Freiwillige “Flughafenwehr” in Schwäbisch Hall
12. Juni 2011 von Christian Patzelt
Schwäbisch Hall (BW) – Enge Gassen in der historischen Altstadt und eine kaum zu befahrende Klosteranlage stellen die Feuerwehrleute in Schwäbisch Hall vor große Herausforderungen. Früher, als die Drehleitern noch über eine Breite von maximal 2,35 Metern verfügten, war das kein Problem. Seitdem sind Feuerwehrfahrzeuge jedoch immer größer, höher und breiter geworden. Einzigartig ist auch die Kooperation der Wehr mit dem Verkehrsflughafen „Adolf Würth Airport“. Bei der Landung kleinerer Maschinen sorgen die Feuerwehrleute auch hier für Sicherheit.
Altstädte sind zweifelsfrei schön – an den vorbeugenden Brandschutz hat zu Zeiten ihrer Erbauung jedoch niemand gedacht. Waren die engen Straßen mit Kutschen in der Vergangenheit noch relativ gut zu befahren, stoßen die heutigen Löschfahrzeuge und Drehleitern mit ihrer Breite von 2,50 Metern deutlich an ihre Grenzen. So nutzte die Feuerwehr Schwäbisch Hall bis 2010 auch eine für den Einsatzbereich Altstadt angepasste Drehleiter. Nach 29 Jahren im Dienst musste dann jedoch ein Altersersatz her, die alte Dame mit ihrer schlanken Breite von knapp 2,30 Metern war Geschichte.
Nun kommt das Problem, das bereits angedeutet wurde: Einige Straßen in der vom zweiten Weltkrieg verschonten Altstadt sind nur 2,60 Meter breit. Da wird es selbst mit eingeklappten Spiegeln für neue Fahrzeuge zu eng. Noch dazu ist der Bewegungsradius der Leitern auf 20 bis 30 Zentimeter begrenzt: „Wir hatten damals einen Testfahrer eines großen Drehleiter-Herstellers bei uns. Der wollte zeigen, dass wir mit seinem Fahrzeug ohne Probleme bis zum Kloster fahren können. Doch auch er konnte nur noch rückwärts wieder raus. Seitdem ist dieses Gebiet für Übungen mit der Leiter tabu“, sagt Volker Damm (43), hauptamtlicher Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Schwäbisch Hall. Ohne Kratzer ist die Zufahrt also nicht möglich – im Einsatz kann dies in Kauf genommen werden, bei Übungen jedoch nicht.
Flexibel mit zwei unterschiedlichen Drehleitern
Neben der engen Bebauung hat Schwäbisch Hall inzwischen auch moderne, große Häuser mit bis zu acht Geschossen. Da diese baurechtlich keine Hochhäuser sind, ist der abwehrende Brandschutz für den zweiten Rettungsweg zuständig. Das bedeutet: Die Feuerwehr benötigt nicht nur eine schmale Drehleiter für den Einsatz in engen Gassen, sondern zugleich eine mit einer Rettungshöhe von 23 Metern für die Neubauten. Schnell wurde klar: Das ist mit einem einzigen Fahrzeug nicht zu leisten. So wurden zwei Fahrzeuge bestellt und schon 2009 eine handelsübliche DLA(K) 23/12 GL ausgeliefert. Ein Jahr später konnte das Fahrzeug mit der kleineren Drehleiter, der so genannten DLA(K) 18/12, das erste Mal durch das historische Einsatzgebiet fahren. Mit einer Breite von 2,35 Metern und einer Länge von 8,5 Metern ist diese für den Einsatz in den engen Gassen der Altstadt ideal geeignet. 1,2 Millionen Euro mussten für beide Fahrzeuge in die Hand genommen werden.
Für Volker Damm, der seit 2004 Kommandant ist, keine leichte Aufgabe so viel Geld für seine Feuerwehr zu erhalten. „Wir hätten gerne eine kostengünstigere Alternative gehabt, wie zum Beispiel eine konventionelle Hebebühne. Doch durch den Feuerwehr-TÜV und die Zulassungen und Vorschriften war das leider nicht möglich.“ So besteht bei einem Einsatz in der Innenstadt der Löschzug der Hauptabteilung nun aus einem City-LF (LF 8/6) mit 600 Litern Wasser, der DLA(K) 18/12 und einem LF 16/12 vor allem für die schnelle Versorgung mit Wasser. Die zweite, größere Leiter rückt zu allen anderen Einsätzen aus, die 29 Jahre alte Drehleiter ist im Feuerwehrmuseum von Schwäbisch Hall zu begutachten.
FF mit Flughafenlöschfahrzeug
Ebenfalls zum Einsatzgebiet der drei Feuerwehr-Bereitschaftszüge von Schwäbisch Hall gehört der nordöstlich der Innenstadt gelegene „Adolf Würth Airport“. Die Internationale Zivile Luftverkehrsorganisation, kurz ICAO, hat ihm die Klassifizierung der Kategorie 4 zugeordnet. Das bedeutet: Flugzeuge mit einer maximalen Länge von bis zu 24 Metern dürfen landen oder starten, ohne das zusätzliches Feuerwehr-Personal vor Ort nötig ist. Daher gibt es auch keine gesonderte Werkfeuerwehr. Der Geschäftsführer des „Adolf Würth Airport“, Uwe Kotzan, erklärt: „Wir haben zehn Mitarbeiter, alle sind auf den feuerwehrtechnischen Geräten geschult. Zwei sind ohnehin in Führungspositionen bei der Feuerwehr.“
Das angeschaffte Flughafenlöschfahrzeug (FLF 30/57 „Florian Flugplatz 29“) ist sogar für die Kategorie 5, also Maschinen mit mehr als 30 Sitzplätzen zugelassen. Daher dürfen auch größere Flugzeuge starten und landen, wenn weiteres feuerwehrtechnisches Personal vor Ort ist. Hier haben sich Landeplatz-Chef und Feuerwehr-Kommandant etwas Besonderes einfallen lassen: „Beim Thema Brandschutz arbeiten Airport und Feuerwehr Hand in Hand. Wir stellen eine Einsatzmannschaft und im Gegenzug können wir das große Flugfeldlöschfahrzeug im Einsatzfall auch außerhalb des Flugplatzes nutzen“, erklärt Volker Damm. „Bei Passagierflügen mit Chartermaschinen, wie der Landung einer Fußballmannschaft zum Beispiel, fordern wir vier Feuerwehrleute an“, berichtet Kotzan. Elf ehrenamtliche Feuerwehrleute haben sich nur zu diesem Zweck zusätzlich ausbilden lassen, ähnlich wie bei Brandsicherheitswachen. Wenn sich eine Chartermaschine ankündigt, werden drei bis vier von ihnen informiert und alarmiert, meistens einen Tag im Voraus.
Die extra ausgebildete Mannschaft der Feuerwehr Schwäbisch Hall am Fluglöschfahrzeug des "Adolf Würth Airport". Foto: Feuerwehr Schwäbisch Hall
Bei der Feuerwehr Schwäbisch Hall befindet sich derzeit vieles im Umbruch. Das liegt nicht an ihren besonderen Einsatzbereichen, sondern vielmehr an den Anforderungen der Gegenwart. „Aus den zehn derzeitigen Feuerwachen und Gerätehäusern werden bis 2014 vier hervorgehen“, erklärt Volker Damm. Zwei neue Standorte entstehen, ebenso viele bleiben bestehen und acht alte verschwinden. Die Notwendigkeit wurde bei der Erstellung des Feuerwehrbedarfsplanes von den Mitgliedern selbst erarbeitet, um sich fit zu machen für neue Zeiten. „Wir werden ohnehin Probleme beim Nachwuchs haben. Ich kann heute ersehen, wen ich in 18 Jahren überhaupt als Wehrmitglied haben könnte“, sagt Damm.
Der Wegfall der Wehrpflicht ist für ihn aber kein Grund für fehlende Mitglieder. Es mangele eher an Wertschätzung in der Bevölkerung. Bei Einsatz-Berichten gehe es vorrangig um das Spektakuläre, nicht darum was die Feuerwehrleute geleistet haben. Auch gegen diesen Zeitgeist arbeiten Damm, drei weitere hauptamtliche Mitarbeiter im technischen Bereich und eine Sachbearbeiterin täglich an. Damit die Geschichten – zum Beispiel über Einsatzgebiete der besondern Art – neben den Einsatzberichten einmal zur Geltung kommen.
Das Feuerwehr-Magazin stellte die Freiwillige Feuerwehr Schwäbisch Hall in der Ausgabe 7/2008 vor. Abonnenten können die Reportage im Heft-Archiv nachlesen.
Ein Beitrag aus der Reihe “Dräger Feuerwehr-Reporter”. In Zusammenarbeit mit Dräger schickt das Feuerwehr-Magazin den “Feuerwehr-Reporter” auf Deutschland-Tour. Er stellt Feuerwehren vor, spricht über Probleme und berichtet über spannende Einsätze oder interessante Übungen.