Dienstag, 25. Juli 2017

Feuerwehr: Verpflegung bei Großschadenslagen

23. Dezember 2016 von  

Versorgungszüge und -gruppen stellen Essen und Getränke bei langwierigen Einsätzen und Übungen sicher. Gulaschkanonen rollen sogar mit zu Hochwassereinsätzen. Aber was ist heute bei Verpflegungseinsätzen zu beachten? Wir nennen die 10 wichtigsten Grundsätze.

Am 5. Juni 2013 startete eine Hochwasserbereitschaft der Feuerwehr Bremen in den Katastrophenschutzeinsatz nach Sachsen-Anhalt. Elf Tage waren die Helfer vor Ort. „Ohne Mampf kein Kampf“, dieser Spruch kursierte durch die Mannschaft. Doch Essen und Trinken war die kleinste Sorge der Hansestädter. Zwei Feldkochherde und ein Gerätewagen-Versorgung gehörten unter anderem zum Versorgungszug, der die Reise mit angetreten hatte. „Über mehrere Tage im Versorgungseinsatz gefordert zu werden, ist sehr wichtig, um die eigenen Möglichkeiten abschätzen zu lernen“, sagt Stefan Fischer, Leiter der Versorgungsgruppe der FF Bremen-Neustadt.8 Tage lang hatte er innerhalb der Bereitschaft den Hut auf im Bereich Versorgung.

> >Verpflegung Feuerwehreinsatz: Gerätewagen-Küche der Kreisfeuerwehr Nienburg

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Vier Tage nach den Bremern machte sich auch die Kreisfeuerwehrbereitschaft Süd aus dem Landkreis Nienburg auf den Weg zum Hochwassereinsatz. Ihr Ziel war das Amt Neuhaus (Kreis Lüneburg) in Niedersachsen. 195 Kräfte und 42 Einsatzfahrzeuge zählte die Bereitschaft. Mit dabei war der Verpflegungstrupp der Feuerwehr Wietzen. Truppführer Cord Honsbrok koordinierte die Verpflegung der Einsatzkräfte über vier Tage, dann rückte die gesamte Bereitschaft wieder ab.

Verpflegung_Tipps_Einsatz„Unser Verpflegungstrupp, auch Versorgungszug genannt, ist eine Einheit des Katastrophenschutzes des Bundes und der Feuerwehr unterstellt“, erklärt Honsbrok. Seit 40 Jahren übernehmen die Kameraden aus Wietzen diese Sonderaufgabe. Bereits drei Mal mussten sie im neuen Jahrtausend zu Hochwassereinsätzen mit ausrücken: im August 2002 beim Elbehochwasser in Dannenberg (Kreis Lüchow-Dannenberg) und im Oktober 2007 zum Hochwasser der Innerste in Hildesheim. 17 Helfer im Alter von 19 bis 75 Jahren gehören zum Wietzener Verpflegungstrupp.

Sein 50-jähriges Bestehen feiert der Versorgungstrupp der Freiwilligen Feuerwehr Lemgo (NW, Kreis Lippe). Dessen Leiter ist Thomas Bergmann. „Besonders in den letzten Jahren haben wir unsere Arbeit im Bereich Versorgung ständig weiterentwickelt und unzählige, wertvolle Erfahrungen sammeln können“, erzählt Stadtbrandinspektor Klaus Wegener. „Mittlerweile bringt die Arbeit im Versorgungsbereich – egal ob bei Feuerwehr oder Hilfsorganisation – einen großen Management-Aufwand mit sich.“

Während vor 50 Jahren das Zubereiten nahrhafter Mahlzeiten im Vordergrund stand, müssen heute unzählige Vorschriften, aber auch individuelle Bedürfnisse beachtet werden.

Hygiene bei der Verpflegung

Jeglicher Arbeit im Versorgungsbereich muss eine einmalige Untersuchung der eingesetzten Kräfte bei einem Gesundheitsamt vorangehen. Außerdem sind jährliche Hygieneunterweisungen für die Kameraden Pflicht. Hier wird die Zubereitung von Speisen unter hygienischen Rahmenbedingungen und die Selbstkontrolle zum Beispiel bei Infektionskrankheiten thematisiert.

Foto: Marc Henkel

Ausgabestelle der Verpflegung für die Kräfte der Nienburger Kreisfeuerwehrbereitschaft im Hochwassereinsatz im Juni 2013. Foto: Marc Henkel

„Sauberkeit und Hygiene im Rahmen der Einsatzbedingungen an der Einsatzstelle rücken in den Mittelpunkt unserer Aufgaben“, betont der Bremer Stefan Fischer. Das bestätigt auch Robert Lad. Er ist Geschäftsführer des Feldküchencenters in Weißenfels (ST, Burgendlandkreis) sowie Sachverständiger und Ausbilder in dem Bereich. „Die Einhaltung der Hygienevorschriften ist bei einer Feldküche im Masseneinsatz eine besondere Herausforderung“, sagt Lad. „Nur zu oft ist sich das Küchenpersonal nicht bewusst, welche verheerenden Auswirkungen bakteriell belastete Speisen haben können – oder welche geballte Ladung an Energie beim Betrieb einer Küche während des Kochvorgangs eingesetzt wird.“ Deswegen müssen nicht nur Unterweisungen sondern eine Ausbildung vorausgehen (siehe Punkt 9).

Auch für die Einsatzkräfte, die verpflegt werden sollen, ist Hygiene ein wichtiges Thema. Denken wir beispielsweise an den Angriffstrupp, der bei einem Brandeinsatz direkt aus dem Innenangriff zum Essen geht. Hier ist die Handhygiene das Minimum der Dekontamination.

„Um die Hygiene im Verpflegungseinsatz sicherzustellen, haben wir uns bei der Feuerwehr Lemgo eine kleine fahrbare Hygieneeinheit gebaut“, erzählt Thomas Bergmann. „Hiermit können sich die Einsatzkräfte auch in schwierigem Umfeld vor der Einnahme der Einsatzverpflegung die Hände reinigen.“ Mindestens sollten Hygieneboxen an Bord von jedem Gerätewagen-Versorgung sein.

Umgang mit Lebensmitteln

„Entscheidendes Kriterium ist die unbedingte Einhaltung der Mindesttemperaturen bei Zubereitung und Vorhaltezeit von Speisen“, macht Lad deutlich. „Oft werden an dieser Stelle die Gefahren unterschätzt, die sich aus mangelnder Hygiene, mangelnder Kühlung der Rohprodukte oder nicht ausreichender Erhitzung des Kochgutes bei der Zubereitung und Vorhaltezeit ergeben.“

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Stefan Fischer (rechts) leitet die Versorgungsgruppe der FF Bremen-Neustadt. Hier gibt er Suppe aus der Feldküche aus – ordnungsgemäß mit Kopfbedeckung, Schürze und Hygienehandschuhen ausgestattet. Foto: Daniel Günther

Die so genannte Kühlkette darf von der Vorhaltung bis zur Verarbeitung nicht unterbrochen werden. Risiko birgt der Zeitraum des Transports von zu kühlender Ware vom Handel bis zum Feuerwehrhaus. Thermoboxen sind die kleine, ein Kühlanhänger ist die große Lösung.

Getränke

Mit einem Kühlanhänger können auch Getränke an heißen Tagen bereits auf dem Weg zur Einsatzstelle gekühlt werden. Häufig heißt die Reihenfolge Getränke vor Essen. „Es gilt, ausreichend Flüssigkeit in kalten und warmen Getränken mitzuführen – der Außentemperatur angemessen“, sagt Fischer. Heiße Getränke bereiten die Bremer Kameraden in der Regel schon während der Rüstzeit am Gerätehaus vor.

Bergmann rät: „Kalte Getränke sind oft gewünscht, aber zu kalt sollten sie auch nicht sein.“ Besser sind „handwarme“ Getränke. Für den Flüssigkeitsausgleich empfiehlt sich kohlensäurearmes Wasser. Um den Elektrolyte-Haushalt des Körpers anzuregen, sind isotonischen Getränke optimal.

Zeitmanagement extern

Die Rüstzeit der Versorgungsgruppen muss der Einsatzleitung der Feuerwehr bewusst sein. Sie können nicht zehn Minuten nach der Alarmierung ausrücken und binnen 30 Minuten eine Vollversorgung am Einsatzort sicherstellen. Fischer: „Wir benötigen eine Vorlaufzeit von zirka 45 Minuten. Generell ist ja im Einsatz irgendwann abzusehen, dass er noch einige Stunden dauert. Dann sollte die Einsatzleitung die Versorgung der Kräfte bereits frühzeitig planen.

Aufwand und Nutzen im Versorgungseinsatz

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Die Feldkochherde der FF Neustadt sind in einer Fahrzeughalle abgestellt und abgedeckt. Foto: Daniel Günther

Wenn einer Versorgung der Einsatzkräfte erwogen wird, gilt es abzuschätzen, in welchem Ausmaß diese erfolgen soll. Für zehn Becher Kaffee und 15 Brötchen-Hälften einen Versorgungstrupp zu alarmieren ist nicht sinnvoll. Ab wann es Sinn macht, obliegt jedoch der Einsatzleitung. Es kann durchaus auch für kleinere Mengen eine Versorgungsgruppe alarmiert werden, wenn ansonsten keine Ressourcen – personell oder materiell – zur Verpflegung vorhanden sind

Lebensmittel vorhalten

Um direkt einsatzfähig zu sein, sollten Lebensmittel mit entsprechender Haltbarkeitsdauer vorgehalten werden. „Für die erste Mahlzeit führen wir in unserem Gerätewagen Versorgung Konservenware – Würstchen und Suppen – sowie Getränke für etwa 200 Personen mit“, erzählt Fischer. Außerdem ist es von Vorteil, mit mindestens einem Großmarkt für den Notfall eine Vereinbarung zur Beschaffung von Lebensmitteln rund um die Uhr – auch an Sonn- und Feiertagen – zu haben. Örtliche Lebensmittelhändler können ebenso für eine Kooperation angefragt werden.

Zeitmanagement intern

„Der Feldkochherd wird am Standort mit Wasser befüllt und angeheizt“, erzählt Stefan Fischer. Nach 30 Minuten ist das Wasser heiß und die Gruppe rückt aus. Da der Feldkochherd bereits vorgewärmt ist, können dann vor Ort innerhalb weniger Minuten einfache Speisen zubereitet werden. Außerdem werden während der Rüstzeit bereits Heißgetränke fertiggemacht.

Ein Versorgungseinsatz kann nach einer Stunde und einer Rutsche Essen und Getränke für die Feuerwehrleute schon wieder beendet sein. Es kann jedoch auch deutlich länger dauern – etwa bei Großbränden oder Gefahrgutlagen. Dann ist es sinnvoll, sich auf eine Vollversorgung vor Ort einzustellen. Das heißt, Essens- und Getränkeangebote auf Frühstück, Mittag- sowie Abendessen auszuweiten sowie ständigen Zugriff für die Einsatzkräfte anzubieten. Dies kann auch ermöglicht werden, indem Brötchen und Getränke zur Selbstbedienung bereit stehen. Ganz wichtig ist, die Versorgungsmannschaft nach Aufgaben einzuteilen und auch rechtzeitig auszutauschen.

Auswahl der Lebensmittel

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„Im Einsatzfall muss es schnell gehen“, betont Fischer. „Da beschränkt sich das Angebot in der Regel auf Würstchen mit Brot und Suppen oder Eintöpfe.“

Nicht nur für Zeltlager und Tage der offenen Tür gilt es, mindestens auch vegetarisches Essen vorzuhalten. Generell ist es von Vorteil, bei Fleischgerichten auf Schweinefleisch zu verzichten. Alles andere sollte nur nach vorheriger Anmeldung berücksichtigt werden.

Vegetarische Angebote wären auch für den Einsatzfall optimal, um den Bedürfnissen der Kräfte gerecht zu werden. „Für die Vegetarier haben wir immer kleine Mengen von haltbaren Produkten mit dabei, die im Bedarfsfall zubereitet werden“, erzählt der Lemgoer Verpflegungsleiter. „Natürlich im eigenen Topf.“ Bergmann fügt hinzu: „Dieses Lebensmittelmanagement ist insgesamt mittlerweile eine große Herausforderung. Hier werden wir uns noch weiterentwickeln müssen.“

Zudem ist es wichtig, Kohlenhydrate (u.a. Nudeln, Brötchen) und zuckerhaltige Lebensmittel anzubieten. Das können zum Beispiel Müsli- oder Schokoriegel sein. Gerade für die Atemschutzgeräteträger sind diese hilfreich, um die körperlichen Energiereserven wieder herzustellen.

Betrieb von Feldküchen

„Feldküchen wurden geschaffen, um kostengünstig und autark große Menschenmengen zu versorgen. Der Betrieb einer Feldküche bedeutet immer Massenversorgung“, erklärt Robert Lad. „Und gerade bei der Massenversorgung steht Sicherheit des Bedienpersonals und der Gäste unabdingbar im Vordergrund.“ Neben der Hygiene sind auch die Ausbildung und die technische Ausstattung wichtige Eckpfeiler.

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Ausbildung für die Feldküche

Lad betont: „Das Bedienpersonal muss in der Technik der Küche, des Zubehörs und vor allem in Sachen Hygiene geschult sein und diese beherrschen.“

Bergmann bezeichnet die Ausbildung als schwieriges Thema für die Feuerwehren. „Vor Jahrzehnten wurde die Ausbildung der Feldköche durch den Katastrophenschutz geregelt“, erklärt der Verpflegungsleiter. „Heute nutzt die Feuerwehr Lemgo die Angebote des Technischen Hilfswerkes oder der Hilfsorganisationen.“ Bergmann wünscht sich eine Neuausrichtung dieser Ausbildung, einschließlich regelmäßiger Fortbildungen im gesamten Verpflegungsbereich.

Der Bedarf ist nicht nur in Lemgo gegeben. Häufig finden die Ausbildungen nur auf Initiative der Feuerwehren und Hilfsorganisationen statt. In der Feuerwehr-Dienstvorschrift 2 „Ausbildung der Freiwilligen Feuerwehren“ ist diese Aufgabe auch nicht aufgeführt.

Technik der Feldküche

„Die Technik muss regelmäßig, fachmännisch gewartet und geprüft sein. Dabei sind nicht nur die Belange der Straßenverkehrsordnung zu beachten“, erklärt Robert Lad. „Auch die gesetzlichen Vorschriften, zum Beispiel für die Gasanlage, aber auch für den Druckkessel hinsichtlich Druck und Kochbadflüssigkeit sind zu berücksichtigen.“ Lad gibt den Hinweis, dass häufig Risse im Kessel nahe dem Ablasshahn auftreten. „In diesem Bereich treffen unterschiedlich starke Materialien aufeinander, die sich bei schneller Erhitzung unterschiedlich stark ausdehnen und damit Spannungsrisse erzeugen“, erklärt der Feldküchen-Fachmann. So sind Wartungen und Reparaturen dieser Einsatzmittel genauso wichtig, wie bei anderen.

Die Feuerwehr Lemgo verfügt seit zirka zehn Jahren über einen Modul-Feldkochherd mit Koch-, Back- und Bratmodulen. „Das Einsatzgerät hat sich bewährt“, sagt Bergmann. Allerdings würde er aus heutiger Sicht auf die schwerfälligen Transportlafetten verzichten und sämtliche Materialien in einem Gerätewagen-Versorgung mitführen.

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