Donnerstag, 19. Januar 2017

Menschenführung: Mehr als nur ein Stichwort

Einsatzsituationen können bei den Helfern nachwirken. Je nach Schwere gilt es, das Erlebte aufzuarbeiten – einzeln oder in der Gruppe. Doch dafür gibt es kein Patentrezept. Einige fühlen sich bei einem Kameradengespräch wohler, andere nutzen professionelle Hilfe. Wir stellen beide Wege vor.

Am Mittwoch, den 3. Juni 1998, rollt der ICE 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“ mit 200 km/h durch den Landkreis Celle, als ein Radreifen am ersten Waggon bricht. Den Zwischenfall bemerkt der Lokführer nicht. Wenige Kilometer weiter in Eschede entgleist der Zug an einer Weiche. Es ist 10.59 Uhr. Der Triebkopf rast weiter, die ersten drei Waggons kommen nach einigen hundert Metern parallel zu den Schienen zum Stehen. Der vierte Waggon rutscht vom Bahndamm in einen Wald, der nächste schlägt gegen eine Straßenbrücke und wird zerfetzt. Die Brücke stürzt ein, weitere Waggons rasen in das Trümmerfeld. Insgesamt kommen 101 Menschen ums Leben, 88 Passagiere erleiden schwere Verletzungen.

Um 11.03 Uhr lösen die Funkalarmempfänger der freiwilligen Feuerwehr aus, zusätzlich heulen die Sirenen in Eschede. Diese werden seit 1988 nur noch bei Großalarm betätigt. Mit dem zweiten Fahrzeug der Wehr ist der heutige Ortsbrandmeister Gerald Lange vor Ort. „Aus der Anfangsphase weiß ich noch alles. Die Rettungs- und Bergungsmaßnahmen in dem Trümmerfeld gehen mir nie mehr aus dem Kopf“, erzählt er.

Drei Tage lang sind die Freiwilligen im Einsatz, eingeteilt in Schichten. Schon in der Anfangsphase stehen Seelsorger an der Einsatzstelle parat – nicht nur für Angehörige, sondern auch für die Helfer. Einige Aktive suchen bereits vor Ort das erste Gespräch.

„Nach Abschluss unserer Tätigkeit trafen wir uns mit einem Großteil der Mannschaft in einer großen Runde“, erinnert sich Lange. „Pastor Christoph Künkel übernahm bei folgenden Treffen die Moderation. Aber vor allem tauschten wir Kameraden unsere Gedanken aus. Das ist bei allen gut angekommen.“ Einige Feuerwehrmitglieder haben sich zusätzlich persönlich professionelle Hilfe geholt, um das Erlebte nachhaltig aufzuarbeiten.

Bereits vor der ICE-Katastrophe sprachen die Kräfte der FF Eschede nach fast jedem Einsatz kurz gemeinsam über die Geschehnisse. „Es ist ganz schlecht, wenn die Kameraden ihre Gedanken mit nach Hause nehmen, ohne sie einmal rausgelassen zu haben“, sagt der Ortsbrandmeister.

Michael Steil, Vorsitzender des Netzwerks Psychosoziale Notfallversorgung, gibt den Hinweis: „Letztlich könnte jeder Einsatz eine mögliche Indikation für eine Betreuung und Unterstützung bedeuten – dies hängt davon ab, was die Einsatzkraft selbst empfindet und wahrnimmt.“

Professionelle Hilfe sollte immer greifbar sein

Interne Nachbereitungen nach Einsätzen sind ein gutes Angebot, das Erlebte raus zu lassen. Aber Steil stellt klar: „Die Retter sollten jederzeit die Möglichkeit haben, auf ein Angebot der Psychosozialen Unterstützung, Notfallseelsorge oder Nachsorge zurückgreifen zu können.“ Notwendig sei eine bekannte und von den Kameraden akzeptierte Anlaufstelle, so der Diplom-Theologe. Dies könne sowohl durch Profis – Feuerwehrseelsorger und Psychotherapeuten – als auch durch kollegiale Unterstützung von darin ausgebildeten Feuerwehrleuten abgebildet werden.

Aus Feuerwehrleuten setzt sich zum Beispiel das Einsatz-Nachsorge-Team (ENT) Land Brandenburg zusammen. Hier engagieren sich…

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Titel_FM_eDossier2014_Menschenfuehrung

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