Dienstag, 28. März 2017

Gewalt gegen Rettungskräfte: Wie reagiert die Feuerwehr auf Angriffe?

15. März 2017 von  

Das Thema Gewalt gegen Rettungskräfte ist leider seit einiger Zeit nicht mehr aus unserem Feuerwehr Einsatzalltag wegzudenken. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo in Deutschland Feuerwehrmänner und Rettungskräfte angepöbelt oder gar angegriffen werden. An die Meldungen über Angriffe auf Polizisten, so verwerflich sie auch sind, hat man sich fast gewöhnt. Diese Übergriffe gehören für die Kollegen quasi zum Berufsrisiko. Doch die Polizei ist für Deeskalation und Reaktion auf Angriffe ausgebildet. Anders als der Feuerwehrmann und Einsatzkräfte im Rettungsdienst.

Gewalt gegen Rettungskräfte gehört mittlerweile zu den Gefahren an der Einsatzstelle. Symbolfoto: Markus Brändli

Worum geht es, wenn Menschen angegriffen werden, die nichts anderes tun, als Menschen in Not zu helfen? Sicherlich hat auch die Feuerwehr einen staatlichen Auftrag zu erfüllen und wir sind in diesem Sinne Teil der Executive des Staates. Allerdings nicht als ein Organ zur Durchsetzung staatlichen Willens, wie es beispielsweise Polizei und Justiz sind.

Was zählt zur Gewalt gegen Rettungskräfte?

Die Erfahrung zeigt, dass das Spektrum der Gewalt sehr vielfältig und breit gefächert ist: Vom fehlenden Verständnis für erforderliche Absperrungen bis zu dem stark alkoholisierten Patienten, der nicht mehr erkennt, dass die Rettungswagen-Besatzung ihm nur helfen will. Und da sind natürlich auch die „erlebnisorientierten“ Menschen, die mit Steinen und Flaschen auf Einsatzkräfte im Löscheinsatz werfen.

Sicher gilt es hier zu unterscheiden, ob wir in Großstädten schauen oder in ländlichen Gegenden. Vermutlich wird es darüber hinaus Unterschiede zwischen Nord und Süd wie auch Ost und West geben. Eines ist allerdings in jeder denkbaren Situation und in jeder Himmelsrichtung das gleiche. Agieren ist besser als Reagieren.

Selbstverteidigungskurse für die Feuerwehr?

Konkret bedeutet Agieren in Bezug Gewalt gegen Einsatzkräfte vor allem Vorbeugen. Die Gewaltprävention ist das beste Mittel, um gefährliche Situationen überhaupt erst gar nicht entstehen zu lassen. Und genau deshalb ist hier die intensivste Arbeit nötig.

Es werden zwar auch Stimmen laut, die fordern Selbstverteidigungskurse für Rettungskräfte, Schutzausstattung wie Ballistische und Stichsichere Westen – ähnlich wie bei der Polizei. Da sind wir allerdings wieder beim Reagieren und wir begeben uns in eine Situation des „Aufrüstens“, die auch von Störer Seite als „Einladung“ angesehen werden kann. Frei nach dem Motto: „Die sind doch geschützt, was soll da schon passieren.“

„Die stärkste Waffe eines Menschen ist die Kommunikation.“

Ich weiß, dass der Appell zur Prävention und Deeskalation bei Feuerwehr auf Stirnrunzeln stoßen kann. Schutzausrüstung und Selbstverteidigung sind da sicherlich greifbarer. Aber eine alte Weisheit lautet: „Die stärkste Waffe eines Menschen ist das Wort“. Ich möchte sie in diesem Zusammenhang etwas abwandeln und statt der Worte die Kommunikation setzen. Diese umfasst weit mehr als nur Worte und Sprache.

Sicher werden wieder viele sagen: „Was soll das, betrifft mich nicht! Das gibt’s hier nicht“ Wer aber ehrlich zu sich selbst ist, wird zugeben, dass zumindest die nicht akzeptierte Absperrung auch in der kleinsten Dorffeuerwehr vorkommt und genau dann sind wir wieder bei der Orts- und Situationsangebrachten Präventionsarbeit.

Gib der Gewalt keine Chance

Michael Steil führt in seinem Buch „Gib der Gewalt keine Chance“ viele sehr hilfreiche Tipps auf, wie Feuerwehrmänner und Rettungsdienstkräfte am Einsatzort auf Gewalt reagieren können und sollten.

Er geht auf Deeskalation und Kommunikation ein. Aber er zeigt auch Handgriffe zur Selbstverteidigung. Die Tipps von Michael Steil sind sehr konkret und obendrein gut bebildert.

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Auf den ersten Blick scheint es, dass Feuerwehr nur dann gefragt ist, wenn bereits etwas passiert ist. Jeder weiß dann, hier sind wir Profis. Es ist aber auch nichts neues, das der vorbeugende Brandschutz eine reine Präventivaufgabe ist. Auch hier sind wir Profis, warum also sollten wir nicht auch in der neuen Aufgabe der Gewaltprävention diesen Status erreichen?

Kommunizieren bei drohender Gewalt gegen Rettungskräfte:

Nehmen wir das alltägliche Beispiel, in dem ein Bürger eine Absperrung nicht akzeptieren will. Das einfachste Mittel zur Deeskalation sollte es sein, den Grund der Maßnahme einfach und ruhig zu verdeutlichen. Hierbei gilt es, auf die Notwendigkeit hinzuweisen und Kompetenz auszustrahlen. Das gelingt durch ein selbstsicheres Auftreten und den Einklang von Worten, Gestik und Körperhaltung. Freundlich aber bestimmt lautet das Motto.

Erst Kommunizieren, nicht gleich Zupacken. Symbolfoto: Westphal

Ähnlich verhält es sich bei stark alkoholisierten Personen. Wer nicht mehr Herr seiner Sinne ist, kann schnell durch zu forsche Kommunikation  gereizt werden und die angebotene Hilfe als Bedrohung ansehen. Gleiches gilt natürlich auch für das entsprechende Umfeld. Selten betrinkt sich jemand allein bis zur Bewusstlosigkeit.

Die große Gefahr beim Handeln der Rettungskräfte liegt hier in der Routine – oder deutlich gesagt dem Abstumpfen. Wer immer wieder zum Bahnhof, zum Volkfest oder zur Dorfdisko alarmiert wird, um eine „Hilflose Person“ zu versorgen, der weiß, was gemeint ist.  Gerade deshalb ist es wichtig, jede Situation neu zu bewerten und die Herangehensweise anzupassen:

  • Wie spreche ich den Patienten an?
  • Spreche ich vielleicht zuerst die umstehenden Personen an?
  • Erkläre ich den Begleitern, was ich mache?

Rettungskräfte sollten sich bewusst sein: Das Zerschneiden von Bekleidung und das Setzen von Zugängen kann bei eingeschränkter Wahrnehmung schnell falsch gedeutet werden. Letztendlich kann auch hier wieder die klare Abgrenzung von „Staatsmacht“ und „Hilfeleister“ eine Situation entschärfen.

Feuerwehrmann als Schlichter fortbilden?

In der Polizeiarbeit hat sich der Einsatz von „Konfliktmanagern“ oder „Kommunikationsmanagern“ als erfolgreich erwiesen. Warum also nicht einmal die guten Kontakte nutzen und eine Weiterbildung von Führungskräften, Pressesprechern oder anderen interessierten Kameraden anschieben?

Aber es zählt hier nicht nur, einzelne Leute fortzubilden. Jede Führungskraft hat gelernt, sich auf der Anfahrt zum Einsatzort alle verfügbaren Informationen einzuholen. Sofern keine gemeinsamen Leitstellen installiert sind, besteht dennoch die Möglichkeit, sich über die entsprechenden Stellen der Polizei das nötige Wissen einzuholen:

  • Ist dem Einsatz eine gewalttätige Demonstration vorausgegangen?
  • Sind Personen aus Gruppen betroffen, die bedingt durch ethnische Herkunft oder eigener Erfahrung und Vergangenheit ein anderes, gespaltenes Verhältnis zu „Uniformierten“ haben?
  • Ist es im Einsatzbereich bereits zu gewalttätigen Übergriffen gekommen, wenn ja welcher Art?

An der Einsatzstelle angekommen sind dann erfahrungsgemäß alle Augen auf das eigentliche Geschehen, sei es der Großbrand oder der Unfall, gerichtet. Dann spielen die Gefahren der Einsatzstelle eine wichtige Rolle für das Handeln der Führungskräfte. Dazu sollten sie nun auch die möglichen Gefahren von Außen im Blick haben. Das gehört zur Eigensicherung.

Gewalttätige Übergriffe auf Rettungskräfte:

Es gilt, die Augen offen zu halten und den sogenannten Tunnelblick zu brechen. Grundsätzlich ist das alles nichts Neues. Wir schauen als Strahlrohrführer natürlich zum Feuer, aber auch ob eventuell der Giebel einstürzt. Und beim Aufschneiden des verunfallten Pkw achten wir auf Spannungen im Material oder auslaufende Betriebsstoffe. Wir versuchen ganz allgemein, weitere Gefahren zu erkennen. Eine dieser Gefahren ist nun aber außerhalb unseres Fokus. Das bedeutet, auch der Blick über die Schulter, hinein ins Umfeld muss dazu gehören, um diese Gefahr zu erkennen.

Präventive Maßnahmen an der Einsatzstelle

Findet der Einsatz in grundsätzlich unsicherem Gebiet statt, ist auch der Einsatz von Beleuchtungsgerät für das Umfeld eine Art der Prävention. Im Scheinwerferlicht wirft sich ein Stein gleich viel schlechter und mögliche Täter können von vornherein abgehalten werden. Eine ähnliche Wirkung kann auch der Einsatz von Kameras haben. Hier ist nicht der generelle Aufbau einer Videoüberwachung gemeint. Aber bei fast jedem Einsatz sind heutzutage die eigenen Teams der Öffentlichkeitsarbeit dabei. Ein deutlicher schwenk mit der Videokamera oder dem Fotoapparat über das Umfeld des Einsatzortes kann den gleichen Effekt haben und mögliche Täter aus der Anonymität holen.

Feuerwehrmagazin.de Beiträge zum diesem Thema:

Gleiches gilt für das offene Ansprechen der umstehenden Personen. Sei es direkt und persönlich oder mittels Megafon und Lautsprecherdurchsagen. Menschen, die sich angesprochen und erkannt fühlen, lassen sich erfahrungsgemäß nicht so schnell zu strafbaren Handlungen hinreisen.

Wie reagiert die Mannschaft bei einem Angriff auf einen Feuerwehrmann?

Feuerwehr heißt Kameradschaft und das bedeutet, füreinander einzustehen und gegenseitig den Kopf hinzuhalten. Diese besondere Art der Gemeinschaft darf aber nicht dazu führen, dass im Einsatz angegriffene Kameraden gerächt werden. Bei allem Verständnis für den Unmut ist es kein probates Mittel, wenn sich die Löschgruppe mit Ausrüstungsgegenständen „bewaffnet“ und mit Gewalt antwortet. Sicher ist auch das eine Art der Kommunikation, aber genau diese Art ist gefährlich.

Gewaltsuchende Angreifer können die Feuerwehr dann tatsächlich als einen adäquaten Gegner ansehen, mit dem sich eine Auseinandersetzung „lohnt“. Ganz abgesehen davon ist das Bild der prügelnden Feuerwehrmänner mindestens genauso rufschädigend, wie das Bild des betrunkenen Kameraden. Es wird im Anschluss schnell verallgemeinert heißen „Die Feuerwehr hat…“.

Öffentlichkeitsarbeit als Prävention gegen Gewalt

Zum Abschluss möchte ich kurz auf die Wege der Öffentlichkeitsarbeit hinweisen. Auf allen Ebenen unserer Struktur verfügen wir über qualifiziertes Personal in diesem Bereich. Nutzen wir diese nicht nur für die Erarbeitung von Kampagnen zur Mitgliederwerbung oder anderen altbekannten Tätigkeitsfeldern. Eine Abgrenzung der Aufgabenzuweisung zur Polizei und die klare Herausstellung der Nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr könnte sich als hilfreich erweisen. Damit darf natürlich nicht einhergehen, dass wir die gute und unabdingbare Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und Polizei gefährden.

Autor: Timm Falkowski, Mitglied der FF Kaköhl-Blekendorf und Polizeioberkommissar der Bundespolizei

Kommentare

2 Kommentare zu “Gewalt gegen Rettungskräfte: Wie reagiert die Feuerwehr auf Angriffe?”
  1. Vielen Dank für den aufschlussreichen Bericht.

    Auch wir sehen einen zunehmende Nachfrage nach Lösungen, mit denen Feuerwehr- und Rettungskräfte im Notfall einen lokalisierbaren Alarm absetzen können.

    Im Zusammenhang mit unseren RES.Q Meldern mit integriertem GSM Modul bieten wir eine Lösung an, die einen Notruf auf unsere SOS Plattform absetzt und Ihnen so online die standardisierte Lokalisierung und Bearbeitung eines Notrufs ermöglicht – für ein möglichst schnelle Intervention zum Schutz Ihrer Kolleginnen und Kollegen.

    Bereits heute testen drei grosse deutsche Blaulichtorganisationen diese im Arbeitsschutz seit Jahren etablierte und bewährte Lösung. Erste Referenzen aus dem Blaulichtbereich werden für den Sommer/Herbst erwartet.

    In den kommenden Tagen lancieren wir dazu eine Aktion auf unserer Webseite http://www.swissphone.de

    Nähere Informationen erhalten Sie bei christoph.schaefer(at)swissphone.de.

  2. Thomas Sebastian Kujira sagt:

    Schönes Gerede , leere Worte , an den Realitäten vorbei. Ich bin seit 40 Jahren im Zivilschutz und Rettungsdienst. Was sich in diesem Land aber in den letzten 10 Jahren entwickelt hat , läßt sich nicht mehr mit Worten regeln. Schauen sie auf die einschlägigen Internetseiten der selbsternannten“Weltverbesserer und Sofarevolutier“! Dort wird expliziet zu Gewalt gegen JEDE Atorität, auch die , welche durch Kompetenz imEinsatzfall ensteht, aufgerufen und diese Gewalt gefeiert und bejubelt.Und es wird planmäßig und organisiert vorgegangen,siehe Hochwassereinsätze 2013 oder der jüngste Fall in Berlin, wo der Einsatz des Notarztes bewusst verhindert wurde , um eine Straftat zu verschleiern. Für eine immer größer werdende Gruppe , bedeutet eine Uniform bzw. Dienstkleidung schon ein Feindbild.Da diese Gruppe völlig indoktriniert , und meist mit irgendwelchen “ bewußtseinserweiternden Substanzen zu“ ist , nehmen diese Worte garnicht oder völlig falsch war . Desweitern: Wie kommunizieren sie mit Leuten , die ihre Sprache nicht verstehen , oder nicht verstehen wollen ? Für mich habe ich die Regelung getroffen : Wer mich oder meine Leute im Einsatz angreift , braucht meine Hilfe nicht und bekommt sie auch nicht. Die Unterweisung im Selbstschutz und Vermeidung von Selbstgefährdung , gehört seit ehundjeh zur Ausbildung in den Hilfeleistungsorgas. , also warum soll ich mich als Rettungskraft von einer Giftwolke oder einer Bombe fernhalten , aber nicht von aggressiven, oft haßverblendeten u. bewaffneten Leuten ? Da sowieso jeder Bereich in unserer Gesellschaft amerikanisiert ist oder wird , schlage die amerikan. Lösung auch in unserem Land vor : Keine Rettungskraft geht in einen Einsatz , bevor nicht die Polizei da ist . Die Ausstattung von Rettungsfahrzeugen, wie schon in einigen Bundesländern geschehen, mit Rundumkameras , sollte durch Körperkameras erweitert , Strafen für Übergriffe erhöht werden. Die Feuerwehr hat Wasser unter Hochdruck , damit liesse sich auch eine Gefahrensituation durch Angreifer „abkühlen“ , ist billiger , als Wasserwerfer und die dazugehörige BP auffahren zu lassen,; medizin. Personal hat genügend Chemikalien , um einen Angreifer außer Gefecht zu setzen , wenn Flugbegleitpersonal solche Mittel ohne mezin. Ausbildung einsetzen darf , ist es für mich unverständlich , warum das medizin . Rettungspersonal nicht tun sollen dürfen ! Abschließend : “ Wer sich nicht wehrt , lebt verkehrt“ , war mal ein Slogan , der an fast jeder Hauswand stand . Wieso soll das nicht für Rettungkräfte gelten , in einer Gesellschft , die das Wort “ Opfer“ als Schimpfwort benutzt und in der mit zunehmender Freude u.Perversion Andere zu Opfern gemacht werden , eben vorzugsweise jene , die sich nicht wehren. Sich nichtwehren ist für einen Großteil der Täter eine Einladung , da sie in ihrer vermeintlichen Unbesiegbarkeit durch Passivität bestärkt werden. Der Schutz von derUnversehrtheit der Person , der im Grundgesetz verankert ist , setzt bei Rettungskräften nicht aus . Diese haben schon genug „Versehrtheiten „durch unregelmäßigen Schichtdienst und schlecht oder garnicht behandelte traumatische Einsatzerlebnisse( wie zusehen müssen , wie eine Familie im Auto verbrennt , weil kein Durchkommen durch den Stau war) .

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