Mittwoch, 23. August 2017

Nur geguckt – und mit Vollgas weitergefahren

Garbsen/Köln – Mit 20 Todesopfern und 13 zum Teil lebensgefährlich Verletzten gehört der Brand eines Reisebusses im November 2008 auf der A 2 bei Garbsen zu den schwersten Busunglücken in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Während als Ursache für das Feuer ein Kurzschluss im Kabelbaum festgestellt wurde, bleiben auch zweieinhalb Jahre nach der schrecklichen Tragödie viele Fragen. In seiner Beitragsreihe „Die Unfallakte“ analysiert das VOX Magazin „auto mobil“ am Sonntag (17.4.2011, 17.00 Uhr) die  Umstände des Busunglücks und fragt nach, was aus den Opfern geworden ist.

Nadja Possberg aus Langenhagen war bei dem Busbrand eine der wenigen Ersthelferinnen. Foto: VOX

Nadja Possberg aus Langenhagen war bei dem Busbrand eine der wenigen Ersthelferinnen. Foto: VOX

In dem TV-Bericht kommen Ersthelfer und Überlebende des Busunglücks zu Wort. Unbegreiflich ist bis heute, warum nur drei Autofahrer gestoppt haben, um zu helfen. Ersthelferin Nadja Possberg aus Langenhagen: „Ich hab immer nur gedacht: Hoffentlich hält irgendjemand an! Aber, nichts. Die sind immer nur schrittweise daran vorbeigefahren, haben geguckt. Und dann sind sie mit Vollgas weitergefahren.“ Ebenfalls versucht „Die Unfallakte“ zu verdeutlichen, wie es die wenigen Überlebenden geschafft haben, dem Flammeninferno zu entkommen. „Ich muss aus dem fahrenden Bus gesprungen sein. Wie, das weiß ich selbst nicht mehr. Von Zeugen habe ich gehört, dass sie eine Feuerkugel gesehen haben. Das muss ich gewesen sein“, beschreibt Peter Paland, dem Spezialisten der Medizinischen Hochschule Hannover das Leben gerettet haben.

Warum die Insassen keine Chance hatten

Warum aber hatten die hinteren, und meist älteren, Insassen des Reisebusses, der auf dem Rückweg von einem Tagesauflug im Ruhrgebiet war, keine Überlebenschancen? „Es ist alles wahnsinnig schnell gegangen“, erklärt Stefan Wittke von der Polizeidirektion Hannover. „Nach allem, was wir brandphysikalisch wissen, kann man sagen, dass es wie eine gewaltige Stichflamme war, die innerhalb von wenigen Sekunden zu extremsten Temperaturen geführt hat. Die meisten Menschen in dem Bus, und das bestätigt auch die Auffindesituation der Opfer, sind in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen und dementsprechend auch nicht bei vollem Bewusstsein verbrannt.“ Rund 120 Polizeibeamte, eine eigene Sonderkommission und sieben Sachverständige des TÜV Nord waren an den umfangreichen Untersuchungen beteiligt.

Theorie von glimmender Zigarette widerlegt

Dennoch erweist sich die Aufklärung des Busunglückes als ebenso komplex wie kompliziert. Gearbeitet wurde bei der Ermittlung der Brandursache nach dem sogenannten Ausschlusssystem. Dipl.-Ing. Jens Peter Saathoff vom TÜV Nord bei VOX: „Wir haben verschiedene Brandversuche durchgeführt. Es hat so lange gedauert hat, weil wir mit Original-Bauteilen gearbeitet haben, die teilweise sogar nachkonstruiert werden mussten. Wir haben praktisch einen Teil des Busses nachgebaut und dann in Brandversuchen versucht, die entsprechenden Bauteile zu entzünden.“ Dabei wurde auch die Theorie, dass eine glimmende Zigarette auf der Bordtoilette das Feuer ausgelöst haben könnte, aufgegriffen. Saathoff: „Doch der Brandverlauf wäre ein anderer gewesen. Die Flammen wären dann erheblich früher durch die Toilettentür geschlagen und wären von den Businsassen bemerkt worden.“

Brandursache: Kurzschluss im Kabelbaum

Ergebnis der intensiven Untersuchungen ist, dass das Feuer durch einen Kurzschluss im Kabelbaum entstanden ist, der die Bordküche des Reisebusses mit Strom versorgt. Kathrin Söfker, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hannover: „In Folge dieses Kurzschlusses kam es zu einem Brand in diesem Kabelstrang, der sich dann auf umgebendes Material fortsetzen konnte, schließlich die Toilettenkabine durchbrach und sich von dort aus dann weiter in den Fahrgastraum verbreiten konnte.“ Wodurch der Kabelbrand allerdings ausgelöst wurde, konnte aufgrund der extremen Zerstörungen nicht mehr festgestellt werden. Während die Regulierungen seitens der Versicherungen noch immer nicht abgeschlossen sind, quälen Opfer wie Peter Paland bis zum heutigen Tag Schmerzen und Erinnerungen an das Brandunglück.

Wer ist für den Kabelbrand verantwortlich?

In Hannover vertritt Anwalt Christian J. Neumann viele Familien, die von dem Busunglück betroffen sind. Entweder haben sie Angehörige verloren oder sie versuchen, Versorgungs- und Schmerzensgeldansprüche durchzusetzen. Deshalb weiß Neumann auch, wie unbefriedigend das Untersuchungsergebnis für die Betroffenen des Busbrandes auf der A 2 bei Garbsen eigentlich ist. „Es wurde nicht festgestellt, wer ist denn verantwortlich dafür, dass es diesen Kabelbrand gegeben hat. War das der Hersteller des Busses? Hat es an der Wartung gelegen? War es eine konkrete Person, die vielleicht zu diesem Zeitpunkt verantwortlich gewesen ist? All das hätten meine Mandanten natürlich gerne gewusst“, so Rechtsanwalt Neumann. „Das heißt: Der jetzige Zustand ist unbefriedigend, aber aus meiner Sicht unabänderlich.“

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