tödlicher Unfall auf der A 2 bei Peine: Zwei Kleintransporter sind zwischen Lkw zerquetscht worden. Foto: VOX

Barton in dem Filmbericht bei VOX: “Überall habe ich Schreie gehört. Und ich selbst habe auch geschrien, denn ich hatte Angst, dass sich die Luftfederung weiter absenkt und ich zerdrückt werde.” Erst nach über zwei Stunden gelingt es in einer dramatischen Rettungsaktion, den Servicemechaniker aus der Nähe von Helmstedt zu befreien. Dabei leisteten die Einsatzkräfte Präzisionsarbeit, da schon der kleinste Fehler beim Anheben und Trennen der Wracks das Leben von Barton gefährdet hätte. Detlef Krone, Einsatzleiter der Braunschweiger Feuerwehr dazu: “Als wir ihn gerettet hatten, war das sehr emotional. Alle Feuerwehrleute und Sanitäter haben gleichzeitig geklatscht. Denn jeder wusste, was wir hier erreicht hatten.”

Mit zwei Todesopfern und vier schwer Verletzten ist der Unfall vom 9. Juli 2009 der schwerste, der sich im letzten Jahr im Zuständigkeitsbereich der Braunschweiger Autobahnpolizei ereignet hat. Doch warum ist der Lkw-Fahrer ungebremst in den Begleittransporter und die beiden Werkstattwagen gerast? “Es gab keine Bremsspuren, sondern lediglich einen Farbabrieb an der rechts verlaufenden Betonschutzwand. Und diese Kratzspuren waren eindeutig dem Sattelzug zuzuordnen, der in den Schwertransport geprallt war”, erklärt Detlev Böntgen von der Autobahnpolizei. Ermitteln konnte die Polizei, dass sich der 66-jährige Fahrer, der aushilfsweise für einen erkrankten Kollegen auf Tour gegangen war, an die gesetzlichen Lenk- und Ruhezeiten gehalten hatte. Ein Zeuge berichtete allerdings, dass ihm der Truck bereits zuvor durch seine zahlreichen Geschwindigkeitswechsel aufgefallen war.

“Vieles spricht für ein Augenblickversagen des Lkw-Fahrers. Er ist rechts auf den Standstreifen gekommen und keiner kann sagen, warum”, sagt Hans-Hermann Ehlers vom Verkehrskommissariat der Autobahnpolizei. Einwandfrei war hingegen die Absicherung der Pannenstelle: “Aus polizeilicher Sicht ist hier von den Opfern nichts falsch gemacht worden. Sie trifft überhaupt keine Schuld. Sie waren nur zur falschen Zeit am falschen Ort.” Jann-Fehlauer, Unfallanalytiker der Dekra in Braunschweig bestätigt dies bei VOX: “Es wurde dafür Sorge getragen, dass der Schwertransport an keiner Stelle in die Fahrbahn hineinragte. Ein Vorverlegen der Absicherungsstelle hätte zu keinem anderen Unfallverlauf geführt, da der Lkw-Fahrer aufgrund der Spurenlage bereits vorher seine Fahrbahn verlassen hatte und eine Kollision damit unvermeidbar war.”

Bis zum heutigen Tag hat auch Janusz Barton keine Antwort darauf, weshalb der Lkw-Fahrer die gut abgesicherte Pannenstelle übersehen hat. Jedoch geht ihm der Prozessauftakt am 18. Januar 2010 vor dem Amtsgericht in Peine nicht mehr aus dem Kopf. Denn dort wurde das Verfahren gegen den Lkw-Fahrer wegen der Einschaltung eines Gutachters auf unbestimmte Zeit verschoben, weil der Trucker Probleme mit seiner Sehkraft zu haben scheint. Barton: “Der Lkw-Fahrer kam mit einer Sonnenbrille in den Gerichtssaal. Und als die Richterin ihn dann gefragt hat, warum er eine Sonnenbrille trägt, hat er gesagt, dass er operiert worden sei. Auf der einen Seite hätte er einen grauen Star und auf der anderen Seite einen grünen Star.”

Barton weiter: “Alle im Gerichtssaal haben nur ungläubig mit dem Kopf geschüttelt. Die Angehörigen der Opfer waren entsetzt und sprachlos. Und auch ich kann nicht verstehen, dass so jemand dann noch Lkw gefahren ist. So etwas ist doch mehr wie unverantwortlich.” Jetzt soll ein Gutachter klären, ob die Augenerkrankung des Lkw-Fahrers möglicherweise die eigentliche Ursache für den schweren Verkehrsunfall auf der A 2 bei Peine ist. Und sollte sich dieser Verdacht bestätigen, so könnte das Gericht bei der Strafzumessung sogar von grober Fahrlässigkeit ausgehen und den Lkw-Fahrer deshalb zu einer Haftstrafe verurteilen.

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