Mittwoch, 23. August 2017

„Wir kämpfen um den Feuerwehr-Flugdienst!“

29. April 2011 von  

Lüneburg (NI) – Unvermittelt steht der Feuerwehr-Flugdienst in Niedersachsen am Boden – aus Kostengründen dürfen die „Feuerwehr-Cessnas“ trotz großer Waldbrandgefahr nicht mehr starten (wir berichteten). feuerwehrmagazin.de sprach mit Torsten Hensel, Kreisbrandmeister und Stützpunktleiter des Flugdienstes in Lüneburg, über die aktuelle Situation – und die Zukunft der Luftunterstützungseinheit.

FM: Vor rund zehn Tagen demonstrierte der „Feuerwehr-Flugdienst“ beim traditionellen „Anfliegen“ seine Einsatzbereitschaft. Dann heißt es plötzlich quasi über Nacht: Flüge nur noch im Brandfall. Wie passt das zusammen?

Hensel: Aus meiner Sicht gar nicht. Jedes Jahr wird vor der Saison bei dem offiziellen Anfliegen gemeinsam die Einsatzbereitschaft des Teams hergestellt. Hier werden die ersten Übungsflüge der Piloten aber auch die ersten Einweisungsflüge für die Beobachter mit im Wald abgestellten Einsatzfahrzeugen zur Übung nach der langen Winterpause durchgeführt. Der Einsatzbefehl durch die Polizeidirektion Lüneburg erfolgte prompt aufgrund der hohen Waldbrandgefährdung. Am Karfreitag sind wir zum ersten Einsatzflug gestartet. An den fünf Einsatztagen haben die Teams bei elf Bränden – trotz hochgelobtem Kamerasystem – sechs Erstmeldungen an die Einsatzleitstellen der Landkreise abgegeben und 15 Einsatzfahrzeuge an die Brandstellen in den Wäldern geführt.

FM: Waren Sie von der Entscheidung überrascht?

Hensel: Dass wir während des Einsatzes gestoppt wurden: ja, insbesondere weil wir an jedem Einsatztag zwei oder drei Waldbrände hatten und weiterhin die höchste Waldbrandgefahrenstufe 5 durch den Deutschen Wetterdienst festgestellt worden ist. Auf Anforderung des Innenministeriums wird im Landesfeuerwehrverband seit einiger Zeit über die zukünftige Ausrichtung und Organisation des Flugdienstes beraten. Eine solche Entscheidung, besonders zu dieser Zeit, kam für uns völlig unerwartet, erstmalig in der Geschichte des Feuerwehrflugdienstes.

Eine Cessna 206 des Feuerwehr-Flugdienstes Niedersachsen, hier fotografiert bei einem Waldbrandeinsatz 2010 an der Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Foto: Timo Jann

Eine Cessna 206 des Feuerwehr-Flugdienstes Niedersachsen, hier fotografiert bei einem Waldbrandeinsatz 2010 an der Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Foto: Timo Jann

FM: Und wie ist die Stimmung bei den Kameraden beziehungsweise Helfern, die für den Flugdienst unterwegs sind?

Hensel: Das Team versteht diese Entscheidungen nicht, da es seine Möglichkeiten und Fähigkeiten aber auch die Art und Größe der waldbrandgefährdeten Gebiete im Bereich unserer Route inzwischen sehr gut kennt. Hier wird ein erfolgreiches, über fast 50 Jahre bewährtes System zu Lasten der ehrenamtlichen Feuerwehrfrauen und -männer aus Kostengründen „kaputtgefahren“.

FM: Es heißt, die Maschinen sollen jetzt nur noch bei Bränden aufsteigen, um die Einsatzkräfte koordinieren zu können. Wie soll das denn praktisch ablaufen? Und ist das überhaupt sinnvoll?

Hensel: Wie das erfolgreich ablaufen soll, frage ich mich auch. Das kann nicht sinnvoll sein, da wir immer den zeitlichen Faktor aufgrund unserer ständigen Bereitschaft in der Luft nutzen konnten und die Einsatzstellen vor dem Anfahren der Einsatzkräfte aus der Höhe erkundet haben, um dann die ersten Tanklöschfahrzeuge einsatztaktisch an die Brandstellen zu führen. Bei einer Anforderung durch die eingesetzten Feuerwehren, die ein Feuer im Wald eventuell nicht schnell genug finden, da sehr viele Feuer in den Dickungen und nicht gut erkennbar am Wegrand liegen, würden wir die Unterstützung, die in den ersten Minuten entscheidend ist, nicht mehr bieten können. Wir würden immer zu spät kommen, da wir mit dem Flugdienst andere Bedingungen haben. Die Mitglieder des Flugdienstes setzen sich aus Feuerwehrkameraden aus fünf Landkreisen zusammen, die eine andere Anfahrtzeit haben, als die Mitglieder einer Feuerwehr, die ihr Fahrzeug im Ort stehen hat. Die Rüstzeiten bei Flugzeugen sind auch andere (Check) und die Entfernungen müssen auch zurückgelegt werden. Ich würde mal vorsichtig Vorlaufzeiten von 90 bis 120 Minuten rechnen.

Torsten Hensel

Torsten Hensel

FM: Was kostet der Betrieb des Feuerwehr-Flugdienstes, also eine Flugstunde? So mancher Kamerad kann sich nicht vorstellen, dass an den Osterfeiertagen rund 5.000 Euro „verflogen“ worden sein sollen…

Hensel: Die Kosten für den Betrieb des Flugzeuges liegen in der Tat bei zirka  200 Euro die Stunde. Hier sind die Treibstoffkosten, anteilig aber auch die Wartungs- und Versicherungskosten kalkuliert. Die gesamte Mannschaft ist ehrenamtlich dabei, es fallen auch keine Lohnausfallkosten an, womit die Kosten insgesamt betrachtet doch sehr gering sind.

FM: Pro Tag fliegt die Maschine etwa zwei bis drei Einsätze, ist also um die fünf Stunden in der Luft. Halten Sie Aufwand und Ertrag für gerechtfertigt?

Hensel: Ja. Den Aufwand könnte man auch bei jedem Einsatzfahrzeug rechnen, das einen großen Teil seines Daseins in der Fahrzeughalle steht, und infrage stellen. Sicherheit kostet eben Geld. Wenn wir nur einen Hektar Wald vor dem verbrennen bewahrt haben, haben wir schon 10.000 Euro erhalten.

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FM: Kritiker meinen, eine Überwachung mit Kameras sei zeitgemäß und für die Fläche optimaler. Luftunterstützung zur Aufklärung könnte zum Beispiel auch die Polizei mit einem Hubschrauber leisten. So läuft es ja teils auch in anderen Bundesländern. Was denken Sie darüber?

Hensel: Es geht ja bei dem Einsatz des Feuerwehrflugdienstes primär nicht um eine Überwachung. Vor dem Kamerasystem hat die Forst die Waldbrandüberwachungstürme unterhalten, die auch immer parallel zum Einsatz der Flugzeuge mit Personal besetzt waren. Natürlich sind wir in der Luft auf unserer Route und stellen auch das ein oder andere Feuer fest. Der Einsatzschwerpunkt liegt jedoch in der Einsatzunterstützung der Feuerwehren. Die festgestellten Brandstellen aus der Höhe erkunden und die anrückenden Einsatzkräfte schnell und sicher an die Brandstellen führen, das kann kein Kamerasystem. Hier ist der Mensch entscheidend. Im Flugzeug sitzen ausgebildete Feuerwehrführungskräfte, die ihren Dienst ehrenamtlich verrichten. Die Kosten eines Hubschraubers liegen im erheblichen Maße über denen einer Cessna, ich schätze das 60-fache.

Waldbrand aus der Luft gesehen. Foto: Polizeiinspektion Soltau-Fallingbostel

Waldbrand aus der Luft gesehen. Foto: Polizeiinspektion Soltau-Fallingbostel

FM: Wird sich am derzeitigen Status etwas verändern? Oder erleben wir gerade den schleichenden Abschied des traditionellen Feuerwehr-Flugdienstes in Niedersachsen?

Hensel: Derzeit kämpfen wir um einen Erhalt des Feuerwehrflugdienstes in der bekannten und bisher bewährten Form. Warum sollten wir ein Stück der Sicherheit der ehrenamtlichen Feuerwehren hergeben? Hier hat doch alles bisher hervorragend ineinander gepasst. Bisher haben die beiden parallel laufenden Systeme mit der terristischen Überwachung durch die Forst und der Einsatzunterstützung durch den Flugdienst einen optimalen Schutz für die niedersächsischen Wälder bedeutet. Insbesondere die Sicherheit durch den Feuerwehrflugdienst möchte ich für die Einsatzkräfte weiterhin hier in Niedersachsen erhalten wissen. Denn neben dem Heranführen der Fahrzeuge überwachen wir auch aus der Luft die möglichen Rückzugswege und die abgelöschten Bereiche, sodass im Falle einer Rückzündung ein Einschließen der mit dem Löschen beschäftigten Einsatzkräfte durch das Feuer verhindert werden kann. Diese Aufgabe kann das Kamerasystem nicht übernehmen. Das Kamerasystem bedeutet für uns keine zusätzliche Sicherheit.

Kommentare

7 Kommentare zu “„Wir kämpfen um den Feuerwehr-Flugdienst!“”
  1. Jürgen Sch sagt:

    Wie war es denn bei der Brandkatastrophe vor etlichen Jahren? Was wäre passiert, wenn der Flugdienst nicht sofort da ist? Wer verantwortet den eventuellen Verlust von Gerät und vielleicht sogar Kameraden?? Sicherheit sollte doch bitte keine Geldfrage werden, sowas kann man doch nicht nach Wirtschaftlichkeitsfragen beurteilen!!
    Sollte jeder Einsatzleiter nachdenken, wie weit er seine Kräfte ohne den Flugdienst ins Risiko schickt?

  2. Patrick sagt:

    …..echt armselig, bevor der Feuerwehrflugdienst zu einem bereits laufenden Einsatz hinzugezogen wird, wird eher ein Hubscharuaber der Polizei alarmiert, denn die sind ja in Bereitschaft direkt am Standort……….in Damme wartet man bis heute auf eine ersatzbeschaffung für den Feuerwehrflugdienst……..

  3. Stefan sagt:

    Hallo Zusammen.
    Diese Diskusion zeigt doch mal wieder das erst mal was passieren muss damit die Obersten Herren wieder aufwachen und handeln und dann wird es wieder zu Spät sein. Es hat schon mal eine Waldbrankatastrophe gegeben in Niedersachsen muss das denn erst wieder passieren??????
    Ich frage mich nur wenn die Flieger 6 Feuer als erstes gemeldet haben wo waren denn die Kammeras gerade???

  4. Thorsten sagt:

    tja, 1975 liegt lange zurück…
    Die Verantwortlichen sollten sich mal die Ausstellungen dazu ansehen!

    Der Erfolg ist doch zeifelsfrei messbar und erst vor einiger Zeit wurde das Flugzeug ersatzbeschafft.

    Unverantwortlich ist diese Entscheidung auf dem Rücken vieler ehrenamtlicher Helfer!

  5. Flugdienst Holstein sagt:

    Wir sind überrascht und erschüttert.
    Ein skandalöses Verhalten der Polizeidirektion Lüneburg!
    Man sollte beim Ministerpräsidenten direkt intervenieren, ggf. auch den Ex-MinPräs und jetzigen Bundespräsidenten einbeziehen, hier wird das Ehrenamt ALLER Feuerwehrleute mal wieder mit Füßen getreten.

    Die Überwachungskameras haben ihre überwiegende Untauglichkeit unter Beweis gestellt, trotzdem wird den Einsatzkräften die Sicherheit geraubt und viele Hektar Wald werden vorweg quasi aufgegeben, weil die Bekämpfung zu spät und weniger wirkungsvoll erfolgen wird!

    Kosten sind auch kein Argument, da man amstatt 3 Helikopterstunden mindestens 30 Stunden Flugdienst bekommt! Also ist Prävention doch besser und billiger als Reaktion der Pol-Kräfte ohne die bewährte BOS-Zusammenarbeit!

    Ein Handeln der Politik ist dringend geboten, bevor Kameraden und Umwelt zu Schaden kommen!

    Allles Gute für alle Flugdienst-Kollegen und FW-Kameraden in Niedersachsen!

  6. Ramona sagt:

    Etwas sarkastisch wünsche ich mir fast ein paar ausgedehnte Waldbrände – ohne Opfer – nur um den Sesselfu… zu zeigen, dass wir dieses Luftüberwachungssystem brauchen. Und bevor Ihr mich jetzt steinigt: Natürlich will ich keine Waldbrände. Aber immer dann wenn lange nix mehr passiert ist, wähnen sich viele in falscher Sicherheit. Mit diesem Argument könnten wir auch die eine oder andere Feuerwehr zumachen! 🙁 Ich schlage eine Unterschriftenaktion vor!

  7. Daniel sagt:

    Also ich finde das mal wieder tüpisch politik ewig wird rumgeheult kein geld kein geld und das ist das thema wo ich eine persönliche Meinung zu habe ICH FINDE DAS EINFACH EKELHAFT.

Kommentare

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