Samstag, 1. Oktober 2016

Grob-Dekontamination und Einsatzstellenhygiene

23. September 2016 von  

Dekontamination ist nicht nur bei ABC-Lagen erforderlich. Auch bei jedem Brandeinsatz werden Feuerwehrkräfte und Ausrüstung mit Gefahrstoffen kontaminiert. Doch viele behandeln Einsatzstellenhygiene und damit verbundene Grob-Dekontamination stiefmütterlich. Wir erklären, warum sowohl Einsatzstellenhygiene als auch Grob-Dekontamination so wichtig sind und wie sie durchgeführt werden sollten.

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Dekontamination ist auch nach Brandeinsätzen unverzichtbar – auch wenn die Trupps nicht so offensichtlich verdreckt sind wie hier. An der Kleidung haften Schadstoffe an, die keinesfalls verschleppt werden dürfen. Foto: Jann

Die Feuerwehr rückt zu einem Zimmerbrand aus. Am Einsatzort arbeiten die Kräfte Hand in Hand, vieles funktioniert wie selbstverständlich. Ein Trupp unter Atemschutz bekommt den Brand schnell unter Kontrolle. Doch danach, als keine Eile mehr geboten ist, läuft einiges schief. Der Angriffstrupp setzt sich mit seiner verdreckten Schutzausrüstung wieder aufs Fahrzeug. Der „saubere“ Maschinist stapft in die Brandwohnung, um eine vergessene Handlampe zu holen. Einsatzstellen-Hygiene ist eben nicht selbstverständlich.

„Nicht nur bei Gefahrgutlagen, auch bei Brandeinsätzen sind die Einsatzstellenhygiene und Grob-Dekontamination unverzichtbar“, betont Christian Schröder, Stellvertretender Referatsleiter Umweltschutz der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb). „Durch Kontamination der Kleidung und freier Hautpartien mit Rußpartikeln können Schadstoffe über die intakte Haut oder durch eine Verschleppung auf Nahrungsmittel in den Körper gelangen.“ Die Gefahr von inkonsequenten Hygienemaßnahmen und ausbleibender Grob-Dekontamination ist auch gegeben, weil gesundheitliche Schäden häufig nicht direkt nach den Einsätzen spürbar sind.

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Zur Kontaminationsverschleppung führen in der Regel Gleichgültigkeit oder Unwissen über nicht sichtbare Gefahren. „Gasförmige Schadstoffe können sich zum Beispiel in der Kleidung einlagern“, erklärt Schröder. „Es besteht die Gefahr, dass diese Schadstoffe im Mannschaftsraum des Einsatzfahrzeuges und später im Umkleideraum im Gerätehaus wieder frei werden. Gesundheitsschäden können durch Einatmen entstehen.“

Die vfdb geht in der Richtlinie 10/03 „Schadstoffe bei Bränden“ auf das Thema Einsatzstellen-Hygiene und Grob-Dekontamination ein. Außerdem veröffentlichte sie die „Empfehlung für den Feuerwehreinsatz zur Einsatzhygiene bei Bränden“ als Merkblatt (auf www.vfdb.de herunterzuladen).

Darin heißt es: Essen, Trinken und Rauchen bei Einsätzen sollte bei stark verschmutzter Kleidung nur nach Ablegen dieser und gründlicher Reinigung von Gesicht und Händen außerhalb des Rußniederschlagbereiches und fernab der Rauchgaswolke passieren. Nach dem Einsatz ist noch vor Ort eine Grob-Dekontamination der Persönlichen Schutzausrüstung und der Geräte durchzuführen. Verschmutzte Kleidung und Geräte sind außerhalb der Mannschaftskabine oder staubdicht verpackt zu transportieren.

Einfache Lösungen für die Einsatzstellenhygiene

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Hersteller von Fahrzeug- und Gerätetechnik haben sich Lösungen einfallen lassen, um die Einsatzstellenhygiene und Grob-Dekontamination zu vereinfachen. Sie verbauen Hygienebords oder stellen Hygieneboxen zusammen. „Ich halte die ausziehbaren Bords für ausreichend und gut geeignet für den Feuerwehreinsatz“, sagt Schröder. Daran sind unter anderem Druckluft- und extra Wasseranschlüsse, Seifen- und Papierhandtuchspender montiert, die eine Grob-Dekontamination nach dem Einsatz ermöglichen.

Als Alternative dienen Hygieneboxen. Die können die Feuerwehren eigenständig packen oder komplett bestellen. Sie sind flexibel auf den Fahrzeugen verlastbar.

In der DIN 14800-18, Beiblatt 12, ist ein Beladungsmodul L1 Grobreinigung beschrieben. Nach Norm sollte in einer Hygienebox enthalten sein:

  • Seifenspender, auslaufsicher mit etwa 500 Milliliter Waschlotion
  • Händedesinfektionsmittel, etwa 500 Milliliter
  • Papierhandtücher, feuchtigkeitssicher gelagert
  • B-Blindkupplung mit Wasserhahn
  • Waschbürste mit Schlauchanschluss und etwa 1,5 Meter langem Schlauch zum Anschluss an den Wasserhahn

„Komplette Hygienemodule kosten bei uns zwischen 250 und 300 Euro“, sagt Klaus Trusheim, Verkaufsleiter von Gerätehersteller Dönges. „Außerdem gibt es Minimallösungen: eine Kombination aus Blindkupplung mit Wasserhahn, einer Flasche Flüssigseife und einer Flasche Handdesinfektion. Wenn kein Wasseranschluss vorhanden ist, können die Feuerwehren auch auf einen Kanister mit Ablasshahn zurückgreifen.“

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Mit einem Wasserkanister ausgestattet: Hygienestation vom Gimaex.

Die Berufsfeuerwehr Salzgitter (NI) achtet mittlerweile bei Fahrzeugbeschaffungen darauf, dass Hygieneausrüstung für eine Grobreinigung darin verbaut ist. Doch Feuerwehrchef Arne Sicks betont: „Ich kann zwar Ausrüstung zur Reinigung mitführen, aber entscheidend für die Einsatzstellenhygiene ist die Einstellung der Mannschaft und ihrer Führungskräfte.“

Einsatzstellenhygiene zieht sich vom Eintreffen bis zum Abrücken. Sicks erklärt: „Es gilt, so wenig Einsatzkräfte wie möglich in die durch Brandrauch, -schutt und Ruß kontaminierten Bereiche zu lassen. Nur eine Mindestanzahl von Kräften sollte sich im Gefahrenbereich aufhalten. Verdreckte Geräte sollten vor Abtransport gereinigt werden.“

Zu beachten ist auch die Fahrzeugaufstellung nachrückender Einheiten. Für sie gilt, die Fahrzeuge möglichst außerhalb der Rauchgaszone aufzustellen und die Kabinen während des Einsatzes geschlossen zu halten. Weiterhin sollten Fahrzeuge, die von Rauchgas beaufschlagt worden sind, einer kurzen abgespült werden – vor allem, wenn die Fahrzeughalle auch als Umkleide dient.

Am Einsatzort stellt sich oft die Frage, wohin mit kontaminierter Kleidung. „Im Winter würde ich als Einsatzleiter meiner Mannschaft nicht die Ansage machen, die verdreckte Kleidung komplett abzulegen“, stellt Sicks klar. „Dann müssten wir grundsätzlich Ersatzbekleidung in unterschiedlichen Größen und einer gewissen Anzahl mitführen.“ Dies ist für die Feuerwehren meist logistisch nicht denkbar. Außerdem würde es einen entsprechenden Pool an Ersatzkleidung erforderlich machen.

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Der GW-Logistik der Feuerwehr Mannheim ist speziell dafür ausgelegt, die Löschgruppenfahrzeuge direkt am Einsatzort wieder einsatzbereit zu machen. Hinten geht ein Feuerwehrmann rein, entkleidet und duscht sich und bekommt danach saubere Kleidung ausgehändigt. Foto: A. Müller

Die Berufsfeuerwehr Mannheim beispielsweise hat die große Lösung gewählt: einen Gerätewagen-Logistik (GW-L). Der Mannheimer GW-L dient ausschließlich dazu, Mannschaft und Fahrzeuge direkt am Einsatzort wieder einsatzbereit zu machen. Neben Atemschutzgeräten und Schlauchmaterial führt der Gerätewagen saubere Einsatzkleidung in unterschiedlichen Größen mit.

Der Innenraum ist außerdem in Schwarz- und Weiß-Bereiche aufgeteilt. Durch die hintere Tür tritt der kontaminierte Feuerwehrmann ein und legt seine Kleidung in einem Behälter ab. Dann steigt er unter die Dusche. Im folgenden Raum wird ihm saubere Kleidung ausgehändigt.

„Das Fahrzeug rückt bei jedem Feuer, bei dem mindestens ein Trupp im Innenangriff war, aus“, sagt Matthias Wolf von der BF Mannheim. „Dieses Konzept wird konsequent umgesetzt.“

Kommentare

4 Kommentare zu “Grob-Dekontamination und Einsatzstellenhygiene”
  1. Gabi W. sagt:

    Dreck, Ruß, Staub, … sind immer eine Dekon-Massnahme wert. Bei Einsätzen mit bakterieller Gefahr wie Taubenställe oder Klärgruben sind auch Desinfektionsmittel nötig. Doch häufiger als solche werden Einsatzkräfte zu Gefahrstoff-Unfällen gerufen. Wenn es da zu Hautkontakt kommt? Was ist dann? Wasser hilft – bei wasserlöslichen Stoffen. Aber Phenol, Anilin, Kresol, Farben, Rohstoffe für Schaumstoffe … die sind nicht wasserlöslich und die bedürfen spezieller Dekontaminationsmittel. Die BASF bietet da was an, aber den MediDecon hat nicht jeder. Dann gibt es noch Deconaid, auch ein Medizinprodukt wie die Desinfektionsmittel auch. Oder man versucht es mechanisch – aber davon raten die Berufsgenossenschaften strikt ab. Und die Zeit drängt, denn lipophile Gifte gehen schnell durch die Haut, schädigen innerlich und Ärzte können wenig tun, ist das Gift erstmal im Körper.

  2. Funki sagt:

    Hier wäre der Verweis auf das Skelleftea Model noch gut gewesen: https://www.youtube.com/watch?v=rrk_V9rwicc

  3. Die Einreibemethode ist festgelegt in der DIN EN 1500, nicht in der 1499.
    Und ich gebe Gabi recht: die Einsatzkräfte müssen die Notwendigkeit der Hygiene selbst erkennen, dann kann man auch auf breite Akzeptanz stoßen.

    Einige Feuerwehren haben was das Thema angeht, dringenden Schulungsbedarf.

    Einige Hersteller von Desinfektionsmitteln bieten kostenlose Zeitschriften zum Thema Hygiene und Desinfektion an. So zB Dr. Schumacher oder Bode Chemie.

  4. Karsten Jung sagt:

    Und dann waren da noch die Feuerwehrleute die ihre getragene PSA im privaten KFZ durch die Gegend fahren!
    Dummerweise steht nirgendwo ein Verbot, bzw. ich habs noch nicht gefunden.

Kommentare

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