Freitag, 23. Juni 2017

Praxistipps: Kulturgutschutz für Feuerwehren

Jede Feuerwehr hat es in ihrem Einsatzgebiet mit schützenswertem Kulturgut zu tun. Doch was können Einsatzkräfte tun, wenn eine Bibliothek brennt, ein Archiv einstürzt oder ein Museum vom Hochwasser bedroht ist? Wie können sich Feuerwehren auf Schadensereignisse in Gebäuden wie Kirchen und Schlössern vorbereiten?

Im Jahr 2004 brach in der historischen Herzogin Anna Amalia Bibliothek (HAAB) in Weimar (TH) ein Brand aus, der sich zu einem Großfeuer entwickelte. Dachgeschoss und zweite Galerie des berühmten Rokokosaales der HAAB, 35 Ölgemälde sowie 50.000 Bücher und Handschriften wurden zerstört. Rund 62.000 Bände sind durch Feuer, Hitze oder Löschwasser beschädigt worden. 2007 konnte die Bibliothek mit dem Rokokosaal zwar wiedereröffnet werden. Die Buchrestaurierung ist allerdings bis heute noch nicht abgeschlossen.

Was ist Kulturgut?

Als Kulturgut lässt sich grundsätzlich alles bezeichnen, was für eine Gesellschaft einen beständigen kulturellen Wert hat. Dazu zählt auch immaterielles Kulturgut, zum Beispiel ein überlieferter Brauch. 

Bei Kulturgütern im physischen Sinne kann zwischen beweglichen und unbeweglichen unterschieden werden. Sie haben in der Regel eine archäologische, geschichtliche, künstlerische, technische oder wissenschaftliche Bedeutung.

Bewegliche Kulturgüter finden sich beispielsweise in Bibliotheken, Archiven und Museen. Dort sind Archivalien, Bücher und Kunstwerke meist in großer Zahl vorhanden.

Als unbewegliche Kulturgüter gelten etwa Schlösser, Kirchen und Klöster, aber auch denkmalgeschützte Wohn- und Nutzgebäude sowie Industrieanlagen. In diesen Bauwerken befinden sich neben der ortsfesten Ausstattung oft auch bewegliche Kulturgüter.

Zu Kulturgut zählen beispielsweise Kunstwerke wie dieses Gemälde aus dem 19. Jahrhundert. Foto: Michael Rüffer

Zu Kulturgut zählen beispielsweise Kunstwerke wie dieses Gemälde aus dem 19. Jahrhundert. Foto: Michael Rüffer

Neben dem Brand der Weimarer Bibliothek haben zwei andere Großschadensereignisse das Bewusstsein für den Kulturgutschutz in Deutschland geschärft: Das Elbehochwasser 2002, das unter anderem in Dresden für Zerstörungen und Beschädigungen sorgte, und der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln im Jahr 2009.

Bei der Bergung von Kulturgut gehen Menschenleben vor Sachwerten. Foto: Feuerwehr Hannover

In keinem der Fälle waren die Institutionen und Feuerwehren unvorbereitet: Sie hatten jeweils Notfallpläne erarbeitet. Doch allein die Masse des zu bergenden Kulturguts brachte die Beteiligten an ihre Kapazitätsgrenzen. Als eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, bietet sich die Zusammenarbeit in einem Notfallverbund an. Einen solchen Verbund gibt es mittlerweile auch in Weimar.

Gegenseitige Hilfe im Notfallverbund

Nach Schätzungen von Experten haben sich in Deutschland in den letzten Jahren über 40 Notfallverbünde für den Kulturgutschutz gegründet. Mitglieder sind jeweils Archive, Bibliotheken und Museen einer Stadt, eines Kreises oder einer Region. So existieren Notfallverbünde in größeren Regionen und Städten wie Berlin-Brandenburg, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt (HE), Hannover, Koblenz (RP), Leipzig (SN), Magdeburg, Münster (NW) und Stuttgart. Aber auch in kleineren Orten wie Aurich (NI), Detmold (NW), Halle (ST) und Weimar (TH) gibt es solche Zusammenschlüsse.

Ziel der Verbünde ist, sich im Schadensfall bei der Bergung und Sicherung von Kulturgut gegenseitig Hilfe zu leisten – in materieller und personeller Hinsicht. Grundlage für die Zusammenarbeit sind Vereinbarungen oder Verträge, in denen die Aufgaben der einzelnen Mitglieder festgehalten sind.

Notfallplanung und einsatztaktische Maßnahmen werden mit den örtlichen Feuerwehren abgestimmt. Diese bringen oft zusätzlich zur Ausrüstung der einzelnen Institutionen weiteres Spezialequipment zur Einsatzstelle. In regelmäßigen Übungen wird das gemeinsame Vorgehen der Verbundmitglieder und der Feuerwehr trainiert.

Übung des Regionalen Notfallverbunds Kulturgutschutz Hannover und der Feuerwehr Hannover: Evakuierung von Büchern per Bergungsrutsche. Foto: Feuerwehr Hannover

Übung des Regionalen Notfallverbunds Kulturgutschutz Hannover und der Feuerwehr Hannover: Evakuierung von Büchern per Bergungsrutsche. Foto: Feuerwehr Hannover

 

Ob im Notfallverbund oder bei Einzelobjekten: Die Großereignisse der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass für die Feuerwehr die Einsatzvorbereitung und das realitätsnahe Üben entscheidend beim Kulturgutschutz sind.

Hier haben wir zusammen mit Experten die wichtigsten Tipps für Euch zusammengestellt:

12 Praxistipps für die Feuerwehr

1) Kontakt mit den Kultureinrichtungen/Besitzern

Sucht als Feuerwehr in Eurem Einsatzgebiet den Kontakt mit den Kultureinrichtungen beziehungsweise Besitzern von wertvollem Kulturgut.

2) Ortsbegehung mit Gefährdungsanalyse

Führt gemeinsam bei einer Ortsbegehung eine Gefährdungsanalyse durch – unter Berücksichtigung der bereits getroffenen Maßnahmen des Vorbeugenden und Abwehrenden Brandschutzes.

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3) Liste mit wertvollsten Objekten

Regt an, die wertvollsten Objekte in einer Liste aufzuführen und deren Standorte in Plänen beziehungsweise auf Laufkarten festzuhalten. Die Bedeutung des jeweiligen Kulturguts lässt sich anhand eines Kennzeichnungssystems (Symbole, Farben) darstellen.

4) Bewegliches Kulturgut richtig einschätzen

Wichtige Fragen bei beweglichem Kulturgut können sein: Wie groß und schwer ist das Objekt? Aus welchen Materialien besteht es? Welche Löschmittel kommen in Frage, welche scheiden aus (beispielsweise Löschschaum)? Wie kann das Objekt von seinem Aufbewahrungs-/Präsentationsort entfernt und an einen sicheren Platz transportiert werden?

5) Unbewegliches Kulturgut beurteilen

Bei unbeweglichem Kulturgut sollte unter anderem bedacht werden: Welche Gebäudeabschnitte, Teppen und Wege gibt es? Was für Materialien sind bei Bau und Ausstattung verwendet worden? Womit kann gelöscht werden?

6) Notfallkonzept erstellen

Erstellt gemeinsam ein Notfallkonzept. Darin gehören die Telefonnummern von Ansprechpartnern der Einrichtungen, von möglichen Helfern sowie von Experten (zum Beispiel Restauratoren) und Unternehmen (etwa Kühlhausbetreibern), die in die Notfallplanung einbezogen werden.

7) Telefonnummern von Ansprechpartnern hinterlegen

Bei bedeutenden Objekten sollten die Telefonnummern wichtiger Ansprechpartner bei der Leitstelle hinterlegt werden.

8) Hilfsmittel vorhalten

Sorgt für die Beschaffung von Hilfsmitteln, die Ihr im Einsatzfall benötigt. Dazu zählen beispielsweise Planen zum Abdecken, Folien zum Einwickeln von Objekten und Transportboxen. Legt fest, welche vor Ort vorgehalten und welche von der Feuerwehr zum Einsatz gebracht werden.

Für den Kulturgutschutz hält die Feuerwehr Hannover auf Wache 4 acht Gitterboxen mit Spezialausrüstung bereit. Foto: Michael Rüffer

Für den Kulturgutschutz hält die Feuerwehr Hannover auf Wache 4 acht Gitterboxen mit Spezialausrüstung bereit. Foto: Michael Rüffer

9) Regelmäßig Übungen abhalten

Haltet regelmäßig Übungen ab, um das Notfallkonzept zum Kulturgutschutz auf seine Praxistauglichkeit zu testen.

10) Notfallverbund gründen

Wenn sich vor Ort oder in der Region mehrere Institutionen oder Kulturgut-Objekte befinden, regt die Gründung eines Notfallverbundes an. So lassen sich Ressourcen bündeln und gegenseitige Unterstützung organisieren.

11) Fortbildung und Vernetzung

Als Führungskraft könnt Ihr bei der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) Fortbildungen zum Thema Kulturgutschutz besuchen und von deren Vernetzung mit Notfallverbünden profitieren.

12) Menschenleben gehen vor Sachwerten

Die wichtigste Einsatzregel lautet noch immer: Menschenleben gehen vor Sachwerten. Der Schutz von Leben und Gesundheit der möglicherweise in dem Gebäude befindlichen Besucher und Mitarbeiter sowie der Einsatzkräfte und Helfer hat im Notfall oberste Priorität!

Bild1_eDossier2016_KulturgutSchutz von Kulturgut

Was muss als Erstes geborgen werden? Ist Löschschaum oder Wasser besser zur Brandbekämpfung geeignet? Warum sind Kühlhaus-Kapazitäten so wichtig?

In diesem eDossier geben Experten des Regionalen Notfallverbunds Kulturgutschutz Hannover und der Feuerwehr Hannover, der Klassik Stiftung Weimar, der Planungsgruppe Geburtig, der Bayerischen Schlösserverwaltung sowie der AKNZ des BBK wichtige Tipps und Hintergrundinformationen für den Einsatz.

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(Text: Dr. phil. Michael Rüffer, Museumswissenschaftler, Fachjournalist und Redakteur Feuerwehr-Magazin) [ID 493]

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