Freitag, 18. August 2017

Berliner Feuerwehr: Erfahrung vom Terroranschlag am Breitscheidplatz

10. August 2017 von  

Berlin – Dr. Rolf Erbe spricht über die Stärken und Schwächen des Einsatzes nach dem Terroranschlag am Breitscheidplatz. Der 56-jährige Brandoberamtsrat ist an der Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie verantwortlich für die Ausbildung MANV, Sonderlagen und Führungslehre. Er gibt Tipps für das richtige Vorgehen bei solchen Einsätzen.

FM: Was war Ihr erster Eindruck von der Einsatzstelle?

Dr. Erbe: Meine Kollegen und ich hofften lange, dass es sich um einen Unfall handelt: Ein Lkw-Fahrer, der am Steuer eingeschlafen war. Die Einsatzstelle wirkte gespenstisch ruhig. Viele qualifizierte Ersthelfer und unsere Kollegen versorgten die Menschen dort hochkonzentriert. Überall brannte noch das Licht der Buden. Auf den ersten Blick konnte ich gar nicht zu erkennen, dass der Lkw durch den Markt gefahren war, weil er genau die Gasse zwischen den Ständen getroffen hatte.

FM: Was waren Ihre Aufgaben?

Dr. Erbe: Nach Rücksprache mit unserem Lagedienst wurde ich zur Dokumentation und Unterstützung unseres Pressedienstes zur Hardenbergstraße geschickt. Eingetroffen bin ich dort etwa 20 Minuten nach dem Ereignis. Ich wurde dann vom Einsatzleiter für etwa 30 Minuten als „Sichter“ eingesetzt. In einem ersten Durchgang habe ich nur die Opfer gezählt, um uns klare Zahlen zu verschaffen. Im zweiten Durchgang haben wir Verletzte nach dem mStaRT-Algorithmus (Checkliste für Sichtung, Behandlung und Transport bei MANV) gesichtet. Anschließend habe ich unseren Einsatz dokumentiert.

Brandoberamtsrat Dr. Rolf Erbe ist in Berlin verantwortlich für die Ausbildung MANV, Sonderlagen und Führungslehre. Foto: Johannes Kohlen

FM: Was sind Ihre Erfahrungen zum Thema Sichtung?

Dr. Erbe: Die Erfahrungen von vielen Großschadensereignissen zeigen, dass wir häufig doppelt so viele Patienten haben, wie anfangs angenommen. Nach meinem ersten Zählen kam ich auf 25 Verletzte – tatsächlich haben wir über 50 Menschen versorgt. Daher ziehe ich als persönliches Fazit, dass der Einsatzleiter auch hier vorsorgen muss: Immer doppelt planen, zum Beispiel durch eine zusätzliche Patientenablage und Reservekräfte. Das ist etwas, das auch aus anderen Einsatzbereichen bekannt ist und einfach nur bedeutet: Vor die Lage kommen und Reserven bilden.

FM: Was können Sie darüber hinaus zur Sichtung an sich empfehlen?

Dr. Erbe: Eine erste Übersicht muss schnell vorliegen und ist für den Einsatzleiter in den ersten Minuten entscheidend und für die weitere Planung unabdingbar. Dann muss ein Vorsichtungssystem bei den Mitarbeitern etabliert sein und angewendet werden, um in wenigen Minuten die vital bedrohten Patienten herauszufinden und eindeutig zu kennzeichnen. Diese Patienten müssen schnell an einer Patientenablage gesammelt und versorgt oder direkt einem RTW zum Transport übergeben werden. Die Sichtung als fortlaufender Prozess muss dann so schnell wie möglich ärztlich erfolgen, spätestens an einer Patientenablage oder einem Behandlungsplatz. Schließlich werden Trägertrupps und Transportkapazitäten benötigt, denn eine strukturierte Erstversorgung und der schnelle Transport retten Menschenleben.

FM: Was benötigen die Einsatzkräfte für solche Gefahrenlagen?

Dr. Erbe: Neben notwendigen MANV-Plänen muss es Konzepte für Bedrohungslagen, Vorsichtungssysteme und natürlich die entsprechende Aus- und Fortbildungen in Zusammenarbeit mit der Polizei geben. Auch die Ausrüstung sollte um ausreichend Material für die Versorgung von besonderen Verletzungsmustern ergänzt werden. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass auch Material für Polizeikräfte oder Ersthelfer vorhanden ist.

Feuerwehr-Magazin 8/2017

Ihr könnt den gesamten Einsatzbericht über den Terroranschlag in Berlin in der August-Ausgabe FM 8/2017 lesen.

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FM: Was ist in Berlin gut gelaufen?

Dr. Erbe: Die Multifunktionalität unserer Einsatzkräfte hat sich absolut bewährt. Dadurch haben alle immer die Einschätzung der Gefahren und die notwendigen medizinischen Maßnahmen im Blick behalten. Die Verwendung von Tourniquets (Abbindesystem) rettet Leben. Erst seit den Anschlägen in Paris gehören diese fest zu unserer Ausstattung. Die Konzepte sind in Ordnung und funktionieren. Das gilt natürlich überall: Einsatzpläne sind gut und wichtig. Stornierungen oder Änderungen darf es nicht geben.

FM: Was hat Ihnen Schwierigkeiten gemacht?

Dr. Erbe: Der Digitalfunk hat ordnungsgemäß funktioniert, dennoch hat uns ein bis dahin noch nicht bewusstes Problem überrascht. Einige Funkgeräte haben sich immer wieder in eine Gebäudefunkanlage eingewählt. Dies hat zu Kommunikationsproblemen geführt. Die Kommunikation mit der Leitstelle und mit anderen Behörden muss immer gesichert sein. Die interne Kommunikation an Einsatzstellen ist wichtig, wird aber häufig vernachlässigt. Gerade bei einem vermeintlichen Terrorakt muss jede Einsatzkraft wissen: „Bin ich sicher?“

FM: Betroffene müssen psychologisch unterstützt werden. Was ist Ihnen in der Nachsorge aufgefallen?

Dr. Erbe: Die Betreuung der Betroffenen durch die PSNV lief sehr gut. Wir müssen aber die Betreuung der Angehörigen verbessern. Leider sind die vielen Ersthelfer durch unser Raster gefallen.

FM: Wie ging es den vielen eingesetzten Einsatzkräften?

Dr. Erbe: Viele Kollegen fragten sich, ob sie alles Mögliche getan haben. Die Rückmeldung der Gerichtsmedizin, dass kein Patient aufgrund mangelnder Versorgung oder einem verzögerten Transport gestorben sei, war hier hilfreich.

FM: Was wird sich in Berlin verändern?

Dr. Erbe: Wir arbeiten die Ergebnisse auf allen Ebenen auf und werden uns an möglichst vielen Stellen verbessern. Ein Beispiel: Wir haben festgestellt, dass wir kein Material für Ersthelfer zur Einsatzstelle mitbringen. Ressourcen sind besonders am Anfang des Einsatzes knapp. Zum Beispiel wollen wir Rucksäcke für unsere und die Fahrzeuge der Polizei beschaffen. In jedem Rucksack sollen sich Versorgungs-Kits für chirurgische Verletzungen und Tragetücher befinden. Zusätzlich werden wir die Zusammenarbeit und das gemeinsame Training mit den anderen Behörden noch mehr leben.

FM: Was hat Sie beeindruckt?

Dr. Erbe: Viele unserer dienstfreien Kollegen aus BF, FF und der Verwaltung sind ganz selbstverständlich zu ihren Feuerwachen gekommen und haben Hilfe angeboten. Der Rückhalt in der Bevölkerung ist sehr wichtig für uns. Das Lob aus der Politik und der Öffentlichkeit hilft den Einsatzkräften bei der Verarbeitung des Einsatzes.

Interview: Johannes Kohlen, Feuerwehr-Magazin-Autor

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Kommentare

1 Kommentar zu “Berliner Feuerwehr: Erfahrung vom Terroranschlag am Breitscheidplatz”
  1. Maiskolben sagt:

    Hallo allerseits,

    interessanter Beitrag. Ich frage mich, ob bei der Planung von Sicherheitskonzepten für Großveranstaltungen dieser mStaRT-Algorithmus einfließen sollte, oder ob das Feuerwehrspezifisch ist und bleiben soll? Schließlich sind ErstellerInnen von Sicherheitskonzepten dazu angehalten die MANV Vorraussetzungen für ihre Veranstaltung zu bedenken. Daher die Frage.

    Lg, Maiskolben

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