Montag, 26. Juni 2017

Die Feuerwehr Neuss zeigt: So geht Wasserrettung

Wasserrettung und Eisrettung zählen zu den Sonderaufgaben der Feuerwehr – aber finden sich gleichzeitig sehr regelmäßig im Einsatzalltag wieder. In Städten mit Berufsfeuerwehr nimmt häufig diese auch diese Aufgabe wahr. In Neuss (NW) hat sich eine freiwillige Feuerwehr dafür spezialisiert. Unser Autor Johannes Kohlen stellt das Neusser Konzept und die Methoden der Wasserrettung vor.

Seit 2013 besteht die Wasserrettungseinheit der Feuerwehr Neuss. Die freiwilligen Feuerwehrmänner aus dem Löschzug Grimlinghausen absolvierten eine intensive Ausbildung für diese Sonderaufgabe. Bei den Feuerwehr Einsätzen auf dem Rhein, im Hafen Neuss und den anderen Gewässern im Ausrückgebiet kooperieren sie mit den hauptamtlichen Kräfte der Feuerwehr Neuss.

„Mensch über Bord“. Foto: Johannes Kohlen

Die Sonderaufgabe beinhaltet vier unterschiedliche Szenarien: Strömungsrettung, Wasserrettung, Material-Transport und Eisrettung.

Strömungsrettung

„Person im Wehr“ oder „Person im Strom“ könnten Stichworte für die Einheit sein. Eine Person steckt an einem Wehr oder mittig in der Strömung eines fließenden Gewässers fest. Möglich ist dieses Szenario auch mit Tieren.

Selbst Schwimmen

„Eine Möglichkeit, die Person zu retten ist, diese selbst schwimmen zu lassen“, beschreibt Strömungsretter Michael Böhmer eine Situation. Häufig fehle es den Personen nur an Orientierung.

Leine werfen

Um die Sicherheit für die Person zu erhöhen, kann man dieser auch eine Leine zuwerfen. In beiden Szenarien sollten Rettungsschwimmer bereit stehen, um bei der Rettung zu helfen.

Waten

Abhängig von der Wassertiefe und der Strömung des Gewässers waten die Einsatzkräfte zur Person. Sie waten dabei stromaufwärts, also gegen den Strom. Mit vier Kräften bilden die Retter eine Raute und stützen sich gegenseitig. Die zu rettende Person nehmen sie auf dem Rückweg in die Mitte. Hier ist sie am besten vor der Strömung geschützt. Mit drei Rettern bilden sie ein Dreieck, dabei läuft einer vorne und die beiden anderen stützen ihn von hinten. „Der Vordere dient dabei als eine Art Rammbock oder Schild gegen das Wasser und die beiden Hinteren können leichter gehen“, erklärt Groberg die Vorgehensweise.

Ausbildung, Übungen und Einsätze der Wasserretter

Wir erklären im Feuerwehr-Magazin 4/2017 in einer großen Reportage, was alles hinter der Sonderaufgabe Wasserrettung steckt: Von der Ausbildung über die Einsatzmittel und Übungen bis hin zu den möglichen Feuerwehr Einsätzen in der Eisrettung und der Wasserrettung.

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Schwimmen und Pendeln

„Der Rettungsschwimmer muss oberhalb der Person in das Gewässer einsteigen und, um zu ihr zu gelangen, die Strömung nutzen und schwimmen“, macht Groberg deutlich. Wenn der Schwimmer die Person erreicht hat, wird vom Ufer aus eine Leine mit Wurfsack zur Person geworfen. Nun macht sich der Schwimmer an dieser fest und nimmt die Person in eine Umklammerung. Da der Anzug in Kombination mit der Weste genug Auftrieb für beide Personen bietet, legt sich der Schwimmer nun rückwärts ins Wasser und fixiert die Person auf sich. Nun lassen sich die beiden, vom Ufer aus – durch die anderen Einsatzkräfte gesichert – ans Ufer pendeln. Wenn dies nicht möglich ist, wird mit einem Karabiner eine zweite Leine befestigt und beide werden von den Einsatzkräften ans Ufer gezogen.

Mit einem beherzten Sprung kommt der Wasserretter, gesichert durch seine Kameraden, dem zu Rettenden zur Hilfe. Foto: Johannes Kohlen

Rettung über eine „High Line“

„Wenn die Rettung der Person nicht zeitkritisch ist, können die Kameraden eine sogenannte High Line bauen“, erklärt Strömungsretter Böhmer. Bei dieser Methode werden oberhalb der Person zwischen zwei Festpunkten Leinen gespannt. An diesen wird eine Leine befestigt, die ein Boot hält. Hier werden wiederum mit Hilfe von Karabinern Führungsseile angeschlagen, die es ermöglichen, das Boot zu steuern und hoch oder runter zu lassen. So führen die Kräfte das Boot zur Person und nehmen sie auf. Anschließend lassen sie das Boot an eines der beiden Ufer treiben. Auf dem Boot befindet sich eine Einsatzkraft, die mit einem Paddel die Richtung des Bootes beeinflussen kann.

Treibende Person in der Strömung

Eine Person treibt durch ein fließendes Gewässer. Ein Rettungsschwimmer springt ins Wasser und umklammert das Opfer. Nur in diesem Fall ist der Schwimmer fest an einer Leine gesichert. Hat er die Person fixiert, hebt er einen Arm als Signal: Hilfe. Dann spannen die Einsatzkräfte von Land das Seil und lassen so den Schwimmer und die gerettete Person ans Ufer pendeln.

Feuerwehr Video: Die Wasserretter der Feuerwehr Neuss

Wasserrettung

Nur im Ernstfall heißt dieses Manöver Mann über Bord. In einer Übung machen wir damit keinen Spaß und nennen es Boje über Bord“, erklärt Brandmeister Stefan Frühwirth. Er ist stellvertretender Zugführer und in der Ausbildung für das Boot verantwortlich.

„Boje über Bord“, ruft das Besatzungsmitglied 1 laut aus. Sofort stellt er die Seite fest, auf der die Boje über die Seitenwand ins Wasser gefallen ist. Der Bootsführer kuppelt den Motor aus und schlägt das Ruder in die Richtung ein, in welche die Boje über Bord gegangen ist. „So dreht sich die Schraube des Motors weg von der Boje oder der Person im Wasser“, erläutert Frühwirth.

Der Bootsführer fordert nun: „Einer klar bei Ausguck.“ Idealerweise übernimmt Besatzungsmitglied 1 diese Aufgabe und gibt ständig ein Handzeichen, wo die Per-son ist und hält Sichtkontakt. Zusätzlich beschreibt er den anderen Kameraden die Position. Für das folgende Rettungsmanöver benötigt man drei Personen. Daher besteht die ideale Besatzungsstärke für das Boot aus vier Einsatzkräften. Der Bootsführer fährt nun einen großen Bogen gegen die Strömung und den Wind um die Boje.

Er gibt dann beispielsweise das Kommando „Aufnahme der Person an Backbord“ – heißt: in Fahrtrichtung links oder zur Steuerbordseite rechts. Kurz vor der Boje kuppelt er den Motor erneut aus. Wenn das Boot bei der Boje ankommt, soll es noch eine Geschwindigkeit von 0 km/h haben.

Sollten Retter übrigens selbst in Gefahr geraten oder ihre Kameraden eine gefährliche Situation beobachten, gelten folgende Pfeifsignale:

  • 1 x für Achtung,
  • 2 x für Gefahr von oben (strömungsaufwärts/flussaufwärts),
  • 3 x für Gefahr von unten (strömungsabwärts/flussabwärts),
  • Ständig für Hilfe/Notfall.

Nutzung Bugklappe TS

Das Mehrzweckboot Marne kann auch zum Transport von Material genutzt werden. Möglich ist beispielsweise der Betrieb einer Tragkraftspritze an Bord. „Die Bugklappe des Bootes wird aber nur in stehenden Gewässern genutzt. Öffnen wir diese auf dem Strom sind, wir ein U-Boot“, sagt Groberg schmunzelnd, aber deutlich.

Grundlagen der Wasser- und Eisrettung

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Eisrettung

Zusätzlich zu den auf den Hilfeleistungs-Löschfahrzeugen der hauptamtlichen Kräfte verlasteten Rettungsbrettern bringen die Grimlinghauser ein spezielles Eisrettungsbrett mit zur Einsatzstelle. Mit Hilfe eines Flaschenzugs kann vom Land aus eine Person auf das Brett gezogen werden. So muss der Retter auf dem Brett nicht alleine die Kraft aufbringen, jemanden aus dem Eis zu ziehen.

„Für diese unterschiedlichen Einsatzszenarien ist es wichtig, die Sonderaufgabe Wasserrettung auf mehrere Schultern zu verteilen“, resümiert Markus Brüggen. „Der Schritt, die freiwillige Feuerwehr mit einzubeziehen, war goldrichtig.“

Feuerwehr Neuss

Neuss ist mit 160.000 Einwohnern eine der wenigen Großstädte in Deutschland, die keine Berufsfeuerwehr hat. Da sie kreisangehörig ist (Rhein-Kreis-Neuss), musste sie nach dem alten Feuerschutz- und Hilfeleistungsgesetz keine Berufsfeuerwehr einrichten – anders als kreisfreie Großstädte in Nordrhein-Westfalen.

Die Feuerwehr Neuss ist also eine freiwillige Feuerwehr mit hauptamtlicher Wachbereitschaft. Diese stellen mit dem Löschzug 10 und einem Kleineinsatzfahrzeug rund um die Uhr mit zehn bis zwölf Einsatzkräften den ersten Abmarsch für das gesamte Stadtgebiet sicher. Zusätzlich gibt es werktags von 7 Uhr bis 17 Uhr noch die Tagesstaffel, welche den zweiten Abmarsch sicherstellt und in dieser Zeit die freiwilligen Einheiten entlasten soll. Nach 17 Uhr übernehmen die Löschzüge der FF den zweiten Abmarsch und arbeiten kleinere Einsatzstellen, wie brennende Pkw oder Technische Hilfeleistungen, selbstständig ab.

Ende 2015 zählte die Feuerwehr Neuss zirka 300 Aktive in der Freiwilligen Feuerwehr und 74 hauptamtliche Kräfte im Einsatzdienst. Zusammen rückten sie zu 1.796 Einsätzen aus (durchschnittlich fünf Mal am Tag). Durch den Pfingststurm Ela waren es 2014 sogar 2.347 Einsätze.

Die Spezialisierung des Löschzugs 12 ist nur ein Teil der Veränderungen der Feuerwehr Neuss in den letzten Jahren. So wurden bereits andere Löschzüge in der ABC-Abwehr extra geschult und unterstützen den Rettungsdienst im Massenanfall von Verletzten. Ein weiterer Löschzug testet den Einsatz von Drohnen an Einsatzstellen.

Das Neusser Feuerlöschboot Alfons Frings. Foto: Johannes Kohlen

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