Sonntag, 25. Juni 2017

Unfallrettung: Welche Methode geht am schnellsten?

10. Januar 2017 von  

Neumünster (SH) – Alle 14 Sekunden kracht es auf deutschen Straßen. Die Unfallrettung ist daher eine alltägliche Aufgabe der
Feuerwehr. Es gibt ver­schiedene Methoden, um Eingeklemmte zu befreien. Doch wie lange dauert das? Eine Testreihe der Dekra und der Universitätsmedizin Göttingen liefert interes­sante Anhaltspunkte.

Wie die vorgehenden Kräfte die Klemmung des Fahrers beseitigen wollten, bliebt ihnen überlassen. Die meisten Einsatzleiter entschieden sich für den Einsatz von hydraulischen Stempeln. Foto: Heyne

Wie die vorgehenden Kräfte die Klemmung des Fahrers beseitigen wollten, bliebt ihnen überlassen. Die meisten Einsatzleiter entschieden sich für den Einsatz von hydraulischen Stempeln. Foto: Heyne

30 Ford Focus Turnier, wie die Kombis bei Ford heißen, wurden im Crash-Test-Center der Dekra in Neumünster gecrasht. Dieses Modell ist ein vergleichsweise günstiges Volumenmodel in der Kompaktklasse, welches bereits mit Fahrer- und Beifahrerairbags ausgerüstet ist sowie eine Sicherheits-Fahrgastzelle (vier Sterne Fahrzeug nach dem Neuwagen-Bewer­tungspro­gramm European New Car Assessment Programme, kurz Euro-NCAP) besitzt.

Nach den Crashs mussten dann Feuerwehrleute in gemischten Staffeln die Eingeklemmten befreien. Per Los wurde bestimmt, mit welcher Rettungstechnik das zu geschehen hatte. Folgende fünf Techniken wurden angewandt:

  1. Große Seitenöffnung.
  2. Schnelle Rettung über Fahrertür.
  3. Tunneln.
  4. Hamburger Modell.
  5. Kettenzug, auch Oslo-Methode genannt.

5 verschiedene Methoden im Vergleich

„Die Kettenzug-Methode wollten wir ursprünglich gar nicht testen“, gesteht Crashspezialist David Kress von der Dekra. „Aber nachdem es zwischenzeitlich erste Rettungsaktionen damit gab und diese Rettungstechnik aktuell sehr kontrovers diskutiert wird, haben wir die Reihe darum erweitert.“ Bei dieser Technik wird das Unfallfahrzeug vorne und hinten mit Ketten an stehenden Feuerwehrfahrzeugen angeschlagen und die Ketten auf Spannung gesetzt. Mit einer Seilwinde wird dann der Vorderwagen über die Kette zurückgezogen. Die Idee dahinter: Die Verformung wird auf dem Weg beseitigt, wie sie entstanden ist. In Skandinavien wird dieses Verfahren seit einigen Jahren sehr erfolgreich eingesetzt.

Bei der Großen Seitenöffnung werden die Fahrertür und die hintere Tür geöffnet sowie die B-Säule herausgetrennt. Die Einklemmung wird beseitigt und der Patient zur Seite auf das Spineboard befördert.

Bei der Großen Seitenöffnung werden beide Türen auf der Fahrerseite und die B-Säule komplett entfernt. Foto: Heyne

Bei der Großen Seitenöffnung werden beide Türen auf der Fahrerseite und die B-Säule komplett entfernt. Foto: Heyne

Unter Tunneln wird das Vordringen zum Patienten von hinten durch den Kofferraum – ohne das Entfernen des Daches – verstanden: Hecklappe öffnen, Rücksitzbank umlegen, Fahrersitzlehne abtrennen, umlegen oder zurückdrehen, Einklemmung beseitigen und Patient nach hinten auf das Spineboard ziehen.

Beim Tunneln gehen die Kräfte durch den Kofferraum des Unfallfahrzeugs vor (wird gerne bei Kombis angewandt). Das Dach bleibt auf dem Wrack. Foto: Heyne

Beim Tunneln gehen die Kräfte durch den Kofferraum des Unfallfahrzeugs vor (wird gerne bei Kombis angewandt). Das Dach bleibt auf dem Wrack. Foto: Heyne

Sehr verbreitet ist auch die Methode schnelle Rettung über die Fahrertür: Tür öffnen, Einklemmung beseitigen und den Fahrer mittels Rettungs-Boa auf das Spineboard ziehen.

Beim Hamburger Modell wird das Dach des Unfallfahrzeugs komplett entfernt. Nach dem Entklemmen des Fahrers wird dieser mit einem Spinboard achsengerecht nach hinten über den Kofferraum aus dem Wrack gerettet.

Keine Vorgaben für die Entklemmungs-Technik

Wie die vorgehenden Kräfte die Einklemmung des Fahrers beseitigen wollten, blieb ihnen überlassen. Zumeist entschieden sie sich für den Einsatz von hydraulischen Stempeln. Damit wurde das Armaturenbrett nach oben weggedrückt.

SH-TH_01.inddDie verschiedenen Rettungsmethoden zur Befreiung von eingeklemmten fahrzeug-Insassen werden auch in unserem Ausbildungs-Sonderheft „Technische Hilfeleistung nach Pkw-Unfällen“ vorgestellt. Das Heft kann für 9,80 Euro Online bei uns im Shop bestellt werden.

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Wirkliche Studien oder Testreihen dazu hat es in Deutschland bisher nicht gegeben. „Aber ohne Praxis-Versuche geht es nicht. Das Üben der verschiedenen Rettungstechniken an nicht-deformierten Pkw vom Schrottplatz bringt nur bis zu einem gewissen Maße die notwendigen Kenntnisse für die Einsatzrealität“, ist Dr. Tim Heyne überzeugt, „einzig die hitzig diskutierte Kettenzug-Methode ist wissenschaftlich untersucht und veröffentlicht worden.“ Mit den Partnern Dekra, Weber Rescue Systems und der Universitätsmedizin Göttingen legte das Team deshalb die Studie an.

Die erste Auswertung der Versuche findet sich in der Januar-Ausgabe 2017 des Feuerwehr-Magazins. Das Heft ist aktuell im Handel erhältlich. Hier kann es ganz bequem online bestellt werden. So viel sei verraten: die beiden verbreitesten Befreiungsmethoden dauern am längsten. Deshalb ist der Beitrag auch in unserer Reihe „Feuerwehr kritisch“ erschienen. (ID 123)

Kommentare

1 Kommentar zu “Unfallrettung: Welche Methode geht am schnellsten?”
  1. daniel sagt:

    Nach aufmeksamer Lektüre des Artikels im Heft bleiben 2 Fragen: wo ist jetzt das Neue auf das ich gewartet habe und gibt es wirklich so viele dieser Wehren die hinfahren und nach dem Motto das haben wir schon immer so gemacht das Dach abnehmen und nach hinten raus retten?
    Für mich schwer vorstellbar.
    Wir sind eine ländliche Wehr mit wenig bis fast garkeinen Verkehrsunfällen. Aber selbst bei uns werden und wurden mit Ausnahme der Oslo Methode schon alle vorgestellten Methoden geschult.
    Meiner Meinung nach müssen sich bei einer vernünftigen Erkundung der Führungskraft zwangsläufig unterschiedliche Herangehensweisen ergeben.
    Denn wie es in dem für mich wenig überraschenden Fazit des Artikels heißt: “ Es gibt nicht die richtige, einzige Rettungstechnik…“
    Bei einer Wehr die einigermaßen auf dem Stand der Zeit und Technik ist wird es sicher nicht nötig sein dass sie „umdenken muss“
    Grüße

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