Samstag, 2. Juli 2016

Patientenrettung mittels Drehleiter: Tipps für den Einsatz

Patiententransport per Drehleiter aus einem Gebäude – was früher ein exotischer Einsatz war, ist heute immer häufiger gefragt. Auch Feuerwehren ohne Hubrettungsfahrzeug können wertvolle Vorarbeit für eine zügige und patientenschonende Rettung leisten. Wir geben Tipps für den Einsatz.

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Ernstfall: Ein Patient ist aus dem ersten Stock seines Einfamilienhauses transportiert worden. Feuerwehrleute und Rettungsdienstmitarbeiter heben vorsichtig die Trage aus der Halterung.

Ob bei Hoch- oder Tiefbauunfällen, verletzten Personen auf Dächern oder Baugerüsten: Ein Einsatz der Feuerwehr bei akuter Rettung aus einer Gefahrenlage war schon immer unstrittig. Anders stellte sich das bei einem rein medizinischen Notfall im häuslichen Bereich dar. Lange Jahre war in vielen Regionen das Gewicht eines Patienten oberstes Entscheidungskriterium für die Alarmierung einer Drehleiter durch den Rettungsdienst. Auch schreckten viele Notärzte durch eine vermeintlich lange Vorlaufzeit sogar im städtischen Bereich vor der Anforderung zurück. Inzwischen hat hier ein Umdenken in der rettungsdienstlichen Versorgung stattgefunden. Soweit medizinisch vertretbar, steht ein schonender Transport des Patienten im Vordergrund.

Die Entscheidung, für den Transport des Patienten aus der Wohnung nicht den Weg durch das Treppenhaus zu wählen, sondern hier eine Drehleiter einzusetzen, wird in aller Regel durch die Kollegen vom Rettungsdienst oder den Notarzt getroffen. Hieraus ergeben sich auch die ersten wichtigen Punkte für die Feuerwehr, wenn sie zu einer „Personenrettung über DLK“ alarmiert wird:

  • Die Einsatzstelle und Situation vor Ort sind definitiv bekannt.
  • Die Feuerwehr ist nicht ersteintreffende Kraft.
  • Der Patient/Betroffene wird bereits vom Rettungsdienst versorgt.
  • Es gibt einen klaren Ansprechpartner an der Einsatzstelle.

Grundsätzlich gilt: Die DLK-Besatzung fährt solche Einsatzstellen nie alleine an, um einen zügigen und sicheren Einsatz zu gewährleisten. Vom Rettungsdienst werden im Normalfall drei oder vier Personen anwesend sein. Diese sind aber mit der Versorgung des Patienten und der Transportvorbereitung aus rettungsdienstlicher Sicht beschäftigt. Im Rahmen der Alarm- und Ausrückeordnung (AAO) ist festzulegen, mit welchen Fahrzeugen zusätzlich zur DLK ausgerückt wird.

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Im überörtlichen Einsatz können die Ergänzungsfahrzeuge von der örtlich zuständigen Wehr gestellt werden. Der Ablauf einer Personenrettung sollte daher mit allen Wehren, die im Ausrückebereich einer DLK liegen, geübt werden. Je nach Ausrüstung der eingesetzten DLK sollte sichergestellt sein, dass vor Ort eine Schleifkorbtrage und eine Schaufeltrage zur Verfügung stehen.

Wie schnell muss es gehen?

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Beim Aufstellen der Drehleiter muss nicht nur die Verkehrsabsicherung beachtet werden. Auch für Rettungswagen und Tragen-Entnahme muss ausreichend Platz eingeplant werden.

Nach dem Eintreffen gehen zunächst nur der Einsatzleiter und ggf. der Melder zum Patienten. Wenn die Drehleiter bereits vor Ort ist, sollte anstelle des Melders der Fahrzeugführer der DLK mit zur Erkundung gehen, der letztlich über den Aufstellungsort der Drehleiter entscheidet. In einer kurzen Absprache mit dem verantwortlichen Rettungsassistenten (RA) oder dem Notarzt (NA) wird die erste Information eingeholt: Die Dringlichkeit der durchzuführenden Rettung. Nach einer Reanimation ist eine schnellstmögliche Rettung erforderlich. Handelt es sich hingegen um einen Patienten zum Beispiel mit einer Fraktur, steht die schonende Durchführung im Vordergrund.

Einer der wichtigsten Schritte ist die Suche und Auswahl eines geeigneten Fensters (oder Balkons), durch das die Rettung durchgeführt wird. Oberstes Kriterium für eine Auswahl ist die Erreichbarkeit von außen mit der DLK. Auf folgende Punke muss hier geachtet werden:

  • Ein Erreichen des Fensters ist für die DLK auch mit Belastung in/auf dem Korb möglich.
  • Ein freier Zugang von außen an das Fenster ist möglich. Keine Hindernisse durch Bäume, Stromleitungen – siehe hierzu auch HAUS-Regel (drehleiter.info).
  • Die Fensteröffnung ist groß genug, um Trage und Patient hindurch zu heben.
  • Das Fenster ist auch von innen her zugänglich, nicht verstellt und ein sicheres Überheben des Patienten ist möglich.

Mit den Rettungsdiensten vor Ort kann bereits im Vorfeld abgestimmt werden, worauf der Transport mit der DLK durchgeführt wird. Die Verwendung des Oberteils der Fahrtrage vom Rettungsdienst ist ebenso möglich wie der Einsatz der DIN-Trage der DLK. Grundsätzlich sind alle Tragen, die vom Rettungsdienst verwendet werden, genormt und somit mit den Krankentragehalterungen der DLK kompatibel. Wenn die Trage der DLK verwendet wird, ist unbedingt darauf zu achten, dass der Patient zusätzlich auf einer Schaufeltrage, einer Vakuummatratze oder einem Rettungstuch gelagert ist. Ein Umlagern auf die Trage des Rettungsdienstes wird dadurch wesentlich erleichtert.

Ist ein Fenster für die Rettung festgelegt, wird durch die Mannschaft eines weiteren Fahrzeuges die Einsatzstelle, noch bevor die DLK in Stellung gebracht wird, in einem ausreichenden Radius abgesichert. Hier sind folgende Punkte wichtig:

  • Hinter der DLK müssen mindestens zehn Meter Freiraum vorhanden sein, um den Leiterpark ablegen zu können.
  • Die Einsatzkräfte müssen den Patienten mit der Trage ungehindert und sicher von der Krankentragehalterung herunter heben können.
  • Ein Umlagern auf die Trage oder das Untergestell des Rettungsdienstes muss ebenfalls ungehindert und gefahrlos möglich sein.
  • Der RTW sollte noch innerhalb der Absperrung stehen können, damit der Transport zum Fahrzeug und das Einladen des Patienten ungehindert durchführbar sind. Positiver Nebeneffekt: Der Patient wird möglichst wenig neugierigen Gaffern und der Witterung ausgesetzt. Einsatz der Schleifkorbtrage zur Personenrettung. Zur Betreuung ist ein Helfer mit eingebunden. Beim Aufstellen der Drehleiter muss nicht nur die Verkehrsabsicherung beachtet werden. Auch für Rettungswagen und Tragen-Entnahme muss ausreichend Platz eingeplant werden.

Noch während der Patient in der Wohnung durch den Rettungsdienst versorgt wird, können weitere Vorbereitungen für den Transport getroffen werden. Vom Einsatzleiter werden nun die zusätzlich benötigten Kräfte in die Wohnung beordert. Als erstes wird ein freier Zugang zu dem ausgewählten Fenster oder Balkon geschaffen. Wichtig ist hier auch eine erneute Absprache mit dem Team vom Rettungsdienst. Müssen medizinische Gerätschaften wie das EKG oder ein Beatmungsgerät am Patienten bleiben? Ist der Patient beispielsweise intubiert und beatmet, kann das Beatmungssystem maximal 50 Zentimeter vom Patient entfernt getragen werden. Je nach Platzbedarf müssen im Weg stehende Möbelstücke wie Tische oder Sessel auf die Seite gestellt werden. Auch eventuelle Stolperfallen wie Teppiche, auf dem Boden stehende Schuhe oder andere hinderliche Gegenstände sollten beseitigt werden. Hier gilt: Lieber zu viel als zu wenig auf die Seite räumen.

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Patientenrettung per Drehleiter: Immer häufiger müssen Feuerwehren zu solchen Einsätzen ausrücken. Noch vor der ersten Bewegung des Leiterparks muss die Trage mit Gurten auf der Halterung zusätzlich gesichert werden.

Je nach Beschaffenheit des Fensters ist zu prüfen, ob die Notwendigkeit besteht, einen Fensterflügel auszuhängen, um ein sicheres Heben durch die Fensteröffnung zu gewährleisten. Falls machbar, sollte direkt vor dem gewählten Fenster Raum geschaffen werden, um hier die Trage mit dem Patienten nochmals absetzen zu können.

Moderne, computergesteuerte Drehleitern bieten zum Teil auch die Möglichkeit einer Programmfahrt. Das heißt, der Maschinist fährt mit dem Leiterpark die Strecke ohne Patienten probeweise vom Fenster bis zur Straße ab, der Streckenverlauf wird abgespeichert. Wenn die Fahrt problemlos verlaufen ist, kann diese aus dem Speicher abgerufen und somit mit Patienten einfach wiederholt werden. Nachlauf- Erschütterungen – insbesondere bei Fahrten, die an Hindernisse (Laternen, Freileitungen, Bäume) vorbeiführen – können so vermieden werden.

Grundsätzlich ist beim Anfahren des Korbes darauf zu achten, dass ein Einschieben der Trage in die Halterung möglichst ungehindert und leicht (rückenschonend für die Einsatzkräfte) erfolgen kann. Idealerweise befindet sich die Korb-Oberkante in Höhe des Fenstersimses bzw. der Brüstung. Ein wenig Abstand zwischen Korb und Gebäude muss jedoch bleiben, da sich der Korb mit der Gewichtsbelastung in Richtung Objekt bewegt.

Was Feuerwehren ohne Drehleiter vorab tun können

Für eine Feuerwehr ohne eigene DLK ergeben sich also folgende Maßnahmen, die bis zum Eintreffen der Leiter bereits durchgeführt werden können:

  • Genaue Erkundung und Auswahl eines geeigneten Fensters oder Balkons.
  • Absichern und Absperren der Einsatzstelle mit der benötigten Fläche für einen sicheren Ablauf des Einsatzes.
  • Herstellen eines freien Transportweges in der Wohnung.
  • Genaues Einweisen der eintreffenden DLK.

Mit dem Absetzen der Trage vor dem Fenster wechselt die Verantwortung für die Sicherheit des Patienten vom Rettungsdienst auf die Feuerwehr, bis dieser am Boden wieder zurück an den Rettungsdienst übergeben wird. Die medizinische Verantwortung bleibt beim Rettungsdienst. Der Transport auf dem Korb der Drehleiter ist der heikelste Teil des Einsatzes. Deshalb unbedingt kontrollieren:

  • Sind alle verfügbaren Gurte der Trage um den Patienten geschlossen?
  • Falls der Patient auf einer Schaufeltrage oder Vakuummatratze liegt, sind auch deren Gurte geschlossen?
  • Sind Schaufeltrage oder Vakuummatratze mit der Trage verbunden?
  • Ist ein Wärmeerhalt des Patienten gesichert?
  • Ist der Patient sediert (ruhig gestellt) oder wurde er eingewiesen, wie er sich während des Transportes zu verhalten hat?

Nur wenn alle Fragen mit Ja beantwortet worden sind, wird der Einsatz fortgesetzt. Jetzt kommen mindestens drei, optimaler Weise aber vier Helfer zum Zug. Die beiden Helfer der dem Fenster zugewandten Seite fassen die Trage an den Querträgern an. Die Helfer am entfernten Ende greifen die Holme. Zum Anheben gehen alle Helfer in die Hocke. Hierauf sollte unbedingt geachtet werden. Wird mit gestreckten Beinen aus einem „runden Rücken“ gehoben, kann es leicht zu Verletzungen kommen. Der Mann, der sich aus Patientensicht rechts vom Kopf des Patienten befindet, gibt die Kommandos „An die Trage“, „Fasst an“ und „Hebt an“.

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Einsatz der Schleifkorbtrage zur Personenrettung. Zur Betreuung ist ein Helfer mit eingebunden.

Die Trage wird durch die Fensteröffnung auf die Krankentragehalterung des Rettungskorbes gehoben. Der Mann im Korb muss darauf achten, dass die Laufräder der Trage nicht verkanten und der Stift für die Halterung richtig im Schloss einrastet, damit diese auch vollständig schließt. Dann wird sofort die Trage mit dem Patienten durch weitere Gurte auf der Krankentragehalterung gesichert. Anschließend wird die Halterung mit der Trage in eine Stellung quer zum Leiterpark gebracht.

Da während des folgenden Transports auf den Boden der Feuerwehrmann für den technisch einwandfreien Ablauf zuständig ist, befindet sich ein RA oder Notarzt ebenfalls mit im Korb. Die Betreuung und Überwachung des Patienten und der medizinischen Geräte (falls mit im Korb) bleiben Aufgabe des Rettungsdienstes.

Das Herunterheben von der Halterung am Boden erfolgt wieder mit vier Einsatzkräften. Die Trage wird entweder direkt auf das Untergestell des Rettungsdienstes oder neben dem Korb abgesetzt. Wenn ein weiteres Überheben des Patienten erforderlich ist, wird der Rettungsdienst hierbei unterstützt.

Das Problem mit den Dachflächenfenstern

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Während des Transports zum Erdboden wird die Krankentragenhalterung in eine Stellung quer zum Leiterpark gebracht.

Ein Problem stellen bei solchen Einsätzen Dachflächenfenster dar. Meistens sind sie nur schlecht oder gar nicht mit dem Korb zu erreichen. Da das untere Ende des Korbes als erstes das Dach berührt, entsteht durch das schräg weglaufende Dach ein Freiraum in Form eines „V“ zwischen Fenster und Korb. Dieser Spalt ist oft so breit, dass die Krankentragenhalterung nicht bis an das Fenster heran reicht. Es muss hier sorgfältig entschieden werden, ob ein Transport durch das Fenster auf den Korb auch wirklich sicher durchführbar ist.

Eine mögliche Alternative ist der Einsatz einer Schleifkorbtrage. Diese kann mit einer eigenen Bebänderung (Lastöse nur verwenden, wenn sie für diese Nutzung freigegeben ist) an der Oberleiter der DLK befestigt werden. Besonders problematisch ist der Moment, in dem die Trage aus dem Fenster frei unter der DLK hängt. Hier muss auf jeden Fall ein Pendeln verhindert werden. Eine Sicherung mit Leinen ist sowohl von oben als auch von unten sicherzustellen. Großer Nachteil: Der Patient kann in den meisten Fällen während der Rettung nicht begleitet oder überwacht werden.

Besteht die Möglichkeit, in vertretbarer Zeit eine Höhenrettungsgruppe an die Einsatzstelle zu bekommen, ist diese umgehend zu alarmieren. Die Kollegen haben durch spezielle Geschirre die Möglichkeit, den Patienten bei dieser Rettung zu begleiten.

Ähnlich verhält es sich auch beim Gewicht. Moderne DLK haben bei Drei-Personen-Körben in der Regel eine nutzbare Korblast von 270 Kilogramm. Ältere Drehleitern besitzen oft nur Zwei-Personen-Körbe mit 180 Kilogramm Zuladung. Im Einsatz müssen folgende Punkte beim Ermitteln der benötigten Korblast mit einbezogen werden:

  • Gewicht des Patienten (dieses ist allerdings oft nur sehr ungenau bekannt).
  • Gewicht der Einsatzkraft.
  • Gewicht von RA oder Notarzt.
  • Gewicht der Krankentragehalterung (die Zuladungsgrenze liegt je nach Modell zwischen 110 und 200 Kilogramm).
  • Gewicht von mitgeführten medizinischen Geräten (EKG, Sauerstoff usw.).

Im Zweifel gilt auch beim Gewicht: Frühzeitig nach Alternativen suchen! Stehen in der Umgebung Teleskopoder Gelenkmastbühnen zur Verfügung, kann eine solche angefordert werden. Diese Fahrzeuge haben eine höhere Korblast als Drehleitern. Trotzdem sollte vor einer Alarmierung möglichst durch die Leitstelle nochmals die erforderliche Korblast abgeklärt werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass der Transport durch das angeforderte Fahrzeug auch bewerkstelligt werden kann.

Eine weitere Alternative stellt der Einsatz eine Kranwagens (FwK) dar. Ein positives Beispiel ist der FwK der BF Nürnberg. Dieser hat eine maximale Hubkraft von 50 Tonnen. Speziell für die Personenrettung wurde ein „Hamburger Rettungskorb“ beschafft. Dieser Gitterkäfig hat eine Tragkraft von 800 Kilogramm. Durch die Kraft des FwK stellt die Ausladung so gut wie nie ein Problem dar. Auch die maximale Arbeitshöhe liegt etwas über der einer DLK. Ein weiterer großer Vorteil: Mit dem FwK kann der Rettungskorb über ein Gebäude hinweg auf die Rückseite gehoben werden. Zu beachten ist allerdings die zulässige Gesamtmasse von Kran und Mast – sie sind gegebenenfalls in Feuerwehrzufahrten nach DIN 14090 nicht aufstellbar.

Text und Fotos: Alexander Müller, Feuerwehr-Magazin-Autor

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