Donnerstag, 25. August 2016

Abgasabsauganlagen: Investition in die Gesundheit der Kameraden

15. Juli 2016 von  

Noch immer fehlen in vielen Fahrzeughallen Abgasabsaugsysteme. Dabei gelten die Emissionen der Dieselmotoren als krebserzeugend – und das schon in niedrigen Konzentrationen. Wir stellen moderne Abgasabsauganlagen für die Feuerwehr und deren unterschiedliche Funktionsprinzipien vor.

Eine Kleinstadt in Niedersachsen. In der Fahrzeughalle der Schwerpunktfeuerwehr stehen elf Einsatzfahrzeuge, zwei in der Pkw-Klasse, drei Kleinbusse und sechs Großfahrzeuge. Der Schlauchwagen beispielsweise ist auf einem Mercedes-Rundhauber aus den 70er Jahren aufgebaut. Ein Löschfahrzeug ist auch nur unwesentlich jünger. Der Schadstoffausstoß der Motoren interessierte bei deren Indienststellung niemanden. Euro-3, -4 oder -5-Grenzwerte lagen noch in weiter Ferne. Werden die Oldies gestartet, hüllt eine schwarze Rauchwolke den Nahbereich ein. Erschwerend kommt noch hinzu, dass sich die Kameraden der Feuerwehr in der Fahrzeughalle umziehen müssen. Einen separaten Raum für die Spinde mit der Einsatzkleidung gibt es in dem Gebäude nicht. Kein Platz. Und noch etwas fehlt: eine Abgasabsauganlage.

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Mitfahrende Abgasabsauganlage am Beispiel der FF Bad Griesbach (BY). Foto: Hegemann

Hierbei handelt es sich um kein fiktives Beispiel, sondern um einen realen Fall. „Einen Fall, der leider noch viel zu häufig vorkommt“, wie Thomas Wittschurky, der Geschäftsführer der Feuerwehr-Unfallkasse Niedersachsen, bestätigt. „In etwa jedem zweiten Feuerwehrhaus fehlt eine Abgasabsauganlage“, schätzt Elmar Wicharz, der zuständige Geschäftsbereichsleiter bei Firma Nederman. Im Prinzip handelt es sich dabei ausschließlich um Gebäude von freiwilligen Feuerwehren. „Die Berufsfeuerwehren sind in der Regel zu 100 Prozent entsprechend ausgestattet“, so Wicharz.

Eine explizite Vorschrift für das Vorhandensein solcher Anlagen für Fahrzeughallen in Feuerwehr-Häusern oder Wachen gibt es nicht. „Nach Paragraph 9 der Verordnung zum Schutz vor Gefahrstoffen (GefStoffV) in Verbindung mit der Technischen Regel für Gefahrstoffe (TRGS) 554 müssen Dieselmotoremissionen in Arbeitsbereichen aber, bei Auftreten von gefährlichen Mengen, abgesaugt werden“, berichtet Wittschurky.

Dieselmotoremissionen sind krebserzeugend

Unter den Begriff Arbeitsbereiche fallen nach allgemeiner Auffassung auch Feuerwehr-Fahrzeughallen. Insofern besteht im Prinzip doch die rechtliche Verpflichtung für die Kommunen, die Feuerwehr-Gebäude mit Abgasabsauganlagen auszustatten. Und dafür gibt es auch einen triftigen Grund: Dieselmotoremissionen (DME) sind krebserzeugend, dies konnte in Tierversuchen eindeutig nachgewiesen werden. Bereits seit 1989 sind DME deshalb in der Gefahrstoffverordnung aufgeführt – und zwar ohne Mengenbeschränkung, das heißt, selbst kleinste Mengen können die Gesundheit schädigen.

„Die International Association of Fire Fighters, kurz IAFF, führt Krebs als eine der zentralen Gefahren für Feuerwehrleute am Arbeitsplatz an“, sagt Michael Stoffels von der PlymoVent GmbH. „Eine Analyse der Todesursachen bei Feuerwehrleuten in der Region Boston ergab, dass Feuerwehrleute im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ein dreimal so hohes Risiko haben, an Krebs zu erkranken.“

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Eine einfache und günstige Lösung: Rauchgasabsaugung ohne Mitfahranlage. Die Abgasschläuche sind an der Decke angeschlossen und reichen exakt bis zum Auspuff. Foto: Ecovent

Die in Löschfahrzeugen der Feuerwehr verwendeten Dieselmotoren produzieren eine Mischung von im Verbrennungsprozess entstehenden giftigen Gasen und Partikeln. Genannt werden müssen Stickoxide, Kohlenmonoxid, flüchtige organische Verbindungen (VOC) und polynukleare aromatische Kohlenwasserstoffe (PNA). Die genaue Zusammensetzung der Abgase hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab: der Temperatur des Motors und der Halle, der Qualität des Kraftstoffs, des Motorzustandes sowie dem Vorhandensein von Filtern und Katalysatoren. „Auch moderne Rußpartikelfilter in den Fahrzeugen lösen das Problem nicht“, erklärt Fachberater Frank Sandeck von Ecovent, „die Partikel werden in Anzahl und Größe reduziert, bleiben aber hochgefährlich.“

Besonders problematisch wird es, wenn den Aktiven keine separaten Umkleideräume im Feuerwehr-Haus zur Verfügung stehen und die Spinde in der Fahrzeughalle aufgestellt sind. Die an den Rußpartikeln haftenden PNA sind definitiv krebserzeugend. Mit den Dieselabgasen können sie in die Einsatzund die Privatkleidung eindringen. Über die Haut nehmen die Feuerwehrleute die Stoffe auf. „Gefährliche Mengen von Dieselmotoremissionen sind in der Regel dann anzunehmen, wenn mehr als ein großes Fahrzeug mit Dieselmotor in einem Feuerwehrhaus untergestellt wird“, heißt es in einem Info- Blatt der FUK Niedersachsen.

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Mitfahrende Abgasabsauganlage am Beispiel der FF Bad Griesbach (BY). Foto: Hegemann

Die höchsten Schadstoffkonzentrationen treten beim Starten des Motors, dem Füllen der Druckluftbremsanlagen und beim Anfahren auf. Die Installation einer zentralen Druckluftversorgung für die Feuerwehrfahrzeuge verhindert nicht das Austreten der Dieselmotoremissionen in der Halle. „Lediglich die Standlaufzeit des Fahrzeugs wird dadurch verkürzt“, weiß Wittschurky. Es kann also nur heißen: Abgasabsauganlage und – aus einsatztaktischen Gründen – zentrale Druckluftversorgung.

Doch vor den Kosten schrecken viele Kommunen zurück. Ganz grob kann etwa 2.500 bis 3.500 Euro pro Stellplatz für eine Abgasabsauganlage kalkuliert werden, inklusive Einbau. Da viele Bauteile nur einmal benötigt werden, wird es bei mehreren Stellplätzen günstiger.

Die Absaugung von gesundheitsgefährdeten Stoffen hat gemäß den gesetzlichen Vorschriften – bei Auftreten von gefährlichen Mengen – an der Entstehungs- oder Austrittsstelle zu erfolgen. Die Dieselabgase müssen also direkt am Auspuff abgesaugt werden. Eine einfache Luftansaugung im Deckenbereich der Fahrzeughalle reicht nicht aus.

Verschiedene Prinzipien der Abgasabsauganlagen

„Anfang der 80er Jahre beschafften die ersten Feuerwehren in Deutschland Abgasabsauganlagen“, weiß Fachberater Sandeck. Das Prinzip der stationären Anlagen war denkbar einfach. Ein Standtrichter wurde ein Stück über den Auspuff geschoben. Er erfasste die Abgase, über spezielle Schläuche beförderte ein Ventilator sie dann aus dem Gebäude. Auf diese Weise ließen sich die Emissionen aber nur beim Starten der Motoren unschädlich machen. Deshalb hätte die Raumluft eigentlich anschließend auch noch abgesaugt werden müssen.

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Nach der Rückkehr ins Gerätehaus wird der Absaugtrichter einfach über das letzte Stück des Auspuffs geschoben. Nach dem Druck auf den Schalter des Handventils (kleines Bild) am Absaugschlauch schließt der Trichter bei der PlymoVent-Anlage der BF Bremen pneumatisch ab. Foto: Preuschoff

Ein weiteres Problem: die Trichter und Schläuche stellen Stolperfallen in den Fahrzeughallen dar. Die Feuerwehrunfallkassen raten deshalb zu Überfluranlagen. Hierbei werden alle Teile der Abgasabsauganlage an der Decke beziehungsweise Wand montiert. Nur die Schläuche und die trichterförmigen Absaugdüsen (bei Firma PlymoVent auch Grabber genannt) hängen herab. Schätzungsweise neun von zehn Feuerwehren entscheiden sich für diese Lösung. „Auch die Nachrüstung von bestehenden Fahrzeughallen ist mit diesem Prinzip praktisch immer möglich“, benennt Diplom-Ingenieur Heribert Lang vom gleichnamigen Industrieservice einen weiteren Vorteil. Unterfluranlagen bieten sich nur für Neubauten an.

Heute üblich sind Mitfahranlagen über Profilschienen oder in Saugschlitzkanälen. Die Abgase werden mit einem Trichter oder einer Düse direkt am Auspuff erfasst. Die Vorrichtung bleibt solange angeklinkt, bis das Fahrzeug die Halle verlässt. Drei Abkopplungsmethoden bieten die Hersteller von Abgasabsauganlagen an: magnetische, pneumatische und mechanische Abkopplungen.

Bei den Magnetsystemen wird eine Flanschplatte am Fahrzeug angebracht. Der Magnet sitzt am Absaugschlauch. Jedes Fahrzeug passt also nur zu einem Absaugrüssel. Beim Überfahren eines Kipphebels am Ende der Laufschiene löst sich der Magnet (entweder über eine Bowdenzug oder elektromagnetisch). Das Lösen des Absaugschlauches vom Auspuff bei der Ausfahrt klappt recht gut, aber der Ventilator muss per Hand, per Fernbedienung oder über einen Impuls des Zündschlüssels gestartet werden. Ähnlich ist es bei mechanischen Lösungen, bei denen die Absaugdüse/der Absaugtrichter meist mit einer Klemme am Auspuff befestigt wird. Ist diese zu fest eingestellt, kann die Düse auch schon mal abreißen. Mechanische Abkopplungen von Abgasabsauganlagen mittels Bowdenzug sind wartungsintensiv und nur bedingt zuverlässig, allerdings durch die einfache Technik auch relativ günstig.

Der letzte Stand der Technik sind pneumatisch gesteuerte Abgasabsauganlagen. „Sobald das Fahrzeug gestartet wird, erhält die Steuerungseinheit ein Signal vom Drucksensor und schaltet den Abgasventilator ein“, erklärt Michael Stoffels von PlymoVent. „Bei der Ausfahrt aus der Halle löst der Laufwagen am Ende der Profilschiene über das Abkoppelungsventil einen Impuls aus, der Grabber (die druckluftgesteuerte Abgasdüse mit Gummitrichter am Ende des Saugschlauches) wird entlüftet und löst sich automatisch vom Auspuff.“

Moderne Abgasdüsen schließen luftdicht ab

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Ein so genannter Balancer zieht anschließend den Schlauch hoch, der Ventilator läuft eine vorher eingestellte Zeit nach. Der Schlauch pendelt nach dem Abkoppeln nicht nach. Die Absaugeinheit wartet dann am Tor auf die Rückkehr des Fahrzeugs. Die modernen Abgasdüsen können im Prinzip nicht mehr abreißen. Ein weiterer Vorteil ist, dass die druckluftbetätigten Trichter den Auspuff luftdicht umschließen. Es treten keine Abgase aus.

Über ein Handventil kann die Abgasdüse beim Wiedereinfahren auf den Stellplatz ganz einfach angeschlossen werden. Auspuffform und Durchmesser spielen keine Rolle. Über den Drucksensor wird wieder der Ventilator eingeschaltet. Die Druckluftanlage der pneumatischen Abgasabsaugsysteme kann übrigens auch für andere Zwecke im Feuerwehrhaus genutzt werden, beispielsweise zur Drucklufterhaltung der Bremsanlagen der Fahrzeuge oder zum Betrieb von Druckluftwerkzeugen.

Und was geschieht mit den abgesaugten Abgasen? „Nach der Gesetzeslage muss nur nach draußen abgeleitet werden“, erklärt Sandeck. In welcher Höhe und an welcher Stelle das geschieht, ist nicht geregelt. Es heißt lediglich, die Abgase sollen in ungefährlicher Weise, meistens aber über dem Dach der freien Luftströmung übergeben werden. Auch eine Filterung ist nicht vorgeschrieben. Technisch wäre dies eine Kleinigkeit. Es müsste lediglich ein Rußpartikelfilter eingebaut werden. Je nach Abgasabsauganlage würde dies etwa 2 000 Euro kosten. Alle paar Jahre wären dann 400 bis 500 Euro für einen Filterwechsel fällig. „Doch damit tun sich fast alle Kommunen noch schwer“, so Sandeck.

(Text: Jan-Erik Hegemann)

Kommentare

1 Kommentar zu “Abgasabsauganlagen: Investition in die Gesundheit der Kameraden”
  1. G.V. sagt:

    Was juckt es denn die Kommunen? Das wären in unserem Fall irgendwo zwischen 15000€ und 17000€. Und so viel ausgeben für ein bisschen Gesundheit seiner eigenen Leute?

    Wenn es heute schon ein Problem darstellt, seine Leute mit richtiger Einsatzkleidung (Hupfhosen etc.) aus zu statten, wie soll eine kleine Wehr dann erst an eine Absaugung kommen…

    Wenn es doch Vorschriften sind, frage ich mich, warum solche Sachen nicht alle regelmäßig geprüft werden…

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