Busunglück auf der A9: erschütternde Details

Münchberg (BY) – Am Montag gegen 7 Uhr fuhr ein Reisebus auf der A9 bei stauendem Verkehr bei Münchberg (Oberfranken) auf einen Sattelzug auf. Beide Fahrzeuge gerieten in Brand. 18 Menschen starben in den Flammen. Einen Tag nach dem Unglück werden immer mehr erschütternde Details bekannt: Außer einem zufällig im Stau stehenden freiwilligen Feuerwehrmann und seiner Tochter half anfangs niemand den Opfern. Schaulustige und eine unzureichende Rettungsgasse erschwerten die Anfahrt von Feuerwehr und Rettungsdienst. Und wegen der enormen Hitze des Brandes konnten sich die Feuerwehrleute dem Bus anfangs nicht nähern.

24 Stunden nach dem Unglück fließt der Verkehr auf der A9 bei Münchberg in Richtung Nürnberg wieder auf zwei Fahrspuren. Die beiden ausgebrannten Fahrzeuggerippe sind beseitigt. Allerdings sind an der Unfallstelle noch deutliche Brandspuren an der Vegetation zu sehen. Augenzeugen berichteten, dass die Fahrzeuge innerhalb weniger Sekunden in Vollbrand gestanden hätten. Vor allem im Bus soll sich das Feuer in enormer Geschwindigkeit ausgebreitet haben. „Warum der Bus so schnell in Flammen gestanden habe, dafür gebe es noch keine Erklärung“, so Verkehrsminister Alexander Dobrindt gestern an der Einsatzstelle.

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Nach dem tödlichen Busunglück geht die Polizei derzeit von 18 Toten aus. 30 Menschen wurden teils schwer verletzt. Foto: News5 / Merzbach

Besonders verärgert zeigte sich der Minister, weil Rettungskräfte ihm berichteten, dass die fehlerhafte Rettungsgasse eine zügige Anfahrt verhindert hätte. Dobrindt wörtlich: „Solches Verhalten ist völlig unverantwortlich. Die Rettungsgasse ist so zu bilden, dass ein Lkw durchkommen kann. Das ist entscheidend.“

Zehn Minuten nach der Alarmierung sind die Rettungskräfte vor Ort gewesen – doch da sei die Hitze des Feuers bereits so groß gewesen, dass kein Feuerwehrmann mehr an den Bus herantreten konnte. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sagte: „In so einer Situation nicht mehr helfen zu können, sei für die allesamt ehrenamtlichen Feuerwehrleute extrem hart gewesen.“ Eigentlich sei es nur ein leichter Auffahrunfall gewesen. Warum sich der Brand so schnell und mit solch dramatischen Folgen entwickelt habe, müsse nun aufgeklärt werden.

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Begünstigt wurde der Brandverlauf vermutlich auch durch die Ladung des Sattelzugs: Kissen und Matratzen, leicht brennbares Material also. Fakt ist aber auch, dass in vielen Reisebussen leicht entflammbare Kunststoffe verbaut sind. Nach einer Reihe von gravierenden Busbränden zwischen 2000 und 2008 initiierte die Bundesanstalt für Straßenwesen bis 2014 mehrere große Forschungsprojekte. In der Folge führte die Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) zusammen mit dem SP Technical Research Institute Schweden experimentelle Untersuchungen sowie numerische Berechnungen durch. Die sehr schnelle Brandausbreitung beim Busbrand von Hannover im Jahr 2008 konnte mit dem Modell aufgeklärt werden.

Dasselbe Rechenmodell wurde auch eingesetzt, um den Einfluss verschiedener Materialien, Belüftungen und Brandquellen auf die Brandverläufe zu untersuchen. Die Fachleute bestätigten, dass die Materialien in den Businnenräumen signifikant zur schnelleren Brandausbreitung beitrugen. Als Hauptproblem wurden die Sitze und die Decken in den Bussen identifiziert. Sie bestehen in der Regel aus Kunststoff. Die Experten der BAM und ihre schwedischen Kollegen erarbeiteten eine ganze Reihe von Empfehlungen zur Verbesserung der Brandsicherheit von Bussen.

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Viele ihrer Forderungen sind inzwischen für Neufahrzeuge Pflicht: Rauchmelder in den für den Fahrer nicht einsehbaren Bereichen, Motorlöschanlagen und Brandtest für alle vertikal verbauten Materialien. Inwieweit der drei Jahre alte Bus entsprechend ausgestattet war, steht noch nicht fest.

Inzwischen haben verschiedene Unfallforscher die Vermutung geäußert, dass der Bus bereits vor dem Unfall gebrannt haben könnte. Für diese These spricht, dass es an der Front kaum Bauteile gibt, die sich bei einem Auffahrunfall so rasch entzünden könnten. Der Motor sitzt hinten im Fahrzeug. Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer: „Ich glaube nicht, dass der Brand durch den Unfall ausgelöst wurde.“

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Einige Dinge sind inzwischen aber bestätigt. Zum Zeitpunkt der Kollision fuhren sowohl der Bus als auch der Sattelzug. Der Bus ist also nicht ungebremst auf ein Stauende aufgefahren, wie anfangs auch vermutet wurde. Der Busfahrer galt als extrem sicherer Fahrer. Er war 2013 sogar für langjähriges unfallfreies Fahren ausgezeichnet worden. Der Mann gehört zu den 18 Opfern.

Inzwischen ist auch klar, dass ein freiwilliger Feuerwehrmann und seine Tochter zu den wenigen Menschen gehörten, die den Opfern sofort zur Hilfe eilten. Besonderes Glück für die Verletzten: die 17-Jährige ist ausgebildete Sanitäterin. In ihrem Pkw führen sie immer eine Sanitätertasche mit.

6 Kommentare zu “Busunglück auf der A9: erschütternde Details”
  1. kleener014

    Was ich ebenso erschütternd finde wie das Nichtbilden einer Rettungsgasse, ist der Alarmplan der Leitstelle Hochfranken. Die Wehr mit der kürzesten Anfahrt und auch Ortsgebietsmäßig zuständige FF Stammbach wurde nicht (!) alarmiert. Die Feuerwehr Münchberg musste sich ab Münchberg Süd kilometerlang durch den Stau kämpfen. Die FF Stammbach, hätte über die Behelfsausfahrt bei Fleisnitz zufahren können und wäre nur ca. 500m auf der Autobahn unterwegs bis zur Einsatzstelle gewesen.

  2. Mr. X

    Aber auf die Idee, die Strafe für Rettungsgassenverweigerer höher zu setzen ist der nette Herr Dobrint immer roch nicht gekommen…..

    Mein beileid an die Opfer.

  3. Hans Sauer

    Das mit der Nichtalamierung wundert mich, da lt. Berichten in anderen Online-Zeitungen (z.B. Focus) die Leitstelle von qualifizierten Ersthelfern (Feuerwehrmann) auf diese Tatsache hingewiesen wurde. Aber ich möchte hier niemanden Vorwürfe machen, denn in der Leitstelle war sicher die Hölle los. Und dort schnell zu qualifizieren und entscheiden möchte ich in einem solchen Fall nicht. Im nachhinein haben Gutachter alle zeit der Welt solch eine Entscheidung zu zerlegen.

  4. @Mr. X
    Die Strafen können beliebig hoch sein, so lange keine Kontrolle stattfinden kann und auch keine Strafen folgen, wird da wohl leider nichts passieren. Genau wie beim Handygebrauch am Steuer…
    Das einzige, was da abhilft, wären strenge und flächendeckende Kontrollen – aber wie will man das umsetzen?

    Ich selbst stand am Samstag morgen um kurz vor 5 Uhr (!!) mal wieder in einer Vollsperrung. Die umliegenden Autofahrer standen Zigarette rauchend auf der Fahrbahn rum, unterhielten sich munter mit dem Fahrer davor oder dahinter und es wurde dauernd der Blick nach vorne geworfen. Das von hinten bereits ein Abschlepper versuchte, durch die theoretische Rettungsgasse, welche von diesen Idioten nicht gebildet wurde, durchzukommen, scheint nicht groß interessiert zu haben. Folglich musste dieser alle paar Meter wieder anhalten, hupen, warten, und so weiter.

    Die einzige Konsequenz, die man für sich selbst daraus ziehen kann, ist hinter einem LKW ausreichend Abstand zu lassen, damit man im Falle eines Auffahrunfalls nicht direkt auf den LKW aufgeschoben wird. Traurig, aber Realität…

  5. @Mr X:
    Doch, er denkt mittlerweile drüber nach, berichtet die Zeitung mit den 4 Buchstaben. Aus meiner sicht, egal wie hoch die Geldbuße ist, fehlt jetzt schon eine 0 am Ende.

    @Sven:
    Videokamera in jedes Fzg einbauen. Nach dem Einsatz kann das Videomaterial ausgewertet und daraufhin die Anzeige gemacht werden.
    Ganz einfach.
    Oder auch nicht, denn die Datenschützer werden wieder bestimmt was dagegen haben. 🙁

  6. @SK:
    in Österreich geht es ja auch – Videokamera im Polizeiwagen, Auswertung später und bei totalen Rettungsgassen-Verweigerern bis 2700 Euro. In Dänemark sind die Strafen auch empfindlicher – wenn nicht sofort bezahlt werden kann, wird das Fahrzeug beschlagnahmt. Wird in einer bestimmten Frist nicht ausgelöst, geht der Wagen in die Versteigerung.

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