Samstag, 10. Dezember 2016

Schnuppermitgliedschaft wird zum Erfolg

Venne (NI) – Feuerwehr-Mitgliederwerbung mit Erfolg: Die Freiwillige Feuerwehr Ostercappeln-Venne (Landkreis Osnabrück) bietet eine sogenannte „Schnuppermitgliedschaft“ an. Timo und Inga waren die ersten Teilnehmer. Und das Konzept hat Erfolg: zwei neue Mitglieder für die Einsatzabteilung haben sie schon gewonnen. Im Sommer wollen sie das Angebot wiederholen. Christiane Vetter sprach mit Heiko Kettler, verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Wehr.

FM: Herr Kettler, Sie selbst nennen das Schnupperangebot „Grapefruitzeit“. Können Sie kurz erklären was Sie damit meinen und wie Sie auf den Namen gekommen sind?

Kettler: Der Begriff Schnuppermitgliedschaft stand ganz am Anfang schon fest, der Begriff „Grapefruitzeit“ kam dann später mit den Überlegungen zu einem aussagekräftigen Logo und Werbebild. Die Überlegung war, ein Bild zu finden, das ausdrückt, was wir mit der Mitgliedschaft auf Probe meinen: Um zu wissen, ob man etwas mag, ob man es riechen kann, muss man es ausprobieren. Genauso muss man ausprobieren, ob einem die Feuerwehrarbeit liegt und man zur Feuerwehr passt.

Die Feuerwehr Venne bietet eine sogenannte Schnuppermitgliedschaft an. Annika ist schon dabei, sie kann die Feuerwehr "gut riechen".  Foto: Heiko Kettler/FF Venne

Die Feuerwehr Venne bietet eine sogenannte Schnuppermitgliedschaft an. Annika ist schon dabei, sie kann die Feuerwehr „gut riechen“. Foto: Heiko Kettler/FF Venne

FM: Woher kam die Idee für die Aktion – gab es Wünsche aus der Gemeinde oder ähnliche Aktionen in anderen Feuerwehren?

Kettler: Konkrete Wünsche aus dem Ort oder ähnliche Aktionen gab es nicht. Wir als Feuerwehr betreiben schon seit Jahren eine umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit. Aus diesem Grund haben wir die Website aufgebaut und unseren Infoflyer „Jetzt einsteigen…helfen vor Ort“ entworfen. Als nach und nach deutlich wurde, dass diese Maßnahmen nicht ausreichen um Mitglieder zu gewinnen, haben wir uns noch einmal zusammengesetzt. Ich selbst hatte mir das „Rote Heft“ zum Thema Presse- und Öffentlichkeitsarbeit besorgt und gelesen. Dort wird auch kurz auf die Mitgliederwerbung eingegangen und die Idee mit der Probemitgliedschaft angesprochen. Davon ausgehend habe ich die Idee mit der Schnuppermitgliedschaft speziell für unsere Feuerwehr ausgearbeitet.“

FM: Haben Sie die Aktion in besonderer Weise beworben?

Kettler: Zunächst einmal haben wir viel Wert auf aussagekräftiges Informationsmaterial und interessante Bilder gelegt. Kurz vor dem geplanten Zeitraum haben wir einen Bericht auf die Website gesetzt und zusätzlich auf unserer Facebook-Seite für das Angebot geworben. Auf Facebook war die Resonanz tatsächlich auch sehr groß, viele Leser waren davon begeistert. Trotzdem war es uns wichtig, die Leute im Ort noch einmal persönlich anzusprechen. Wir sind auch gezielt auf Personen zugegangen, von denen wir wussten, dass sie sich prinzipiell für die Feuerwehr interessieren. Zusätzlich haben wir die Idee auf dem Dorfmarkt vorgestellt, der jedes Jahr zur Erntedankzeit stattfindet. Das war eine sehr gute Gelegenheit, um möglichst viele Bürger auf unser Angebot aufmerksam zu machen.

FM: Was haben Sie sich als Verein und als Einsatzabteilung von den Schnuppertagen erhofft?

Kettler: Große Erwartungen gab es vorher nicht, weil es eine neue Aktion ist. Es ist immer schwer abzuschätzen, wie Leute auf etwas Neues reagieren. Unser Wunsch war in erster Linie, neue Mitglieder für die Einsatzabteilung zu gewinnen. Zusätzlich wollten wir Unterstützer aus dem Ort auf uns aufmerksam machen. Außerdem war es uns wichtig, dass die Dorfgemeinschaft auf diese Weise näher zusammenwächst, die Feuerwehr nicht mehr als geschlossener Verein wahrgenommen wird.

Zur Person: Heiko Kettler

Heiko KettlerHeiko Kettler ist 25 Jahre alt, arbeitet als Konstrukteur in einer Entwicklungsabteilung und ist seit knapp 10 Jahren Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr Venne. Als Wehrersatzdienst entschied er sich damals für die Feuerwehr und ist dabei geblieben. Er kümmert sich außerdem um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Feuerwehr.

 

FM: Was sind die Voraussetzungen für die Schnuppermitgliedschaft?

Kettler: Das Mindestalter haben wir bei 15,5 Jahren angesetzt, weil man bei uns mit 16 Jahren in die Einsatzabteilung eintreten kann. Voraussetzung ist auch, dass man in Venne wohnt und Interesse an der Feuerwehrarbeit hat.

FM: Wie ist die Schnupperphase aufgebaut?

Kettler: Jeder Teilnehmer bekommt zuerst einen Feuerwehr-Paten zugeteilt. Die Paten betreuen die Probemitglieder während dieser Zeit, erklären Begriffe und beantworten Fragen. Wir haben bewusst einen männlichen Paten für Timo und eine weibliche Patin für Inga ausgesucht. Durch eine weibliche Patin sollte Inga die Bestätigung erhalten, dass auch Frauen für den Feuerwehrdienst geeignet sind und geschätzt werden. Durch ihre Paten können die Probemitglieder außerdem einfacher Kontakte innerhalb der Gruppe knüpfen und sich schneller in die Gemeinschaft integrieren.

Die Schnupperphase umfasst insgesamt fünf Abende. Am ersten Abend werden die beiden Teilnehmer und ihre Paten in der Gruppe vorgestellt. Anschließend bekommen die Probemitglieder mithilfe einer Präsentation einen kleinen Einblick in die Aufgaben der Feuerwehr. Nach dem Rundgang durch das Feuerwehrhaus wird die Einsatzkleidung anprobiert. Jeder Teilnehmer bekommt von Anfang an seine eigene Kleidung. Zum einen aus versicherungstechnischen Gründen, andererseits sollen die Probemitglieder das Gefühl haben, dass sie ein Teil der Einsatzabteilung sind. Nach dem ersten Abend nehmen die Anwärter an den normalen Dienstabenden teil. Am Ende der Schnupperphase entscheiden sie sich dann, ob sie fest in die Einsatzabteilung eintreten wollen oder nicht.

FM: Gestalten Sie die Treffen wie immer oder gibt es besondere Übungen während dieser Zeit?

Kettler: Bis auf den ersten Abend haben wir an unserem Dienstplan nichts verändert. Die Teilnehmer nehmen sowohl an Übungen als auch an Unterrichten teil. Wir haben die Schnuppermitgliedschaft allerdings bewusst in einen Ausbildungsblock gelegt, der zwei Einsatzübungen beinhaltet. Bei der ersten Einsatzübung haben Timo und Inga verunfallte Personen gespielt. Auf diese Weise haben sie erfahren, wie es sich anfühlt, auf die Feuerwehr angewiesen zu sein und gerettet zu werden. Sie haben selbst erlebt, dass die Feuerwehr gebraucht wird. Während der zweiten Übung hat Timo den Einsatzleiter begleitet und Inga als Mitglied in einem Trupp mitgearbeitet. Aber generell haben wir die Dienstabende wie immer gestaltet, um den realen Feuerwehr-Alltag abzubilden. Wir wollten zeigen, dass auch der Alltag spannend sein kann.

FM: Wie war die Resonanz von den Teilnehmern und innerhalb der Feuerwehr?

Kettler: Die Resonanz von den Teilnehmern und aus der Einsatzabteilung war durchweg positiv. Vor allem die enge Betreuung ist gelobt worden: Timo und Inga fühlten sich gut aufgehoben. Außerdem hat die Schnupperphase den Zusammenhalt in der Einsatzabteilung gefestigt. Wir sind noch stärker zusammengewachsen. Und haben zwei neue Mitglieder dazugewonnen. Andererseits hat das Projekt das Bewusstsein der gesamten Einsatzabteilung für das Thema Mitgliederwerbung geschärft. Mitglieder zu gewinnen und halten ist ein kontinuierlicher Prozess, der nicht mit einem einzigen Projekt abgeschlossen ist.

Die Feuerwehr Venne bietet eine sogenannte Schnuppermitgliedschaft an. Christian ist schon dabei, er kann die Feuerwehr "gut riechen".  Foto: Heiko Kettler/FF Venne

Die Feuerwehr Venne bietet eine sogenannte Schnuppermitgliedschaft an. Christian ist schon dabei, er kann die Feuerwehr „gut riechen“. Foto: Heiko Kettler/FF Venne

FM: Beide Teilnehmer geben zu, dass sie schon länger mit dem Gedanken an eine Mitarbeit in der Feuerwehr gespielt haben. Warum, glauben Sie, brauchen so viele Leute einen bewussten Anstoß seitens der Feuerwehr?

Kettler: Ich vermute, dass die Feuerwehr immer noch zu sehr als eine geschlossene Gemeinschaft angesehen wird. Der starke Zusammenhalt innerhalb der Feuerwehr wirkt auf Außenstehende vermutlich so, als würden neue Mitglieder gar nicht wirklich gebraucht. Vielleicht trauen sich deshalb viele Interessierte nicht von allein zu den Übungsabenden. Beide Teilnehmer hatten sich den Einstieg sehr viel schwerer vorgestellt als er am Ende tatsächlich war. Mit dem Schnupperangebot wollten wir die Hemmschwelle senken und die Leute zu einem ersten Schritt bewegen.

FM: Sie haben eine weitere Schnupperphase von Juni bis Juli geplant – werden Sie etwas ändern oder verbessern?

Kettler: An dem Aufbau selbst wird sich nichts ändern. Im Prinzip variieren nur die Themen, die an den fünf Abenden behandelt werden. Das liegt aber daran, dass die Dienstpläne für jedes Jahr neu konzipiert werden. Diesen Sommer wird der der Schwerpunkt auf der Technischen Hilfeleistung bei Verkehrsunfällen und der Brandbekämpfung liegen. Geplant ist, dass wir dieses Mal unseren jährlichen Workshop in die Schnupperphase integrieren.

FM: Haben Sie ein paar Tipps für andere Feuerwehren, die von Ihrer Idee begeistert sind und eine solche Schnuppermitgliedschaft in Zukunft auch anbieten möchten?

Kettler: Aus eigener Erfahrung empfehle ich eine genaue Planung im Vorfeld. Auch die Paten sollten vorher ausgesucht werden. Am besten eignen sich erfahrene Feuerwehrmitglieder dafür, die gut erklären können. Ein begrenzter Zeitraum ist ebenfalls von Vorteil. Vier bis fünf Abende reichen völlig aus. Auf diese Weise können die Dienste, die in diesem Zeitraum liegen, besser gestaltet werden. Wichtig: die Unterrichte und Übungen sollten trotzdem so normal wie möglich ablaufen. Schließlich geht es bei dem Angebot um eine authentische Vermittlung der Feuerwehrarbeit. Es ist allerdings relativ schwierig Teilnehmer für die Aktion zu gewinnen. Deshalb sollten die Mitglieder der Einsatzabteilung vorher überlegen, ob sie potenzielle Teilnehmer kennen. Anschließend sollten diese Personen persönlich angesprochen werden. Der persönliche Kontakt ist und bleibt das wichtigste Mittel der Feuerwehr um Mitglieder zu werben.

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