Ein Wohnungsbrand aus anderer Sicht

Geesthacht (SH) – Vom unbeteiligten Beobachter zum Helfer: Der Journalist Timo Jann geriet am Montag in diese Situation. Als Pressevertreter zu einem Brand geeilt, traf er noch vor der Feuerwehr am Einsatzort ein. Lesen Sie seinen sehr persönlichen Bericht zu einem dramatischen Wohnungsbrand.

Flammen schlagen aus der Erdgeschosswohnung, an dieser Stelle kann die Feuerwehr nicht mehr eindringen. Fotos: Timo Jann
Flammen schlagen aus der Erdgeschosswohnung, an dieser Stelle kann die Feuerwehr nicht mehr eindringen. Fotos: Timo Jann

“Feuer an der Bahnstraße”, lautete um 11.38 Uhr die Meldung. Wie so oft machte ich mich auf den Weg, um einen Feuerwehreinsatz zu dokumentieren. Die Redaktion ist nur wenige hundert Meter entfernt, schnell bin ich am Unglücksort. Von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst noch keine Spur, sie sind noch auf der Anfahrt. Bewohner stehen auf der Straße, Rauch quillt aus einem auf Kipp stehenden Fenster im Hochparterre. “Ist da noch jemand?”, rufe ich. “Ja” – die Antwort schockiert mich nur kurz. Ich bin ausgebildeter Feuerwehrmann. Kameratasche weg, rein ins Haus. Schwarzer Rauch schlägt mir im Flur entgegen. “Hallo”, rufe ich. “Ich bin hier”, antwortet die gehbehinderte Bewohnerin, für mich verborgen im Qualm.

Der Rettungsdienst transportiert die schwer Verletzte zum RTW. Foto: Timo JannDurch den Flur komme ich nicht voran. Ein mittlerweile eingetroffener Rettungsassistent hilft mir per “Räuberleiter” im Garten auf den Balkon. Ich trete die Glastür ein, gehe ins Wohnzimmer. Hier lodern bereits Flammen. Zwei, drei Atemzüge, dann bleibt mir die Luft weg. Noch immer ruft die Frau “Ich bin hier”, aber sie kann mir nicht beschreiben, wo sie steckt. Ich höre das Martinshorn der Löschfahrzeuge, sie biegen wohl gerade in die Bahnstraße ab. Rettung naht, hoffentlich hält die Frau durch.

Schnell gebe ich den Kameraden von der Feuerwehr meine Erkenntnisse aus der Wohnung weiter. Über den Balkon kommen sie schon nicht mehr rein, hier schlagen jetzt meterhohe Flammen ins Freie. Sean Wright und Nils Kroll, die sich durch Atemschutzgeräte gegen den giftigen Rauch schützen können, kämpfen sich vom Treppenhaus aus über den Flur in die Wohnung vor. In der Küche entdecken sie die Frau. Inzwischen leblos. Mit vereinten Kräften können sie sie zusammen mit Volker Rosenberg und Stefan Schultz ins Treppenhaus ziehen. Sieben Mann tragen sie aus dem Haus. Der Notarzt beatmet sie sofort, bringt sie ins Krankenhaus. Etwa 200 Kilo wiegt die Frau, ich hätte sie alleine wohl nie retten können.

Ein Atemschutzgeräteträger in der ausgebrannten Wohnung. Foto: Timo JannRoutiniert löschen die Feuerwehrleute den Brand, retten drei weitere Bewohner. Fast 1.000 Grad heiß war es in der brennenden Wohnung, sogar der Putz platzt von den Wänden, nacktes Mauerwerk wird sichtbar. Die erschöpften Feuerwehrmänner dampfen, als sie wieder ins Freie kommen. An der Zimmerdecke sind Verkleidungen aus Kunststoff geschmolzen, eine tödliche Falle, wenn wie hier giftige Dämpfe frei werden. Doch ich würde immer wieder so handeln.

Vielleicht ist dies die Gelegenheit, nochmals für die Montage von Rauchmeldern zu plädieren. Sie helfen, Brände rechtzeitig zu bemerken und Leben zu retten. Vielleicht hätten die Nachbarn der gehbehinderten Frau gefahrlos helfen können, wenn sie früher auf den Brand aufmerksam geworden wären und der Rauch ihnen noch nicht – so wie mir – den Zugang versperrt hätte. Es dauerte nur zwei Minuten, ehe das kleine Feuer im Wohnzimmer der Frau außer Kontrolle geraten war, dass das Zimmer vollständig brannte.

Ein Kommentar zu “Ein Wohnungsbrand aus anderer Sicht”
  1. Pressemitteilung der Polizeidirektion Ratzeburg zu diesem Einsatz:

    “Zwei Frauen mussten heute Mittag nach einem Wohnungsbrand in der Bahnstraße mit Verdacht auf Rauchgasvergiftungen ins Krankenhaus gebracht werden. Aus bisher noch ungeklärter Ursache brach in der Wohnung einer 73jährigen Frau im Erdgeschoß ein Feuer aus. In dem Haus befinden sich acht Wohnparteien. Die Freiwilligen Feuerwehren aus Geesthacht, Grünhof/ Tesperhude, Escheburg, Börnsen und drei Rettungswagen rückten aus. Die Feuerwehren bekamen den Brand schnell unter Kontrolle und konnten so ein Übergreifen der Flammen auf die anderen Wohnungen verhindern. Bereits von weitem sahen die Polizeibeamten schon schwarzen Rauch aus der Erdgeschosswohnung herausquellen. Die Rauchentwicklung in der Wohnung war bereits so stark, dass die Feuerwehr mit Atemschutzgerät hinein musste, um die 73jährige zu retten. Die Frau war noch bedingt ansprechbar und musste mit dem Verdacht auf eine Rauchgasvergiftung im Rettungswagen in ein Krankenhaus gebracht werden. Zu ihrem aktuellen Gesundheitszustand ist bis jetzt noch nichts Neues bekannt. Eine weitere Hausbewohnerin aus dem zweiten Stockwerk klagte über Atembeschwerden. Sie wurde ebenfalls mit dem Verdacht auf Rauchgasvergiftung in einem Rettungswagen in die Klinik gebracht. Zu ihrem aktuellen Gesundheitszustand gibt es bis jetzt ebenfalls noch nichts Neues. Die Wohnung der 73jährigen ist nicht mehr bewohnbar. Die anderen Wohnungen können nach ausreichender Belüftung nach bisherigem Stand weiter bewohnt werden. Der Sachschaden wird auf etwa 50.000 Euro geschätzt Die Kriminalpolizei in Geesthacht hat die Ermittlungen zur Brandursache aufgenommen. Die Ermittlungen dauern noch an.”

Hinterlasse einen Kommentar

Das könnte dich auch interessieren: