Donnerstag, 30. März 2017

Jugendfeuerwehr: Das Zauberwort heißt Vielfalt

12. Dezember 2016 von  

In der Jugendarbeit reden derzeit alle von Vielfalt und Diversität. Die Begriffe sagen (fast) das gleiche aus. Und sie zeigen genau das auf, was auch Jugendfeuerwehrarbeit ausmacht: Jeder Mensch ist anders. Wir erklären, welche wichtige Rolle der richtige Umgang mit Vielfalt spielt.

Als die Deutsche Jugendfeuerwehr (DJF) im Oktober 2007 mit der Integrationskampagne „Unsere Welt ist bunt“ begann, entstand sowas wie eine Bewegung in den Jugendfeuerwehren und Verbänden. Insbesondere der Begriff Integration tauchte in vielen Projekten auf. Es war jahrelang das Schlagwort, welches nicht nur in der Jugendpolitik Türen und Toren öffnete.

Mit dem Begriff Integration wurden damals jedoch häufig in der Gesellschaft und der Feuerwehr vor allem zwei Themen verbunden: interkulturelle Öffnung und damit einhergehend Prävention gegen Rechtsextremismus. Dabei fasste die DJF schon 2007 das Feld viel weiter: Inklusion von Menschen mit Behinderung, weitere Stärkung des Mädchenanteils in den Jugendfeuerwehren, Akzeptanz für homosexuelle Mädchen und Jungen sowie Umgang mit verhaltensauffälligen Jugendlichen.

2 Jahre später startete die DJF dann ein Projekt mit der Aktion Mensch zur Inklusion von Menschen mit und ohne Behinderung. Und mit Inklusion drang ein neuer Begriff in die Feuerwehrwelt ein. Ein Wort, welches viel besser umschreibt, was wir in der Jugendfeuerwehr wollen und auch schon vielerorts machen. Denn wenn wir Inklusion und Integration mit ihrer Bedeutung vergleichen, wirkt die Inklusion viel stärker. Während Integration „nur“ den Einbezug von Gruppierungen und Menschen in eine bestehende feste Wertegemeinschaft beschreibt, steht Inklusion für gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen in einer Gruppe.

Berlin, 14.11.2016 Deutsche Jugendfeuerwehr DJF Besuch der Jugendfeuerwehr Wedding (Berlin) durch die Bundeskanzlerin Frau Dr. Angela MERKEL und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration Staatsministerin Frau Aydan ÖZUGUZ

Vielfalt wird bei der Jugendfeuerwehr Wedding gelebt. Gruppenfoto mit Cihad TaşkIn (DIL Frankfurt), Uwe Danker (DJF), Ute Latzel (DIL Frankfurt) und Peter Damerau (Motorola). Foto: Rico Thumser /DJF

Einfacher erklärt: Wenn eine Jugendfeuerwehr beispielsweise gemeinsame Aktionen mit einer Migrantenorganisationen plant, dann ist das Integration. Wenn aber die jungen Migranten als voll akzeptierte Mitglieder zur JF-Gruppe gehören, dann wäre das Inklusion. Das ist doch eher das, was Jugendfeuerwehr ausmacht. Hier gilt es zu verstehen, dass die Inklusion nicht ausschließlich mit behinderten Menschen einhergeht.

„Um dieses Bild der bunten Jugendfeuerwehr-Gruppe mit Jugendlichen mit Migranten, Mädchen und Jungen, Kids mit Handicap und chronischen körperlichen Einschränkungen und vielen mehr zu beschreiben, bietet sich der Begriff Vielfalt an“, erklärt Uwe Danker, Bildungsreferent der Deutschen Jugendfeuerwehr. Vielfalt steht für die Individualität der Menschen in einer Gruppe und die Uneinheitlichkeit.

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Menschenführung Feuerwehr

Acht Beiträge zum Thema „Menschenführung in der Feuerwehr“ in einem eDossier: Führungskräfte als Vorbilder, richtige Jugendarbeit, Umgang mit Brandstiftern in den eigenen Reihen, Führungsstile, Prävention gegen Extremismus, Umgang mit belastenden Einsätzen, Generationen-Konflikt und Motivation der Kameraden.

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Mit „Im Tandem für eine bunte Jugendfeuerwehrwelt“, gefördert durch die Motorola Solutions Foundation, startete die DJF wiederum – quasi aufbauend auf die Integrationskampagne – ein neues Projekt:

  • Das Ziel: Bewusstsein für Vielfalt entwickeln.
  • Der Weg: Jugendleiter in drei Modellregionen für Gleichberechtigung und Chancengerichtigkeit zu sensibilisieren. Und mehr noch, es gilt, ihre Selbstverantwortung in der Umsetzung zu stärken.
  • Die Projektpartner: Kreisjugendfeuerwehr Odenwaldkreis (HE) als Flächenverband, Jugendfeuerwehr Stuttgart als Großstadtverband sowie die JF Berlin-Wedding als Ortsgruppe und mittlerweile auch die Landesjugendfeuerwehr Rheinland-Pfalz.

Konzeptionell arbeitete die DJF mit DIL Frankfurt (Diversity Management und interkulturelle Kompetenz) zusammen. Dessen Leiter Cihad Taskin (siehe Interview) begleitete das Projekt, wirkte als Moderator und Coach bei Seminaren und Workshops.

Andere Kulturen kennenlernen

Die Jugendfeuerwehr Berlin-Wedding (Bezirk Mitte) ist in einem dichtbesiedelten, einwohnerstarken Ortsteil angesiedelt. „Und natürlich ist Wedding gesellschaftlich sehr durchmischt“, erzählt der ehemalige Jugendwart Manuel Mahnke. „Wedding heißt: sehr unterschiedliche soziale Schichten, Kulturen beziehungsweise Religionszugehörigkeiten. Da ist Vielfalt insbesondere unter den Jugendlichen gelebte Wirklichkeit.“

Bevor die Weddinger in das DJF-Projekt eingestiegen sind, haben sie Schulen und Kinderfeste besucht, um die Feuerwehr vorzustellen. Aber zumindest im Bereich Mitgliederwerbung ohne großen Erfolg.

„Das Rezept, wirklich ein für alle Jugendlichen offenes Freizeitangebot zu schaffen und jeden Menschen individuell zu betrachten, ist das Zauberwort Vielfalt zu leben“, betont Mahnke. Im Zusammenwirken mit Taskin und Danker haben die Jugendleiter und jungen Kameraden der FF Wedding die Bedeutung des Vielfaltsgedanken herausgearbeitet. Bei den Coachings wurde die Gruppe aus Jugendlichen und Betreuern für bestimmte kulturelle Unterschiede sensibilisiert – auch durch Moschee-Besuche.

Integration geht über Essen, Sprache und Förderungen

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Integration geht durch den Magen. Foto: JF Wedding

Schritt für Schritt haben die Berliner ihre Jugendarbeit angepasst. „Das fängt damit an, dass wir unsere Verpflegung bei Freizeitaktivitäten und Ferienfahrten auf die individuellen Bedürfnisse ausrichten“, erklärt Mahnke. „Bei gemeinsamen Mahlzeiten gibt es neben einer vegetarischen auch immer eine halal-Komponente, also für Muslime zulässiges Fleisch. Das ist die Herausforderung an unsere Unterkünfte.“

Wenn sich Menschen in einer anderen Sprache unterhalten, werden andere Beteiligte ausgeschlossen. „Wir haben aber gemerkt, dass zum Beispiel ein ‚Fremdsprachenverbot‘ sinnlos ist. Beleidigungen würden wir auch mitbekommen, ohne die Sprache zu verstehen“, erzählt Mahnke. Außerdem achten die Berliner darauf, keine Extratermine und Ausfahrten in die Monate des Ramadan zu legen, sodass muslimische Jugendliche – immerhin fünf von 20 Mitgliedern – nicht benachteiligt sind.

Neben der interkulturellen Vielfalt spielt auch die Teilhabe von Jugendliche aus sozial schwachen Familien eine Rolle. „Eine Mitgliedschaft in der Jugendfeuerwehr darf nie am Geld scheitern“, betont Mahnke. „Der Jahresbeitrag wird an der Stelle zum Beispiel über das Bildungspaket Bildung und Teilhabe oder von dem Jugendfeuerwehr-Verein übernommen. Letzteres geht am schnellsten, ohne hohen bürokratischen Aufwand und ist zu Gunsten aller Beteiligten.“

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Im Odenwaldkreis begann das Thema Vielfalt im Jahr 2011 auf Eigeninitiative – mit Schulungen zur interkulturellen Öffnung. Nach dem Einstieg in das Tandem-Projekt der DJF fanden bislang sieben weitere Seminare für Jugendleiter statt. „In den Coaching gelang es, die eigene Blickrichtung auf unsere Arbeit zu verändern, interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen zu schaffen“, erklärt Kreisjugendfeuerwehrwart Dominic Groh.

Der Kreisjugendwart betont: „Vielfalt ist für uns ein Qualitätsmerkmal für moderne und gute Feuerwehrarbeit.“ Weiter: „Vielfalt ist auch gleichbedeutend mit Zukunft. Denn auf diese Weise können Mitglieder gewonnen und vor allem gebunden werden.“

Als weiteren Aspekt nennt Groh die Mitbestimmung der Jugendlichen. „Wir haben unsere Jugendarbeit deutlich mehr in die Richtung gesteuert, dass jeder mit seiner eigenen Meinung oder beispielsweise seinem Verständnis von Religion mitreden und sich einbringen kann, ohne dabei einen Konflikt fürchten zu müssen.“

Auf Tuchfühlung mit Blinden

Die Stuttgarter haben auch die interkulturelle Öffnung als große Thema behandelt – mit Seminaren wie „Flüchtlinge und ihre Aufnahme in die Jugendfeuerwehr“ und „Wie öffnet man sich anderen Kulturgruppen?“ Aber die Schwaben haben auch andere Schwerpunkte gesetzt:

  • Frauen und Mütter bei der Feuerwehr;
  • Konfliktmanagement in Jugendgruppen;
  • Kinder mit Behinderungen in der Jugendfeuerwehr.

Die größte Veranstaltung für die Jugendlichen zum Thema Vielfalt war die Dunkelsensibilisierung 2015 in Kooperation mit dem Verein aus:sicht e.V. Ziel war es, Berührungsängste und Vorurteile gegenüber blinden und sehbehinderten Menschen abzubauen. Die Jugendlichen konnten an verschiedenen Stationen erfahren, was es bedeutet, nichts sehen zu können und wie man dennoch den Alltag bewältigen kann. Danach galt es, Blinden und Sehbehinderten ein Feuerwehrfahrzeug zu erklären und für sie begreifbar zu machen.

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Seminar Dunkelsensibilisierung: Die Teilnehmer testen, wie sie sich mit einem Blindenstock orientieren können. Foto: JF Stuttgart

„Vielfalt ist ein unverzichtbares Element in der Jugendfeuerwehr Stuttgart geworden“, betont Stadt-Jugendfeuerwehrwart Matthias Neef. „Das spiegelt sich nicht nur in unserem Motto ,Gemeinsam! Vielfalt erleben!“ wider. Zahlreiche Jugendleiter und Betreuer tragen die Erkenntnisse und Erfahrungen aus den Seminaren in ihre Jugendgruppen und können durch ihre Einstellung wiederum ihre Jugendlichen sensibilisieren.“

Besonders freut es Neef, dass bereits erste Gruppen aus Stuttgart Kinder aus Flüchtlingsfamilien aufgenommen haben. Der Stadt-Jugendwart macht deutlich: „Wer sich intensiv mit dem Thema Vielfalt beschäftigt, dieses Denken verinnerlicht und in der Arbeit mit jungen Menschen lebt, dem fällt jede integrative Aufgabe leichter.“

Einen Punkt nennen sowohl Neef als auch Mahnke: die Geschlechtervielfalt. „Wir dürfen das Thema Mädchen in der Jugendfeuerwehr nicht einfach als selbstverständlich abhaken. Dann übersehen wir, wo sie noch nicht absolut gleichberechtigt inkludiert sind“, betont der Berliner. Und der Stuttgarter freut sich: „Dass wir uns nach wie vor damit beschäftigen, zeigt der Anteil der Mädchen in der JF Stuttgart mit 25 Prozent, Tendenz steigend.“

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Vasilis von der Jugendfeuerwehr Wedding bringt Kindern aus dem Stadtteil bei einem Kinderfest bei, mit einem Strahlrohr umzugehen. Foto: JF Wedding

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